„Er hat sich bedient, ich habe geschwiegen“

09.03.2010: FOCUS

Norbert Denef erstritt von der katholischen Kirche 25 000 Euro als Entschädigung für sexuellen Missbrauch. Im Interview erklärt er, warum Opfer oft jahrzehntelang schweigen.

Von FOCUS-Online-Redakteurin Nina Baumann

FOCUS Online: Herr Denef, jeden Tag werden neue Fälle von Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche oder anderen Schulen bekannt. Als erstes Missbrauchsopfer in Deutschland erreichten Sie 2005, dass die katholische Kirche eine Entschädigung zahlte. Was war Ihnen zugestoßen?

Norbert Denef: Ich wuchs in einer katholischen Familie in Delitzsch bei Leipzig auf. Als ich 1959 mit zehn Jahren Messdiener wurde, freute ich mich: Der Vikar war sehr beliebt. Doch eines Tages nahm er mich nach dem Gottesdienst mit in seine Wohnung.
Er schloss von innen ab, zog mich auf seinen Schoß und knöpfte mir die Hose auf.

FOCUS Online: Was haben Sie getan?

Denef: Nichts. Ich habe nicht verstanden, was mit mir geschieht. Ich habe mich geschämt und gehofft, dass es vorbeigeht. Das eine Mal ging vorbei, doch es passierte immer wieder: sechs Jahre lang, mehrmals die Woche. Bis heute habe ich das Bild im Kopf, wie ich unter ihm liege und er mein Glied in seinem Mund hat.

FOCUS Online: Hat der Geistliche Sie bedroht, damit Sie schweigen?

Denef: Nein. Er hat nie ein einziges Wort gesagt. Er hat sich bedient, und ich habe geschwiegen. Viele wussten davon, aber niemand hat etwas gesagt. Der Mann ist 1998 gestorben, aber wenn man sich heute in Delitzsch nach ihm erkundigt, lieben ihn immer noch alle. Dabei gehe ich davon aus, dass er im Laufe seines Berufslebens an seinen verschiedenen Stationen insgesamt 100 bis 150 Kinder missbraucht hat.

FOCUS Online: Wie endete sein Missbrauch an Ihnen?

Denef: Als ich 16 war, kam ein Organist in unsere Gemeinde, der sorgte schließlich für die Versetzung …

FOCUS Online: … und beendete so Ihr Martyrium?

Denef: Für ein Vierteljahr. Plötzlich hatte ich gute Noten in der Schule, vorher war ich ein schlechter Schüler. Doch eines Abends wurde es spät, der Organist bot mir an, bei ihm zu übernachten – und kroch zu mir unter die Bettdecke. Der Missbrauch fing wieder an. Meine Schulnoten wurden wieder schlecht.

FOCUS Online: Sie waren mittlerweile fast 18. Konnten Sie bei diesem zweiten Fall mit jemandem reden?

Denef: Nein. Das glaubt Ihnen niemand. Ich habe 35 Jahre gebraucht, um das Schweigen zu brechen.

„Wer sich outet, wird in die Ecke gestellt“

FOCUS Online: Wie haben Sie es überhaupt geschafft?

Denef: Bis ich 40 war, habe ich ein Vorzeigeleben geführt: Ich habe geheiratet, zwei Kinder kamen, und ich habe gearbeitet.
Doch ich hatte immer wieder Phasen, in denen ich meine Familie tagelang angeschwiegen habe oder Wut und Hass auf sie empfunden habe. Einmal bin ich wie ein Irrer mit 240 Stundenkilometern aus dem Spanienurlaub nach Hause gefahren. Irgendwann war ich mit den Kräften am Ende und meine Frau zwang mich, etwas zu unternehmen. Da fing ich an, psychologische Bücher zu lesen und stellte fest: Es geht vielen so. Viele haben ein Problem damit, Kontakt und Nähe zuzulassen. Dass es um den Missbrauch ging, habe ich aber immer noch von mir weggeschoben.

FOCUS Online: Aber schließlich haben Sie auch das ausgesprochen.

Denef: Die Erkenntnis kam eines Nachts: „Das muss raus.“ Sofort habe ich den Gedanken verbannt. „Das geht nicht“, habe ich mir gleich wieder gesagt. Dann habe ich ein Jahr vor dem Spiegel geübt: „Ich wurde sexuell missbraucht.“ Ich konnte es zuerst nicht aussprechen. Irgendwann ging es. Es war der wichtigste Satz meines Lebens.

FOCUS Online: Wann haben Sie ihn zum ersten Mal vor anderen Leuten gesagt?

Denef: Das war 1993 bei einem Familienfest, zu dem ich auch die beiden Täter eingeladen hatte. Die Folge war: Die Täter werden weiterhin eingeladen, meine Frau, ich und die Kinder nicht mehr.

FOCUS Online: Haben Sie die Täter auch bei der Kirche angezeigt?

Denef: Das war ein langer Kampf. Die Kirche bot mir 2003 schließlich 25 000 Euro Entschädigung an – mit einer Klausel, die mich zum Schweigen verpflichtete. Ich werde aber nie wieder schweigen. Zwei Jahre kämpfte ich noch gegen die Schweigeklausel, dann erhielt ich die 25 000 Euro.

FOCUS Online: Zwölf Jahre, nachdem Sie den Missbrauch erstmals bei der Kirche bekannt gemacht hatten.

Denef: Mein Fall ist beispielhaft für viele. Wer sich outet, wird in die Ecke gestellt. Ich hatte noch Glück, weil ich gute Beweise hatte. Aber der Missbrauch ist ein Seelenmord; ich befinde mich immer noch in einem ständigen Überlebenskampf. Meine Geschichte zeigt, wie lange man braucht, bis man über Missbrauch reden kann. Deswegen muss die zivilrechtliche Verjährungsfrist für Missbrauch aufgehoben werden.

Quelle:

http://www.focus.de

6 Kommentare

  1. Auch ich bin dafür dass solche Missbrauchsfälle lückenlos aufgeklärt und geahndet werden, ich sehe auch einen großen Fehler in der Art und Weise wie dieses Thema von der katholischen Kirche behandelt wird, aber ich möchte auch eines hier klarstellen, da hier, wie auch in sehr vielen anderen Medien auch, immer das Wort „katholisch“ so hervorgehoben wird. Auch in Einrichtungen anderer Glaubensrichtungen passiert das selbe, nur wird das dann nicht so hervorgehoben. Tatsache ist dass z.B. in Österreich nur !!2%!! der angezeigten Missbrauchsfälle die katholische Kirche betreffen (selbstverständlich gibt es auch hier eine Dunkelziffer die beträchtlich sein mag, wie bei allen anderen Organisationen auch!)
    Meint
    Engelbert
    http://www.plattform-kinderhilfe.at

  2. Rala schreibt am :

    Das mit dem Schweigen des Täters war bei mir auch so!!!
    Ich wusste das ist nicht richtig,aber ich konnte mich nicht wehren.Ich hatte Angst.
    Und die Schuldgefühle bleiben ein Leben lang,fühle mich manchmal gar nicht in der Lage,anderen Leuten zu begegnen!!!Aus Schuldgefühlen,die mich tagelang handlungsunfähig machen.
    Wie eine Ohnmacht.

  3. Sarah M. schreibt am :

    Liebe Rala,
    du wusstest, das das, was der Täter dir angetan hat, nicht richtig ist. Der Täter will immer dem Opfer eintrichtern, dass das Opfer schuld daran ist, was ihm jetzt wiederfährt. Du hast keine Schuld, du warst ihm ausgeliefert. Wie hättest Du dich als kleines Kind wehren sollen, ohne Dein Leben in Gefahr zu bringen???
    Angenommen, Du würdest Deine Geschichte von einem Anderen erzählt bekommen. Wie würdest Du urteilen? Würdest Du sagen: Das Kind ist selbst schuld? Nein, das würdest Du sicherlich nicht!!! Das sind Täterbotschaften, die in Deiner Seele wie ein Chip eingebrannt sind. Der Chip gehört aber nicht dorthin. Er gehört dem Täters, und da gehört er auch wieder zurück!!! Ich weiß nicht, ob Du dich gerade in Therapie befindest. Wenn ja, vielleicht kann Deine Therapeutin mit Dir zusammen ein Ritual vollziehen, wie ihr imaginär zusammen die Täterbotschaften dem Adressat zurückgeben könnt.
    Ich wünsche Dir auf jeden Fall von ganzem Herzen, und allen – die sich nach wie vor die Schuld daran geben, weil Perverslinge sich an ihnen (den Schwächeren) vergreifen und sie quälen und missbrauchen, dass Du dir diesen Schuh nicht anziehst. DU BIST NICHT SCHULD!!!
    Sarah

  4. Angelika Oetken schreibt am :

    Ich habe mich letzte Woche intensiv mit der Wirkung der Spiegelneuronen befaßt „Der Impuls sich selbst zu zerstören“ abgelegt unter „Wissenschaft/Forschung“ und könnte mir vorstellen, daß auch die Schuldgefühle, die viele Opfer empfinden, zum Teil auf die Wirkung der Spiegelneuronen zurückzuführen sind.
    Denn es ist ja an sich genauso irrational sich schuldig für eine Tat, die ein anderer begangen hat zu fühlen wie es unsinnig ist, sich selbst zu zerstören, weil ein anderer das einmal vorhatte.

    Trotzdem sind diese Gefühle für uns Betroffene ja ganz real und auch durch Einsicht nicht einfach aufzulösen oder abzustellen. Ich finde, wir haben auch ein Recht darauf, sie zu äußern, auch wenn das für unsere Umgebung belastend und unbequem sein kann.
    Wenn andere Menschen mir gegenüber ihr Unbehagen oder ihr Unverständnis äußern, was meine Gefühle dazu angeht, dann reagiere ich mit folgendem Satz „Wollen wir tauschen ?“. Meistens verstehen sie dann, worum es mir geht.

    Ich konnte mich in Norbert Denefs Schilderungen ebenfalls sehr gut einfühlen.

    Ich habe mich lange schuldig und minderwertig gefühlt – und gehe mittlerweile davon aus, daß das die Gefühle waren, die der Täter ausgesandt hat und die ich aufgenommen habe.
    Diese Empfindungen habe ich überwunden, dafür habe ich manchmal ganz unvermittelt aggressive Schübe, so wie Norbert Denef das von sich auch beschreibt.
    Meistens wenn mich irgendwas an das gesellschaftliche Ungleichgewicht zwichen Männern und Frauen erinnert.
    Ich glaube heute, daß „mein“ Täter ganz starke Haßgefühle gegenüber Frauen und Kindern hatte und ich die ebenfalls übernommen habe (Spiegelneuronen), ohne das sie irgendwas mit mir zu tun gehabt hätten.
    Ich kann das mittlerweile ungefähr abschätzen, ziehe mich dann nach Möglichkeit eine Weile von anderen Menschen zurück und überdenke kurz, was mich da erinnert und angetriggert hat.
    Manchmal mache ich dadurch interessante Entdeckungen, z.B. geht mir bei manchen Nachrichten oder Berichten von anderen Menschen erst durch meine aggressiven Impulse auf, daß dort indirekt von sexueller Gewalt die Rede ist oder jemand etwas bagatellisieren will.

    Es handelt sich bei den sexuellen Gewalttaten und Misshandlungen eigentlich auch um neurologische Schädigungen eines anderen Menschen, sozusagen eine Verschmutzung des ZNS eines anderen Menschen.

    Eigentlich ganz klarer Schadenersatzfall.

    Im Moment macht die Entwicklung sogenannter „bildgebender Verfahren“ in der Neurologie so große Fortschritte, daß man wahrscheinlich schon bald in der Lage sein wird, solche Veränderungen/“Fremdimplantate“ im Gehirn sichtbar zu machen. Und damit eine Grundlage für „medizinische Beweise“ hat.

    Damit wäre die generelle Pathologisierung von Betroffenen beendet, weil man selektiv und spezifisch Schäden darstellen kann.

    Oder anders ausgedrückt: Wir müssen uns nicht weiter als generell bekloppte Opfer vorführen lassen, sondern können zeigen, daß wir auf ganz bestimmte Art geschädigt wurden, aber insgesamt „normal“ sind, in dem Sinne, daß unsere Reaktionen vollkommen nachvollziehbar sind.
    Und auch entsprechend respektiert und behandelt werden möchten.

    Was man ja hier auf der homepage schon leicht erkennen kann, wenn man die Beiträge hier mit dem vergleicht, was „Leistungsträger“ zum Thema „Missbrauch“ so in der Öffentlichkeit von sich geben.

    Angelika Oetken, Berlin

  5. Lena schreibt am :

    Hallo Anglika,

    ich denke auch schon seit einigen Jahren: Bitte, wenn die Leute mir nicht glauben, sollen sie doch 2.000 Euro locker machen für einen Hirnscan, dann haben sie ihren Beweis… 🙂

    Stellt Euch vor, was das für „paradiesische“ Zustände wären – der ganze Gutachterkram würde völlig anders laufen, man müsste nicht immer mit skeptischen Blicken leben – einfach das „Röntgen“bild aus der Handtasche kramen… 😉

    Das mit den Spiegel-Neuronen beschäftigt mich auch sehr, und ich bin Dir sehr dankbar, dass Du das hier eingstellt hast!

    Liebe Grüße,
    Lena

  6. Hallo
    Ich habe mich wieder einmal durch die LeserInnen-Spalten durchgelesen. Dabei faellt mir ein Aspekt immer wieder auf: Der vermeintliche Rechtfertigungsdruck. Ich finde, dieser Zustand ist shclimm, denn er besagt, dass man sich sogar dafür rechtfertigen muss oder Beweislast traegt, um sich Opfer nennen zu dürfen..

    Ich wünsche allen Opfern/Überlebenden, dass ihnen der folgende Gedankenlink gelingen möge:
    „Dazu kommt eine Hoffnung, naemlich die , dass Betroffene selbst vielleicht dazu kommen, nicht „nur“ (bei aller Tragik sage ich nur).. ihren eigenen Fall ins Zentrum zu stellen, sondern diese Ungerechtigkeit als Produkt einer bis heute andauernden sehr fragwürdigen İdeologie, eines mehr als hinterfragenswerten Weltbildes anzuschauen. Erst wenn dies offensichtlich wird, besteht auch die Chance auf Aenderung, dies meine persönliche Überzeugung.“
    Nicht der Einzeltaeter als İndividuum, sondern das System, das Umfeld,in welchem er eingebettet war, haben die Tat und vor allem deren Vertuschung erst möglich gemacht.

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