„Wir wollen endlich gehört werden“

14.05.2010: SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE 14.05.2005

Missbrauchsopfer zum Kirchentag

Von Barbara Hans

Katholiken und Protestanten diskutieren auf dem Kirchentag über sexuellen Missbrauch – aber nicht mit den Opfern. Sprecher der Betroffenen prangern an, dass sie nicht zur Debatte eingeladen wurden. Die Organisatoren weisen die Vorwürfe zurück: Man wolle die Menschen bloß schützen.

Hamburg – Professoren und Psychologen sollen in München über das Thema sprechen. Theologen und Bischöfe. Auch Politiker und Juristen. Fachleute mit beeindruckenden Biografien, langer Publikationsliste und großer Reputation. Auf zwei Podiumsdiskussionen beim Ökumenischen Kirchentag sollen sie über einen Skandal sprechen, der die katholische Kirche seit Monaten in ihrem Kern erschüttert: den sexuellen Missbrauch durch Priester und andere Geistliche.

Aber die Opfer?

Sie könnten berichten, wie es sich anfühlt, wenn Vertrauenspersonen auf perfide Art ihre Macht ausnutzen, wenn Kirchenleute unter Androhung von Strafe Stillschweigen über brutale Vergehen verlangen. Doch die Opfer haben kein Forum auf dem Kirchentag. Sie wurden nicht zu den Diskussionen eingeladen. Jetzt protestieren sie – sie fühlen sich wieder einmal nicht ernst genommen.

Man spricht nicht mit ihnen, man spricht über sie: Das werfen sie den Organisatoren des Kirchentags vor. „Statt Opfern sexualisierter Gewalt sitzen auf den Podien zum Thema Missbrauch Vertreter der Vertuscher und Täter“, sagt Norbert Denef, der von 1959 bis 1966 selbst sexuell missbraucht wurde. Seit Jahren kämpft er für die Rechte der Betroffenen und eine Aufhebung der Verjährungsfristen. Er spricht für das NetzwerkB, das Opfer sexualisierter Gewalt vertritt. Beim Kirchentag hat er „Protest dagegen angemeldet, dass wir nicht vertreten sind“.

„Nicht der Ort, an dem etwas geändert wird“

„Für die Opfer interessiert sich niemand“, sagt auch ein Sprecher von Snap, dem „Netzwerk der Überlebenden von Missbrauch durch Priester“ („Survivors Network of those Abused by Priests“). Die Organisation wurde 1988 in den USA von Barbara Blaine gegründet, die als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs wurde. In dem Verband haben sich inzwischen rund 9000 Betroffene zusammengeschlossen – nach eigenen Angaben hat er erreicht, dass etwa 5000 Täter aus religiösen Einrichtungen vom Dienst suspendiert wurden. Außerdem hat Snap das Ziel, Opfer zusammenzubringen und einen Austausch zu ermöglichen. Die Organisation hätte sich gewünscht, dass der Kirchentag ein solches Forum bietet: „Bislang hat die Kirche die Strategie gefahren, jedem Opfer zu suggerieren, es sei das einzige. Aber wenn in einem Raum 20 Leute sitzen, die jeweils die einzigen sein sollen, kann da etwas nicht stimmen. Das ist eine Verhöhnung.“ Man habe es versäumt, sich mit den Opfern an einen Tisch zu setzen.

Die katholischen und evangelischen Organisatoren des Kirchentags wehren sich gegen die Vorwürfe. Auf ein Protestschreiben von Denef antwortete Ellen Ueberschaer, die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, die Veranstaltung in München sei durchaus „eine Plattform für eine öffentliche Auseinandersetzung auch zum Thema sexueller Missbrauch“ – aber „nicht der Ort, an dem unmittelbar etwas geändert wird“.

„Wir haben uns das sorgfältig überlegt“

Theodor Bolzenius, Sprecher des Ökumenischen Kirchentags, sagte SPIEGEL ONLINE, eine Veranstaltung mit Tausenden Besuchern biete nicht den Rahmen, um individuelle Schicksale zu erörtern. „Je größer die Veranstaltung, desto weniger bietet sie einen Raum, um einzelnen Fällen nachzugehen.“ Man wolle in den Diskussionen „eine besondere Tiefe erreichen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, einzelne Betroffene nicht mit einzubeziehen, um sie vor Voyeurismus zu schützen“. Außerdem sei die Zeit zu knapp: Für die Diskussionen sind je 90 Minuten angesetzt. Zu wenig, um neben der juristischen, der politischen und der psychologischen Perspektive die Sicht der Opfer einzubeziehen, sagt Bolzenius. „Wir haben uns das sorgfältig überlegt.“

Der Sprecher verweist darauf, dass Ursula Enders, Leiterin und Mitgründerin des Vereins „Zartbitter“, aufs Podium geladen wurde, um die Interessen der Opfer zu vertreten. Doch das reicht weder dem Aktivisten Denef noch den Betroffenen im Netzwerk Snap. Sie fühlen sich durch Enders nicht repräsentiert. „Das ist ein völlig falscher Ansatz“, sagt Denef. Man habe nach all den Jahren des Schweigens und Vertuschens eine Begegnung auf Augenhöhe verdient. „Die Vertreterin einer Opferschutzorganisation hat mit den Betroffenen zunächst einmal nichts zu tun. Wir haben eine eigene Stimme und wollen gehört werden. Wir können uns selbst vertreten.“ Denef hatte angeboten, als Vertreter von NetzwerkB auf dem Podium mitzudiskutieren. Eingeladen hat man ihn nicht.

„So, wie es jetzt ist, geht es nicht weiter“

Das Argument der Organisatoren, die Opfer durch die Einladungspolitik schützen zu wollen, lässt auch Snap nicht gelten. Der Verband vermutet andere Gründe: „Solange die Betroffenen schweigen, werden sie nicht unangenehm“, sagt der Sprecher der Organisation. „Die unbequemen Opfer, die sich vielleicht zudem nicht besonders gut ausdrücken können, will man nicht dabei haben.“

Die Kirchen legen Wert darauf, dass das Thema bei dem Treffen in München keineswegs ausgespart wird. Papst Benedikt hat zur Eröffnung die Missbrauchsfälle verurteilt – „es gibt das Unkraut gerade auch mitten in der Kirche und unter denen, die der Herr in besonderer Weise in seinen Dienst genommen hat“, schrieb er in seinem Grußwort. Und der evangelische Präsident des Ökumenischen Kirchentages, Eckhard Nagel, forderte auf einer der Podiumsveranstaltungen am Donnerstag eine „Kultur des Hinsehens“: „Jetzt, wo das Ungeheuer sichtbar geworden ist, müssen wir es bekämpfen.“

„Man hat in der Vergangenheit den Schutz der Kirche über den Schutz der Betroffenen gestellt“, sagt Kirchentagssprecher Bolzenius. „Aber jetzt stehen die Opfer wirklich im Vordergrund.“

Denef entgegnet: „So, wie es jetzt ist, geht es nicht weiter.“ Er will in München protestieren.

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26 Kommentare

  1. Sarah M. schreibt am :

    In der Fotostrecke auf folgendem link vom ökomenischen Kirchentag ist ein Bischof abgebildet mit einem Schirm, auf dem steht: Wir lassen niemandem im Regen stehen http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-54847-10.html

    Wenn das der Slogan des ökomenischen Kirchentages ist, kotz!!!!

    Die Wahrheit klingt anders:

    SIE LASSEN ALLE IM REGEN STEHEN!!!!

    die Opfer,
    den Gesetzgeber,
    die Öffentlichkeit,
    die Wahrheit,
    die Gläubigen, die von dieser Kirche so entsetzt sind, dass sie ausgetreten sind

    ALLE

    außer ihre eigenen Täter

  2. Caro schreibt am :

    Ich glaube, ich muss mich wieder vor den Spiegel stellen und mir immer wieder ins Gesicht sagen: Ich bin von einem Pater sexuell missbraucht worden.

    (Das mit dem Spiegel mir in dem Wensierski-Artikel so in die Glieder gefahren)

  3. missi schreibt am :

    wir betroffenen müssen uns immer noch im klaren sein, das die sogenannte kirche mächtiger ist, als vieles andere. ich war gestern auf der heimkinder demo. der zug war klein aber voller energie.
    wie schon einmal. nur die harten kommen in den garten. für uns ist es noch ein sehr langer weg.

  4. Wilma schreibt am :

    Hier in München regnet es übrigens seit Tagen.
    Zitat: „Man wolle in den Diskussionen eine besondere Tiefe erreichen.“
    Wie soll das gehen ohne die Opfer?
    „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, einzelne Betroffene nicht einzuladen, um sie vor Voyeurismus zu schützen.“ Sie wollen keine Betroffenen schützen, sondern sie wollen sich selber schützen. Die wollen keinen Ärger haben und in ihrer Selbstbeweihräucherung nicht gestört werden. Das ist die Wahrheit.

  5. Angelika Oetken schreibt am :

    Treffender Artikel!

    Die Überforderung der Kirchenfunktionäre beider christlicher Konfessionen damit, Menschen zu vertreten, zu führen und Unrecht konsequent zu ahnden, wird spätestens auf diesem Kirchentag im Umgang mit dem Thema „sexualisierte Misshandlung“ überdeutlich.

    Wäre ich noch gläubig, würde ich mich zutiefst für diese Kirchenvertreter schämen. Als Evangele könnte ich sie zumindestens theoretisch abwählen, als Katholikin müßte ich sie weiterhin ertragen.

    „Opfer schützen wollen“ – das ist angesichts der Verhaltensweisen in der Vergangenheit ein höhnisches, zutiefst verlogenes Argument.

    Es offenbart auch die Verachtung der Kirchenfunktionäre gegenüber der Öffentlichkeit. Denn durch solche Äußerungen signalisieren die Kirchenverantwortlichen, daß sie die Bevölkerung für „blöd“ halten.

    Und sie zeigen deutlich, daß sie sich in einem Einig über die Konfessionsgrenzen hinaus einig sind : sie sind Vertreter nicht-demokratischer politischer Interessenverbände, denen es vor allem um Machterhalt geht.

    „Apparatschiks“ durch und durch.

    Diese „Spiriparteien“ sind nicht mehr zu retten.

    Abstimmung mit den Füßen ist eigentlich die einzig sinnvolle Konsequenz.

    Austreten!

    Angelika Oetken, Berlin

  6. loja schreibt am :

    Ich stelle in der kommenden Woche einen Besuchsantrag.
    Ich möchte einem Verbrecher in die Augen schauen.
    Ihr habt alle ganz grossen Mut.
    Ich möchte auch mutig sein.Loja

  7. Frank schreibt am :

    Farce – absolute Farce,
    Die wollen sich nur selber schützen –
    denn wenn immer mehr Opfer in der Öffentlichkeit auftreten
    und die ungeschminckte Wahrheit offenbaren-
    die hässliche Fratze hinter dem Anlitz des Herren
    in dessen Namen sie für die Seelen sorgen
    bröckelt das Bild das sie so sorgsam nach Aussen projezieren
    und aufrecht erhalten wollen
    und der scheinheilige Heiligenschein könnte blasser werden –

    Aber das ist doch gängige Praxis der Kirchenväter –

    an Ihren Taten werdet ihr sie erkennen
    an ihren Früchten wird es sich offenbaren.

  8. Jacqueline schreibt am :

    Hallo zusammen,

    ich kann Eure berechtigte Wut spüren und ich nehme sie mit Mitgefühl an, ich bin auch ein Missbrauchsopfer, nicht aus der KIRCHE; aber auch im oeffentlichen Raum geschehen, vor mehr als 30 Jahren, ich habe über die Gesellschaft solche Erfahrungen gemacht, wie Ihr sie jetzt macht.

    Für mich habe ich was gelernt. UM mich aus den Verstrickungen zu den Tätern zu nehmen, denn meine Wut nährt sie, meine Emotionen nährt sie, meine Gedanken nähren sie, geben ihnen macht, nicht mir.

    Dass ich mir immer wieder den biblischen Bibelspruch sage: DENN sie wissen nicht, was sie tun.

    und dann MIR Mitgefühl, Achtung und Zuwendung gebe, nicht den Tätern, nicht den Medienn etc.
    So hole ich mir meine Kraft und Achtung und Würde zurück und vergeude meine Energie nicht mehr denen, die mich nicht zu schätzen wissen.

    Wenn man der Kirche KEINE Aufmerksamkeit mehr zollt, wenn immer mehr austreten, aus Eigenverantwortung, aus Mitgefühl, aus dem Bewusstsein Täter nicht mehr zu unterstützen. Denn dann bewirkt das mehr, wie jeder Aufstand. Wenn plötzlich keine Schäfchen mehr da sind, die Beweihräuchern, weil die MENSCHEN erwachsen geworden sind, dann wird die Kirche aufwachen müssen, nur sind wir dann für uns schon weiter.
    In ERWARTUNG zur Kirche zu sein, ist wie einem Stein zuzumuten lebendig zu werden.

    Besser ist es, zu uns schauen, uns zusammenzuschliessen, unser eigenes Süppchen zu kochen, da wir dann eine Gemeinschaft bilden, dann werden dafür die Kirchenbänke leer und die Kirche wird sehen, wie kalt sie geworden sind, wie geldorientiert und wie fern des Menschen.

    Ich habe jeden Tag die Wahl, mich für das LEBEN, für das Schöne zu entscheiden oder mich dem zu zu wenden, was mir Lebenskraft raubt und mich nicht achtet.

    Aufarbeitung machen wir stets nur für uns selber, aber wenn viele das gemacht haben, dann sind sie erwachsen, dann sind sie im Bewusstsein gereift und einander ebenbürdig.
    Die, die fern davon sind, gehören dann auch nicht dazu (Kirche und Co.).

    Ich möchte den Frieden in mir finden, in Frieden in anderen leben, wenn es Gruppen, Menschen gibt, die das nicht achten, ehren, dann muss ich mich nicht mehr darauf einlassen. NUN kann ich NEIN sagen, als Kind, als mein Missbrauch geschah und danach konnte ich das lange nicht.

    Diesen Weg möchte ich weiter gehen….

    Wünsche allen einen frohen Tag.

    Jeder, der diese Themen hat, durch hat, ist ein mutiger, wertvoller Mensch, vergesst das nicht!

    Wenn Ihr von der Kirche was erwartet, dann ist es, als wenn ihr von den Eltern was erwarten würdet, ihr macht Euch bedürftig, das seid ihr nicht, erwiesenermasse dauert es LANGE bis jemand anders, da hin kommt, wo man steht und bei der KIRCHE kann das dauern….

    lieber Leben, als auf Wunder aus Stein warten…

    Herzliche Grüsse

    Jacqueline

  9. Jacqueline schreibt am :

    Bitte als Artikel freigeben – vielen lieben Dank!

    Verstrickung – Verdrehung der Rollen

    Hallo zusammen,

    ich denke, vielen, die lange Therapiejahre hinter sich haben, die gelernt haben hinter die Kulissen zu schauen, die gelernt haben, Systeme aufzudecken und gelernt haben, wie man da aussteigt, wir auffallen, dass sich gerade eben die Rollen vertauscht haben.

    Die Kirche stellt sich aus Unwissenheit, aus Erschütterung, Schock und Erstarrung gerade wie ein Opfer dar und verhält sich aus so. Was wahre Opfer verletzt.
    Sie macht so Opfer wütend, verletzt, ausser sich und bindet sie so wieder an sich!
    Aus meiner Traumatherapie Erfahrung weiss ich, die ich ambulant 2 Jahre durchzog, dass ZEIT für mich da wurde, auszusteigen, mich zu befreien, die Erfahrung zu integrieren und endlich mein LEBEN zu leben und nicht mehr dass, als „manipulierte Person, durch Zustände, die an Menschen und Systeme binden“.

    Schaut Euch das mal an.

    Je mehr sich Betroffene an das Negative der Kirche, der Täter binden, umso länger geht das Drama, das Leid.
    Ihr seid mehr, als Menschen, die auf Zeichen, Handlungen der Kirche warten, die nur Bedürftigkeit und Abhängigkeit unterstützt, aber Euch als Menschen nicht ehrt und achtet.
    Die Kirche ist ein Männerverein, vor allem die katholische Kirche und meine Erfahrung – leider meist schlechte Erfahrungen mit Männern an wichtigen Posten ist, dass kann dauern, bis die was einsehen, bis die was verstehen, bis die wirklich was ändern!
    Lest mal meinen Bericht bei den Lebensberichten hier im Forum, als ich einen Neubeginn startete, löste ich mehr aus, wie wenn ich wartend weiter verharrt hätte, da ich so deren Meinung und deren Einschätzung dermassen durcheinandergebracht hat, wie stundenlanges reden….
    Handeln, Taten, Vorleben, das zeigt mehr Wirkung und stärkt jeden einzelnen mehr.

    Es kann sein, dass sich die Kirche eben wie ein Opfer, wie erschüttert fühlt. Daraus entstehen wieder neue Fehler.

    Ich selber bin gerade dabei, der Kirche nochmals eine Chance zu geben, beim seelsorgerischen Gespräch hat ein Pfarrer selber zugegeben, dass die Basis der Kirche heillos überfordert ist und dass es für erfahrene, menschliche gewachsene Seelsorger genauso schlimm das mitanzusehen…

    Die Kirche hat eben mit Macht zu tun, was auch wieder demonstriert wird, wie die Messe in Fatima gestern….

    Ich habe immer die Wahl, diese Macht zu unterstützen oder zu ignorieren.
    Nun muss ich nix mehr unterstützen, was mir nicht gut tut, was ich nicht unterstützen kann.
    Da ich nun kein Kind mehr bin, es scheint so, als wenn die Basis der Kirche, die Menschen auf KINDEBENE haben möchte, nur geht das nicht mehr, da die Menschen an Bewusstsein, an Erwachsensensein gewachsens sind – das ist gut so.

    Das steht der Kirche auch noch bevor.

    Denn eine Institution, die Menschen auf Kindebene halten will, macht sie unmündig, klein, anbhängig, das sind wir nicht mehr.

    Durch erwachseneses Auftreten wird dann mehr erreicht, wie durch Unterstützung dieses System, das niemandem mehr dient.

    Meine Gedanken.

    Ich freue mich auf Eure Kommentare und Euren Austausch!

    ES wird sich noch weiter zuspitzen, bis ich wirklich was ändern wird, ich habe den Eindruck, dass das die Kirche, (kath.) provoziert, herausfordert, weil sie das braucht. um erst dann aufzuwachen, dass ist aber NICHT unser Probem.

    Herzliche Grüsse

    Jacqueline

  10. Hubert schreibt am :

    Zitat:
    „Die Organisatoren weisen die Vorwürfe zurück: Man wolle die Menschen bloß schützen.“

    Ja, und welche Menschen wollen sie denn schützen??
    Sofern sie die Opfer damit meinen, so ist diese Aussage lächerlich.
    Wenn sich schon betroffene Opfer ausdrücklich dazu bereit erklären,
    daran teilzunehmen, so hat doch ein Ausschluß derer nichts mehr mit Schutz zu tun.
    Will denn dieses geistige Verknoten von Tatsachen niemals aufhören?

  11. Sexueller Missbrauch am Beispiel der Diözese Bamberg

    Ich komme aus Bamberg und kenne die Diözese Bamberg und die Situation vor Ort sehr gut. Ich habe jahrelang ehrenamtlich in der Kirche gearbeitet. Da wird vertuscht und verschwiegen und unter den Teppich gekehrt, was das Zeug hält.
    Es wurde versucht mit den Generalvikar aber auch mit dem Erzbischof Gespräche zu führen. Es war ganz schlimm gewesen. Die Opfer hatten keine Anhörung. Die haben vollkommen gemauert. Gerade in Bamberg habe ich von ganz schlimmen Erlebnissen gehört.

    Im puncto Opferschutz standen den Opfern keiner zur Seite, nicht einmal der Missbrauchsbeauftragte der Diözese Bamberg (Dr. Beirer). Dazu ein Artikel in der Online-Ausgabe von DIE ZEIT vom 21.08.2008, Nr. 35: „Ein Priester an der Grenze – Der Fall des Domkapitulars Otto M.: Wie die katholische Kirche versucht, einen Fall von sexuellem Missbrauch aufzuklären…“ – Interviewpartner ist der Missbrauchsbeauftragte der Diözese Bamberg: Dr. Georg Beirer. Der Link lautet: http://www.zeit.de/2008/35/Bamberg.

    Beispiele aus Bamberg zeigen, dass sich trotz Leitlinien gegen sexuellen Missbrauch verabschiedet von der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahre 2002 wenig produktives von Seiten der Kirche (von den Kirchenoberen und den Kirchenfunktionären) kam. Die können wirklich reden was die wollen in Bamberg, es müssen den Worten auch Taten folgen.

    Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick (bis 2002 Weihbischof in Fulda) sprach sich im Spiegel dafür aus, zu überlegen, ob man einfachen Pfarrern die Ehe erlaube. „Ich wäre dafür, dass man ernsthaft darüber nachdenkt“, sagte er. Auch in der Kirchenführung werde darüber gesprochen: „Ich bin nicht der Einzige.“ Der Zölibat gehöre aber zur Kirche und müsse von Bischöfen, Ordensleuten und Domkapitularen gelebt werden. – Frage: Hat Schick schon wieder vergessen, dass ein Domkapitular in seinen eigenen Reihen sich an Kindern vergangen hat? Ausgabe in der Süddeutschen Zeitung vom 30.07. bis 15.08.2010):
    http://suche.sueddeutsche.de/query/missbrauch%20kirche%20bamberg/sort/-docdatetime?output=rss (RSS-Feed)

    Die Kirche übernimmt keine Verantwortung. Die Opfer werden als verrückt abgetan. Auch die Polizei bzw. Staatanwaltschaft hat keinen Einfluss darauf. Die Unterstützung von dieser Seite ist sehr mager. Anwälte, Psychologen, Sozialarbeiter und Therapeuten sind in Bamberg unzureichend ausgebildet und die Beratungsstellen auch in kirchlicher Hand. Der Weiße Ring ist nicht besetzt bzw. wird kommissarisch geleitet. Das ist untragbar. Die Opfer, deren Familien und Angehörige werden alleine gelassen.

  12. astrid schreibt am :

    Das ist doch schön, wenn man Menschen vor sich selbst schützen will – also zum Beispiel Betroffene davor, sich für ihre Rechte einzusetzen und ihre Standpunkte einzubringen. Äääähhh?! Ich schätze, Betroffene, die das tun, haben nichts gegen Leute, die sich das anhören und anschauen; wenn andere diese Voyeure nennen, können weder Betroffene noch Zuhörer und -schauer etwas dafür.
    Das ist die gleiche Argumentation, mit der man Gewaltopfer davon abhält Anzeige zu erstatten: Um sie zu „schützen“. Vor einem Rechtssystem, das dem Tatbestand der sexuellen Kindesmisshandlung in keinster Weise beizukommen vermag – statt das zu ändern, spricht man von Opferschutz, der in Wirklichkeit Täterschutz ist!

  13. gudrun schreibt am :

    warumwohl werden keine betroffenen geladen? nicht etwa weil man sie schützen will, nein sie kämen ja freiwillig und wissen sehrwohl was passieren kann. nein sie werden nicht geladen, damit keiner erfährt was in den betroffenen vorgeht, wie sie fühlen wie kaputt sie sind, ihr leben verpfuscht ist und war.
    wenn jemand von dritter seite erfährt oder darüber liest ist es etwas anderes als wenn man jemanden gegenübersitzt aug in aug und sieht wie verzweifelt er ist, wie er selbst nach jahrzehnten bei schildern der taten leidet wieder kind in der damaligen lage wird. dies wäre auch für den zuhöhrer unerträglich und die welt würde realisieren was den betroffenen angetan wurde.
    gudrun gläser
    bonn

  14. Sehr geehrter Herr Denef,

    ich habe gerade den Artikel „Ein-Mann-Demo bei Diskussionsrunde Missbrauchsopfer provoziert Eklat auf Kirchentag“ vom 14.05.2010 bei Spiegel Online gelesen.

    So sehr Sie und andere mein Mitgefühl für das Ihnen zugefügte Trauma (Missbrauch und verordnetes Schweigen) haben, so dreht sich die Welt eben nicht nur um das traumatisierte Ego des Herrn Norbert Denef – m.E. ist es oft eine egozentrische Haltung, welche traumatisierte Personen zu einer lebenslangen quälenden Selbsthaft verurteilt.

  15. Geraldine schreibt am :

    Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Mut, die Podiumsdiskussion zu stören!
    Sie haben meine volle moralische Unterstützung.

  16. astrid schreibt am :

    @anonymus – vielen Dank für die Hinweise auf die Bamberger Vorgänge. Nicht, dass es in der Erzdiözese Freiburg besser wäre; aber in Bamberg sieht man gut die Wertigkeit, die das Ausüben sexueller Gewalt gegen Kinder in der katholischen Kirche hat: Kavaliersdelikt. Und wer die Täter zur Rechenschaft ziehen will, „ruiniert Leben“. . .
    Zur Situation in FR s.
    http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/die-rueckkehr-des-paters–29987347.html

  17. Sarah M. schreibt am :

    Sehr geehrter Hr. Entenmann,
    in Ihren Zeilen schreiben Sie: „So sehr Sie und andere mein Mitgefühl für das Ihnen zugefügte Trauma (Missbrauch und verordnetes Schweigen) haben, so dreht sich die Welt eben nicht nur um das traumatisierte Ego des Herrn Norbert Denef – m.E. ist es oft eine egozentrische Haltung, welche traumatisierte Personen zu einer lebenslangen quälenden Selbsthaft verurteilt.“
    Würden und hätten alle Menschen so gedacht, hätten wir heute noch das Dritte Reich, heute noch keine Gleichberechtigung der Frau, heute noch Rassendiskriminierungen.
    Sie haben keine Ahnung, wieviel Kraft es Norbert jedes mal kostet, für Gerechtigkeit, gegen die verheernde Wegschau – und Vertuschungsgesellschaft, gegen die Unwissenheit der Öffentlichkeit zu kämfpen im Namen vieler Betroffener von sex. Misshandlungen.

    Möchten Sie mit Ihm tauschen, mit allem was Norbert in seiner Kindheit erleiden musste. Möchten Sie mit ihm tauschen, weil er seit Jahren sich immer wieder überwindet, und in die Öffentlichkeit geht, um Menschen wie Sie das Thema und die derzeitigen Zustände so realistisch wie möglich nahe zu legen.

    Es wäre ratsam, dass Sie einem für Sie völllig unbekannten Menschen mit angemessenem Respekt begegnen. Das wirft sonst ein nicht wirklich gutes Bild auf Sie!
    Sarah M.

  18. Merzedes schreibt am :

    Sehr geehrter Herr Entenmann,
    nicht wir traumatisierten Menschen schaffen unsere eigene Gefangenschafft-nein-in erster Linie der Täter und dann Institutionen.Solchen Menschen wie Norbert Denef,verdanke ich derzeit mein Leben.Ihr Mut machte erst auch meinen Mut möglich und befreit mich,weil wir sonst nichts ändern können-gar nichts.Vielleicht geht das ja in Entenhausen-nackt und mit einem Hähnchen in der Hand,aber ich versuche noch immer zu überleben und ich bin dankbar,wenn einer den Mut hat sich Leuten gegenübezustellen,die über uns reden,aber nicht mit uns.Schaun Sie Nachrichten-Kinder verhungern hier bei uns-noch immer und ich halte einen Artikel in der Hand,der sagt dass meine Geschwister damals fast verhungert wären.Ich könnte Ihnen auch einen Weg beschreiben,den ich den Scheissweg nannte-wo mein Erzeuger seine Hose runter liess und aus sich herausdrückte-was dann in mich hinein musste und alle sprechen vom Verzeihen.Wie würden Sie mir denn helfen,sehr geehrter Herr Entenmann,denn eine Therapeutin hat sich bei mir noch nicht gemeldet oder sie kostet sehr viel Geld.Verkaufen Sie Hähnchen für mich-denn ich brauche dringend eine Spende.Ja-ich bin wütend,aber Wut ist ein Gefühl und ich schrei lieber laut hier oder am Wasser ohne zu verletzen und sollten Sie sich doch verletzt fühlen,dann fragen Sie mich mal………Merzedes

  19. Angelika Oetken schreibt am :

    Sehr geehrter Herr Entenmann,
    Sie haben offenbar einen Weg gefunden, wie man sich als Betroffener „aus quälender Selbsthaft“ befreit.

    Berichten Sie den LeserInnen hier im Forum doch mal von Ihrer Traumatisierungsgeschichte und deren Bewältigung.

    Das wäre konstruktiv und wir könnten alle etwas lernen.

    Angelika Oetken, Berlin

  20. Anonymous schreibt am :

    Hallo Astrid,
    ganz kurz: in Bamberg ist es aber genauso, wahrscheinlich wie überall: Vertuschen und Verleugnen. Keine oder nur unzureichende Antworten auf Anfragen. Die Kirche hat wenig Interesse an der Aufklärung. Habe aber nur Informationen ins Netz gestellt, die bekannt und nachweisbar sind.
    In Bamberg war es auch so, dass Täter versetzt oder sogar befördert wurden. Wer die Täter zur Rechenschaft ziehen will, ruiniert auch hier sein Leben. Familien gehen kaputt. Freundeskreise zerbrechen.

  21. Angelika Oetken schreibt am :

    # loja schreibt am 14. Mai 2010 um 09:38 Uhr

    Ich stelle in der kommenden Woche einen Besuchsantrag.
    Ich möchte einem Verbrecher in die Augen schauen.
    Ihr habt alle ganz grossen Mut.
    Ich möchte auch mutig sein.Loja

    Hallo Loja,
    ich finde es schon mutig, als Betroffener diese Seite zu lesen – viele „weniger Betroffene“ tun das nicht (O-Ton: „sowas ist so deprimierend“) oder überhaupt in einer Welt des Wegschauens, der Übergriffe und der Diffamierung jeden Tag weiterzuleben.

    Sie haben einen Entschluß gefaßt.
    Was soll Sie jetzt noch davon abhalten ihn in die Tat umzusetzen ?
    Falls sich der Besuchsantrag darauf bezieht, daß sich der Verbrecher im Gefängnis befindet, dann setzen Sie ein Zeichen.
    Denn diesmal ist die Sache umgekehrt – Sie gehen zurück in die Freiheit, er kann vorerst nicht mehr entkommen.

    Drücke Ihnen für den Besuchstag die Daumen,
    hoffentlich erfährt der Täter frühzeitig von Ihrem Besuch und hat genug Zeit, sich zu „freuen“.

    Gehen Sie allein dort hin?

    Angelika Oetken, Berlin

  22. Angelika Oetken schreibt am :

    Ein Chemiekonzern hat auch wenig Interesse daran, daß seine hausgemachten Giftgasunfälle öffentlich gemacht werden.

    Oder ist irgendwem ein Fall bekannt, wo Umweltverschmutzer ohne Druck von außen ihre Schuld eingestanden hätten und freiwillig in Haftung gegangen wären?

    Auch im Bereich der Umweltverseuchung reagierten die haltlosen, selbstherrlichen und politisch hervorragend vernetzten Konzernbosse zuerst mit Nebelparolen, Gehirnwäsche, dann mit Diffamierung, Druck, schließlich mit „Pseudowiedergutmachung“ und letztendlich – manchmal – konstruktiv.

    Übergriffigen Systemen begegnet man nur mit flächendeckendem Widerstand. Im Falle von Produzenten: Indem man die Produkte bei nachhaltig und verantwortungsbewußt produzierender Konkurrenz kauft.
    Das letztere ist meistens das Wirksamere.

    Geborgenheit und gemeinschaftsstiftende Rituale gibt es für Kirchenmitglieder die Wert auf Spiritualität legen auch außerhalb religiöser Systeme. Sie kosten nur ein Umdenken.

    Und eine kleine Gebühr und das Ausfüllen eines Formulars.

    Angelika Oetken, Berlin

  23. hildegard schreibt am :

    Herr Entenmann, Sie verwechseln da etwas:
    Traumatisiert ist hier die Seele, oft sogar gebrochen!
    Egozentrisch können sich nur die Täter verhalten, fühlen sich im Recht – können das Unrecht nicht wahrnehmen – warum? das wäre die Frage!

    Selbsthaft – Fehlanzeige, da der Täter das Opfer in Haft genommen hat, lebenslänglich! – wenn nicht glückliche Umstände und immer auch mühsame Selbstbefreiung allmähliche Eigenständigkeit ermöglichen …

  24. g schreibt am :

    Es geschah 3. Klasse in einer Dorfschule in Süddeutschland. Mein Vater hatte sich geweigert mir ein neues „Gotteslob“ zu kaufen. (Da mein Vater ehemaliger Ministrant war und und wahrscheinlich auch mißhandelt wurde, hatte er ein sehr gespaltenes Verhältnis zur kath.Kirche).
    Ich hatte also eine höllische Angst vor dem Dorfpfarrer B., dem mir wegen des nicht gekauften Gotteslobes so eine mit der Vor- und Rückhand scheuerte, daß ich vom Stuhl fiel.
    Danach wurde ich an den Ohren durchs ganze Dorf gezerrt und wurde in der Dorfkirche exorziert. Er hat mich gezwungen Dinge zu beichten die ich nie begangen hatte. Meine Eltern hatten mir nicht geglaubt was dort vorgefallen war. Von einen ehem. Klassenkameraden habe ich erfahren das dieser Pfarrer B. die Kinder immer mit der Vor- und Rückhand so brutal schlug bis manche aus Ohren oder Nase bluteten.
    Dies war nur EIN vorfall von vielen.

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