Roman Polanski

30.09.2009

Kommentare zu Fall Star-Regisseurs Roman Polanski:

Die weltweiten Reaktionen von Promis auf die Festnahme von Polanski sind ungeheuer skandalös und dabei doch so typisch.
Ich höre da immer den Satz eines alten Kripo-Freundes: „Die Lobby für die Täter ist viel stärker als die für die Opfer.“

Genau das findet hier (einmal wieder) statt. Ja, es wird geradezu zelebriert!

Dass das Opfer seit der Tat lebenslänglich hat, interessiert niemanden. Das Leben dieser Frau wäre ganz anders verlaufen, wenn Polanski sie nicht brutal als Kind(!) vergewaltigt hätte. Eine entsetzliche, todesnahe Erfahrung mit der Aussage des Täters: „Du existierst nicht!“ Genau das vermittelt nämlich sexualisierte Gewalt. Es ist eine besonders perfide, demütigende und menschenverachtende Tat. Vielleicht die schändlichste überhaupt. Polanskis Opfer hatte keine Chance auf eine normale Kindheit oder Jugend. Ihr Leben drehte sich seit der Tat ums reine Überleben. Opfer sexualisierter Gewalt sind noch nach Jahrzehnten suizid-gefährdet. Manche reden noch auf dem Totenbett davon!
Aber für solche Gewaltüberlebende stellt sich niemand mit Plakaten vor Kameras. Schon gar keine Promis, die doch ansonsten so gerne auf Charity-Veranstaltungen gehen…

Für den Täter Polanski fordert diese Leute jedoch eine Begnadigung!
Man höre und staune!
Sagte einer der Söhne von Uwe Ochsenknecht doch allen Ernstes in die Kamera: „Der ist über siebzig. Was soll er da noch im Knast?“
Hallo?
Bei Naziverbrechern oder Nicht-Prominenten reden solche Leute anders. Und sind nicht alle Menschen vor dem Gesetz gleich?
Zudem ist Polanski damals einfach geflohen. Er hat sich also ganz bewusst seiner Verantwortung entzogen. So muss er das jetzt nachholen!

Ich fordere Empathie, Gerechtigkeit und Gnade für die Überlebenden sexualisierter Gewalt!
Und ich fordere die Medien auf, sie nicht länger als „Sexopfer“ zu bezeichnen, an denen sich jemand „verging“. Das ist unerhört! Man darf solche Gewaltverbrechen nicht sexualisieren und bagatellisieren. Sexualisierte Gewalt ist das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann.

Doch ich höre schon die entsetzten Rufe, wenn demnächst wieder einmal ein Kind vergewaltigt wurde: „Wie kann ein Mensch so etwas tun? Die gehören für immer hinter Gitter!“
Geht es noch verlogener?

Monika Gerstendörfer, 30. September 2009
www.lobby-fuer-menschenrechte.de

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Hier eine Petition gegen die Polanski-Lobby!

http://www.thepetitionsite.com/405/petition-to-boycott-roman-polanski-petition-supporters

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Weitere Anmerkungen von Monika Gerstendörfer zum Fall Polanski, denn sie verfolgt diese unsägliche, opferfeindliche Berichterstattung weiter:

Ich sah zwei kurze Interviews mit der Gewaltüberlebenden.

Aus diesen ging klar hervor, dass ihre eigene Mutter sie als 13jähriges Kind zu Polanski brachte wg. irgendwelcher Fotoaufnahmen. Sie ließ das Kind dort; also allein!
Allein das ist völlig verantwortungslos und ein Vertrauensmissbrauch, der unverzeihlich ist.
Polanski hat sie dann mit Alkohol und Medikamenten abgefüllt, danach begann er mit der Betatscherei. Sie habe gesagt, er solle aufhören, doch er ignorierte das.
Sie sagte dem Interviewer, dass sie so viel Angst vor P. hatte, dass sie wie gelähmt war und nur noch daran dachte, diese Nacht zu überleben.
Das spricht Bände!
Dieses Kind hat ein mehrfaches Trauma erleben müssen. Es tat mir in der Seele weh, diese Worte von ihr zu hören.
Und trotzdem stellen sich weiter Promis vor die Kamera – wie gestern der Schauspieler Claude Oliver Rudolph – und tun so, als sei der „ganze Quatsch“ doch bitte endlich zu beenden; und zwar im Sinne des armen Polanski, der in seinem Leben schon so viel durchgemacht habe.
Es ist wahr, dass er Grausames erleben musste. Aber dann müsste gerade er wissen, wie entsetzlich sich gewalttätige Übermacht anfühlt und welche verheerenden Auswirkungen sie hat.

Sorry, aber ich kann mich über diesen Fall gar nicht beruhigen. Er erinnert mich an die Zeit, wo ich den Fall A. Türck vs. Katharina B. akribisch dokumentierte und auch in meinem Sachbuch beschrieb. Die Muster der Berichterstattung laufen immer gleich ab! Niemals zum Wohle der Opfer oder gar der gesellschaftlichen Aufklärung.

Perfide sind auch die Hinweise auf das Geld, die sog. Entschädigungszahlung durch Polanski. Entschädigung? Wofür? Sollen jetzt potenzielle Opfer darauf hoffen dass sie von einem reichen Promi sexualisiert misshandelt werden, damit sie „entschädigt“ werden? Ja, das klingt zynisch, ich weiß. Und es ist zynisch!

Ähnliches gilt für Hinweise der Medien, Polanski habe (auch…) mit der damals 16jährigen Kinski ein Liebesverhältnis gehabt. Liebesverhältnis! Motto: Ist alles ganz normal mit diesen „Lolitas“.
Hier wird durch den Hinweis auf die Kinski-Tochter das Verbrechen an der 13Jährigen sexualisiert und damit bagatellisiert. Ist das ekelhaft!

Liebe Grüße
Monika Gerstendörfer

P.S. Die Tatsache, dass durch eine solche Berichterstattung zahlreiche Gewaltüberlebende retraumatisiert werden, wird übrigens völlig ausgeblendet. Schon gemerkt?
P.P.S. Die US-Schauspielerin Whoopi Goldberg bescherte mit ein neues Unwort für meine Liste: Sie sagte, es sei keine „Vergewaltigung-Vergewaltigung“ gewesen; also keine „richtige“. Vielen Dank, Frau Goldberg!

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Weitere unsägliche Berichte:

ZDF-ASPEKTE: „Opfer und Täter bitten um Ruhe“:
http://aspekte.zdf.de/ZDFde/inhalt/23/0,1872,7905719,00.html?dr=1

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Roman Polanski: Nur ein bisschen vergewaltigt …

(…) Nur wenige Stunden nach der Festnahme des Regisseurs in Zürich hatte die Schauspielerin Whoopi Goldberg in der amerikanischen Morgen-Schnatter-Show „The View“ ihrem Publikum erklärt, Polanskis damals 13-jähriges Opfer sei gar nicht vergewaltigt worden: „Ich weiß, es war keine Vergewaltigung-Vergewaltigung“, sagte sie. „Es war etwas anderes, aber keine richtige Vergewaltigung.“
(…)
Hollywoods Filmschaffende – sowie Künstler und Künstlerähnliche aller Länder – haben sich in aufgeregten Petitionen auf Polanskis Seite geschlagen.In „Free Willy“-Manier prangen „Free Polanski“-Sticker an Star-Revers.

Ganzer Artikel (lesenswert!) hier:
http://www.stern.de/lifestyle/leute/roman-polanski-nur-ein-bisschen-vergewaltigt–1512094.html

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SZ:
Auch hier wieder typisch: der Täter wird zum Opfer gemacht (antisemitische Ausfälle gegen ihn werden ins Feld geführt. Was kann sein Opfer dafür? Hier werden also zwei „Baustellen“ perfide vermischt) und natürlich die Tat bagatellisiert (die Rede ist von Verführung! In Wahrheit hat der Kerl das Kind erst mit Medikamenten und Alkohol geschädigt, um es dann zu vergewaltigen)
Hier mehr:
http://www.sueddeutsche.de/panorama/73/489460/text/

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„Wir müssen ihn beschützen“:

Der populäre linke Ex-Kulturminister Jack Lang erklärt sich im Fernsehen dagegen „empört“ über das Vorgehen der Justiz. Polanski habe sich für seine 32 Jahre zurückliegende Tat entschuldigt und das Opfer habe seine Anzeige zurückgezogen. „Roman Polanski darf nicht in die USA zurückkehren. Wir müssen ihn beschützen. Er wird in Europa bleiben, wenn jeder von uns kämpft, um ihn zu verteidigen.“
Quelle:
http://portal.1und1.de/de/themen/unterhaltung/klatsch-tratsch/9026356-Auch-Beifall-fuer-Roman-Polanskis-Festnahme.html

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BuchTIPP – Ohne Respekt und Würde: sexualisierte Gewalt in Krieg und Frieden, im Internet und in der Familie – ihre mediale Darstellung und die Realität für die Opfer

Gerstendörfer, M., 2007, Der verlorene Kampf um die Wörter – Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt. Ein Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung, Junfermann Verlag, Paderborn. ISBN 3-87387-641-8. www.gerstendoerfer.de
http://www.amazon.de/verlorene-Kampf-W%C3%B6rter-Opferfeindliche-sexualisierter/dp/3873876418/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1215763073&sr=8-1

16 Kommentare

  1. Liebe Monika,

    vielen Dank für deinen Kommentar.
    Ich dachte schon, ich wäre in der Mühle einer Gehirnwäsche geraten. Weil ich täglich mehr schwankte zwischen dem Gefühl – Missbrauch der Gerechtigkeit und Verunsicherung, weil so viele Leute sich auf die Seite Polanskis schlagen. Ich hatte das Gefühl, ich sei im falschen Film.

    Sandra Wöhe

  2. Simone schreibt am :

    Hallo Monika,

    Das zeigt doch nur wieder, dass man mit Geld und Berühmtheit wohl alles darf.
    Das ist nicht nur in diesem oder ähnlichen Fällen so, sondern in allen, ob man Geld hinterzieht oder sonst was. Steht man in der Öffentlichkeit hat man immer einen RIESEN BONUS…

    Aber daran wird sich wohl nie was ändern.
    Das macht mich immer soooo wütend. Wir kleinen Leute sind nix wert…
    Genau so ist es mit uns Sexualopfern. Unser Leit ist egal. Wir müssen halt damit leben…
    Das tue ich, lebe mit dem was passiert ist, mehr schlecht als recht …
    Aber trotzdem bin ich stark und habe eine Stimme. So wie alle anderen auch und ich sage, es dürfen nie Menschen bevorzugt werden, nur weil sie Geld oder berühmt sind…
    Wir sind alle gleich. Alle müssen gleich bestraft werden…

    Simone

  3. Petra schreibt am :

    Liebe Monika,

    auch ich danke dir für deinen Kommentar zum Fall Polanski!

    Meiner lautet: DAS IST UNSERE GESELLSCHAFTLICHE WAHRHEIT!

    Ganz einfach.

    SO „ernst“ nimmt unsere Gesellschaft noch immer das Thema sexueller Missbrauch. So verdreht werden nach wie vor die Täter-/Opfer-Rollen. So verharmlost werden nach wie vor die schrecklichen Auswirkungen auf DAS GANZE LEBEN der Misshandelten. So schräg sind die Blickwinkel.

    Das ist das Ergebnis einer Gehirnwäsche, die vor zirka 2.000 Jahren begann und die von sehr einseitigen Interessen gesteuert wurde und immer noch wird. Nur weil es schon so lange so läuft, wird es für „Normalität“ gehalten. Und hingenommen.

    Und die Profiteure lachen sich – nicht mal heimlich – ins Fäustchen und machen weiter wie bisher…

  4. Liebe Monika Gerstendörfer, Sie haben so Recht, so Recht. Sexualisierte Gewalt bedeutet eine entsetzliche Verletzung – bis zum seelischen Tod für das Kind und dürfte niemals verjähren. Wie in der Schweiz und in den USA. Alles Gute für Sie und I h r Leben von Ihrer Richild von Holtzbrinck

  5. Shorty schreibt am :

    Leben wir im Mittelalter?
    von Antonia Rados am 05.10.2009 um 11:08

    Ja, wir leben im Mittelalter- nicht in Afghanistan, sondern in den Köpfen von Prominenten. Die führen jetzt einen absurden Kampf um Regisseur Roman Polanski. Ein berühmter Mann. Regisseur von „Rosemaries Baby“.

    1977 hat er in Amerika ein Mädchen namens Samantha Geimer vergewaltigt. Sie war dreizehn. Ein Jahr später wurde er angeklagt. Bevor die Strafe ausgesprochen wurde, entkam er nach Frankreich. Seither lebt er im Exil. Nun wurde er in der Schweiz verhaftet und soll ausgeliefert werden. Die Auslieferung sei ein „Kulturskandal“ schreit der Verband der Schweizer Regisseure. Um Himmels Willen, sagen Schauspieler in aller Welt, wie kann man nur ein Genie hinter Gitter setzen?

    Ich meine: man kann nicht nur, man muss. Gesetze sind für alle gleich. In Amerika verjähren solche Verbrechen nicht. Das finde ich richtig. Bei meiner jüngsten Afghanistan-Reise bereitete ich eine Reportage über Früh-Ehen vor. Über Mädchen zwischen zehn und vierzehn Jahren, die zwangsverheiratet werden, sprich vergewaltigt. Wie Samantha von Polanski. Nur nennt das kein Prominenter einen „Kulturskandal“. Das nennt man Mittelalter. Über Afghanistan regen sich Prominente gerne auf. Polanski hingegen wird verteidigt. Es wird mit zweierlei Maß gemessen, obwohl es genau dasselbe ist. Gewalt gegen Frauen…

    Antonia Rados
    derzeit Paris

  6. Angelika Oetken schreibt am :

    Ich bin erst vor ein paar Wochen auf diese hervorragende Webseite gestoßen und „der Fall Polanski“ hat mich sehr beschäftigt.

    Ich wusste bis dahin, dass er wegen der Vergewaltigungsanklage aus den USA geflohen war und von seiner grausamen Kindheit im von den deutschen Nazis besetzten Polen, dem Tod seiner Mutter im KZ und von dem Mord an seiner schwangeren Frau. Schreckliche Erlebnisse die für mindestens sieben Leben reichen.

    Und ich bin ein Fan seiner großartigen, bewegenden Filme.

    Vielleicht habe ich mich deshalb näher mit dem „Fall“ auseinandergesetzt.

    Ich hoffe, dass Roman Polanski in den USA vor Gericht gestellt wird und dass diesmal umfassend und fair verhandelt wird.
    Vor 30 Jahren wurde sexueller Missbrauch noch viel mehr verniedlicht und verharmlost als heute. Gleichzeitig war man viel prüder.

    Denn was ich erst seit kurzem weiß ist, dass Roman Polanski wie viele Missbraucher von Kindern selbst als Kind, bzw. Jugendlicher brutal missbraucht wurde.

    Leider ist er damit offenbar umgegangen, wie viele Täter mir ähnlicher Geschichte: Verdrängen, umdeuten, selbst sexuelle Gewalt ausüben, um die Schmach und Scham und Angst zu „mildern“.

    Menschen, die versuchen, das Erlebte irgendwie konstruktiv zu verarbeiten und Druck, Gewalt und Erniedrigung nicht an Schwächere weiterzugeben genießen leider viel weniger Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit als „Täter“.

    Aber in diesem Fall wäre genau diese Aufmerksamkeit auch gesellschaftlich wertvoll.

    Dann nämlich, wenn im Zuge eines Prozesses genau diese Tatsache zur Sprache kommt: Dass Roman Polanski, ein VIP und Starregisseur selbst einmal Opfer eines sexuellen Gewaltverbrechens war, selbst zum Täter geworden ist und warum.
    Dass seine Tat nicht eine lustige, harmlose „Vergnügung“ war, sondern eine pathologische Reaktion.
    Dass er es nicht geschafft hat, Verantwortung für sein Tun zu übernehmen und sich nicht darum bemüht hat, das Erlebte zu verarbeiten.
    Er hätte als geistig gesunder Prominenter in den USA die Möglichkeit dazu gehabt und sie nicht genutzt.

    Genau da beginnt seine Schuld.

    Genau an derselben Stelle, an der auch die Schuld nicht so prominenter Sexualgewaltverbrecher beginnt.

    Meine Hoffnung ist, dass damit eine breite Diskussion angeregt wird.

    Und noch deutlicher wird, dass sexuelle Gewalt und Erniedrigung Normalität in unserer Gesellschaft ist.
    Ein fester Bestandteil unserer Sexualkultur. Noch!

    Ich hoffe, dass die Leute sich fragen, wie sie das finden und ob es so bleiben soll.

    Und es ist auch eine Chance für Samantha Geimer – nämlich nicht weiter als „Lolita“ dazustehen, sondern von der Öffentlichkeit als Opfer in einer Kette von Verbrechen wahrgenommen zu werden.

    Auch für Roman Polanski hoffe ich, dass er zum Ende seines Lebens die Gelegenheit ergreift, reif und konstruktiv zu reagieren und sich zu allem, was passiert ist zu bekennen.

    Denn ich finde, man sollte nicht den Menschen verurteilen, sondern die Tat.

    Angelika Oetken, Berlin

  7. Petra schreibt am :

    Sehr, sehr, sehr, sehr gute Ausführung! Auch ich wusste nicht, dass Roman Polanski selbst Überlebender ist. Das ändert nichts an der Abscheulichkeit seiner Tat und auch nicht daran, dass er dafür Verantwortung zu übernehmen hat (ich bin ebenfalls Überlebende und habe keine Kinder sexuell missbraucht!). Aber es zeigt, dass das ganze Problem ein sehr viel größeres und komplexeres ist, ja, man muss beginnen, sich die Frage zu stellen, ob das, was wir alle als die „normale Gesellschaft“ ansehen, vielleicht garnicht so „normal“ ist? Ob nicht die über Generationen und Generationen weitergetragene Gewalt unser aller „soziales“ Zusammenleben viel stärker prägt und beeinflusst als beispielsweise die Erfindung der Glühbirne?

    Die Frage, die sich jetzt stellt: Wie könnte der „Fall Polanski“ tatsächlich in der Öffentlichkeit so gedreht werden, dass er hilft, unser Schicksal zu transportieren? Dass er hilft, eine Tür aufzustoßen, Zusammenhänge zu verdeutlichen, Folgen zu erkennen?

  8. Angelika Oetken schreibt am :

    Hallo Petra,
    Danke für die große Anerkennung.
    Freue mich, dass ich das, was ich über den „Fall Polanski“ denke, offenbar gut rüberbringen konnte.
    Habe noch weiter darüber nachgedacht und möchte Dir gern auf Deinen Kommentar antworten.
    Finde die Tatsache, dass es darüber, dass Roman Polanski selbst Betroffener ist, so wenig „Wissen gibt“, bzw. dieser Teil seiner Biografie so selten erwähnt wird, wenn es um den Missbrauch von Samantha Geimer geht, ist doch absolut typisch und bezeichnend.
    Ich selbst habe gezielt nach dieser Info gesucht, da mich beim Lesen der Meldung auf dieser Seite und als ich in der Zeitung darüber las, so eine Ahnung beschlich.
    Nun bin ich sicherlich keine Hellseherin – habe mich aber in den letzten Jahren immer intensiver mit der Materie beschäftigt und je mehr ich erfahre (privat und beruflich) desto mehr Zusammenhänge sehe ich und die Vielschichtigkeit, Komplexität und Verbreitung des Themas wird mir zunehmend bewusster.

    Trotzdem werde ich eigentlich immer mutloser.

    Es fällt mir immer noch schwer zu akzeptieren, dass sexuelle Gewalt und sexueller Machtmissbrauch so mit unseren gesamten Strukturen des Zusammenlebens verwoben sind, dass es eigentlich nur wenigen Menschen gelingt, „sauber“ zu bleiben. Wenn man es objektiv betrachtet.
    Viele Menschen verdrängen das Ganze, bilden sich ein, sie „hätten damit nichts zu tun“ oder „das betreffe sie nicht“, gleichzeitig leben sie eine mehr oder minder übergriffige, entwertende, „bewußtlose“ Sexualität oder akzeptieren so etwas in ihrem Leben, indem sie sich einreden, das was sie erleben sei „schön“ oder „normal“ oder indem sie schlicht versuchen, so zu tun, als entsprächen sie der Norm und der Außenwelt suggerieren, dass „alles in Ordnung sei“.
    An diesem kollektiven Selbstbetrug beteiligen sich die Medien – natürlich, da sie Träume verkaufen – genauso politische Organisationen, Kirchen, Therapieschulen, … jeder schöpft daraus eigene Vorteile.

    Kaum jemand ist ehrlich.

    Im privaten ist es mir so gegangen, dass ich mich einmal von einem langjährigen Partner getrennt habe, weil er die Lösung des „Verdrängens“ gewählt hat und ich unter den Folgen nicht weiter leiden wollte und für mich die Lösung des Verarbeitens gewählt habe. Ein Miteinander war nicht mehr möglich.
    Auch in meinem weiteren Bekanntenkreis gab es jüngst einen Vorfall von sexueller Demütigung eines Kindes und ich war schockiert über die lapidare Reaktion der Erwachsenen.
    Die Verantwortlichen ließen sich glücklicherweise davon überzeugen, dass sie handeln und das Kind zu schützen müssen, ohne es dem öffentlichen Spott weiter preiszugeben.
    Und ich habe beschlossen, mich vorerst von diesen Menschen fern zu halten, aber über Umwege zu kontrollieren, ob sie sich an die Vereinbarungen halten.
    Beruflich bin ich als Ergotherapeutin „nah dran“ an Menschen, die sich in einer prekären gesundheitlichen Situation befinden.
    Erschreckend häufig stehen sexueller Machtmissbrauch, Demütigungen, Entwertungen, Übergriffe, Gewalt damit in einem mehr oder minder direkten Zusammenhang.
    Insofern stimme ich Dir vollkommen zu „man muss beginnen, sich die Frage zu stellen, ob das, was wir alle, als die normale Gesellschaft ansehen, vielleicht gar nicht so normal ist“.
    Ich erlaube mir, das etwas umzuformulieren und in einen anderen Kontext zu stellen : „man sollte sich die Frage stellen, ob das, was wir alle als normale sexuelle Verhaltensweisen ansehen, eigentlich krank ist“.
    Dazu braucht man nur eine etwas andere Definition von „normal“ zu wählen.
    Nicht „normal“ im Sinne einer erwünschten, akzeptierten Verhaltensweise, in diesem Fall einer „guten, schönen, selbstbestimmten“ Sexualität“, sondern „normal“ im Sinne des Grades der Verbreitung von Perversionen, um nichts anderes handelt es sich bei übergriffiger Sexualität.
    Mir fällt dazu noch was ein : Guck mal auf die website des Sexualtherapeuten Ulrich Clement (schreibt oft Kolumnen im Stern). Schau Dir mal die Buchempfehlungen an – interessant was ?
    Herr Clement erreicht im Stern ein breites Publikum – damit werden Einstellungen geprägt und auch „genormt“.
    Oder einfacher ausgedrückt, „Wenn überall Hundescheiße auf den Wegen liegt, gewöhnt man sich dran und sieht und riecht sie gar nicht mehr. Saubere Wege oder Rosenduft kommen einem irgendwann schon unnormal vor“.
    Zwei Bücher haben mich da in den letzten Wochen sehr ins Nachdenken gebracht :
    „Feindbild Frau“ von Prof. Rolf Pohl und „Von der Mutter missbraucht“ von Alexander Markus Holmes. Auf den ersten Blick zwei ganz unterschiedliche Themen und Bücher, aber wenn man die Inhalte zusammen betrachtet, ergibt sich ein kompletteres, wenn auch sehr erschreckendes Bild.
    Anhand der beiden Bücher ist mir eben genau das klar geworden, was Du oben geschrieben hast, „Das ändert nichts an der Abscheulichkeit der Tat und auch nicht daran, dass er dafür Verantwortung zu übernehmen hat (ich bin ebenfalls Überlebende und habe keine Kinder sexuell missbraucht)“.

    Genau das ist es – jede/r Betroffene/Überlebende hat die Wahl. Immer.

    Jemand anderen sexuell zu missbrauchen ist eine persönliche Entscheidung. Egal ob man Mutter, Vater, Onkel, Freund, Fremder, Lehrerin, Priester, Filmstar oder sonstwas ist.
    Habe mich genauso wie Du gefragt, was bei der Verhandlung passieren müsste, damit Roman Polanskis Fall in seiner ganzen Komplexität dargestellt werden kann und damit einer breiten Öffentlichkeit an seinem Beispiel klar wird, wie sehr sexuelle Gewalt und Missbrauch Teil unserer eigenen „Normalität“ sind.
    Meine kleine Hoffnung : Das Gericht verhandelt so, dass der gesamte Sachverhalt angeschaut und besprochen wird.
    Es sind seit der letzten Verhandlung 30 Jahre vergangen. Die Sichtweise auf „Sex“ und die Vorannahmen, welches Verhalten bei Männern und Frauen „normal“ ist, welche Rollen man einnehmen kann und soll hat sich verändert.
    Ich erinnere mich noch gut an das gesellschaftliche Klima der 70er. Sexuell war man freizügiger, aber das hieß eigentlich nur, dass Männer jetzt „risikoarmen“ Sex haben konnten („Sie nimmt natürlich die Pille“) und Frauen, die den üblichen „Beischlaf“ nicht so toll fanden, als „frigide“ hingestellt und entwertet wurden (nach dem Motto : was sie denn hat, es gibt doch die „Pille“).
    Überspitzt gesagt : Ein Mann musste immer wollen und können und eine Frau sollte immer bereit sein, ihren Körper zu opfern, wenn sie dafür eine Belohnung (Geld, Anerkennung, „hab Dich lieb“…) in Aussicht gestellt bekam.
    Traurig ist, dass sich unsere sexuelle Kultur seitdem offenbar nicht wesentlich weiterentwickelt hat. Oder mit Deinem bildhaften Vergleich ausgedrückt – in vielen gesellschaftlichen Bereichen haben wir schon „Hightech“ – nur beim Thema „Sexualität“ sind wir noch bei der Pechfunzel.
    Vielleicht bewegen wir uns durch eine breite Diskussion über den „Fall Polanski“ etwas in Richung „Glühbirne“.
    Das wäre wirklich ein viel größerer gesellschaftlicher Sprung als viele industrielle Erfindungen.
    Davon bin ich fest überzeugt. Der Gewinn an Lebensqualität wäre grandios.
    Na vielleicht erleben wir noch ein wenig davon.

    Finde diese website toll und denke, es ist einer der ersten Schritte.

    Grüße von Angelika Oetken, Berlin

  9. Petra schreibt am :

    Hallo Angelika, Ja! Ja! Ja! Ja! …kann ich nur zu all diesen Ausführungen sagen!! JA! Es ist ein Gewalt-Thema! Ja! Es ist ein Männer-Thema!! Ja! Es ist ein Frauenangst-Thema (Männer vor dem Weiblichen)! Und: Ja! Ja! Ja! Es ist auch ein URaltes Neid-Thema, nämlich des Neides der Männer auf die weibliche Potenz (= Leben schenken können); die Schriftstellerin Christa Wolf bringt den männlichen Destruktionsdrang (misshandeln, morden,…) mit diesem Neid auf die weibliche Potenz in Zusammenhang: Wenn sie schon nicht Leben schenken können, können sie wenigstens „Leben nehmen“ und damit ihren – meist unbewussten – Neid auf diese weibliche Potenz kompensieren).

    Ja! Sexueller Missbrauch ist eigentlich „sexueller Machtmissbrauch“, wie du richtig schreibst!! Auch das ein Faktor, der in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig Beachtung findet! Der/die „normale“ Durchschnittsbürger/in denkt dabei an „perverse Sexualität“ (und unterstellt unbewusst damit, dass es eine „normale“ Sexualität gäbe, was – siehe deine tollen Ausführungen! – stark bezweifelt werden darf!). Unterstellt unbewusst, dass das nur „Perverse“ tun, und verkennt/verleugnet damit, wie sehr das, was wir alle „normal“ finden, bereits starke Züge von Gewalt, von Macht-/Ohnmachtstrukturen etc. trägt – und somit den Boden bereitet für vieles anderes.

    DIESE alltägliche Gewalt (Gewaltstrukturen) ERMÖGLICHEN überhaupt erst, dass sM tagtäglich jahreinjahraus auch heute noch durch so genannte „zivilisierte“ Menschen ausgeübt wird (in Deutschland ebenso wie beispielsweise durch zahllose Thailand-Urlauber!!). Und sich niemand wirklich daran stört. Außer vielleicht (endlich) ein paar Betroffene, die nicht mehr bereit sind, sich für das, was ihnen angetan wurde, auch noch weiter beschämen zu lassen (statt des Täters). (Dafür mal ein großes Dankeschön an Norbert Denef, der sich mutig an die Öffentlichkeit gewagt hat und so anderen Mut macht, ihm gleich zu tun! DANKE!)

    Warum sich niemand wirklich schert? Nun, weil diejenigen, die in der Hauptzahl davon provitieren – Männer (und ich meine nicht nur sM, sondern eben diese ganzen Gewaltstrukturen)-, kein Interesse daran haben, dass sich etwas ändert. Vielleicht auch, weil sie sich garnicht vorstellen können, wie man die Welt, das Leben, gesellschaftliches Umgehen miteinander ANDERS als gewalttätig angehen könnte? Weil sie in „Oben-Unten“ denken, statt in Beziehungen.

    Ich bin mir bewusst, dass das sehr pauschal ist, und ich nehme hier schon mal all diejenigen aus, die sich ebenfalls wie wir (weibliche Opfer und Frauen allgemein) aus diesen Gewaltstrukturen zu befreien versuchen. Weil sie selbst Opfer dieser Gewaltstrukturen geworden sind, zum Beispiel. Dennoch sind sie noch immer Teil der „Kaste“, die AUCH von diesen Gewaltstrukturen (in anderen Zusammenhängen – siehe mehr Gehalt für dieselbe Arbeit, siehe Besetzung von Führungspositionen, siehe…) auf die eine oder andere Weise profitiert. Und sei es nur, dass sie eine Frau „haben“, die ihnen täglich ein Essen kocht und die Wäsche regelmäßig wieder sauber in den Schrank bringt. ICH (weiblich) habe so einen Dienstleister nicht! Und ich kenne auch keine Frau, die so etwas Ähnliches hätte. Im Gegensatz zu unendlich vielen Männern… (AUCH den so genannten „Modernen“!!).

    Und solange wir Überlebenden in eben diesen nach wie vor uns umgebenden Gewaltstrukturen leben müssen, halte ich „Heilung“ für sehr schwierig, um nicht zu sagen unmöglich. Im Grunde bedeutet es, tagtäglich Retraumatisierungen ausgesetzt zu sein, tagtäglich erneut mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert zu werden, und vor allem: tagtäglich aushalten zu müssen, dass die Täter einfach davonkommen. Dass unsere Strafjustiz in dieser Hinsicht ein (trauriger) Witz ist; dass Psychotherapeut/innen und andere „Psychoanalügner/innen“ in der überwiegenden Zahl eher gefährlich als hilfreich für uns Überlebende sind; dass sich diese Bundesregierung das Feigenblatt „Opferentschädigungsgesetz“ hält, das aber eines nicht tut: Opfer entschädigen, usw., usf.

    Solange also „Trauma-Therapie“ vor allem individuell verstanden wird (also Therapie des/der einzelnen Überlebenden), und sich weder TherapeutInnen noch sonstige gesellschaftliche Organisationen darum kümmern, was auf der anderen Seite des Traumas steht (nämlich die alltägliche, „normale“ Gewalt), wird Heilung unmöglich bleiben. Und daran leiden nicht nur wir Betroffenen, sondern an dieser Akzeptanz von Gewalt leidet diese ganze (Welt)Gemeinschaft.

    Ja, manchmal bin ich auch mutlos, so wie du.

    Auch, weil mir klar ist, dass sie nicht einfach zuschauen werden, wie ihre Art das Leben zu regeln, nicht mehr funktioniert (und auch immer weniger akzeptiert werden wird). Dann wird noch mehr hochgerüstet, es werden noch bessere Waffen gebaut, es werden noch mehr Menschen in Gefängnisse gesteckt, noch mehr Frauen vergewaltigt, noch mehr Kinder mit ihren gestörten Videospielen verseucht.

    „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, daß man Geld nicht essen kann.“

    (Erst wenn alles „Weibliche“ (Natur, wachsen lassen, Nahrung, Zusammenhalt, Zuwendung, Interdependenz, Nachhaltigkeit,…) zerstört ist, werdet ihr merken, dass eure „Götzen“ (Geld, Waffen, Kriege, Porsches, Alphatripps,…) euch nicht nähren und euch keine Liebe bringen können)

    Petra

  10. Angelika Oetken schreibt am :

    Hallo Petra,

    habe diesem Bild „Frauen sind fürsorglich und gut, stehen für das Natürliche und sind grundsätzlich Opfer, Männer genau das Gegenteil“ auch lange angehangen.
    Kunststück- bei der „miesen Presse“ die Männer im Allgemeinen so haben.
    Außerdem sind mir im Laufe meines Lebens mehr unangenehme, übergriffige Männer als Frauen begegnet.
    Mittlerweile sehe ich das aber anders.
    Zum einen, weil ich mit kranken Menschen arbeite (Frauen und Männern), die glaubwürdig schildern, wie ihre Mütter oder andere weibliche Bezugspersonen sie sexuell gedemütigt, drangsaliert oder absichtlich in sexuelle Übergriffssituationen bugsiert haben.
    Auch im Freundeskreis habe ich begonnen, genauer hinzuhören und erfahre von immer mehr solcher Begebenheiten.
    Zum anderen, weil ich mittlerweile der Überzeugung bin, dass diese Zuordnungen „Frauen sind so, Männer sind so“ nur dazu dienen, die Gesellschaft zu spalten und Machtstrukturen zu erhalten. Nach dem Motto „Teile und herrsche“.
    Leider handeln auch viele Frauen nach dem Prinzip „oben buckeln, unten treten“. Also sich vom erwachsenen „Partner“ sexuell demütigen und benutzen lassen und dann den eigenen Frust und die eigenen Sexualität an den Kindern abreagieren.
    Erschreckend viele Männer werden zudem dann noch in der Kindheit und Jugend von erwachsenen Männern sexuell ausgenutzt und missbraucht.
    Das paßt aber nicht in das klischeehafte Männerbild. Ein Mann muss ein „Täter“ sein – aggressiv, gefühllos, dominant.
    Die Demütigung und Wut entlädt sich dann wieder in Frust und Gewalt gegenüber Frauen und Kindern. Die wiederum….
    Habe mal einen Artikel von Christian Knoop in der taz gelesen, in dem es um Sex zwischen Männern in der islamischen Welt ging (2005).
    Er schrieb, dass gleichgeschlechtliche Handlungen dort weit verbreitet seien. Gerade zwischen erwachsenen Männern und Jugendlichen.
    „Erlaubt“ sei das solange wie der „richtige“, also erwachsenen Mann der „aktive“ also penetrierende sei.
    Denn penetriert zu werden gelte als weiblich.
    Und ein Mann darf alles sein, nur nicht weiblich.
    Denn das gelte automatisch als minderwertig und schwach.
    So nach dem Motto „ich bin der Herr, dein Gott und f… Dich tot“.
    Kann man sich dann leicht ausmalen – die minderwertige schwache Frau, die ihre Sexualität nicht unabhängig von der des Mannes leben darf, da sie ja „minderwertig“ ist, orientiert sich wiederum an männlichen Kindern, die dann wieder einen Grund haben alles Weibliche abzuwehren und abzuwerten…
    Eigentlich genauso wie bei uns in der westlichen Welt.
    Mit dem Unterschied, dass bei uns Frauen rechtlich gleichgestellt sind und in toleranten Gegenden Frauen und Männern das Recht zugestanden wird, sich diesen Rollenzuschreibungen einfach zu entziehen.
    In allen monotheistischen Religionen sind die Anführer männlich. Und es gibt eine große sexuelle Kontrolle. Und die weibliche Sexualität hat sich auf die männliche auszurichten und dient der Reproduktion.
    Denke, es ist wirklich nur möglich, etwas zu ändern, indem man erstmal für sich eine persönliche Entscheidung trifft, also z.B. keine sexuellen Beziehungen mehr einzugehen oder sich aus einer Beziehung zu lösen, in der drangsaliert wird oder Kinder in die Sexualität der Erwachsenen hineingezogen werden. Und eben wachsam zu sein, was in der eigenen Umgebung geschieht.
    Dann kann man sich Gleichgesinnte suchen und für gesellschaftliche Veränderungen kämpfen.
    So wie Norbert Denef das in vorbildlicher, engagierter Weise getan hat.

    Herzliche Grüße von
    Angelika Oetken, Berlin

  11. Caroline Kaiser schreibt am :

    Ich bin im Fall Polanski zwiegespalten.

    Einerseits bin ich gegen eine Verjährung von schweren Sexualverbrechen, andererseits hat das Opfer darum gebeten, dass Polanski nicht (mehr) angeklagt wird. In erster Linie sollte natürlich der Wille des Opfers hier maßgeblich sein. Dass dies im Strafrecht nicht möglich ist, leuchtet mir auch ein, da der Staat ja selbst Anklage erhebt, unabhängig vom Opfer. Aber sie möchte einen Schlussstrich darunter ziehen, sich darüber hinwegzusetzen bedeutet, erneut gegen ihren Willen vorzugehen.

    http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5gYj15TOsJTgFQjBZVzUN-P86AUbg

    Ich habe den Eindruck, daß hier beide – sowohl Polanski als Prominenter, der gleichzeitig eine Doppelfunktion als „Justizopfer“ und Täter einnimmt, sowie Samantha Geimer – instrumentalisiert werden. Nicht nur von den Medien, sondern von einer Schickimicki Clique, die glaubt sich alles erlauben zu können, nur weil sie prominent und wohlhabend ist. Aber auch von dogmatischen „Kinderschützern“, die anhand dieses spektakulären Einzelfalles glauben, die nächste Runde der Gesetzesverschärfungen einleiten zu können.

    Das Sexualstrafrecht ist ja nun zigfach verschärft worden, viele der letzten Verschärfungen waren unsinnig und kontraproduktiv, während wirklich notwendige Verschärfungen, wie eben die Verjährung bei schweren Straftaten aufzuheben, nicht erfolgt sind.

    Die finanzielle Situation vieler Mißbrauchsopfer ist prekär.
    Am kostengünstigsten ist es da natürlich, lediglich die § zu verschärfen.
    Obwohl sich die Kosten indirekt in den Landeshaushalten niederschlagen.

    Und auch die Justiz hat versagt, denn es gab in den letzten Jahren zahlreiche Möglichkeiten Polanski zu verhaften und in die USA auszuliefern. Also warum erst/noch jetzt ?

    Ich bin auch gegen sexualisierte Gewalt, habe mich aber vor 7 Jahren aus meiner ehrenamtlichen Arbeit auf diesem Gebiet zurückgezogen, weil die Definition dessen immer weiter gefasst wurde. Übrigens nur selten von den Opfern, sondern von Funktionären, die über ein dualistisches Weltbild verfügen, welches alle Menschen nur in Opfer oder Täter einteilt.

    Frau Gerstendörfer schrieb:

    „Ähnliches gilt für Hinweise der Medien, Polanski habe (auch…) mit der damals 16jährigen Kinski ein Liebesverhältnis gehabt. Liebesverhältnis! Motto: Ist alles ganz normal mit diesen “Lolitas”.
    Hier wird durch den Hinweis auf die Kinski-Tochter das Verbrechen an der 13Jährigen sexualisiert und damit bagatellisiert. Ist das ekelhaft!“

    Nein, ich denke es ist genau umgekehrt.
    Die Intention der Journalisten scheint mir eher zu sein, Polanski damit weiter zu diffamieren, indem die legale Beziehung zu der Kinski Tochter hiermit rückwirkend kriminalisiert wird. Nach dem Motto: „So einer war er schon immer „.

    Tatsächlich muss ja der sex. Missbrauch von Samantha Geimer davon völlig unabhängig betrachtet werden !

    Dies findet aber weder in den meisten Medien, noch in den meisten Blogs statt.

    Wir bräuchten endlich kein schärferes, sondern ein viel ausdifferenzierteres Sexualstrafrecht. In bestimmten Teilen eine überfällige Liberalisierung, bei zwei zentralen Punkten eine Verschärfung. ( Gesetzliche Lücke schließen, die verhindert das menschliche Zeitbomben freigelassen werden müssen, sowie die Verjährung bei zumindest schwereren Sexualstraftaten aufzuheben )

    Ich habe aber große Zweifel, ob es jemals dazu kommen wird. Die jetzige Diskussion des Falls Polanski, so wie sie in fast allen Medien und Blogs geführt wird, scheint nur die Fronten weiter zu verhärten.
    Unabhängig davon bitte ich darum, nicht alle Kritiker der Maßnahmen gegen Polanski, auf eine Stufe mit Kinderschändern zu stellen. Einmal ist das Sexualstrafrecht sehr kompliziert, die meisten kennen sich damit nicht aus. Dann haben sich viele nicht mit der Vorgeschichte befasst – oder blenden sie aus, dass Samantha Geimer unter Alkohol und Drogen gesetzt wurde.

    Die ganze öffentliche Diskussion wäre sicher eine ganz andere, wenn Samantha damals 10 gewesen wäre anstatt 13, weil man bei 13jährigen Mädchen durchaus von einer Folgenabschätzung ausgehen kann. Sie unter Alkohol/Drogen zu setzen, ist aber – natürlich – unabhängig vom Alter strafbar. Rückt dies schärfer in den Fokus der Diskussion, wird die Solidarität weiter abnehmen.

  12. Angelika Oetken schreibt am :

    Hallo Christine,

    finde Deinen Kommentar sehr spannend und reflektiert.
    Dass Du in diesem Bereich nicht mehr ehrenamtlich arbeiten möchtest, kann ich wirklich nachvollziehen.
    Das Ganze geht persönlich und gesellschaftlich so an die Substanz und ist gekennzeichnet von sehr hefigen Emotionen, dass es für Einzelne, die tiefer einsteigen und nicht die Augen verschließen schon schwer genug ist.
    Wenn man es von der hirnorganischen Seite betrachtet, schaden gerade frühe Traumatisierungen den Bereichen im Gehirn, die für Impulskontrolle, „grundsätzliche Weltsicht“, Wohlbefinden und Gefühlsregulation zuständig sind.
    Frühe gute Therapie und liebevolle Begleitung kann helfen, den „Schaden zu begrenzen“.
    Im Jugendalter baut sich das Gehirn um („entrümpelt quasi“), was bis dahin nicht gelernt bzw. verändert wurde, ist später viel schwerer zu beeinflussen.
    Wenn man also im frühen „die Welt ist unsicher, jederzeit kann mich jemand demütigen und misshandeln“ verbleiben muss, dann gibt es nur „schwarz und weiß“. Jede Erinnerung wühlt maximal auf, spült Schmerz, Schock und Todesangst hoch.
    Wer also mit vielen Früh- und Schwertraumatisierten, die eben statt Hilfe noch weitere Demütigung und Streß erfahren haben zu tun hat, wird auch mit diesen emotionalen Mustern zu tun haben. Das ist nicht einfach.
    Und ja das Tragische daran.
    Die Opfer haben lebenslänglich und sind auch physisch, eben hirnorgansich traumatisiert. Mit allen Konsequenzen.
    „Seelenmord“ ist deshalb ein treffender Begriff. Denn auch Teile des Gehirns wurden „gemordet“, eben die, die uns helfen, unsere Seele wahrzunehmen.
    Im Polanski-Fall, wie in vielen anderen, treffen ethisch-moralische und juristische Schuldaspekte aufeinander.
    Juristisch gehört die Tat geahndet.
    Wenn man Roman Polanski unbehelligt ließe, wäre das ein ungutes Zeichen.
    So in dem Sinne : „Entzieh Dich, leugne, irgendwann ist es vergessen – die Gerichte interessieren sich nicht mehr dafür – war ja alles nicht so schlimm, machen ja alle, wollen doch alle Männer, sie geben es nur nicht zu, ich bin jedenfalls ehrlich, was solls, sie wollte es doch, sonst hätte sie sich ja wehren können…die Drogen nimmt doch jeder, damit man in Stimmung kommt, ist doch ganz normal, die Leute sind doch nur zu verklemmt….sie sind neidisch, weil sie keinen so tollen Sex haben können…. Frauen wollen das doch so…..“
    So argumetieren ja viele Täter und auch weite Teile der Öffentlichkeit, die ebenfalls Sex mit Kindern haben, aber noch nicht vor Gericht gestellt wurden.
    Genau diese „Argumente“ gehören vor Gericht auseinandergepflückt und zugeordnet. „Strafbar/nicht strafbar“.
    Täter wissen und empfinden meist ganz genau, dass das, was sie tun falsch ist, aber die Auseinandersetzung mit ihren destruktiven Bedürfnissen scheuen sie, denn sie ist schmerzhafter und mühsamer als das Verdrängen.
    Ich finde dafür ist Roman Polanskis Geschichte geradezu ein Paradebeispiel.
    Übrigens wäre auch die Frage der elterlichen Aufsicht interessant – sollten 13jährige ohne Begleitung zu „Modeaufnahmen“ gehen? Aufsichtspflicht? Aber das ist ja sowieso verjährt.
    Dass es einen Markt für die Prostitution von Kindern gibt, der über diese Schiene „Schauspiel, Mode, Film, neuerdings auch Internet“ läuft ist kein Geheimnis.
    Dass Eltern (v.a. Mütter) ihre Töchter vermarkten, weil sie es selbst nicht anders kennen, kommt auch häufig vor.
    Ethisch-moralisch gibt es mehrere Facetten.
    Natürlich ist es für Frau Geimer grauslich, wenn sie jetzt wieder von Reportern belagert wird, die Stories für sensationsgeile Leser ausgraben bzw. neuschöpfen sollen. Dass ihre Mutter (Eltern?) damals in dem ersten Verfahren einen Vergleich akzeptiert hat ist aber auch eine der Voraussetzungen dafür, dass sie jetzt wiederum mit der ganzen Sache behelligt wird.
    Hätten sie das nicht getan, wäre die ganze Sache damals schon juristisch abgeschlossen worden.
    Frau Geimer sollte sich darüber mit ihrer Mutter und ihren ehemaligen Anwälten auseinandersetzen.
    Was ist z.B. mit dem Geld passiert? Wurde das für sie angelegt, damit sie es als Erwachsene leichter hat? Oder haben es die Erwachsenen verprasst (sie hatten ja so viel Streß…)
    Vielleicht ist das ganze Verfahren auch für Frau Geimer letztendlich eine Chance Abstand zu gewinnen, evtl. auch zu Familienangehörigen, die ihr nicht gut tun.
    Das Ganze erscheint mir facettenreich und komplex. Vollgestopft mit Lügen und dem Bedürfnis zu vertuschen.
    Bin gespannt auf das Verfahren und was es an Diskussionen in der Öffentlichkeit auslöst.

    Herzliche Grüße von
    Angelika Oetken, Berlin

  13. Petra schreibt am :

    Hallo Angelika,

    ich meinte nicht „Frauen sind gut“ und „Männer sind böse“, sondern es ging mir zuvörderst um die einseitige Verteilung von Macht in unserer Gesellschaft (und dass diese einseitig Männern zugesprochen wird, bzw. diese sie sich selbst zusprechen, kann ja angesichts unser aller „Realität“ nicht wirklich angezweifelt werden).

    Es ging mir um die gewalttätigen Machtstrukturen, in denen wir alle – Männer und Frauen – leben, und in denen sich natürlich auch Frauen eingerichtet haben – und damit leider auch zu Täterinnen werden.

    Wenn überhaupt, wollte ich verdeutlichen, dass das Problematische der vorherrschenden Gewaltstrukturen darin liegt, dass sich Männlichkeit durch die Abwertung des Weiblichen definiert. Den „vorherrschenden Zwang, sich als das überlegene Geschlecht zu setzen“ verortet der Sozialpsychologe Rolf Pohl (wie du weißt) in der „ambivalenten bis feindseligen Einstellung gegenüber Frauen, die als Tendenz bei fast allen Männern in männlich dominierten Gesellschaften mit einem Zwang zur Heterosexualität nachweisbar“ sei.

    Die männliche Identität speist sich also zuallererst aus der Tatsache, „nicht-weiblich“ zu sein. Oder andersherum: Aus der Abwehr und Abwertung allen Weiblichen. „Hass und Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen“, so die Kernthese Pohls, „sind auch das Ergebnis einer Leugnung und Abwehr der männlichen, auf den weiblichen Körper gerichteten Begierde. Die durch Frauen ausgelöste sexuelle Erregung bestätigt die Abhängigkeit des Mannes und entlarvt die im männlichen Autonomiewunsch enthaltene Idee vollkommener Beherrschung und Kontrolle als wahnhafte Illusion.“

    DIES ist das gesellschaftliche Klima, in dem WIR ALLE schon sehr sehr lange leben (müssen). Auch Frauen, auch Mütter. Ebenso wie du weiß ich sehr wohl (z.T. aus eigener Erfahrung), dass auch Frauen/Mütter deshalb „Täterinnen“ und „Mittäterinnen“ sein können. Die Frage, die ich mir stelle, ist, ob die Gründe weiblicher Gewalt dieselben sind, wie die männlicher Gewalt? Ich frage mich, ob die Ausübung von Gewalt für Frauen eine ebenso identitätsstiftende, ja sogar identitätsBEDINGENDE Maßnahme ist wie bei Männern (siehe oben)? Oder ob es bei ihnen nicht eher Folgen jahrhundertelanger Missachtung und Abwertung des eigenen Geschlechts sind – und insofern quasi die Folge einer Anbindung qua Geburt an ein gesellschaftlich „negativ“ („schwach“, „dunkel“, „minderwertig“, „verführerisch“…) bewertetes Geschlecht???

    Das heißt nicht, dass ich Gewalt ausübende Frauen freispreche. Auch sie haben die Verantwortung für ihr Handeln zu tragen. Aber ich denke, es muss in den real existierenden Kontext gesetzt werden, und der ist nun mal geschlechtsspezifisch hierarchisch und (bisher) männlich dominiert.

    Und auch wenn Frauen/Mütter Täterinnen sind: Laut der polizeilichen Kriminalstatistik beschränkt sich das Täterprofil bei sexuellem Missbrauch von Kindern zu 95,6 Prozent auf das männliche Geschlecht.

    Insofern darf – aus meiner Perspektive – die Diskussion um sM in unserer Gesellschaft nicht ohne die Anerkennung/Beachtung dieser männlich dominierten Gewalt- und Machtstrukturen geführt werden. Sie SIND – meiner Meinung nach – die BASIS, auf der sexueller Machtmissbrauch überhaupt erst möglich wird/ist.

  14. Angelika Oetken schreibt am :

    Hallo Petra,
    kenne das Buch von Herrn Prof. Pohl „Feindbild Frau“ und finde es als Bestandsaufnahme auch sehr einleuchtend.
    In der Beschreibung der Dimension und des Ausmaßes von Gewalt, die Männer Frauen gegenüber anwenden ist das Buch aufrüttelnd, empathisch und erschreckend, gerade weil es so sachlich geschrieben ist.
    Prof. Pohls Erklärungen dazu leuchten mir aber nicht ganz ein. Aber das liegt wohl auch daran, dass ich die Theorien der Psychoanalyse wonach unser Leben und Streben v.a. vom Grad der Verarbeitung sexueller Impulse bestimmt wird nicht so ganz nachvollziehen kann.

    Ich habe das Buch sogar mehrmals gelesen. Einmal weil es eben wissenschaftliche Literatur ist und gespickt mit Fremdwörtern, zum anderen weil mich etwas stutzig gemacht hat und ich es erst nicht so ganz fassen konnte.
    Frauen kamen nämlich fast nur als „Opfer“ vor. Und die ungebremste, fast wahnhafte männliche Gewalt, die beschrieben wurde, kann ich mir einfach nicht allein mit verdrängtem sexuellem Begehren erklären. Ich kann mich in dieses Bild nicht hineinfühlen und deshalb suche ich nach anderen Zusammenhängen.

    Dann habe ich das Buch „Von der Mutter missbraucht“ gelesen (jedenfalls zum Teil, denn es ist ein wenig mit Zitaten und Quellenangaben überfrachtet).
    Da ich von solchen Geschichten (als Pflegemaßnahme/“Zärtlichkeit“ getarnte sexuelle Misshandlung durch Mütter/Frauen) über meinen Beruf (Therapeutin) und über private Gespräche häufig gehört habe, halte ich sie für wahrscheinlich und auch für weit verbreitet.

    In der Kriminalstatistik werden diese Übergriffe selten auftauchen. Die Statistik nimmt eh nur misslungene Täter-Kaschierungen auf.
    Da diese sexuellen Misshandlungen häufig sehr früh in der Kindheit der Jungen passieren, prägen sie umso verheerender.
    Betroffene Jungen könnten so in einen Zwiespalt geraten: Die Frau (Mutter) ist lieb, aber nicht so richtig. Die liebevolle Handlung mündet ohne Vorwarnung in einen sexuellen Übergriff ein.
    Also liebt und hasst er sein Muttilein. Und später auch andere Frauen.
    Auch eine andere Form der Misshandlung durch Mütter/Frauen ist gegenüber Jungen weit verbreitet – emotional und praktisch abhängig machen. Abwerten und demütigen weil man sich das gegenüber erwachsenen Männern nicht traut.

    Das alles eingebettet in ein gesellschaftliches Klima, dass Männern bestimmte, dominant-aggressive Verhaltensweisen zuschreibt um nicht zu sagen überstülpt und Frauen per se zu Minderwesen abstempelt.

    Mit gesellschaftlichen Machtstrukturen hat das zu tun, da pflichte ich Dir voll bei.

    Kinder haben nämlich in unserer Gesellschaft nichts zu sagen. Die Eltern haben weitestgehende Macht über die Kinder. Aus meinem beruflichen Kontext weiß ich, dass „unsere Gesellschaft“ (z.B. Polizei und Jugendämter) erst handelt, wenn Kinder massiv körperlich misshandelt und bedroht werden.
    „Einfacher“ sexueller Missbrauch reicht nicht.

    An wen soll sich ein betroffener Junge wenden?
    Wenn er sich denn überhaupt bewusst erinnern, an das übergriffige Geschehen.
    Die heutige Familie ist klein, oft besteht sie nur aus 2 höchstens 4 Personen. Jeder lebt für sich, Kontakte sind mehr oder minder oberflächlich. Der Tag für die Kinder ist total durchorganisiert (bei Mittelschichtlern) oder das Leben findet außerhalb von Kita und Schule vor dem TV, PC oder auf der Straße statt (bei Bildungsfernen).

    Mich hat nach dem Lesen der Bücher gewundert, dass dieses Thema (Sexuell übergriffige Frauen) derart wenig öffentlich diskutiert wird und so viel Verdrängung stattfindet.
    Denke, das hängt mit dem in Deutschland aber auch in anderen Ländern propagierten Mutterbild zusammen.
    Eine Mutter ist ganz selbstverständlich zur Selbstaufgabe bereit, hat keine Sexualität und ist sowieso gut. Ein Vater darf verschwinden – aus dem Leben oder ins Büro. Das gilt als unfein, aber üblich. Nach dem Motto „Männer sind eben so“. Wenn ein Mann Kinder missbraucht, wird sofort gefragt „Wo war denn die Mutter?“ so als sei sie für alles, was im Leben der Kinder passiert verantwortlich.
    Dieses irrationale Mutterbild ist eine Weiterentwicklung des Biedermeier durch Joseph Göbbels im Nazireich.
    Die Nazis haben den Trick angewandt, Frauen im Muttersein aufzuwerten. Vorher waren sie eigentlich nichts. Dann jedenfalls als Mutter was wert. Das halte ich auch für einen Grund, warum Hitler unter den Frauen so viele Anhängerinnen hatte.

    Ob Frauen nun auch „von Natur aus“ zur Gewalttätigkeit neigen oder nicht, darüber wird ja heftig gestritten. Ich weiß es nicht.
    Ich habe einen Sohn im Teenageralter und oft Ambivalenz in meiner Rolle gespürt. Dass, was dem gesellschaftlichen Ideal entsprach fand ich unangemessen und unerfüllbar. Negative Impulse hatten nirgendwo Platz.
    Mittlerweile gibt es da mehr Offenheit. Die „heutigen“ Jungmütter und -väter sind da schon offener und differenzierter, das finde ich gut. Vielleicht ändert sich da langsam was.

    Für mich selbst habe ich beschlossen, dass ich erstmal alle meine eigenen Impulse, Gedanken und Gefühle annehme, unabhängig ob sie gesellschaftlich „rollenkonform“ sind oder nicht. Ich versuche, mich von diesen Zuschreibungen „Frauen sind so, Männer sind so“ zu lösen. Mich persönlich engen sie ein.

    Ich mach da einfach nicht mehr mit.

    Spannende Diskussion!

    Herzliche Grüße von
    Angelika Oetken, Berlin

  15. Hubert schreibt am :

    Warum wird über Täter eigentlich soviel diskutiert?
    Mit Opfern wird doch auch immer versucht, kurzen Prozess zu machen, wenn es um Ansprüche geht.
    Ich denke, die Einsatz-Energie in Diskussionen wird hier unangemessen verteilt.
    Wir sollten uns nun wirklich mehr um die notwendigen Belange der Opfer kümmern, und nicht um Sachverhalte von Tätern, die eigentlich sowieso klar sein sollten.

  16. Angelika Oetken schreibt am :

    Hallo Hubert,

    Strafverfolgung dient der Wiedergutmachung und Abschreckung.

    Insofern finde ich es wichtig, sich intensiv mit Tätern und Taten auseinanderzusetzen.

    Die „Sachverhalte von Tätern“ werden mir eigentlich immer unklarer, je länger und intensiver ich mich mit Sexualstraftaten auseinandersetze.

    Im Moment bin ich eher der Ansicht, dass sexuelle Übergriffigkeit tief in unseren sexuellen Verhaltensweisen und Übereinkünften (die ja v.a. von Unkenntnis, Scham, Mythen und archaischen Ritualen bestimmt sind) verwurzelt sind.

    Oder einfacher ausgedrückt „Sex ist eine der letzten Bastionen von Dummheit, Primitivität und Gewalt“.

    Das macht den Umgang damit ja so schwierig.

    „Opfer“ von Straftaten finden leider in unserer Gesellschaft wenig Unterstützung, da bin ich vollkommen Deiner Ansicht. Insofern finde ich diese Website hier um so wichtiger.

    Mir kam letztens ein Gedanke :

    Das SGBIX regelt, wann jemand als behindert gilt und welche Unterstützung ihm dann zustehen.
    Das SGBIX sieht folgende Arten von Behinderungen vor :
    geistige, körperliche, psychische.

    Die Folgen sexuellen Missbrauchs finden sich allerdings meist auf allen drei dieser Ebenen wieder.
    Z.B. als Konzentrationsstörung, Schmerz und Anspannung und Depression.
    Sie lassen sich eben nicht eindeutig einer Behinderungsart zuordnen.

    Insofern könnte man auch noch „sexuelle Behinderung“ als vierte Art von Behinderung definieren. Zumal ja auch viele Menschen davon betroffen sind.

    Das SGB IX orientiert sich an der ICF (Internationale Klassifikation von Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit).

    Die sexuelle Funktion findet sich da unter „b640“ und wird wie folgt beschrieben :

    „Mentale und physische Funktionen, die mit dem Geschlechtsakt einschließlich der Stadien der Erregung, des Vorspiels, des Orgasmus und der Entspannung im Zusammenhang stehen“.

    So – und ich persönlich kenne keinen von sexuellem Missbrauch Betroffenen, der in diesem Bereich nicht massive Probleme hätte, bzw. gehabt hätte.

    Nun spinne ich mal ein bisschen : Wie wäre es, wenn man versucht, die „sexuelle Behinderung“ ins SGB IX aufnehmen zu lassen?

    Der Staat (also wir alle als Gemeinschaft) wäre dann verpflichtet, für die „Rehabilitation und Teilhabe behinderter und von Behinderung bedrohter Menschen“ aufzukommen. Also für uns Betroffenene!

    Nun ist es nicht so, dass „der Staat“ bzw. die privilegierten und begüterten Menschen in unserer Gesellschaft bei dieser Idee „Hurra, na klar ich helfe gern“ schreien würden, aber wenn gesellschaftliche Prozesse und Übereinkünfte gesetzlich verankert werden, setzt das Zeichen und fördert langfristig ein Umdenken.

    Man müsste nämlich dann gesellschaftlich/politisch entscheiden, ob „sexuelle Behinderung“ anerkannt wird in den Gesetzen des SGBIX, oder ob „sexuelle Funktionsstörungen“ als normal angesehen werden, da ja übergriffige Sexualität ebenfalls als normal betrachtet werden muss.

    Oder einfacher ausgedrückt, es müsste entschieden werden, ob es als unnormal oder normal, inakzeptabel oder akzeptabel angesehen werden soll, dass mind. 10 % der Mädchen und mind. 5 % der Jungen vor dem 14. Geburtstag penetrierenden Sex erdulden mussten. Und damit eindeutig nach dem Gesetz als „sexuell missbraucht“ gilt.

    Und eine noch viel größere Gruppe fremdbestimmte sexuelle Handlungen ertragen mussten oder entsprechend bedrängt und beschämt wurden. Auch diese Menschen leiden unter ihren Erlebnissen, aber nach dem Gesetz ist es schwieriger ihre Erlebnisse als „sexuellen Missbrauch“ anerkannt zu bekommen.

    Das Ganze wäre dann eine perfide, aber sehr grundsätzliche Entscheidung.

    Es würde vor allem eine öffentliche, weitreichende Auseinandersetzung mit der Realität befördern.

    Herzliche Grüße von
    Angelika Oetken, Berlin

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