Bedingungsloses Grundeinkommen

25.05.2016: netzwerkB

netzwerkB Positionspapier ‘Bedingungsloses Grundeinkommen‘
(als PDF herunterladen)

Das derzeitige System der globalisierten Finanz- und Wirtschaftspolitik wirkt sich auf Wirtschaft, Arbeitswelt und damit auf die Gesamtgesellschaft so aus, dass die Umverteilung von Kapital und Wohlstand von unten nach oben immer rasanter voranschreitet. Ehemals gut bezahlte Jobs gehen durch die zunehmende Technisierung verloren, und der Wert der Arbeit verringert sich ständig. Die Unterschicht fühlt sich immer mehr entfremdet und der Mittelstand schrumpft, während die Oberschicht über einen prozentual ständig wachsenden Anteil an Einkommen und Vermögen verfügt. Als Konsequenz prägen Existenzangst und Konkurrenzkampf das Miteinander im sozialen Gefüge.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde die gravierenden Auswirkungen des neoliberalen Wirtschaftssystems auffangen, indem es jedem Bürger eine wirtschaftliche Basis und damit Teilhabe an der Gesellschaft garantiert – ohne Berücksichtigung von individuellen Fähigkeiten und Lebensverläufen.

Dies könnte die gesellschaftliche Sprengkraft einer ständig wachsenden Ungleichheit, die letztendlich dabei ist, die Grundfeste der Demokratie zu erschüttern – wie es Jürgen Habermas schon 1973 in seinem Buch ‚Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus‘ dargestellt hat – entschärfen und eine positive Basis – nämlich Freiheit, Respekt und Teilhabe – für ein friedvolleres gesellschaftliches Miteinander schaffen.

Wenn jeder eine Garantie dafür hat, dass seine Grundbedürfnisse gestillt sind, bedeutet das für jeden individuell eine erlebte Freiheit von Existenzängsten und eine Teilhabe am Reichtum der Gesellschaft. Dies wiederum kann Energien freisetzen, so dass viele einen konstruktiven Beitrag zur Gesellschaft leisten können und dies auch wollen, ohne dass Eigeninitiative – in einem Streben nach mehr Wohlstand – sich wirtschaftlich mehr zu betätigen, verringert würde.

Was hat dies alles mit dem Thema sexualisierter Gewalt und Misshandlung in der Kindheit zu tun?

Gewalt in der Kindheit – jegliche Form von Gewalt – beeinträchtigt die freien Entwicklungsmöglichkeiten des betroffenen Kindes – das Erreichen des eigenen Potenzials wird vermindert oder sogar ganz verunmöglicht. Fakt ist dass viele Betroffene von Gewalterfahrungen in der Kindheit oft mit weitergehenden Schwierigkeiten der Anpassung und erheblichen Problemen in sozialen Beziehungen zu rechnen haben und nur bedingt fähig sind sich in die Strukturen der sogenannten Leistungsgesellschaft erfolgreich einzugliedern. Der Zusammenhang von Traumatisierung in der Kindheit und den wirtschaftlichen Verlusten über die folgende Lebenszeit ist zwar wissenschaftlich noch nicht erfasst – die Vermutung liegt jedoch nahe, dass der Anteil derer, die in der Kindheit Missbrauch im familiären oder institutionellen Bereich erlitten haben, sich auffällig häufig später im Hartz-IV-Bezug wiederfinden. In der derzeitigen gesetzlichen Situation (Verjährungsfristen und keine Anzeige- und Meldepflicht bei sexualisierter Gewalt) ist es in den meisten Fällen nicht möglich, die Täter bzw. die Täterinstitutionen wenigstens für den wirtschaftlichen Schaden für das Leben des Betroffenen zur Verantwortung zu ziehen.

Hilfsinstitutionen wie das Opferenschädigungsgesetz oder jetzt auch der Missbrauchs-Fond, an die sich Betroffene für geringfügige finanzielle Hilfen wenden können, folgen Verwaltungsprozessen, die Betroffene weiterhin in der Rolle des Bittstellers einzementieren, eine weitere tiefe Demütigung, der sich viele nicht gewachsen fühlen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde gerade auch Betroffenen von Gewalt in der Kindheit eine kleine Bestätigung geben, dass diese Gesellschaft zwar nicht imstande war, sie als Kinder vor Gewalt zu schützen, aber ihnen als Erwachsene wenigstens einen bescheidenen Lebensstandard garantieren will. Die Sicherung der Lebensbasis symbolisiert eine gewisse Normalität nach völlig gegenteiligen Erfahrungen. Die Gesellschaft solidarisiert sich – Teilhabe bedeutet Menschenwürde, Respekt ist Menschenrecht.

Für Rückfragen:
netzwerkB – Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt e.V.
Telefon: +49 (0)4503 892782 oder +49 (0)160 2131313
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