Ein Ehemann

18.02.2010

Was nicht verjährt, sondern weiterlebt…
Meine Frau wurde als Kind jahrelang von ihrem leiblichen Vater vergewaltigt.
Die körperlichen Folgen für sie waren zunächst Magersucht bis nah an die Grenze des Todes, sodann viele Jahre schwerster Bulimie. Beides hat sie inzwischen überwunden, ihre Gesundheit ist dadurch jedoch für immer zerrüttet.
Erst nach etlichen Jahren stationärer und ambulanter Psychotherapie war meine Frau in der Lage, über das Verbrechen, das an ihr begangen worden ist, zu sprechen. Doch inzwischen waren sämtliche straf- und zivilrechtlichen Verfährungsfristen verflossen. Und der Täter droht bis heute mit Verleumdungsklage.
Nicht nur der Körper, sondern auch die Seele meiner Frau ist unheilbar geschädigt. Ihre langjährige Suchterkrankung hat ferner die Persönlichkeitsentwicklung ihres Sohns schwer belastet, er ist nun ein junger Mann, der keinen Platz für sich im Leben finden kann. Dem Täter hat unser Rechtssystem sein Verbrechen längst vergeben, doch auf der Opferseite leidet bereits die zweite Generation darunter, ein von Nachfahren von Holocaustopfern her bekanntes Phänomen.
Konsequenterweise verjähren daher NS-Verbrechen ebensowenig wie Mord. Warum verjährt dann aber die körperliche und seelische Verkrüppelung von Kindern, die wie ein alttestamentarischer Fluch auch Unheil zeugt für nachfolgende Generationen?

6 Kommentare

  1. Angelika Oetken schreibt am :

    Hallo,
    erstmal möchte ich anerkennen, dass Sie trotz der vielen Schwierigkeiten zu Ihrer Frau halten und ich kann nur erahnen, wie viel Kraft Sie das kostet und gekostet hat.

    Kinder von Menschen, die psychisch krank sind, tragen oft früh schon sehr viel Verantwortung. Sie werden in unserer Gesellschaft viel zu wenig beachtet. Sie lernen leider häufig, dass sie “auffällig” sein müssen, um die Aufmerksamkeit von anderen zu bekommen. Und setzen damit eine negative Tradition fort.

    Eigentlich wäre es angemessen, jeder Familie, in der ein Angehöriger psychisch krank ist, von sich aus familientherapeutische Begleitung anzubieten und auf jeden Fall zu gewähren.

    In der Realität gibt es oft “nur” mit der Thematik völlig überforderte Familienhelfer bewilligt. Oft ist diese Art von “Unterstützung” sogar kontraproduktiv. Sie erhöht die Abhängigkeit.
    Um Familientherapie muss man richtig kämpfen, obwohl sie jeder Familie gesetzlich zusteht. Ein Skandal angesichts der hohen Anzahl psychisch kranker Eltern, von denen ein großer Teil eben auch von sexueller Gewalt geprägte Menschen sind.

    Lange wurden die Auswirkungen sexueller Übergriffe auf Kinder total heruntergespielt. In einem in der Zeitschrift “Stern” vor zwei Wochen erschienenen Artikel erwähnte der Autor, dass im “Kinsey-Report” (in den 50er Jahren erstellt), noch behauptet wurde, wenn die Umgebung sich nicht aufrege, dann blieben sexuelle Übergriffe auf Kinder ohne Folgen.
    Der “Kinsey”-Report ist aus einer sehr männlich-traditionellen Perspektive verfasst und sagt viel über das Weltbild und die Erfahrungswelt der forschenden Wissenschaftler aus. Wenig über die Realität im Falle sexueller Übergriffe.

    Sexualität wurde als eine reine Aktivität betrachtet, der Beziehungsaspekt spielte keine Rolle.

    Aber “Kinsey” hat natürlich lange die wissenschaftliche “Denke” geprägt.

    Insofern erstaunt mich der totale Perspektivwechsel, der sich jetzt offenbar und zum Glück ereignet auch nicht mehr so sehr.

    Ich hoffe, dass Sie und Ihre Familie Gelegenheiten finden und haben, trotz aller Schwierigkeiten ein erfüllendes Leben zu führen und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.

    Angelika Oetken, Berlin

  2. Elvira schreibt am :

    Wie ein “Fluch” genau so habe ich es auch erlebt. Ich wurde in einem Dorf groß in dem ein Priester vor ca. 55 Jahren etliche Kinder (Jungen/Mädchen und wohl auch junge Frauen und junge Männer) reihenweise missbraucht hat. Meine Mutter, 2 meiner Tanten und meine Schwägerin waren auch dabei.
    Die Opfer haben bis zum meinem 40 Lebensjahr alle geschwiegen. Viele tun es heute noch. Sie konnten nicht anders und glaubten sie würden damit keinen Schaden anrichten. Aber genau das Gegenteil ist der Fall ihre zwangsläufigen unbewussten “Double-Bind-Botschaften” haben mich schwer, schwer krank werden lassen. Ich wäre fast “Irre” geworden. Ich hatte schon angefangen “Neuroleptika” zu nehmen. Man hat mir ständig meine eigene Warhnehmung als Einbildung gespiegelt. Durch entsprechende Literatur und das Glück zum Schluß eine kompetente “Traumatherapeutin” gefunden zu haben, habe ich es geschafft, rechzeitig aus dem verheerenden Kreislauf auszusteigen.
    Vielen Opfern ist nicht wirklich bewusst, wie verheerend sich das Schweigen innerhalb der Familie auf ihre Kinder auswirkt.
    Es ist seit ca. Jahren wissenschaftlicher Fakt, dass Traumata sowohl auf Opfer wie auf Täterseite von Generation zu Generation weitergegeben werden. Das ist das was sie und ich als “Fluch” empfinden und empfunden haben.
    Frau Dr. Becker-Fischer vom Institut für Psychotraumatolgoie in Much ist Wissenschaftlerin und forscht in diesem Bereich. Sie war zum Schluß meiner Therapielaufbahn meine Therapeutin.
    Die “transgenerationale Traumaweitergabe” auf Opfer- und Täterseite ist für mich auch einer der Hauptgründe warum “sex. Missbrauch” nicht verjähren darf und kann.
    Frau Dr. Becker-Fischer hat als Wissenschaftlerin diese Petition ebenfalls unterschrieben.
    Hier ist noch viel, viel kollektive “Bewusstseinsarbeit” notwendig. Auch bei den Opfern, die immer noch schweigen…und sich damit an ihren Kindern schuldig machen.
    Elvira

  3. Ein Ehemann schreibt am :

    Liebe Elvira,
    vielen Dank für Ihren Kommentar zu den Auswirkungen auf Angehörige. Zwar sollten wir Angehörigen uns nicht wichtiger nehmen als die unmittelbaren Opfer, die das Verbrechen am eigenen Leib erlebt haben, aber Ihre Geschichte zeigt sehr eindrücklich die furchtbaren Folgen des Schweigens, eben auch für mittelbar Betroffene. In meiner Familie habe ich die Erfahrung gemacht, dass Reden über das Geschehene nicht immer heilt, Schweigen aber wirklich “irre” macht, wie Sie sagen. Ihre Geschichte hilft mir, Abgründe besser zu verstehen, die in meinem erweiterten Familienkreis immer noch klaffen und bei denen es offenbar um Fragen geht wie: Wer wusste wann was, was wurde geahnt, aber nicht ausgesprochen, wer lügt sich im Nachhinein in die Tasche? Und wer hat seinerzeit das missbrauchte Mädchen im Stich gelassen, weil nicht genau hingesehen wurde? Stoff zum Irrewerden auch für Solche, die weder Täter noch Opfer sind.

  4. Elvira schreibt am :

    Lieber Ehemann,
    ich freue mich über Ihre Antwort. Ich bin jedoch auch selber betroffen, da ich von meinem behandelnden Psychiater in eine jahrelange Missbrauchsbeziehung verstrickt wurde. Kinder von traumatisierten Eltern können keine eigene Identität aufbauen. Sie sind durch das Trauma der Eltern ebenfalls traumatisiert. Das heißt seelsich gespalten. Das bedeutet das mindestens 2 Teilpersönlichkeiten in einem Körper leben. Das innere traumatisierte Kind und die Pseudoerwachsene. Das traumatisierte Kind war in Therapie und wurde missbraucht. Nur über das Trauma zu reden bringt natürlich noch keine Heilung, da hilft nur eine professionelle Traumatherapie. Und auch hier ist Vorsicht geboten. Nur ein TherapeutIn, der/die seine/ihre eigenen Spaltungen erkannt und integriert hat, kann hier hilfreich tätig sein. Leider gibt es davon nur sehr wenige in Deutschland. Deshalb werden viele Traumatisierte falsch behandelt und ofmals auch viel zu lange.
    Ich bin dabei zu dieser Thematik eine einge Internetseite zu gestalten in Zusammenarbeit mit dem Institut für Psychotraumatologie in Much.
    Sobald diese Seite fertig ist, werde ich darüber berichten.
    Alles Gute Elvira

  5. Drittbetroffene schreibt am :

    Traumaweitergabe – eine Drittbetroffene schreibt. Zunächst Dank an den Ehemann und Dank an Elvira. Vordergründig ist mein Schicksal nicht ganz so schlimm…

    Meine Erfahrung mit einem Betroffenen von sexualisierter Gewalt in der Kindheit fügte auch mir großes Leid zu, da ich aus heiterem Himmel verlassen wurde – entgegen anderslautender Versprechungen. Mag sein, dass eine Retraumatiserung zu einer akuten Panik geführt hat – aber kann damit alles „entschuldigt“ werden?

    Was mir leider viel später bewusst wurde: „Mann“ hatte das schon mehrfach erlebt, kannte die Ursache und nahm dennoch das Scheitern von Beziehungen wiederholt billigend in Kauf.
    Wenn es ihm bekanntermaßen nicht möglich ist, sich in Nähe und Beziehung selbst zu fühlen und auch abzugrenzen: warum dennoch immer wieder Beziehungsversuche?
    Bei allem Verständnis für die Sehnsucht nach menschlicher Nähe: wenn er sich sicher ist, dass seine Unsicherheit und Unfähigkeit, sich in körperlicher und seelischer Nähe geborgen und sicher zu fühlen, Folgen des Missbrauchs sind – warum hält er sich nicht zurück? Von Menschen mit bestimmten Infektionskrankheiten erwartet man zu Recht, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um andere nicht zu gefährden.

    Wenn jede Form von („invasiver“) Berührung in der partnerschaftlichen Nähe Panik auslöst, die dann in Wut und Abwehr mündet, so trifft diese Wut und Abwehr immer wieder neue Opfer. Die Folge des Missbrauchs bestimmt somit mehrere Leben: das des ursprünglichen Missbrauchopfers und das der Frauen, zu denen er eine Beziehung aufnimmt, in denen er Hoffnungen weckt, deren Gefühle er missachtet und diese ebenfalls zu Opfern macht. Wie viele werden es wohl sein?

    Bitte nicht missverstehen: ich finde Gewalt gegenüber jedem Geschöpf unerträglich und was mit wehrlosen Kindern geschah und geschieht, ist so abscheulich, dass mir die Worte fehlen, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Dennoch stellt sich mir die Frage: ist es nicht auch eine Form von Missbrauch, den (verständlichen) Wunsch und das Bedürfnis nach einer Beziehung zu verwirklichen, obschon mehrere Versuche an der eigenen Unsicherheit, Vertrauen in Nähe zu entwickeln, gescheitert waren und ein neues Scheitern vorprogrammiert ist? Was mir wiederfahren ist, liegt schon einige Jahre zurück und schmerzt noch immer – ich fühle mich im Nachhinein ebenfalls missbraucht. Es geschah zudem in einer Phase meines Lebens, in der ich nach dem Tod meines geliebten Mannes sehr verletzlich war…

  6. ludmilla schreibt am :

    Danke für diesen Artikel,

    Vielleicht öffnet er einem manchen die Augen und weckt den Wunsch nach einer Therapie.Kenne dies aus meinem Bekanntenkreis,zwar ohne Schlussmachen-aber doch mit Entzug von Liebe ect…..

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