Warum sprechen wir von „Überlebenden“?

15.01.2011: netzwerkB

Stand: 13. Januar 2011

„Sexualisierte Gewalt ist lebensbedrohlich, vor allem wenn sie Kinder betrifft.“ Eine Überlebende

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder stellt eine massive Form von Gewalt mit großem Zerstörungspotenzial dar. Expert/innen sprechen von Traumatisierung, wenn Menschen mit Ereignissen konfrontiert sind, die ihre normalen Anpassungsstrategien überfordern. „Anders als gewöhnliches Unglück bedeuten traumatische Ereignisse im allgemeinen eine Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit, bringen sie die unmittelbare Begegnung des Betroffenen mit Gewalt und Tod“, so die US-amerikanische Traumaforscherin Judith L. Herman. (1)

Wird ein Kind mit sexualisierter Gewalt bzw. sexualisiertem Machtmissbrauch durch einen Erwachsenen konfrontiert, stellt dies nicht nur eine Verweigerung dessen dar, was das Kind von einem Erwachsenen eigentlich lebensnotwendig benötigt (Schutz, Fürsorge, Nahrung, Wärme, Unterstützung, etc.), sondern es bedeutet darüber hinaus eine massive Überforderung seiner kognitiven, emotionalen, sozialen und neuronalen Handlungs- und Bewältigungsmöglichkeiten. Sexualisierte Gewalt setzt ein Kind in extremer Weise Hilflosigkeit und Angst aus.

Erfährt ein Kind sexualisierte Gewalt durch einen Erwachsenen – womöglich sogar einer Vertrauensperson –, so löst dies aufgrund der absoluten Abhängigkeitssituation des Kindes ein massives Gefühl der Lebensbedrohung aus. „Das Kind, das in einer Missbrauchssituation gefangen ist, muss ungeheuerliche Anpassungsleistungen erbringen. Es muss sich irgendwie das Vertrauen in Menschen bewahren, die nicht vertrauenswürdig sind; es muss sich in einer unsicheren Situation sicher fühlen, darf trotz der angsteinflößenden, unberechenbaren Umgebung die Kontrolle nicht vollkommen verlieren und trotz seiner Hilflosigkeit den Glauben an die eigenen Kräfte nicht aufgeben. Obwohl das Kind sich nicht schützen, nicht allein für sich sorgen kann, muss es den Schutz und die Fürsorge, den die Erwachsenen ihm nicht bieten, mit den einzigen Mitteln ausgleichen, die ihm zur Verfügung stehen: mit einem unausgereiften System psychischer Abwehrmechanismen.“ (1)

Nicht wenige Betroffene überleben eine solche Kindheit nicht. Entweder, weil sie tatsächlich an den Folgen der massiven Gewalt der Erwachsenen, denen sie ausgeliefert sind, sterben, oder weil sie mit Selbstzerstörung bis hin zum Suizid darauf reagieren. Expert/innen erklären dies u.a. damit, dass ein Kind, das solcherart gewaltsame Übergriffe erlebt, den Grund für diese Handlungen häufig in sich selbst sucht. Es konstruiert sich ein Sinnsystem, das die Taten rechtfertigt. Unweigerlich komme es zu dem Schluss, dass das Böse in ihm der Grund für die erfahrenen Übergriffe sein muss. „Selbstbeschuldigungen sind typisch für das Gefühl und die Denkweise von traumatisierten Menschen jeden Alters“, so die Ärztin Ingrid Olbricht. Und häufig bestätigen die Erwachsenen das misshandelte Kind in dem Gefühl, im Innersten böse zu sein, weil sie einen Sündenbock brauchen. (1) (2)

Nicht selten sind selbstzerstörerische Handlungen eine Reaktion der Betroffenen auf dieses Gefühl, im Innersten böse zu sein. Selbstzerstörerische Handlungen sind beispielsweise: Essstörungen (Magersucht, Bulimie, Esssucht), Selbstverletzungen (Ritzen, Verbrennen, Kopf gegen Wände schlagen), riskantes Verhalten (exzessives Sporttreiben, riskantes Sportverhalten, schnelles Autofahren, riskantes Sexualverhalten, exzessives Arbeiten, Gewaltbeziehungen, Prostitution), Suchtmittelmissbrauch (Tabak, Alkohol, Drogen, Medikamente), negative Selbstbezichtigungen. Dies alles kann bereits als Suizidalität angesehen werden, wie Olbricht (2) darlegt: „Suizidalität ist die Summe aller Denk- und Verhaltensweisen, die durch aktive Handlungen, durch das Zulassen schädigender Handlungen anderer oder durch das Unterlassen einer Handlung den eigenen Tod anstreben oder ihn als mögliche Folge in Kauf nehmen.“

Selbstzerstörerisch kann aber auch die Somatisierung des Traumas sein; bei vielen Betroffenen kommt es zu schweren chronischen Erkrankungen, die nicht selten tödlich enden. Die Adverse Childhood Experiences (ACE) Studie, eine Untersuchung von 17.421 Erwachsenen am Zentrum für Präventive Medizin des Kaiser Permanente Department in San Diego, Kalifornien, beispielsweise hat gezeigt, dass belastende Kindheitserfahrungen tiefgreifende Folgen haben, und hinter körperlichen Erkrankungen wie Herzerkrankungen, Diabetes, Asthma oder Adipositas stecken können (3). Kanadische Forscher kommen auf der Basis der Daten von über 13.000 Menschen zu dem Schluss, dass Menschen, die in der Kindheit körperlich misshandelt wurden, statistisch gesehen häufiger an Krebs erkranken (4). Amerikanische Kinderärzte und Psychologen der University of Wisconsin in Madison zeigten, dass Stress in der frühen Kindheit dauerhaft das Immunsystem schwächen kann (PNAS, online) (5).

Der ultimativ selbstzerstörerische Akt ist der Suizid. Das Risiko eines Suizidversuchs ist bei früh Traumatisierten um das 12,2-fache erhöht, berichtet Olbricht (2). Die Forscher der ACE-Studie (3) fanden heraus, dass mit zunehmender Zahl der Gewaltfaktoren in der Kindheit (u.a. wiederholter körperlicher Machtmissbrauch, wiederholter emotionaler Machtmissbrauch und sexueller Machtmissbrauch) die Häufigkeit eines Selbstmordversuchs auf das 30- bis 51-fache ansteigt.

Dies alles macht deutlich, dass sexualisierte Gewalt lebensbedrohlich ist. Und sie führt nicht selten zum Tod. Häufig wird allerdings der Zusammenhang zur erlebten sexualisierten Gewalt nicht gesehen, bzw. nicht hergestellt. Zum einen, weil sexualisierte Gewalt an Kindern nach wie vor stark verdrängt und verschwiegen wird. Zum anderen, weil die Zeitspanne zwischen den Gewalttaten und dem Tod manchmal Jahrzehnte ausmachen kann. Nicht zuletzt, weil noch viel zu wenige Menschen sich für die Hintergründe und Folgen von sexualisierter Gewalt gegen Kinder interessieren.

Jede/r Betroffene von sexualisierter Gewalt bzw. sexualisiertem Machtmissbrauch in der Kindheit kann sich angesichts der frühen Bedrohung seines/ihres Lebens, der bis ins Erwachsenenleben hineinreichenden Folgen und der allgegenwärtigen Möglichkeit des Todes als Folge seiner frühen Gewalterlebnisse nur als Überlebende/r bezeichnen.

Nicht zuletzt drückt sich für Betroffene im Terminus „Überlebender“ auch die Tatsache aus, dass es nicht „leben“ ist, was die meisten Betroffenen als Erwachsene tun (können), sondern eben nur überleben. Das „Handwerkszeug“, um ein selbstbestimmtes, buntes, unbeschwertes, konstruktives, erfüllendes Leben in vertrauensvoller Verbindung mit anderen Menschen führen zu können, wurde ihnen nämlich verweigert.

„Überlebende/r“ bringt aber auch das besondere Maß an Stärke, Lebenswillen, Mut, Kreativität, Intelligenz und Durchhaltevermögen zum Ausdruck, das Kinder, die sexualisierte Gewalt erleben mussten, auszeichnet. Sie hätten sonst die anhaltend lebensbedrohlichen Zustände ihrer Kindheit nicht überlebt.

(1) Judith L. Herman „Die Narben der Gewalt“, Junfermann 2003
(2) Ingrid Olbricht, „Wege aus der Angst“, C.H.Beck 2004
(3) Adverse Childhood Experiences (ACE) Study, Department of Preventive Medicine, Southern California Permanente Medical Group, San Diego, California (USA), 2002
(4) veröffentlicht vom Deutschen Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. 07/2009
(5) Werner Bartens, „Missbrauch schwächt das Immunsystem”, sueddeutsche.de, 27.01.2009

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17 Kommentare

  1. Eva schreibt am :

    Ich empfinde es als Täterschutz, dass die Bundesregierung nicht von den Behörden gesetzlich verankernd verlangt nach Suizit und anderen Selbstzerstörenden Dingen grundsätzlich, umfassend zu untersuchen, worin die Ursachen lagen.

    Nur festzustellen oder zu behaupten, der oder die Person, die sich umgebracht hat, sei möglicherweise psychisch krank gewesen, ist viel zu wenig.

    Für die Ursachen ( Gewalt in vielerlei Form ) der psychischen Erkrankung interessieren sich die Behörden nicht.

  2. NEMO X! VOBIS schreibt am :

    Die jeweilige Bundesregierung interessiert sich grundsätzlich nicht für Probleme, die anzupacken keinen Profit einbringen können, dafür aber die Kosten für den eigenen Haushalt.

    So ist es leider, und deshalb ist jeder Kampf um Veränderungen so schwierig. Es ist ein bißchen wie in Indien mit dem armen vergewaltigten Mädchen.

    Das Problem besteht wohl schon ziemlich lange und ist recht häufig, doch erst durch die Massenproteste kommt überhaupt erst Bewegung in die Sache. Politik und Justiz rühren sich, solange sie im Fokus sind. Wenn das wieder vorbei ist, wird man von oben alles versuchen, die Änderungen zurückfahren zu können und wieder „Ruhe einkehren“ zu lassen. Es ist einfach erbärmlich. Unsere Spitzenpolitik ist da nicht vertrauenserweckender…

  3. Elisabeth schreibt am :

    Aber eigentlich ist es doch auch eine wirtschaftliche Sache. Der Staat könnte viel mehr einnehmen, wenn es weniger Missbrauch gäbe! Wie viele von uns können nicht arbeiten gehen, oder nicht voll? Wie viele von uns können nie ihr volles Potential entfalten? Dem Staat geht da sehr viel Kohle verloren. (fehlende Steuereinnahmen, Gelder die für Therapie / Hartz IV oder anderweitige Unterstützung von Überlebenden, die nicht arbeiten können, aufgewendet werden müssen). Die Finanzen können also nicht der Grund dafür sein, dass die Politiker sich nicht für die Belange der Überlebenden einsetzen. Ich denke eher, dass eben viele Täter auch in den oberen Reihen sitzen.

  4. helga04 schreibt am :

    Menschen die sexueller Gewalt bereits im Kindesalter ausgesetzt waren sind traumatisiert. Das allerdings beinhaltet auch die Schwierigkeit, die Tat(en) in Worte zu fassen. Das ist heute bereits gehirnmedizisch erwiesen. Es fehlt die Fähigkeit, der erlebte in Worte zu fassen. Deshalb dauert es oft Jahrzehnte bis das Schweigen gebrochen werden kann.

    Sicherlich ist es schwierig das nach so lange Zeit belegen und beweisen zu können. Das hierbei noch die Schwierigkeit hinzu kommt, das gewisse Vorgänge nicht mehr erinnert werden können, macht es dann oft unmöglich Gehör und Anerkennung zu bekommen.

    Gefühle die abgespalten sind, also nicht gelebt werden können…..irgendwo parken, nun die Eigenart haben dort nicht still zu bleiben wissen die Tiefenpsychologen. Er wird je nach Eigenart der Betroffenen zu einem selbstschädigenden Verhalten (in Vollendung Suizid) oder in Aggression zu eben schädlichen Sozialverhalten (Gewalt und Straffälligkeit) führen.

    Wäre man in der Lage hier frühzeitig gegen zu steuern, könnte man sehr viel Geld sparen. Aber die Frage ist, will man das wirklich und vor allem…kann man das. Das Recht des Einzelnen steht hier der Behandlung und Aufklärung gegenüber. Ich kenne genug Fälle, wo die Betroffenen nicht bereit sind die Täter anzuzeigen. Sie befürchten, das diese dann bestraft werden und die Betroffenen dann zu Aussenseiter werden. Hierzu gibt es auch schon Berichterstattungen und genug Material im Internet.

    Was ist also richtig? Man kann nur denen helfen, die Hilfe möchten. Man kann nur die nachgewiesenen Fälle bestrafen und verurteilen. Man hat Behörden eingesetzt, die ihre Anweisungen direkt von dem Sozialministerium bekommen.

    Bitte hier keine Unterstellungen und Verunglimpfungen, denn das würde nur die Hilflosigkeit unterstreichen, in der sich die Betroffenen befinden. Wir sollten versuchen die s.g. Einzelfallentscheidungen zu sezieren und damit einen Pool von anerkannten Gründen aufzuzeigen. Damit können wir erreichen, das z. b. beim Zusammentreffen gewisser Voraussetzungen die Anerkennung gegeben werden muss.

    Eine Anklage der Täter und eine Verurteilung ist nicht verpflichtend für das OEG.

  5. Elisabeth schreibt am :

    Kann man das?
    JA, MAN KANN!!!
    Sie kennen genug Fälle, wo das Opfer nicht anzeigen wollte? Ja, ich auch. Aber genau da liegt doch der Hase im Pfeffer begraben! Wieso wollen die Opfer nicht anzeigen? müssen wir diesen Zustand etwa einfach hinnehmen, dass man halt nur denen helfen kann, die Hilfe wollen? Und überhaupt – was heißt Hilfe wollen? Ddenken Sie nicht, dass auch kleine Kinder Hilfe wollen, sich diese aber nicht holen KÖNNEN? Weil sie verstört sind, ängstlich und vom Täter / der Täterin eingeschüchtert? Und nicht mal wissen, was da passiert?
    Wir müssen dafür kämpfen, dass mehr Überlebende Anzeigen KÖNNEN. Dazu würde z. B. gehören, dass man flächendeckend Opferambulanzen einrichtet, wo man Spuren von Rechtsmedizinern sichern lassen kann, aber nicht sofort Anzeige erstatten muss. Dann hat man für später Beweismittel, wenn man sich zur Anzeige durchgerungen hat. Dazu würde gehören, dass man Kindern in der Schule schon klar macht, dass ihr Körper ihnen gehört, und dass man ihnen Anlaufstellen nennt! Dazu würde gehören, dass das Strafmaß bei sexualisierter Gewalt mal ausgeschöpft wird – für eine Vergewaltigung kann man laut Gesetz durchaus länger in den Knast wandern als nur zwei Jährchen! Und dazu gehört das Kippen der Verjährungsfristen. Außerdem gehört es dazu, das Denken zu verändern. Wir müssen aufhören, unseren Kindern beizubringen „lasst euch nicht vergewaltigen“. Wir müssen den potentiellen TäterInnen klar machen: „Vergewaltigt nicht“! Das hat mir dem OEG und tralala nix zu tun, sondern das wäre mal echte Prävention, die sich nach kurzer Zeit amaortisieren würde! Und wenn man in dieser Gesellschaft einen Täter / eine Täterin nicht anzeigen kann, ohne dass man ausgegrenzt wird: Ist die Konsequenz daraus dann etwa, dass wir stillhalten müssen? Wäre die Konsequenz, die wir daraus ziehen müssten, nicht eher, dass mit der GESELLSCHAFT was nicht stimmt und wir einen Diskurs brauchen?
    Wir alle hier tun etwas dafür! Wir bleiben eben nicht auf dem Opfersein sitzen. Und nein, ich unterstelle hier nichts. Ich gehe nur – und das ist durchaus annehmbar – von einer Gleichverteilung von Tätern und Täterinnen durch alle sozialen Schichten hinweg aus! Es gibt also auch PolitikerInnen, die Täter oder Täterinnen sind! Und natürlich auch genügend Überlebende, die aber noch einen hohen Anteil an Täterintrojekten in sich tragen. Diese PolitikerInnen werden natürlich nicht versuchen, Täterschutz abzubauen und Überlebenden zu helfen. PoitikerInnen, die das tatsächlich versuchen, werden schnell ausgebremst.

  6. Ich bin Missbrauchsüberlebende! Mit 12 Jahren habe ich 3 Selbstmordversuche gemacht. Meine Seele ist beschädigt, wird nicht mehr heil. …. dissoziative Persönlichkeitsstörung … Borderliner … trockene Alkoholikerin. Eine gute Kindheit und Jugend war für mich und Leidensgenossen NICHT IM ANGEBOT. Ich sehne mich aber mein Leben lang nach einer guten Kindheit, einem guten Vater und einer guten Mutter. Mit Opfergefühlen werde ich mich mein Leben lang herumschlagen. Dennoch!!! Ich bin Missbrauchsüberlebende. Das ist etwas anderes als ein Opferlein. Das sage ich mir dann immer besonders, wenn ich mich ohnmächtig fühle. Denn Angst und Ohnmacht kenne ich zur Genüge. Dennoch aufstehen – etwas für Leidensgenossen bewirken … vorallem für Kinder, die zur Zeit missbraucht werden. Das tue ist nach Kräften. Susanne Jensen

  7. Brechen … (Achtung, kann triggern)

    Opfer einer Gewalterfahrung, ich könnt erbrechen, wenn ich daran zurück denke.
    Mir wurde etwas gebrochen, als mir Gewalt angetan wurde. Mein Herz zerbrach und meine Seele, weil die Gewalt meine Gefühle zum Schweigen brachte.
    Die Täter brachen meinen Willen, ich lies es irgendwann nur noch über mich ergehen. Hoffend auf das Ende.
    Ich bin oft innerlich zusammengebrochen, hab mich in mein Bett geflüchtet, Kopfhörer auf, in eine andere Welt ausbrechen, nicht mehr an die Schmerzen an Körper und Seele denken, VERDRÄNGEN …

    … bis die Vergangenheit die Realität einholt, und man erneut an den Erinnerungen der Gewalterfahrung zusammenbricht.
    Mir hat’s gereicht, ständig an ANDEREN zu zerbrechen.
    Jetzt hab ich gebrochen, … das Schweigen gebrochen.
    Jetzt zerbreche nicht mehr ich, sondern es zerbricht die Macht der Täter über mich.
    Ich habe die Fesseln der Opferrolle zerbrochen. Nun bin ich fast frei.
    Wenn ich heute an die Erniedrigungen denke, die Schläge und Tritte, die Worte welche mich verletzten, die Lügen welche mich denunzierten, an das was mir gestohlen oder zerstört wurde, so tut es noch weh, aber ich zerbreche nicht mehr daran. Ich bin kein Opfer mehr, ich bin Überlebender.

    Ich habe mein Schweigen gebrochen, für mehr Menschlichkeit, für innere Ruhe und Freiheit, und um die Macht der Täter ein für allemal von mir abzuschütteln. Nun bin ich in Therapie, um noch die Vergangenheit aufzuarbeiten, aber ich bin endlich wieder ich, nicht eine Hülle die nur existiert, nicht länger das Eigentum eines Täters.

    Ich darf wieder ich sein, weil …
    – ich dabei bin zu lernen, wie ich mich wieder annehmen kann,
    – ich wieder Gefühle zulassen möchte,
    – ich wieder etwas für mich Wert sein möchte,
    – ich wieder wissen möchte, was in mir vorgeht, was mich bewegt, was mich belastet oder was mir gut tut,
    – ich nicht nur davon Träume, eine Zukunft haben zu können, sondern anfange, meine Zukunft in die Hand zu nehmen.

    Wer sein Schweigen bricht, wird NICHT über Nacht alles vergessen, alles vergeben und neu geboren.
    Aber wer sein Schweigen bricht, der bricht die Macht der Täter und fängt an, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

    Es ist ein langer, steiniger und steiler Weg bis zur endgültigen Freiheit, die einige Opfer trotz vieler Anstrengungen nicht erreichen können oder werden.
    Aber Opfer zu bleiben, weiter zu schweigen und bis zum Zerbrechen weiter zu leiden, ist keine Alternative. Wenn ich heute die Wahl hätte, weiter Opfer zu bleiben und zu schweigen, oder mein Schweigen zu brechen, so würde ich es wieder tun. Ich habe es nicht bereut, mein Schweigen gebrochen zu haben.

    Mein besonderer Dank an alle, die mich dabei begleitet und Kraft gegeben haben <3

  8. Pit Naish schreibt am :

    In meinem Versuch, mir die Trauma-Kette der Kindheit und Jugend von der Psyche zu schreiben, nannte ich mich „Survivor“ also Überlebender. Auch wenn man überlebt hat, und immer wieder gegen die fortwährenden Selbstzweifel, Auflösungsgedanken und die zerreißende Quälerei nach Albträumen und depressiven Lebensphasen ankämpfend überleben kann. Es bleibt ein Leben jenseitig der Modellvorstellungen einer ausgeglichenen Realität, wie sie sich zwanghaft positiv Denkende wahrscheinlich vorstellen, dass man sie in einer Aufarbeitung und allmählichem ‚Coping‘ also Zurechtkommensstrategien erreichen könne.

    Überleben ist auch eine fortzuführende Aufgabe entgegen der Beeinträchtigungen von ‚draußen‘, welche erhalten bleiben, solange sexualisierte Gewalt geduldet wird, verdeckt oder verharmlost dargestellt wird, oder gar ins Lächerliche gesetzt, ignoriert und als Einbildung, Konstrukt ect. abgetan wird. Immer wieder muss man die Erlebnisrealität gegenüber Menschen verteidigen, sogar gegenüber psychologisch Gelehrten oder solchen, die sich dafür ausgeben.

    Überleben ist auch eine Frage der Ächtung sexualisierter Gewalt, unziemlicher Übergriffe und Vertuschung, Nivellierung ihrer lebensbeeinträchtigenden Aspekte in einer Gesellschaft, die in einigen Bereichen immer noch lieber wegschaut und scheinbar geringe Seelen-Wehwechen gesundpusten möchte, wo die Ausmaße der Folgen von Traumatisierung ungern gesehen werden, und wo sogar Menschen, die Ansehen genießen, die Opfer durch zurechtkonstruierte Erklärungen und fadenscheinige Entschuldigungen verhöhnen dürfen.
    ( Siehe gewisse Politiker )

    Das Überleben wird uns nicht leicht gemacht, und wer nicht mit einer eisernen Klaue am Leben hängt und sich festbeißt, verliert den Halt im verlorenen Sinn daran. Depression als Reaktion auf ein Gewalt-Trauma ist keine „Krankheit“. Häufig ist Depression hier eher ein Weg des Umgangs, ein Weg zum Überleben, eine Variable des Entwicklungsweges und führt zu einem Alterismus der Persönlichkeit. Die kranke oder ‚böse‘ Stelle liegt in der Wirklichkeit, in Nachsicht, Ignoranz, Wegblicken, Verharmlosen zum Schutz der Verursacher!

  9. Conny schreibt am :

    Sorry, wenn ich das lese hier muss ich weinen.Ich bin selbst als Kind Vergewaltigt worden.Ich habe immer darunter sehr gelitten, mein ganzes Leben lang.

    Das mit der Untersuchung ist schon ganz gut. Aber ist da ein Arzt nicht verpflichtet eine Vergewaltigung zu melden. Wie verstört man dann als Kind ist und Angst hat, sowas zu erzählen zu Hause, kann ich sagen. Wie das ist, sich dann noch völlig bloß zu stellen, vor den Eltern und vielleicht auch noch Schimpfe zu bekommen.Gefragt zu werden was hat der mit dir gemacht. Dann bei Fremden Menschen , bei der Polizei , bei Gericht…. ! Da ist so viel Angst davor. Als Kind so einen Vorfall den Eltern zu erzählen. Dann fühlt man sich völlig Hilflos. Traurig und leer.
    Ich habe 7 Tage nur geweint. Habe Schmerzmittel genommen und in der Schule hat mich der Konrektor wegen meiner Medikamenteneinnahme zum Krankenhaus geschickt zum Magen aus pumpen. Was hast du, was ist mit dir los . Warum hast du das gemacht? Ich habe dann eine ganze lange Zeit jeden Jungen geschlagen der mich nur am Arm gefasst hat. Hat mich jemand geärgert habe ich ihn getreten und habe mich gewehrt. Gegen Berührungen. Hoch kam alles 2013 es war sehr schlimm für mich. Es kam immer wieder hoch, aber seit 2013 mit voller Wucht und unerwartet.
    Das ganze Leben ist ein Kampf gewesen.Beziehungen sind gescheitert.Dazu kam dann noch Gewalt in der Ehe. Ich wurde geschlagen. Mehrere Jahre. Bis ich Kraft genug hatte zu gehen. Jahre langes alleine sein. Mit noch mehr Problemen.Ich persönlich kann nur sagen es ist sehr wichtig in der Familie Zeit zu haben für seine Kinder und ein gutes Verhältnis zu haben und unendlich viel Vertrauen zu seiner Mutter
    das sollte gefördert werden. Vertrauen in der Familie.
    Meine Angst war die Reaktion meiner Mutter, weil ich ein Kind war.
    Man sollte als Kind entscheiden können wenn man das erzählt und ob es dann den Eltern mitgeteilt wird. Von anderen Personen. Jugendamt ist auch nicht unbedingt ein Ansprechpartner. Sondern Beratungsstellen für Mutter und Kind oder so könnten eine Anlaufstelle werden zum Beispiel. Da müsste finde ich das Opfer mit reden können und Entscheiden auch wenn es jünger ist.Ich war 15 Jahre alt Damals. Den Mut auf zu bringen zu meiner Mutter zu gehen hatte ich nicht!

  10. Larissa schreibt am :

    Ich habe als Kind oft …..im Bett gelegen , und wollte unter der dicken Bettdecke einfach ersticken …..

    Man hatte sich von mir abgewand ,auch weil ich die Gedanken nicht halten konnte ,ein Thema nicht ganz ausgeredet konnte.Dann war ich schon bei einem neues Thema zu gange .
    Man wendete sich von mir ab und redete dann mit der Anderen Patientin weiter , wonach ich dann mehr mit dem Kopf sehr auf die Wand einschlug.
    Dann hatte man mir angedroht Tabletten nehmen zu sollen , gedroht .
    Man hatte mich letzendlich dazu überredet Medikamente nehmen zu sollen .
    Die wahren aber so häftig , das der Pfleger am Wochenende dann , den AVD gerufen hat .
    Der hat mich dann gesehen und gesagt ,sofort absetzen .
    Ich finde das immer schlimm wenn man mit medizin beteubt wird ,anstatt das man mit einen redet .
    Grüße
    Larissa

  11. Stephan May schreibt am :

    Überleben!
    Aber wie es nach den „Überleben“ weiter geht.
    Irgendwie organisert man das Leben danach neu und entwickelt Strategien das Erlebte zu vergessen.
    Manchmal gelingt es es einen für ein Zeit, aber oft bricht man wieder zusammen.
    Das erlebte ist oft schneller wieder im Alltag, als man es denkt.
    Bilder, Gerüche, Nachrichten und ähnliches.
    Auch das verdrängen ist nur von kurzer Dauer.
    Ich habe Überlebt, aber zu welchen Preis?
    Meine Täter haben immer gewonnen!

    Stephan+

  12. Herike Kraack schreibt am :

    Es ist doch immer wider das Gleich die Täter bekommen geringe Geld-oder Bewährungsstrafen und die Opfer haben LEBENSLÄNGLICH selbst 40jährige Psychotherapie kann da nicht mehr heraus helfen denn gerade die „Altopfer“ denen die Gesellschaft zusätzlich noch eingeredet hat das sie die „Schuldigen“ sind leiden doppelt wo waren denn bei einer Anzeige geschulte Polizistinnen geschweige denn Psychologen nein das hat der SCHUPO vom Revier gleich erledigt welche Mütter wollten denn ihren mißbrauchten Kindern auch das noch zumuten diese zusätzliche Belastung haben sie ihren Kindern dann doch lieber erspart und beantrage Mal Opferentschädigung oder Anderes da haste denn gleich noch ein Trauma

  13. Larissa schreibt am :

    Ich binn nun auch in einer neuen Situation .
    Habe einen Freund ? und dann kam immer vom vater was hoch ,das ist ihm gar nicht bekommen , und sagt zu mir er will nicht mit meinen Vater verglichen werden .
    🙁
    Ich kann aber nicht den Mund halten , es kommt eben einfach raus , es überollt mich .
    ich schätze ich binn wol gar nicht beziehungsfähig durch den MB .
    Außerdem habe ich noch ein Neues Trauma eine andere kategorie die man einen gar nicht glaubt .
    Alles legale Traumen .

    Traurige Grüße
    Larissa

  14. Hubert schreibt am :

    @Larissa
    du schreibst „Alles legale Traumen.“
    Welche Traumen wären dann illegal?
    Gibt es die überhaupt?

  15. hildegard schreibt am :

    … ‚legales Trauma‘?
    Eine bundesdeutsche Gesetzgebung werden wir als freie Bürgerinnen und Bürger in Frage stellen müssen, die SOLCH UNGGHEUERLICHES zulässt: Millionenfache Traumata (vor denen der Rechtsstaat seine jüngsten Schützlinge nicht bewahrt und nicht ihnen, sondern den erwachsenen Tätern glaubt) scheinen jedem Überlebenden von s.G. irgendwann als ‚legalisiert‘!!
    Recht hat Larissa in diesem Sinn.

    Recht hat auch Elisabeth, 9.1.13, wenn sie vorläufig flächendeckend Opferambulanzen einzurichten fordert, wo man Spuren von Rechtsmedizinern sichern lassen kann, aber nicht sofort Anzeige erstatten muss. In derartigen Opferambulanzen könnten/müssten/sollten alle beteiligten Helfer im Umgang mit traumatisierten Kindern und/oder Erwachsenen kurzfristig geschult werden, so dass sich ein Trauma gar nicht erst ins Unterbewusste flüchten muss!
    Unter „NET“, Narrative Expositionstherapie, fand ich eine vermutlich sehr geeignete Methode. Das PDF der Uni Bielefeld (Dr. C. Catani) informiert über das ‚Autobiographische Gedächtnis‘ und das ‚Furchtnetzwerk nach traumatischen Ereignissen‘: http://www.psychosomatik-basel.ch/deutsch/bildung/ – gäbe es diese o.a. Arten von Soforthilfe für ALLE offensichtlich traumatisierten Menschen überall, dann könnten auch Leid und Langzeitschäden eingegrenzt werden …

    Wer kennt das Verfahren?

  16. Marlene schreibt am :

    Als meine Erinnerung zurückkam, war mein Großvater schon zwölf Jahre tot. Juristisch konnte ich da nichts mehr machen… Und wie soll ich nach so einer langen Zeitspanne noch nachweisen, dass mich meine Mutter mit den verschiedensten Mitteln jahrelang (Kindergartenalter bis Auszug von zu Hause) zum Schweigen gebracht hat? Es ist aussichtslos… Sieger bleiben wohl immer die Täter…

  17. savina schreibt am :

    Elisabeth, 09.01.2013;
    „…Wäre die Konsequenz, die wir daraus ziehen müssten, nicht eher, dass mit der GESELLSCHAFT was nicht stimmt und wir einen Diskurs brauchen?
    Wir alle hier tun etwas dafür! Wir bleiben eben nicht auf dem Opfersein sitzen. Und nein, ich unterstelle hier nichts. Ich gehe nur – und das ist durchaus annehmbar – von einer Gleichverteilung von Tätern und Täterinnen durch alle sozialen Schichten hinweg aus! Es gibt also auch PolitikerInnen, die Täter oder Täterinnen sind! Und natürlich auch genügend Überlebende, die aber noch einen hohen Anteil an Täterintrojekten in sich tragen. Diese PolitikerInnen werden natürlich nicht versuchen, Täterschutz abzubauen und Überlebenden zu helfen. PoitikerInnen, die das tatsächlich versuchen, werden schnell ausgebremst.“
    – Das sehe ich auch genau so.

    Ich persönlich bin im Moment sehr damit beschäftigt, mich weiter aus dem von den beiden Tätern und den, auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, „Nicht-Betroffenen“ von mir eingeforderten Opfer-Status zu befreien. Es ist ein zäher Prozess.
    Ein zäher Prozess auch deshalb, weil die „Nicht-Betroffenen“ sich immer wieder sehr gern auf ihre Position der „Nicht-Betroffenen“ stützen und sich dudurch eine Position der Überlegenheit, und damit Macht, sichern. Das grenzt die Betroffenen/die Opfer aus und schwächt sie, was die Täter dann gleichzeitig (be-)schützt.
    Obwohl das so ist, denke ich,dass es nicht so bleiben wird, dass die Täter, (die von den „Nicht-Betroffenen“ weiterhin geachtet werden , bei gleichzeitiger Ächtung der Opfer, die als „Gestörte“ und „Schwache“ in das Abseits, in die Ausgrenzung geschoben werden), weiterhin die Sieger bleiben.
    Zu welchen Ergebnissen das Ausleben der Täter-Introjekte, sowohl innerhalb des Landes als auch weltweit deutlich sichtbar, immer mehr führt, wird doch immer offensichtlicher.
    Und so kann es einfach nicht weiter gehen….

    Es wird so wie bisher einfach nicht weiter gehen können. Und um etwas zu verändern, müssen auch die , die sich immer so gern als die „Nicht-Betroffenen“
    sehen wollen, (um dann aus dieser Position heraus , wenn überhaupt, mitleidsvoll von oben herab, abweisend und kalt auf Opfer herab schauen zu können), sich in einen Veränderungsprozess , was sowohl das Bewusstsein als auch ein dementsprechendes Handeln anbetrifft, begeben.
    Und was das Bewusstsein anbetrifft, da müssen doch noch sehr viele etwas begreifen, was gesamtgesellschaftlich regelrecht abtrainiert wurde.
    KHALIL GIBRAN drückte es so aus.:
    „VERSCHONE MICH MIT DER WEISHEIT, DIE NICHT WEINT,
    MIT DER PHILOSOPHIE,DIE NICHT LACHT UND MIT DER GRÖßE, DIE SICH NICHT VOR KINDERN VERNEIGT.“

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