Nach dem Bruch meiner Schweigemauer

16.02.2007

Nach dem Bruch meiner Schweigemauer, beim Familientreffen am 6. November 1993, suchte ich Hilfe.
Aus den Büchern wusste ich einiges über Selbsthilfegruppen, wie sie arbeiten und welche Möglichkeiten einer Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit dort möglich ist. Ich ging auf die Suche nach einer solchen Gruppe. In Frankfurt, so dachte ich, sollte das kein Problem sein – ich hatte mich geirrt! „Wenn du in deinem Ort die Hilfe nicht findest die du erwartest, dann werde aktiv und stell selber etwas auf die Beine.“ An diesen Satz erinnerte ich mich, den ich irgendwann einmal gelesen hatte.
Ich beschloss eine Selbsthilfegruppe zu gründen, für Frauen und Männer gemeinsam. Beide haben das gleiche erlebt, warum sollten sie nicht gemeinsam aufarbeiten, sich gegenseitig dabei helfen – das waren meine Gedanken die mich zur Aktivität trieben.
Ich suchte eine „seriöse“ Zeitung im Raum Frankfurt und entschied mich für die Frankfurter Rundschau. Dort wollte ich eine Anzeige aufgeben, um Teilnehmer für die Selbsthilfegruppe anzusprechen. Mit einer Absage hatte ich nicht gerechnet, man teilte mir mit, „dass in der Frankfurter Rundschau keine Anzeigen zur Gründung einer Selbsthilfegruppe – Sexueller Kindesmissbrauch – veröffentlicht werden.“ Aufgeben wollte ich nicht, also griff ich wieder zum Telefonhörer, und ließ mich diesmal nicht mit der Anzeigenabteilung, sondern mit dem redaktionellen Teil verbinden und sagte: „Wenn Sie Interesse an einer Geschichte über sexuellen Missbrauch haben, dann bin ich bereit dazu Ihnen meine zu erzählen, unter einer Bedingung, die Gründung meiner Selbsthilfegruppe muss im Artikel erscheinen.“ Schon am nächsten Tag wurde meine Geschichte aufgenommen und kurz danach veröffentlicht. Auf Grund dessen meldeten sich Teilnehmer – die Selbsthilfegruppe hat zwei Jahre lang zusammen gearbeitet.

6 Kommentare

  1. Heike schreibt am :

    Hallo.
    Auch ich möchte eine Selbsthilfegruppe gründen, traue mich aber nicht an die Öffendlichkeit weil ich selbsständig bin und in einer ländlichen Region lebe.
    Haben sich viele Betroffene für die Gruppe gemeldet?
    Ich weiß nicht wie ich es anfangen soll, die Behörden sind keine Hilfe!.
    Heike

  2. astrid schreibt am :

    @Heike – Selbsthilfegruppe. Ich habe mal eine gegründet, es ist nicht so einfach, weil sich zwar viele Frauen dafür interessierten, aber dann auch viele wegblieben – man braucht schon eine gewisse Stabilität, um dabei bleiben zu können. Aber versuchen! Wenn Du Dir eine Mail-Adresse einrichtest extra dafür, kannst Du doch einfach Anzeigen aufgegen mit der Adresse als Anlaufstelle. Und vielleicht ein paar Ärzten und Psychotherapeuten bescheidgeben oder fragen, ob Du Zettel auslegen darfst? Viel Glück!

  3. Angelika Oetken schreibt am :

    Hallo Heike,
    Sie schreiben, daß Sie Bedenken haben wegen der Gründung einer Selbsthilfegruppe (ländlicher Raum, beruflich selbstständig).

    Ich schätze, daß man wirklich taktisch klug vorgehen sollte.

    Ob einem ein „outing“ beruflich schadet oder sogar nützt, hängt stark vom Metier ab, in dem man sein Geld verdient, also wie die Tatsache, daß Sie Betroffene sind und dazu stehen, von Ihren Kunden/Klienten gesehen wird.

    Ein guter Schutz in einer Region oder einem Bereich mit viel sozialer Kontrolle ist es, wenn Sie gleichzeitig irgendein Ehrenamt ausfüllen und Ihre Arbeit mit der Selbsthilfegruppe damit verknüpfen. Bsp. : Sie unterstützen ein Seniorenheim und Ihre Selbsthilfegruppe trifft sich dort. Oder Sie werden Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und bieten ihre Unterstützung an. Dafür bitten Sie darum, daß sich Ihre Gruppe im Vereinsheim treffen darf. Das federt Bedenken und Berührungsängste ab.

    Oder Sie machen sich unentbehrlich.

    Ich habe mein Outing auch erst gewagt, als ich die Sicherheit hatte, daß es Leuten, die mir schaden wollen, angesichts meines guten Leumunds und meiner vielfältigen Kontakte im Bezirk schwer fallen würde. Ich habe in einem beruflichen Forum einige Jahre unzählige Anfragen beantwortet, bin in meinerm Stadtteil in einer psychosozialen Organisation und habe grundsätzlich für alle Anliegen ein Ohr.

    Das macht und machte zwar alles viel Arbeit, aber bisher habe ich noch gar keine negativen Konsequenzen erlebt. Im Gegenteil : von KollegInnen und Kooperationspartnern kamen eher positive Reaktionen, im Sinne von „gut, daß das jemand anpackt, ist bestimmt nicht so einfach, ja schlimm alles, ich habe davon ja keine Ahnung…“

    Und mittlerweile fragen KollegInnen und PatientInnen gezielt bei mir an, wenn sie mit Fällen von sexueller Misshandlung zu tun haben oder selbst betroffen sind.

    Ansonsten gäbe es die Möglichkeit, sich erstmal außerhalb Ihres Einzugsgebietes anonym zu treffen (analog zum Vorgehen der „Anonymen Alkoholiker“).

    Finanzielle Unterstützung bekommen Sie evtl. von den Krankenkassen über deren Präventionstöpfe.

    Rat können Sie sich auch bei SEKIS holen, einer Organisation, die Selbsthilfegruppen vernetzt (www.sekis-berlin.de).

    Und Ihre Bedenken könnten doch für Ihre neue Gruppe eines der ersten Themen sein. Es ist absolut relevant.

    Zur Vorbereitung : wenn Sie im Internet zum Begriff „Verdrängung“ Infos lesen, dann werden Ihnen einige entwaffnende Entgegnungen für etwaige „dumme Kommentare“ einfallen.

    Auch das wirkt, denn es zeigt, daß Betroffene nicht automatisch Fußabtreter für andere sind und ein Vorurteil oder eine Abwehr viel über den aussagt, der es äußert, aber wenig über den, der angesprochen wird.

    Ich wünsche Ihnen alles Gute,
    Angelika Oetken, Berlin

  4. Richard, Werner Till schreibt am :

    Liebe Angelika Oetken,
    ihr Beitrag hat mich ermutigt. Ich habe mit dem Heidelberger Selbsthilfebüro Kontakt aufgenommen und bin auf offene Ohren gestoßen. Ich hoffe, dass eine Gruppe zustande kommt. Vielleicht ist das schwierig, weil ich ein Mann bin, ich könnte es verstehen, wenn die Frauen unter sich bleiben wollten. Im weiteren Bekanntenkreis spreche ich inzwischen offen über meine fatale „Vergangenheit“ Eine große Überraschung ist es für mich, dass die Scham vorbei ist. Ich denke, dass der Tag nicht mehr fern ist, dass wir Infostände in der Innenstadt machen. Die Unwissenheit und die Vorurteile gegenüber uns Betroffenen ist groß. Hatte öfters Gespräche mit der Telefonseelsorge und war erschrocken über die dilettantische Gesprächsführung. Bin aber auch auf die Bereitschaft gestoßen, sich der Sichtweise der Betroffenen zu nähern.
    Ich danke Ihnen von Herzen
    Richard Till

  5. Angelika Oetken schreibt am :

    Lieber Herr Till,
    ich wünsche Ihnen viel Erfolg, entschlossene MitstreiterInnen und auch Freude und Spaß bei der Arbeit.

    Möglicherweise ist es anfangs nicht ganz so einfach, eine „gemischte“ Selbsthilfegruppe zu etablieren, aber ich kann mir vorstellen, daß gerade die, die den Pfad der klischeehaften Zuschreibung (gut/böse, schwarz/weiß, Mann/Frau, die Gesellschaft/ich) bewußt verlassen wollen, zusammen eine besonders erfolgreiche, glaubwürdige und reflektierte Gruppe bilden.

    Ansonsten geht es mir genauso wie Ihnen, was das „Schämen“ angeht. Dafür „Missbrauchsopfer“ zu sein, schäme ich mich gar nicht mehr. In der relativ kurzen Zeit, die ich jetzt an diesem Forum teilnehme, ist mir die Dimension der Übergriffigkeit in unserer Gesellschaft erst richtig klar geworden. Das hat mich enorm entlastet und mein Bild von mir und den anderen gerader gerückt.

    Dagegen ertappe ich mich immer häufiger beim „Fremdschämen“ (Angeblich war es Harald Schmidt, der den Begriff „Fremdschämen“ prägte. Quelle: Hamburger Abendblatt vom 02.03.2005 )

    Ich sehe viel Oberflächlichkeit im Umgang mit dem Thema, Wegschauen wider besseren Wissens, unnötigen Eigennutz.

    Umso mehr freue ich mich über alle konstruktiven MitstreiterInnen.

    Viele Grüße von
    Angelika Oetken, Berlin

  6. Mara10 schreibt am :

    Lieber Herr Till,

    wenn Sie ausführliche Infos zur Arbeit des Selbsthilfebüros in Heidelberg,
    zu Anlaufstellen dort, die vertrauenswürdig und fachlich versiert und erfahren sind, möchten sowie mögliche therap.Unterstützung, mailen Sie mich bitte an, diese Erfahrungen, in Heidelberg hier auf allen Ebenen die “ Spreu vom Weizen „zu trennen, und echte Hilfen zu sondieren, haben wir in einem Jahrzehnt recht gut aufbauen können .

    LF Mara Mara10 [at] gmx.tm

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