Gewaltfreie direkte Aktion

09.11.2013: netzwerkB

Für manche Leute ist Gewaltfreiheit eine Taktik oder eine Methode, die man wählt, weil sie eine wirksame Waffe im politischen Kampf ist. Für andere ist Gewaltfreiheit eine Lebensweise, die nicht nur ihr politisches Wirken betrifft, sondern auf mancherlei Weise ihr ganzes Leben beeinflusst. Ob es sich nun um eine Taktik oder eine Lebensweise handelt, immer mehr Menschen sehen in der gewaltfreien direkten Aktion ein wirksames Mittel um Ungerechtigkeiten zu überwinden und für Frieden zu arbeiten. Die gewaltfreie direkte Aktion ist Bestandteil des politischen Selbstverständnisses der DFG-VK. Gewaltfreie direkte Aktionen haben dazu beigetragen, Kriege zu beenden, Gewerkschaften zu organisieren, nationale Unabhängigkeit zu erlangen und Rassismus zu überwinden. Das vorliegende Informationsblatt soll eine kurze Einführung in die gewaltfreie direkte Aktion geben. Der nachfolgende Text wurde im Zusammenhang mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA entwickelt und auf Veranlassung von Dr. Martin Luther King vom amerikanischen Versöhnungsbund aufgeschrieben und veröffentlicht.

Dieses Informationsblatt wurde mit freundlicher Genehmigung des Internationalen Versöhnungsbundes IFOR (Kuhlenstraße 5a-7, 25436 Uetersen) von der DFG-VK Baden-Württemberg herausgegeben.

Vier Grundsätze

  1. Definiere deine Ziele 
    Ungerechtigkeit und Gewalt umgeben uns überall. Eine einzige Kampagne oder Aktion wird nicht alles beheben können. Wir müssen damit anfangen, ein ganz bestimmtes Unrecht ins Auge zu fassen. Wir sollten in einfacher und klarer Weise darüber diskutieren. Entscheidungen und Verhandlungen während einer Kampagne fallen viel leichter, wenn man klar definiert hat, was das Kurzzeit-Ziel ist (z. B. das Pflanzen eines symbolischen »Lebensbaumes« auf einem Militärstützpunkt) und wie das Langzeit-Ziel aussieht (z. B. die Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in der Region).
  2. Sei ehrlich und höre gut zu
    Ein Teil deines Zieles ist die Achtung deines Gegners zu gewinnen. Verhalte dich so dass du diese Achtung verdienst, indem du es peinlich genau nimmst mit der Wahrheit und Gerechtigkeit. Ein entscheidender Punkt bei der gewaltfreien direkten Aktion ist die Einsicht, dass niemand im Besitz der vollständigen Wahrheit über den Streitfall ist. Bereitwillig zu hören, was deine Gegner über deine Kampagne sagen, ist sehr wichtig, wenn du die wirkliche Wahrheit verfolgen willst. Ebenso wichtig ist es, die Meinung derer zu hören die dir zur Seite stehen. Es hilft dir zu vermeiden, dass die Ungerechtigkeit, die du bekämpfst, durch eine andere Ungerechtigkeit ersetzt wird.
  3. Liebe deine Feinde
    Ohne Rücksicht darauf, wie tief manche Leute in ungerechte und gewalttätige Systeme verwickelt sind, muss es doch dein Ziel sein, diese Systeme aufzulösen und nicht andere für das Unrecht das sie tun zu bestrafen. Wahre Gerechtigkeit entsteht dann, wenn die Menschen sich weigern, Unrechtssysteme aufrechtzuerhalten, und nicht, wenn die in diesen Systemen lebenden Menschen vernichtet werden. Die Geschichte hat uns immer wieder gelehrt dass es, wenn man sich auf eine kleine Gruppe als Ursache der Ungerechtigkeit konzentriert, zur Verachtung menschlichen Lebens kommt und sogar soweit führen kann dass man die Gründe der Ungerechtigkeit nicht mehr erkennt. Gewaltfreiheit erfordert eine stetige und bewusste Bereitschaft die Achtung vor allen menschlichen Wesen zu trennen von der Missachtung dessen was manche Menschen in einer gewissen Situation tun. Zum Beispiel sind gewaltfreie direkte Aktionen an Kernkraftwerken und in UBoot-Stützpunkten geplant und ausgeführt worden, um herauszufinden, wie verschieden Arbeiter und Anwohner auf diese Aktionen reagieren. Die Teilnehmer dieser Aktionen haben zu vermeiden versucht, Arbeiter und Ordnungskräfte zu verurteilen, lächerlich zu machen oder zu demütigen. Vielmehr sprachen sie mit ihnen in respektvoller Weise, indem sie ihnen ganz offen und direkt die Gründe auseinander setzten die sie bewogen, gegen die Erbauung von Kernkraftwerken oder der Anhäufung von Massenvernichtungsmitteln Widerstand zu leisten.
  4. Halte deinen Gegnern die Tür offen
    Wenn du dich der Gewaltfreiheit bedienst verwendest du eine Kraft, die die Ungerechtigkeit überwinden kann. Vermeide Selbstgerechtigkeit im Umgang mit Gegnern. Nimm Rücksicht auf ihre Schwäche, Verlegenheit und Furcht. Bei einer gegebenen Konfrontation und bei größeren Kampagnen ist es gut sie an der Losung des Konflikts teilnehmen zu lassen. Mach ihnen Vorschläge, auf die sie eingehen können nicht solche die für sie gar nicht in Frage kommen. Mach es ihnen so leicht wie möglich, zu einem Kompromiss mit dir zu kommen, ohne dass sie das Gefühl einer Niederlage haben.

Sechs strategische Schritte

  1. Untersuche die Lage
    Sammle die Fakten. Kläre gleich zu Beginn jedes mögliche Missverständnis. Wenn es klar ist, dass eine Ungerechtigkeit geschehen ist, untersuche genau wer oder was dafür verantwortlich ist. Die komplizierte Gesellschaft von heute erfordert eine geduldige Untersuchung, um genau festzustellen, wer Verantwortung für eine bestimmte Ungerechtigkeit trägt. Die Fähigkeit, eine Sache durch Fakten statt durch große Reden zu erklären, wird Unterstützer gewinnen und Missverständnisse ersparen.
  2. Verhandle
    Setze dich mit deinen Gegnern zusammen und lege ihnen den Fall vor. Vielleicht kann man in diesem Stadium schon zu einer Lösung kommen. Es ist möglich, dass deine Gegner eine Schwierigkeit haben, von der du nichts gewusst hast. Jetzt kannst du es herausfinden. Auch wenn noch keine Lösung möglich ist, lass deine Gegner wissen, dass du die feste Absicht hast, für Gerechtigkeit zu sorgen. Lass sie jedoch wissen, dass du immer verhandlungsbereit bleiben wirst.
  3. Informiere
    Halte Teilnehmer und Förderer der Kampagne stets auf dem laufenden über den Stand der Aktion und informiere auch die Öffentlichkeit. Zu diesem Zweck sollten vielleicht einfache, aber sorgfältig ausgearbeitete Flugblätter herausgegeben werden. Auch Straßentheater Werbeansprachen, Persönliche Besuche von Haus zu Haus, Telefongespräche und Presseerklärungen gehören dazu. Sprich mit dem Redakteur deiner lokalen Tageszeitung und erkläre ihm deine Einstellung. Veranlasse auch andere Briefe an Presse und Regierung zu schreiben. Halte dich immer an die Tatsachen, vermeide Übertreibungen, sei kurz in deiner Ausdrucksweise und zeige guten Willen. Denke daran, dass die Einstellung der örtlichen Bevölkerung zu deiner Kampagne wichtige Auswirkungen auf deren Erfolg haben kann.
  4. Demonstriere
    Mahnwachen, Massenversammlungen und das Verteilen von Flugblättern auf der Straße sind der nächste Schritt. Alle diese Maßnahmen, wenn sie gut organisiert sind, machen auf deine Gegner, auf die Öffentlichkeit, die Presse und die Ordnungsbeamten Eindruck. Diejenigen, die demonstrieren, sollten gut informiert sein und einen kühlen Kopf behalten. Sie sollten imstande sein, auf unangenehme Fragen zu antworten und eventuellen Gewalttätigkeiten ohne Panik und ohne Gegengewalt standzuhalten. In diesem Stadium ist es äußerst wichtig, Disziplin und ruhig Blut zu bewahren.
  5. Leiste Widerstand
    Gewaltfreier Widerstand ist der letzte Schritt der als äußerster Ausweg den vier ersten Schritten hinzuzufügen ist, wenn diese versagt haben. Das kann Boykott sein, ein Fasten, ein Streik, Steuerverweigerung, eine gewaltfreie Blockade oder andere Formen zivilen Ungehorsams. Sorgfältiges Planen und Einübung der Gewaltfreiheit sind Voraussetzungen. Es muss absolute Disziplin gehalten werden, damit dein Widerstand nicht durch gewalttätige Provokationen gefährdet wird. Auf jede Provokation muss ruhig und ohne Vergeltung reagiert werden. Die Öffentlichkeit und die Teilnehmer der direkten Aktion können günstig beeinflusst werden durch eine gut organisierte, ordentlich ausgearbeitete Art des Widerstandes. Ein wesentlicher Teil des gewaltfreien Widerstands ist die Bereitschaft, die Konsequenzen zu tragen. Du musst tatsächlich sagen: »Ich bin so sehr entschlossen, diese Ungerechtigkeit zurechtzurücken, dass ich auch bereit bin zu leiden, um eine Veränderung zu bewirken« statt der viel verbreiteten, aber wirkungslosen Argumentation: »Ich bin so entschlossen, diese Ungerechtigkeit zurechtzurücken, dass ich bereit bin, meinen Gegner dafür leiden zu lassen«. Die Bereitschaft, Gewalt und Leiden auf sich zu nehmen und zu erdulden, kann oft den Ausschlag geben für eine Veränderung. Wenn sich zum Beispiel deine Aktionen gegen Massenvernichtungsmittel wenden, denke daran, dass dein Widerstand sich nicht einfach gegen diese Waffen wendet, sondern auch – und das ist wichtiger – gegen die finanzielle Mithilfe der Bevölkerung zur Anschaffung dieser Waffen und gegen die Ängste, die diese auslösen. Wenn sie gut durchgeführt sind, zeigen Aktionen des Widerstands eindeutig ihre hohe Moral. Das wird auch deinen eigenen Mut stärken, und viele werden deine Kampagne gutheißen.
  6. Sei geduldig
    Eine eindeutige Veränderung kann nicht über Nacht vollzogen werden. Wie zum Bau einer Kathedrale benötigt man dazu Jahre mühsamer Arbeit. Macht man eine gründlichere Analyse der Situation des Unrechts und der Unterdrückung, so wird man gewahr, wie festgefahren die Strukturen sind, die diese hervorbringen. Solche Strukturen können aufgelöst werden; das erfordert jedoch ein langfristiges Engagement und eine wohlausgedachte Strategie. Aktionen von Einzelkämpfern sind viel wirkungsvoller, wenn sie Teil einer gewaltfreien Kampagne sind, die nicht nur einige Monate, sondern Jahre hindurch fortgesetzt wird. Während dieser Zeit wird man manchen Misserfolg erleben und manchmal versucht sein aufzugeben. Deine Arbeit kann unter Umständen nicht nur erfolglos sein, sondern sich sogar negativ auswirken. »Versteife dich nicht auf den Erfolg«, riet Thomas Mann, »sondern auf das, was an der Sache selbst wertvoll, recht, wahr ist«. Um Niederlagen zu überleben und doch weiterzuarbeiten brauchen wir unsere gegenseitige Unterstützung, Vergebung, Phantasie und gelegentliche Feste; dann bleibt unser Kampf eine Tat der Liebe.

Einige praktische Ratschläge

  1. Sei phantasievoll
    Gewaltfreie direkte Aktion ist nicht gleichbedeutend mit Passivität oder Inaktivität. Zeige Phantasie in allen Stufen deiner Kampagne.
  2. Bereite die Teilnehmer deiner Kampagne gut vor
    Gründliche Vorbereitung, besonders für Demonstrationen und Aktionen des Widerstands, wird dazu beitragen, dass eine zielstrebige Gemeinschaft entsteht und sich jeder Teilnehmer sicher fühlt, weil er genau weiß, was geschehen soll. Das wird auch dazu beitragen, mit eventuellen Schwierigkeiten fertig zu werden und Einzelheiten aufzuzeigen, an die man vorher nicht gedacht hat und die stärker beachtet werden müssen.
  3. Verhandle mit dem Gegner
    Viele, die direkte Aktionen unternehmen, vernachlässigen oft einen der wichtigsten Aspekte einer gewaltfreien Kampagne: Verbindung mit dem Gegner zu pflegen. Gewaltfreiheit sollte die Möglichkeit offen halten, den Gegner zu bekehren oder sich mit ihm zu versöhnen. Information und Verhandlung darf nicht aussetzen, nicht einmal in der angespannten und aufregenden Lage einer Demonstration oder einer Widerstandsaktion.
  4. Untersuche Zwischenfälle
    Der Erfolg von Demonstrationen wird immer gesteigert, wenn störende Zwischenfälle in ruhiger, wirksamer und sorgfältiger Weise behandelt werden.

Weiterführende Literatur:
Wolfgang Hertie, Larzac 1971-1981; Der gewaltfreie Widerstand gegen die Erweiterung eines Truppenübungsplatzes in Süd-Frankreich
April Carter; Direkte Aktion; Leitfaden für den Gewaltfreien Widerstand
Theodor Ebert; Gewaltfreier Aufstand Alternative zum Bürgerkrieg
Albert Schmelzer Die Arche; Experiment einer Gesellschaft ohne Gewalt
Günter Gugel/Horst Furtner: Gewaltfreie Aktion; Ein Arbeitsheft
Deutsche Friedensgesellschaft
Vereinigte Kriegsdienstgegner e.V.
Landesverband Baden-Württemberg
Postfach 2144 76009 Karlsruhe

21 Kommentare

  1. Bärbel schreibt am :

    vielen Dank für den Artikel ,die Zeilen geben meine Erfahrungen durch erlebte nicht tätliche Gewalt wieder,und meine Einsicht….Gewalt erzeugt neue Gewalt,ich zitiere ,der Frieden ist der Weg,
    nur wenn es die Einsicht und der Wunsch und die Bereitschaft zur Versöhnung Einzelner und Vieler ist,können Gespräche auch durch Vermittler eine verfahrene Situation klären,
    es ist mitunter ein schmerzvoler Prozess,mit den Tugenden:Glaube,Hoffnug ,und Liebe können wir Vorbilder sein—–zu Bedenken ist aber auch,unsere Gesetzgebung,die zu wenig an die Opfer denkt,wenn die Politik dieser Menschen ,mit ihrem Leid auch gedenkt,
    auch die zu Unrecht Beschuldigten,durch die Justiz,können wir auf eine friedlichere und gewaltfreiere Gesellschaft hoffen vlG Bärbel

  2. Anna M. schreibt am :

    Ich kann in einem Forum für Betroffene einen Satz wie „Liebe deine Feinde“ nicht unkommentiert stehen lassen. Das würde übertragen bedeuten, dass dazu aufgefordert wird, seinen Täter zu lieben, denn der ist der Feind. Der einst lebensbedrohliche Feind.

    „Die Bereitschaft, Gewalt und Leiden auf sich zu nehmen und zu erdulden, kann oft den Ausschlag geben für eine Veränderung.“ Das ist ein Neuaufguß der alten Idee des christlichen Märtyrertums. Haben wir nicht genug gelitten?
    Die Idee, gewaltfrei politisch zu handeln klingt erst mal gut, aber warum muß das bitte mit solch einer religiösen Haltung verknüpft sein?
    Warum braucht man dazu die Idee der Vergebung? Warum sollte man Rücksicht auf die Schwäche, Verlegenheit und Furcht des Gegners nehmen? Hat der ein Kind vergewaltigende Täter Rücksicht auf dessen Schwäche oder Furcht genommen?
    Wenn ich mich in diese Art einer gewaltfreien Aktion hineinbegebe, bin ich bald in einer masochistischen Position. Fortsetzung des Sado-Maso-Musters (Opfer-Täter-Konstellation) aus der Kindheit.
    Klar auch, dass aus solch einer Position heraus politisch nicht viel erreicht werden kann. Darum wird gleich vorgebeugt „Sei geduldig“ (Punkt 6)

    Nehmen wir mal an, der Feind/Gegner sei nicht der Täter, sondern eine Täterinstitution oder die Politik. Auch hier kann dieses Konzept nicht greifen. Erfahrungsgemäß reagieren Täterinstitutionen oder die von Tätern durchseuchte Politik nur auf enormen Druck. Wie will ich Druck erzeugen, wenn ich meinen Feind doch lieben soll? Das ist ein Spagat, der einem Opfer/Betroffenen zuviel abverlangt und der ihn letztlich handlungsunfähig macht, und in der Opferrolle belässt.

    Nach dem Faux-pas mit dem Versöhnungsangebot nach Rom (es gibt tatsächlich Betroffene, die Hoffnung hatten, dass Papst Franziskus „uns“ erhört!) jetzt das hier, das ist ein bisschen dicke.

    Ich möchte bitten, dass netzwerkB zu seiner opferunterstützenden Haltung im Punkto Vergebung steht, wie sie im Positionspapier „Mythos der Vergebung“ http://netzwerkb.org/2012/01/24/mythos-der-vergebung/ zum Ausdruck kommt und nicht solch einen Schlingerkurs fährt, der Betroffene enorm verwirren kann.

  3. Lili schreibt am :

    @ Anna M.:

    „…und nicht solch einen Schlingerkurs fährt, der Betroffene enorm verwirren kann.“

    Genau, ich kann dem nur zustimmen! Mir war das auch zuviel Alleingang, vor allem mit der Begründung: 20 Jahre Aufarbeitung – Zeit für neue Wege. Das mag für Norbert Denef selbst gelten, aber für viele andere Betroffenen nicht!!
    Gibts da nicht auch einen Begriff dafür: Das „Stockholmsyndrom“?? Wenn man sich aus Macht-und Hoffnungslosigkeit mit dem Peiniger verbünden will, nicht von ihm loskommt?
    Eine Falle, wenn ihr mich fragt, bitte nicht vergessen: Wir haben noch nichts erreicht…

  4. hildegard schreibt am :

    Versöhnung ein Faux-pas???

    Versöhnung setzt Einsicht und Bekennen voraus.
    Versöhnung soll Gerechtigkeit und Frieden ermöglichen.
    Versöhnung verlangt weder Vergebung noch Verzeihen.
    Versöhnung braucht Augenhöhe!!!

  5. hildegard schreibt am :

    „Die Geschichte hat uns immer wieder gelehrt dass es, wenn man sich auf eine kleine Gruppe als Ursache der Ungerechtigkeit konzentriert, zur Verachtung menschlichen Lebens kommt und sogar soweit führen kann dass man die Gründe der Ungerechtigkeit nicht mehr erkennt. Gewaltfreiheit erfordert eine stetige und bewusste Bereitschaft die Achtung vor allen menschlichen Wesen zu trennen von der Missachtung dessen was manche Menschen in einer gewissen Situation tun.“

    Respekt vor jedem Menschen, nicht aber vor den Untaten dieses Menschen!

  6. Noch_ein_Leserkommentar schreibt am :

    Das Papier stammt aus der Bürgerrechtsbewegung und der Friedensbewegung. Es erklärt, wie man friedliche Aktionen machen kann. Die Aktion von Norbert Denef in Rom im November 2013 zeigt, dass man Aktionen wirksam und zugleich gewaltfrei machen kann.

    Norbert adressierte die Römisch-katholische Kirche, nicht die Täter. Das sollte eigentlich klar sein.

    Natürlich ist eine Versöhnung nicht ohne Aufklärung möglich. Der Heilige Stuhl muss die Öffnung der Archive durchführen.

    Die Betroffenen müssen endlich Anerkennung und eine menschenwürdige Entschädigung erhalten, die den erlittenen Schaden im Leben bis hin zu den gesundheitlichen oder sogar beruflichen Folgen in einer angemessenen Form kompensiert.

    Nicht zuletzt dürfen die Menschen, die die Verbrechen und die Täter beim Namen nennen, nicht länger als „Nestbeschmutzer“ ausgegrenzt werden. Der Mut der Menschen, die das Schweigen brechen, muss auch anerkannt werden.

  7. Lili schreibt am :

    @ Hildegard

    „…Respekt vor jedem Menschen, nicht aber vor den Untaten dieses Menschen!“

    Bei manchen Menschen könnte man aufgrund ihrer Untaten allerdings durchaus anfangen am Menschsein zu zweifeln…
    Ich finde tatsächlich, dass Norbert zuviel NUR von seiner eigenen Geschichte ausgeht und die Opfer im familiären Umfeld vergisst. Da gibt es doch wirklich unverzeihliche Fälle!

  8. hildegard schreibt am :

    Lili, ja und? Du hättest …, ich hätte …, Uwe-Doro-Anna […] hätten alles ganz anders gemacht. Jeder ist ein eigener Mensch.
    Ergo ist N.D. schweigend beim Schweigenbrechen, bist du, bin ich, sind Uwe-Doro-Anna[…] so wie wir eben sind OKAY. Jeder tut oder lässt genau das, was SEINS ist.

    Kein Mensch muss sich im Vergleich mit anderen für sein Tun und Lassen rechtfertigen – kleinkarierter dürfen wir nicht denken, das schadet uns selbst und der Sache.

  9. Lili schreibt am :

    @ Hildegard

    …man wird wohl noch kritisieren dürfen…

    Denn was man MACHT ist natürlich nicht immer OKAY!

  10. Lili schreibt am :

    P.S.:

    „Kein Mensch muss sich im Vergleich mit anderen für sein Tun und Lassen rechtfertigen…“

    Hildegard, hier irrst Du dich, wie ich finde:

    Wenn es um das Privatleben geht, muss man das natürlich nicht (ausser es geht um häusliche Gewalt), aber als Sprecher einer Organisation spricht man eben auch im Namen anderer, und dann muss man sich sehr wohl für sein Tun rechtfertigen!

    Dieser Punkt ist auch schon öfter angesprochen worden…das hat mit kleinkariert nichts zu tun…

  11. Lisbeth schreibt am :

    Ein paar Gedanken zu dem Austausch hier über Gewaltfreiheit als Weg für politische Aktion:
    Wir alle hier in diesem Forum sind Opfer und Überlebende von Gewalt. Wir haben gelitten, sind beinahe ganz zerstört worden an Seele und Geist und haben einen langen Weg hinter uns wieder ins Leben zu finden. Jeder Weg ist da ganz individuell. Es gibt keinen Wettbewerb darin, wie viel (oder mehr) jemand gelitten hat, oder wie erfolgreich er/sie dieses Leid überwunden hat.

    Wut ist – wenigstens in meiner Erfahrung – eine sehr wichtige Erfahrung. Als misshandelte Kinder ist uns unsere Wut und damit jede andere Emotion geraubt worden. Als Erwachsene haben wir tiefe Depressionen erfahren und durchlebt. Depressionen als Funktion einer permanenten Unterdrückung auch der Wut, die wir ja als Kinder nicht empfinden durften – gegen die Ungerechtigkeit, die uns angetan wurde.
    Für viele ist deswegen das Finden und Erleben unserer Wut eine sehr heilsame Erfahrung – kann es doch auch das Tor zu der ganzen Palette an menschlichen Emotionen öffnen (und dazu gehört auch Liebe und Freude) und auch letztendlich den Weg dahin führen, dass wir wieder zu uns finden und bei uns sind und ganz entschieden auf unserer Seite stehen.
    Wut hat unsere Täter gefüttert in ihrem destruktiven Handeln gegen uns und andere Opfer.
    Wut bzw. unterdrückte Wut ist damit das Elixier, das die ganze Opfer-Täter-Opfer-Dynamik am Weiterleben hält.

    Und: Gewalt gegen Kinder (jeglicher Art!) ist ein strukturelles Problem. Unsere gesellschaftlichen Strukturen sind durch unsere Erziehungsparadigmen darauf ausgerichtet, dass Kinder mit Gewalt in eine Form gegossen werden, die wiederum genau diese gesellschaftliche Form weitererhält. (Also: ich schlage dich um einen ‚besseren‘ Menschen – lies: angepassten – Menschen aus dir zu machen. Gleichzeitig lehre ich dich, dass du mich lieben musst. Auf Kosten dessen, dass du dich selbst verlierst – Viertes Gebot. Dann forme ich dich so, dass du das gleiche deinen Kindern antust und so schließt sich der Kreis.)
    Wenn wir Strukturen ändern wollen, müssen wir auch aus den darunterliegenden Verhaltensweisen ausbrechen.
    Wenn wir uns nur auf unser Dagegensein stützen (gegen Gewalt, gegen Krieg, gegen die Umweltzerstörung, etc.) bleiben wir innerhalb der Strukturen, die wir doch als so zerstörerisch in unserem Leben erfahren haben.
    Das ist dann immer noch ein Ausdruck unserer Ohnmacht – eben der Ohnmacht, der wir als Kinder (und dann als Erwachsene) doch so schmerzlich ausgesetzt waren.
    Wenn wir Strukturen ändern wollen, müssen wir diejenigen sein, die die Vision halten, wie es auch anders gehen kann.
    Und das hat mit dem christlichen Gesülze von Nächstenliebe und Vergeben nun gar nichts zu tun – das sind doch einfach Worte und Konzepte, die sich die Kirche – leider erfolgreich – in ihrem Streben nach Macht und ihrer Ausübung von Gewalt über die Jahrhunderte zu eigen gemacht hat.
    Und zu wissen, dass man einen langen – und nicht immer einfachen – Weg vor sich hat um eben Gewaltstrukturen zu ändern hat nun wirklich nichts mit Märtyrertum zu tun, sondern damit dass man eine Vision hat und an der auch festhält.
    Lasst uns wissen, woFÜR wir sind und lasst uns diese Vision halten und gewaltfrei verfolgen. Nur so können wir unseren Beitrag dazu leisten, die Täter-Opfer-Täter-Dynamik aufzubrechen.

  12. hildegard schreibt am :

    @Lili – keine Frage, und bitte konstruktiv!! Aber:
    Der Mensch stand an seinem sehr privaten Gedenktag 4 Stunden lang genau an dem Ort, von dem aus sexualisierte Gewalt im Namen „Gottes“ (für alle Welt!) quasi hoffähig ge-macht worden ist. Er konnte nicht anders als schweigend die 35 Jahre seines eigenen, eines fremd-bestimmten Schweigens zu brechen, bis ihn die Kräfte verließen.
    Am „So-Sein“ eines Menschen kann keine Kritik kratzen – er ist wie er ist!!
    Drum denk ich:
    Kleinkariertes Kritisieren an dem, was einen Menschen ausmacht, bringt uns keinen Schritt weiter ans Ziel! – Nenn es ‚Herumnörgeln‘ und du weißt so gut wie ich, es vergiftet die gute Atmosphäre, es lähmt unnötig, es schadet uns selbst, es verschleiert die Sache …

    Gewaltfrei war diese Aktion – nicht mehr, nicht weniger – und das ist gut so!

    Dass es sich – auch bei dieser Aktion! – um ein „Politikum höchster Priorität“ dabei gehandelt hat, das kam offenbar bei Presse, Papst und Politik noch immer nicht an („denn sie wissen nicht was sie tun“ …)!

  13. hildegard schreibt am :

    „Wenn wir Strukturen ändern wollen, müssen wir auch aus den darunterliegenden Verhaltensweisen ausbrechen.“ – Unerwartetes zu tun soll heilsam sein bei Symptomen wie Erstarrung und Hilflosigkeit …

  14. hildegard schreibt am :

    Lili, … als Sprecher einer Organisation hat er nicht nur das Recht, er hat sogar die PFLICHT authentisch zu bleiben – als „Marionette“ verlöre er meinen Respekt, so wie all die „Bücklinge“ in anderen Abhängigkeitsverhältnissen auch!!
    WIR stehen dann auf gleicher Ebene, wir lassen ihn tun UND wir brauchen uns nicht zu entschuldigen für etwas, das uns nicht möglich, uns ’nicht im Traum eingefallen‘ wäre … 😉

  15. Rüdiger Kreissl schreibt am :

    Hallo Hildegard
    Am “So-Sein” eines Menschen kann keine Kritik kratzen – er ist wie er ist!!

    Wenn das jeder für sich beanspruchen würde, endet es in der Anarchie. Sicher hat Herr Denef ein recht seinen persönlichen Empfindungen Ausdruck zu verleihen, doch nichts anderes tun auch die, die sich mehr gemeinsam getragene Aktionen wünschen. Für mich führt man Menschen nur dann wenn man hinter ihnen geht und in einem Verein wie netzwerkB sollte eine Beteiligung der Mitglieder nicht nur wünschenswert sein, sondern viel mehr auch gelebt werden. Sollte der Vorstand das anders sehen wäre der Zeitpunkt nicht schlecht das mal klar zu stellen, damit man weiß ob sich eine Beteiligung als einfaches Mitglied lohnt.

    Zum Thema Versöhnung gibt es unterschiedliche Auffassungen. Ich persönlich lehne eine Forderung nach dieser ab, da ich keine Schuld zu begleichen habe. Mir erscheint von daher die Aufforderung an uns Opfer falsch adressiert.

    Das einzige was ich meinen Tätern nicht antue ist körperliche Gewalt, ansonsten gibt es ihnen gegenüber wenig Grund zur Zurückhaltung. Deshalb ist es auch wichtig sich mit den Gedanken der Mitglieder zu beschäftigen und es wäre zur Klärung hilfreich sich der ein oder anderen Mitgliederbefragung zu stellen. Überhaupt wäre ein eigenes Forum wünschenswert, wo wir uns kennenlernen und gemeinsame Aktionen planen könnten.
    Doch noch wichtiger erscheint mir darauf hinzuweisen, das wir mehr nach unseren Gemeinsamkeiten und dem was uns verbindet suchen, wie nach den Fehlern des anderen. Darüber freuen sich nur die Täter.

    Eine Stimme ein Tropfen, viele Stimmen ein Meer.

    Rüdiger

  16. Lili schreibt am :

    @ Hildegard

    Das hat mit „Marionette“ nichts zu tun, wenn man sich mit anderen abspricht!
    Ich glaube wir reden einfach völlig aneinander vorbei, und wenn ich hier nicht einmal mehr meine Meinung sagen darf, klinke ich mich gerne aus…

  17. Anna M. schreibt am :

    Hallo Lisbeth,
    da hast du mich offensichtlich missverstanden:
    „Und zu wissen, dass man einen langen – und nicht immer einfachen – Weg vor sich hat um eben Gewaltstrukturen zu ändern hat nun wirklich nichts mit Märtyrertum zu tun,“
    Ich habe nicht das von dir Erwähnte als Neuaufguß des christlichen Märtyrertums bezeichnet, sondern die in dem Papier vorkommende Formulierung: „Die Bereitschaft, Gewalt und Leiden auf sich zu nehmen und zu erdulden, kann oft den Ausschlag geben für eine Veränderung.“

    Ansonsten stimme ich dir in den meisten Punkten zu.
    Allerdings schätze ich die Wirkung und Wirksamkeit der religiösen Vergebungs-Konzepte anders ein: sie sind höchst virulent, im religiösen Bereich wie in der Psychotherapie. Sie sind hochgefährlich und können nur entschärft werden, wenn man sie immer wieder benennt, auch wenn sie in einem liberalen Gewand (wie hier aus der Friedensbewegung) daherkommen. Denn diese Konzepte nützen nur den Tätern und verschließen Opfern den Mund.
    Für Opfer ist das eine große Erleichtung, wenn sie sich nicht mehr zwingen müssen zu vergeben.

    Wenn man sich gegen etwas auspricht, heißt das doch nicht automatisch, daß man keine Vision hat, oder?

    Ich bin für gewaltfreie Aktionen, aber ohne den Vergebungs- und sonstigen religiösen Ballast.

  18. hildegard schreibt am :

    Mit dieser und mit anderen bedingungslos gewaltfreien Aktionen werden wir eines nicht mehr allzu fernen Tages das Schweigen besagter „Schrumpf-Herden“ und ihrer gewissenlosen „Hirten“ brechen können.
    Wir stehen erst am Anfang vom Ende einer Gewaltherrschaft von sich „christlich“ nennenden Gutmenschen mit allzu hoch getragenen Nasen …
    Der Weg der Gewaltlosigkeit wird uns alle, die bereits mit den Füßen abgestimmt haben, resp. es noch tun, in einen Frieden führen, den die Welt noch nicht kennt.
    Es wird ein steiniger Weg dahin sein …

    Leute, lasst euch einfach INSPIRIEREN von dem, der sich auf den Petersplatz stellte und einfach nur gegen tödliches Schweigen schwieg!

  19. Lili schreibt am :

    @ Anna

    „Ich bin für gewaltfreie Aktionen, aber ohne den Vergebungs- und sonstigen religiösen Ballast.“

    Super! Ist mir aus der Seele gesprochen…

  20. hans schreibt am :

    schweigsam zu sein,ist laut. Aber nur, wenn das Gegenüber davon spricht.Gemeinsames Schweigen als Aktion hat Wirkung im mü-Bereich.
    Wer verändern will muss in einer schrillen Gesellschaft laut sein.Wer schweigen möchte,verlangsamt die Zeit und wird vergessen.

  21. Romanoff schreibt am :

    der Papst hat mich richtig enttäuscht. Kinnhaken als gegen Reaktion für Meinungsfreiheit.  Das ist Nicht Normal.!!!!

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