Ein Verbotskatalog für Lehrer

16.05.2012

…ein Halbtagsblog… 15.05.2012

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Der Regierungsbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Johannes-Wilhelm Rörig handelt gegenwärtig mit vielen wichtigen Leuten einen Verhaltenskodex aus, der unter anderem festlegt, dass Lehrer und Erzieher

  • bei gemeinsamen Übernachtungen die Räume der Minderjährigen erst nach Anklopfen betreten dürfen
  • die Kinder nicht im eigenen PKW nach Hause fahren dürfen
  • Facebook-Kontakte zwischen Lehrern und Schülern verbietet.
  • und die Anwesenheit in Dusch- und Waschräumen generell untersagt [Link]

Sexueller Missbrauch ist ein ernstes Thema und ich kann nachvollziehen, dass das Erstellen von Verbotskatalogen nach einem richtigen Schritt klingt, mit dem man Kinder schützt. Ich behaupte jedoch, dass ein solcher Katalog den Kindern – zumindest in der Schule – eher schadet, als nützt und vielleicht kann der ein odere andere Lehrer meine Sichtweise bestätigen (oder widerlegen).

Ich möchte mich gar nicht mit den harmloseren Dingen wie “erst nach Klopfen die Räume betreten” oder “Kinder ohne Körperkontakt wecken” auseinandersetzen. Kein Lehrer mit halbwegs gesundem Menschenverstand wird ein Zimmer mit SchülerInnen betreten, ohne vorher zu klopfen. 
Was die verbotenen Facebook-Kontate angeht: Sollte man vielleicht Christian von Boetticher (“Es war schlichtweg Liebe.”) von der CDU mal befragen und evtl. Politikern den Kontakt mit dem Volk verbieten…!? Im Ernst – das ist doch Unsinn. Wie schon an mehreren Stellen ausgeführt, nutzen viele Lehrer Facebook als reines Werkzeug.

Spannend – und auf den ersten Blick harmlos – ist die Forderung, Lehrer dürften “Dusch- und Waschräume nicht mehr betreten”. Denn obwohl dieser Grundsatz erstmal vernünftig klingt, wäre er im Alltag eine Katastrophe! Übersetzt heißt heißt das nämlich, Rörig fordert Aufsichts-freie Räume.

Mal Schritt für Schritt gedacht. 
Erstens: Wie oft habe ich es erlebt, dass mein Sportlehrer in die Duschen gekommen ist? Nie. Nicht ein einziges Mal. Habe ich an meinen Schulen je gehört, dass dies der Fall gewesen ist? Auch nie. Im Normallfall passiert so etwas auch nicht. Das weiß jeder Sportlehrer selbst. 
Zweitens: Jeder kennt die Stellen auf dem Schulhof, die relativ uneinsichtig sind. Die Aufsicht kann hier nur schwer oder gar nicht reingucken. An diesen Stellen findet man zum einen die Raucher, zum anderen die Schläger. Wird irgendwer verhauen oder beklaut, dann in diesen dunklen Ecken, wo es keine Aufsicht gibt.

Wenn nun Lehrern offiziell verboten würde, die Duschen zu betreten, hätte man eine solche aufsichtsfreie Zone geschaffen. Was immer dort passiert – der Lehrer darf dort nicht rein. 
Kerngedanke der “Aufsicht” in der Schule ist nämlich nicht die totale Kontrolle wie im Gefängnis. “Aufsicht” bedeutet, die Kinder müssen sich “beaufsichtigt fühlen”. Sie müssen also das Gefühl haben, dass ein Lehrer jeden Moment dazukommen kann. Auch in der Dusche kann Johannes dem Wilhelm nicht eine zimmern, weil der Lehrer jederzeit das Recht hat, dazwischenzufahren.

Solche Verbotskataloge nützen gar nichts. Ganz im Gegenteil, sie richten nur Schaden an. Was wir brauchen, ist mehr Transparenz und nicht mehr Verbote.

Quelle: http://halbtagsblog.de/2012/05/15/ein-verbotskatalog-fr-lehrer/

Mehr auf netzwerkB:

Facebook nimmt mir Arbeit ab

Diskussion um Facebook – Verbände stellen sich gegen Verbot für Lehrer

Pressemeldung – Richtigstellung

Berlin plant scharfe Masnahmen – Wahnsinn ist keine Alternative

Kraft auftanken

Bund will Facebook-Kontakte von Lehrern zu Schülern verbieten

4 Kommentare

  1. Ex-Odenwaldschüler schreibt am :

    Ich weiß nicht ob es damit zu tun hat aber an der odenwaldschule fand sexuelle gewalt oft auch in den gemeinsamen duschräumen statt die lehrer ,lehrerinnen,schüler un schülerinnen gemeinsam benutzen mussten.Es gab keine trennung nach geschlechtern.Ich habe mich zum beispiel gar nicht mehr geduscht bzw. für das seltene duschen eine schulstunde geschwänzt und geduscht wenn alle anderen nich da waren.Unsere zimmer durften wir nicht abschliessen auch nicht in der oberstufe sodas unsere peiniger tag und nacht zutritt hatten und das auch taten und ausnutzten.

  2. Sarah schreibt am :

    Es wurde doch inzwischen hinreichend darauf hingewiesen, dass dieser Maßnahmekatalog eine Mär ist. Warum wird diese Mär nun hier neu aufgelegt – wo doch Doro gerade erst gestern eine Meldung hier reingesetzt hat, dass es diesen Katalog weder gibt – noch von Hr. Rörig ähnliches in Planung ist?
    Nachzulesen direkt auf der homepage von Hr. Rörig

    http://beauftragter-missbrauch.de/course/view.php?id=31

    Was mich ebenso ärgert, dass die Lübecker Nachrichten meinen Kommentar der Richtigstellung nicht freigeschalten hat. So kann “man” – auch Meinungsmache in der Öffentlichkeit betreiben. Falschmeldungen setzen und Richtigstellungen abblocken. Und ich begreife den Sinn nun nicht, warum auf NetzwerkB nun wieder ein Artikel erscheint, der von dieser Mär berichtet, obwohl bereits hier bekannt ist, dass an dem Katalog nichts – aber auch gar nichts dran ist? Wozu???

    fragende Grüße
    Sarah Mohn

  3. klaraklara schreibt am :

    Das Problem mit den Duschräumen lässt sich einfach lösen. Waschbecken in den Schlafzimimern und ein von innen abschließbarer Raum mit Dusche für jeweils vier Personen. Ist halt teurer und widerspricht der Ideologie vom unverkrampften Umgang mit dem KÖrper oder so, finde ich aber in der Pubertät sehr wichtig.

  4. Doro schreibt am :

    @ Ex-Odenwaldschüler: Der Gedanke, dass diese Regeln stark nach (deutlich verspäteter) Reaktion auf die “Regeln” in der Odenwaldschule/Reformschulen riechen, kam mir auch schon. Irgendwie hat frau das Gefühl, vierzig Jahre zurück versetzt zu sein…

    Und: Zimmer nicht abschließen dürfen, besondere Gefährdung/Verletzlichkeit in der Dusche/Bad kenne ich aus der Familie (als Tatorte) auch! Das ist also keine Spezialität der Institutionen.

    Ich schreibe das nicht, weil ich unterstelle, du wüsstest das nicht. Ich bin mir sogar sicher, dir als Betroffener (?) ist das sehr bewusst.

    Ich schreibe das hier, um noch einmal aufzuzeigen, welcher “Katalog an Äußerlichkeiten/Oberflächlichkeiten” dieser “Katalog der Verbotsregeln”, die sich jetzt die Intitutionen geben sollen, ist, und dass damit das Problem sexueller Kindesmissbrauch in Deutschland nicht zu lösen ist.

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