Offener Brief – katholische Gemeinde Delitzsch

21.12.2006

An die katholische Gemeinde St. Maria in Delitzsch

Liebe Kinder und Jugendliche, sehr geehrte Damen und Herren,

Als Kind und Jugendlicher wurde ich durch den ehemaligen Vikar der Gemeinde Alfons Kamphusmann und einen weiteren Kirchenangestellten jahrelang sexuell missbraucht – mit schrecklichen Folgen für mich und mein Leben.

Als ich es 1993 endlich wagte, meine 35 jährige Schweigemauer im Familienkreis und im Beisein der beiden Täter zu zerbrechen, wurde ich von meinen Geschwistern als „Nestbeschmutzer“ ausgegrenzt.

In meiner Not habe ich mich an Pfarrer Armin Kensbock in Delitzsch gewandt und ihn um Hilfe und Unterstützung gebeten. Obwohl der sexuelle Missbrauch vor seiner Zeit stattgefunden hatte, wendete ich mich dennoch vertrauensvoll an ihn, da ich in ihm einen offiziellen Vertreter der katholischen Kirche sah, um die Verbrechen von Pfarrer Kamphusmann und des Kirchenangestellten anzuzeigen. In einem längeren Gespräch erzählte ich ihm meine ganze Geschichte. Ich bat ihm um Hilfe, mich bei der Aufarbeitung dieser Verbrechen zu unterstützen. Ohne jegliche Stellungnahme hörte er nur schweigend zu und sagte, dass er darüber nachdenken muss und sich bei mir melden wird.

Ende April 1994, also 4 Monate nach dem ich ihn um Hilfe gebeten hatte, teilte er mir schriftlich mit: „Ich kann und will Sie dabei nicht unterstützen, da ich es nicht verantworten kann, schlimmstenfalls müsste ich die Folgen mit erleiden und mit ertragen.“
Danach war wie ich wie gelähmt und fühlte mich ohnmächtig.

Durch diese unterlassene Hilfeleistung haben die traumatischen Erlebnisse des sexuellen Missbrauchs verstärkt mein Leben beeinflusst. Erst einige Jahre später war ich dazu in der Lage, mich deshalb an den Bischof von Magdeburg und an den Papst zu wenden, um dieses Vorgehen aufzuklären. Leider musste ich feststellen, dass sich an der institutionellen Geheimhaltungs- und Schweigepraxis von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche, mit den verheerenden Folgen für die Opfer, nach wie vor nichts geändert hatte. Die von mir angezeigten sexuellen Verbrechen bei Pfarrer Kensbock, wurden verschwiegen, verleugnet und vertuscht.

Warum arbeitet die Kirchenführung die Vergangenheit nicht auf und versetzt stattdessen Pfarrer Kensbock nach Köthen? Damit wird wieder nur alles verschwiegen und unter den Teppich gekehrt!

Schließlich liegt von beiden Tätern ein schriftliches Tateingeständnis vom Bistum Limburg vor, es geht also nicht mehr darum, ob die Verbrechen stattgefunden haben, oder ob ich wirklich dadurch Schaden genommen habe, denn dass konnte ich durch Gutachten nachweisen.

Als Opfer fühle ich mich sehr verletzt, wenn Mitglieder ihrer Gemeinde öffentlich sagen: “Ich möchte mich nicht äußern dazu. Weil mich das gar nichts angeht. Das Thema wollen wir nicht berühren. Ja den Quatsch, den können sie sich an den Hut stecken.”

Diesen „Quatsch“ habe ich 35 Jahre lang versucht mir an den Hut zu stecken. Es hat nicht funktioniert, mein Körper reagierte mit Krankheiten.
Ich bitte Sie um eine öffentliche Stellungnahme zu den Äußerungen Ihrer Gemeindemitglieder, sowie um eine Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse – geben Sie den Opfern eine Möglichkeit ihre schreckliche Vergangenheit aufzuarbeiten.

Schaffen Sie eine vertrauensvolle Basis und nehmen Sie eindeutig Stellung zu diesen Verbrechen, damit die Opfer keine Angst mehr vor Repressalien haben müssen, wenn sie ihr Schweigen brechen.

Opfer von beiden Tätern erzählten mir, dass sie ihren Namen nicht öffentlich nennen könnten, weil sie dadurch berufliche Nachteile befürchten. Andere wiederum vermuten, von der Kirchengemeinde ausgegrenzt zu werden, wenn sie ihr Schweigen brechen.

Übernehmen Sie Verantwortung und verändern Sie etwas an diesen Zustand, sorgen Sie dafür, dass die Opfer „ungestraft“ über ihre schrecklichen Erlebnisse frei reden können.

Es kann doch nicht weiter einfach so getan werden, als habe es die Verbrechen von Kamphusmann und dem Kirchenangestellten in dieser Gemeinde nie gegeben.

Noch einmal: Kamphusmann und der Kirchenangestellte haben die Verbrechen gestanden, und das wurde schriftlich festgehalten. Ihre Opfer leben weiter hier und in dieser Kirchengemeinde und sind durch solche Äußerungen, wie sie öffentlich und vor Fernsehkameras gemacht wurden, tief verletzt, ganz abgesehen davon, dass solche Kälte und Gefühllosigkeit ein schreckliches Licht auf die ganze Gemeinde wirft, das weiß ich von Menschen, die die Sendung im MDR gesehen haben und zutiefst schockiert waren.

Um aus der bestehenden Sprachlosigkeit herauszufinden, schlage ich folgendes vor:

  1. Unter hinzuziehen eines unabhängigen, beiderseits akzeptierten Konflikthelfer (Ombudsmann), in einer öffentlichen Veranstaltung gemeinsam mit den Opfern und Gemeindevertretern, einen Weg zur Aufarbeitung festlegen.
  2. Die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz in die Tat umsetzen, dort heißt es nach V, 10: „Im Umfeld von Täter und Opfer werden Maßnahmen zur Überwindung von Irritationen, Sprachlosigkeit und Trauer getroffen. Im Einzelfall wird, wenn nötig, ein Netzwerk angeboten, dass einer Isolation des Opfers und seiner Familie entgegenwirkt.“
  3. Von den Verantwortlichen des Bistums Magdeburg ein klares Bekenntnis und Übernahme von Verantwortung einfordern – da sich der fortgesetzte sexuelle Missbrauch durch Angehörige des damaligen erzbischöflichen Kommissariats Magdeburg letztendlich nur deshalb ereignen konnte, weil die Verantwortlichen nicht frühzeitig wirksam eingeschritten sind, sondern durch die damals übliche Strafversetzungs-, Geheimhaltungs- und Schweigepraxis die Täter gedeckt und damit weiteren Missbrauch ermöglicht haben.

Freundliche Grüße

Norbert Denef

Der Kirchenvorstand hat dieses Schreiben am 26. Juni 2006 nur „zur Kenntnis genommen“. Mit mir gesprochen hat er kein einziges Mal.

Schweigen ist der Tod – bitte reden Sie mit mir!

6 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Denef,
    als Teilnehmerin des Leipziger Kongresses „Körperpotenziale“ bin ich auf ihre Webseite und den offenen Brief aufmerksam geworden. Ihre Geschichte und ihre Erlebnisse beim Aufdecken des Missbrauchs sind
    erschütternd aber leider typische Realität. Hier heißt offenbar die Devise „lieber das Opfer als den Täter ausgrenzen“. Dadurch machen sich nicht nur die verantwortlichen Herren der kath. Kirche, sondern auch die Institution Kirche sowie die schweigenden Mitwisser selbst zum Mittäter und damit schuldig.
    Meiner Meinung nach hilft ein Hinweis auf die Täterschaft hier nicht viel; lediglich eine Verurteilung durch ein bürgerliches Strafgericht bringt die Herren zum Handeln, zumal ja auch Geständnisse vorliegen.

    Noch erschütternder als die Reaktion des christlichen Trägers, finde ich allerdings die Nichtreaktion der Gemeindemitglieder auf Ihren offenen Brief: seit 21.12.2006 kein Kommentar. Dazu kann ich nur sagen: „Kein Kommentar“, sonst müsste ich meinerseits ausfallend und verletzend werden.

    Ihnen kann ich nur wünschen rechtzeitig die Grenze zu erkennen, wann Ihr Kampf um Gehörtwerden, Verantwortungsübernahme und Unterstützung im Kampf gegen die (Mit-)Täter/Wisser Ihnen mehr schadet als nützt, und rechtzeitig loszulassen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Brigitte Seelmann-Eggebert

  2. Sehr geehrter Herr Denef,

    bei mir dauerte der Missbrauch zwar nicht so lange, doch als ich das erste Mal missbraucht wurde, war ich gerade 5. Derjenige, der mir das angetan hat, lebt schon länger nicht mehr, aber unter den Folgen leide ich noch heute. Deswegen ist das, was Sie machen, absolut unterstützenswert! Jedes missbrauchtes Kind ist ein Opfer zuviel! Machen Sie auf alle Fälle weiter!

    Mit freundlichen Grüßen

    Patrick-Peter Schmidt

  3. Sehr geehrter Herr Denef,

    ich bewundere Ihren Mut und Ihren Wunsch danach, konstruktive Lösungen zu finden für diese Dinge, die da passieren. Ich hoffe auch, dass Sie sich trotzdem einen Glauben an den Herrn bewahren können und dass diese Verbrechen, die von Verbrechern begangen wurden, nicht von Gottesmännern, Sie nicht so verletzt haben, dass Sie sich enttäuscht und verletzt abwenden. Ich kann Ihnen nur bestätigen, dass es einen liebenden Gott gibt, der gerecht vergilt, der tröstet und der all diese Dinge genau sieht. Ich hoffe, dass Sie zu ihm beten und um Antwort fragen, denn dann wird er Ihnen antworten. Es gibt einen Sinn in all diesen Dingen, das weiß ich. Ich bete für Sie und hoffe, Sie können vergeben…bitte denken Sie nicht, das seien leere Worte, die ich hier schreibe. Ich kann in keinster Weise nachvollziehen, was Ihnen widerfahren ist, aber ich weiß, dass Gott ein jedes seiner Kinder liebt und einen Plan für es hat. Ich weiß, dass es einen Gott gibt, dass er lebt und dass er Antwort gibt, wenn wir aufrichtigen Herzens zu ihm beten.

    Ich wünsche Ihnen alles Gute von Herzen!

    Sebastian Nobile, Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage

  4. Kurt Reinartz schreibt am :

    Sehr geehrter Herr Denef,

    wie Ihnen geht es vielen, wir hören immer wieder davon. Wir haben es mit einer Organisation zu tun, die seit Jahrhunderten diese Praktiken durchführt. Das Zöllibat verstärkt diese Neigung von perversen kranken Menschen. Die Religionen, insbesondere die katholische, ist nur ein Schutzmantel für die Empfindungen.

    Wir Opfer müssen alle Aufstehen und diese Wahrheit sagen, uns aber gleichzeitig nicht von den entstandenen Schmutz im eigenen Leben verunsichern lassen. Denn die Erniedrigung ist bei Missbrauch an Kindern ein Hauptmotiv und soll uns über Jahre hinweg hörig machen.

    In diesem Sinne,

    Kopf hoch.

  5. Pia Survivor schreibt am :

    Hallo

    Wir alle haben es mit einer oder vielen Organisation zu tun (von pädophilen die nicht nur einzeln agieren), die seit Jahrhunderten diese Praktiken durchführen. Die Erniedrigung, Missbrauch an Kindern soll uns über Jahre hinweg hörig machen. Damit diese Organisation- Organisationen sich weiterhin nach Lust und Laune bedienen können wann und an wem und wo sie wollen, müssen wir uns wehren.
    Ja Perverse vereinigen sich, haben ein Lobby, Opfer nicht!
    Also Opfer vereinigt euch, findet kreative Möglichkeiten, euch leicht schnell zu erkennen und verständigen und verteidigen.

    Pia

  6. Galab Fyori schreibt am :

    Hey Leute,
    ich kann nachvollziehen was in vielen Menschen vor sich geht, denn ich habe es auch hinter mir, ich bin auch ein Opfer. Weil es verjährt ist, gab es für den Täter keine Strafe.
    Ich möchte gerne helfen, denn ich bin Beraterin für Gehörlose und auch Missbrauchopfer. Ich habe eingesehen, dass ich nicht immer nur das Opfer sein möchte. Ich will anderen Opfern helfen damit zu Leben, auch wenn es nicht immer einfach ist.
    Hier ist meine e-Mail: fyori-galab [at] hotmail.de

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