Von Seiten der Psychiatrie erhielt ich keinerlei Hilfe

14.03.2010

Ich bin jetzt 62 Jahre alt.

Als ich 12 Jahre alt war, wurde ich von meiner Mutter missbraucht (Inzest). Erst vor fünf Jahren kam die Erinnerung an dieses Ereignis an die Oberfläche, mehr als 40 Jahre danach. Mein seelischer Schmerz war derart, dass in etwa 12 Krisen mein Herz langsam aufhörte zu schlagen und die Atmung aussetzte. Nur sehr knapp entkam ich dem Tod. Ich lebe in Frankreich, einem Land, in welchem die Auswirkungen von sexueller Gewalt noch stärker als in Deutschland negiert werden. Von Seiten der Psychiatrie erhielt ich keinerlei Hilfe, niemand nahm meine Geschichte ernst, jeder erklärte sie sei phantasiert. Bis mir zufällig eine Freundin meiner verstorbenen Mutter erzählte: ja, sie habe es gewusst, meine Mutter habe es ihr vor langer Zeit genau erzählt, sie selbst habe nicht gewusst, dass ich nichts davon wisse. Meine Frau reichte die Scheidung ein. Ich konnte nicht mehr in meinem Beruf arbeiten nach dem Nervenzusammenbruch, der sich etwa drei Wochen nach dem Wiedererleben des Inzest ereignete. Ich war eine Woche in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt, weil ich hoffte, dort Schutz zu finden. Dies war die dümmste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen hatte, denn dort wartete man allein darauf, dass ich verrückt würde, sonst nichts. Von den 15 Patienten in der psychiatrischen Anstalt waren neun dort, weil sie im wörtlichen Sinne verrückt geworden waren durch sexuelle Misshandlung in ihrer Kindheit.  In der Regel viele Jahre später. Unsere psychiatrischen Anstalten sind voll von späten Opfern sexuellen Missbrauchs.

Ich habe diese Situation überlebt, habe nach dem Zusammenbruch vor fünf Jahren mein Leben radikal geändert, habe mich zu einem glücklichen, freien Menschen entwickelt. Dies ist jedoch nicht die Regel. Mit Entsetzen hatte ich vor fünf Jahren feststellen müssen, dass meine Mutter als Kind regelmäßig von ihrem Vater missbraucht wurde, und, dass mein zweiter Sohn als 13 jähriger auf übelste Art missbraucht wurde. Er hatte als 24 jähriger endlich den Mut darüber zu sprechen, als er erfuhr, was mit mir geschehen war. Er erstattete vor fünf Jahren Anzeige, bis heute hat die Staatsanwaltschaft nichts unternommen.

Ja, so ist die Situation in unseren Gesellschaften. Kinder, nicht zu vergessen in der Mehrzahl Mädchen, sind immer noch sehr häufig Opfer sexueller Gewalt, wie viele genau weiß ich nicht, prozentuale Zahlen erscheinen mir auch nicht sehr wichtig. Es sind auf jeden Fall viel zu viele.

Ich bin einverstanden, mich mit meinem vollen Namen und Geschichte in Deinem Blog zu outen. Spreche seit fünf Jahren ganz offen darüber. Die derzeitige Diskussion in den Medien zu den Fällen in der katholischen Kirche zeigt mir, daß die meisten Menschen nicht begriffen haben, welche Leiden da zugefügt werden. Es ist ganz einfach nur noch tieftraurig.

Ich erlebte mit 12 Jahren den Inzest mit meiner Mutter. Wie reagierte ich darauf? – Mit Vergessen und mit häufigen, täglichen Ohnmachtsanfällen. Dank der Ohnmachtsanfälle wurde ich für 1 1/2 Jahre von meiner Familie getrennt und lebte in einem kleinen Kinderheim. Erst als ich 56 Jahre alt war kam die Erinnerung an dieses Ereignis in allerkleinsten Details wieder, einschließlich der Gerüche. Niemand in meiner Umgebung, ich einschließlich, hatte einen Zusammenhang gesehen, zwischen den Ohnmachtsanfällen und einem schweren psychischen Trauma. Meine Erfahrung mit der Klinischen Psychologie ist niederschmetternd. Es bleibt noch viel zu tun. Jedoch ohne Herzensbildung ist alle Forschung vergebens.

Frank Linnhoff

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11 Kommentare

  1. Eike schreibt am :

    Ich bin immer wieder schockiert, wenn ich lese, was Menschen ihren nächsten Verwandten antun können.
    Entsetzt bin ich, wie traumatisierte Menschen in der klinischen Psychologie stigmatisiert werden und dadurch nochmals traumatisiert werden. Sie müssen sehr stark sein, dass Sie das überlebt haben und sich sogar zu einem glücklichen, freien Menschen entwickelt haben.

    Zu jeglicher Gewalt in Hierarchien , die an die Schwächeren weitergegeben werden,folgendes afrikanische Sprichwort:
    „Wenn die Elefanten streiten,
    werden die Blumen zertrampelt.“

    Doch:
    „Tief in ihren Wurzeln bewahren alle Blumen das Licht.“
    (Theodore Roethke)

    Sie sind ein Beweis dafür! Vielen Dank für ihre Veröffenlichung!

  2. Lieber Frank,
    das Problem mit der Psychiatrie ist, daß viele Psychiater (sicher gibt es auch Ausnahmen) aus eigenem
    „Defizit“ in diese Studien-Richtung gehen, dieses nur unzureichend aufarbeiten und daher die „Spiegel“, die ihnen die „Kranken“ vorhalten, oftmals nicht ertragen und daher negieren müssen….. Darüber hinaus ist es meist ein medikamentieren und verwahren, statt einer Klärung und eines konstruktiven Aufbauens. Ich habe über die Jahre Freunde mehrfach und in verschiedenen Psychiatrien besucht. Auch meine Mutter erkrankte 08 schwer, wurde falsch behandelt und starb an den Folgen eines Sturzes, da die Medi’s sie massiv geschwächt hatten. Die Umstellung der Medis die auf meine Intervention hin passierte, brachte sie schnell von der geschlossenen in die offene und es ging ihr zunächst sehr schnell besser, aber es war für ihr Gesamtsystem zu spät. Eine gute Freundin versucht immer wieder einen Arzt zu finden, der ihr hilft aus der „Chemie“ rauszukommen, aber als Nicht-Privatpatient scheinen viele Türen verschlossen.
    Es gibt noch soooo viel zu tun.

    Lieber Frank, Deine Ohnmachtsanfälle sind typisch für die innere Abspaltung des Geschehens. Es gibt auch Kinder die ertauben oder erblinden. Was ist nur los in Sachen Achtsamkeit ? Und ja – Herzensbildung !

    „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ (Antoine de St.Exupéry)

    Dir und allen hier, alle meine guten Wünsche.
    Petra Vieten

  3. Angelika Oetken schreibt am :

    Lieber Frank Linnhoff,
    obwohl die Sparte „Coming out der Opfer“ erst vor ein paar Wochen eingerichtet wurde, haben sich mittlerweile schon 23 Menschen hier entschlossen, einen wesentlichen Teil Ihrer Lebensgeschichte zu veröffentlichen.
    Einen Teil, der das gesamte Leben negativ beeinflußt und hinter dem sich bei so gut wie jedem viel von dem was grundsätzlich schief läuft in unserer Gesellschaft verbirgt.

    Als ich Ihren Beitrag las, dachte ich sofort an meine Zeit als „Vorpraktikantin“ in einer psychiatrischen Klinik zurück.
    Das war vor etwas mehr als 25 Jahren und im Laufe der Jahre wurde mir klar, daß der ganze Aufbau und Ablauf des Klinikalltags es geradezu verhinderte, daß Menschen ihre sexuelle Traumatisierung überhaupt zur Sprache bringen durften.
    Zwischen den Patienten und dem Personal gab es sowas wie eine „gläserne Wand“. Einige der Mitarbeiter behandelten die Patienten mit Wertschätzung, aber für die meisten – besonders die Ärzte und Psychotherapeuten – waren sie wie exotische Wesen. Interessant waren nur die Diagnosen, die Medikation und einige theoretische Erwägungen.
    So ähnlich stelle ich mir die Atmosphäre in dem Krankenhaus vor, in dem Sie waren.
    Schlimm für einen kranken Menschen.

    Erst im weiteren Verlauf meiner Ausbildung habe ich dann Kontakt zu Einrichtungen gehabt, die sehr verantwortungsvoll und offen mit dem Thema „Missbrauch“ umgingen. Aber die waren damals absolute Exoten.
    Über einen meiner Ausbilder, bei dem ich sehr viel gelernt habe und dessen Arbeit mir immer noch ein Vorbild ist, hieß es sogar, er sei kein „richtiger“ Ergotherapeut, weil für ihn der Mensch und das, was er können mußte, um mit dem Leben klar zu kommen im Vordergrund stand. Und nicht die „Defizite“, die „Ablenkung“ und die „Kreativität“.
    Aus heutiger Sicht total absurd, aber damals war die Einstellung so.

    Schlimm, daß Sie schreiben müssen, das das Thema „sexuelle Misshandlung“ in Frankreich noch mehr negiert wird als in Deutschland. Eine echte Offenheit und reflektiertere Darstellung in der Öffentlichkeit gibt es erst seit ein paar Jahren bei uns- seit dem „Canisius-Skandal“ hat es einen regelrechten Schub gegeben.

    So wie Sie es beschreiben, kamen die Zusammenhänge bei Ihnen eigentlich per Zufall heraus.

    So wie Sie Ihre Symptome darstellen, würde man Sie in Deutschland wahrscheinlich in einem auf Herzkrankheiten spezialisierten Krankenhaus und anschließend in der Herzreha behandeln.
    Das Thema „Missbrauch“ käme da sicherlich nicht so leicht auf den Tisch und wenn, dann wären die meisten Behandler vermutlich überfordert.
    Dabei sind diese Einrichtungen sicherlich voll mit „Betroffenen“.
    Auch das ist mir erst beim Lesen Ihres Beitrages so richtig klar geworden.
    Wieder ein Anknüpfpunkt für die Recherche unseres „Teams“.
    Auch dafür einen ganz herzlichen Dank.

    Angelika Oetken, Berlin

  4. Lena schreibt am :

    Hallo Herr Linnhoff,

    ich habe auf Ihrer Website auch den ausführlichen Bericht über Ihre Lebensgeschichte gelesen. Und mir die Fotos und Bilder angeschaut. Fand auch die Lao-tse Texte sehr ansprechend.

    Beim Betrachten Ihrer Website ging mir durch den Kopf: „Ein armes, aber reiches Leben“.

    Das hat eine meiner behandelnden Ärztinnen mal zu mir gesagt, und sie meinte damit: Ein Leben ohne Geld, aber mit innerem Reichtum durch Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit und der Fähigkeit, Kraft aus der Natur zu schöpfen und „Kleinigkeiten“ wie Sonnenschein, Wind und unscheinbare Dinge, zu sehen und schön zu finden.

    Alles Gute für Sie,
    Lena

  5. Vielen Dank Eike, Petra, Angelika und Lena für Eure mitfühlenden Kommentare. Angelika, Sie schreiben: „so wie sie es beschreiben, kamen die Zusammenhänge eigentlich per Zufall heraus“.

    Dies könnte man so verstehen, weil ich in diesem kurzen Bericht nichts über die Umstände geschrieben habe. Erst eine ganze Zeit nachdem die Erinnerung an den Inzest in allen Details in meine Erinnerung kam, verstand ich, dass „etwas“ in meinem Inneren mindestens 1 Jahr lang vorher an das Licht drängte. Erst im Nachhinein verstand ich die vielen kleineren und größeren Hinweise, die aus meinem Körper kamen. Mein persönliches Verständnis ist: es scheint eine dem Leben innere Weisheit zu geben, die nach Wiederherstellung eines Gleichgewichts sucht und die Bewußtwerdung dann auf den Weg bringt, wenn hierdurch die Entfaltung des eigenen Lebens gefördert werden kann.

    In meinem Fall kam Ende Januar ein Teil ins Bewußtsein und Ende Juni der Rest der Ereignisse. Schon der erste Bewußtseinsschub hatte mich fast getötet. Wäre die ganze Geschichte schon Ende Januar ins Bewußtsein gekommen, was wäre dann geschehen? Wäre ich an Herzstillstand gestorben? Wäre ich verrückt geworden? Ich weiß es nicht.

    Was habe ich, jetzt 6 Jahre nach dem Bewußtwerden, aus diesen Ereignissen gelernt? – Hört sich vielleicht sehr naiv an: „Achtung vor dem Leben zu haben, allem Leben gegenüber, nicht nur dem menschlichen.“ Es ist ein anderer Blick in meine innere Welt und in die äußere Welt, die Eins sind. Wir lebenden Wesen sind alle miteinander verbunden. Welches ist der Sinn des Lebens? – Zu leben, sich im Leben zu entfalten, die Entfaltung des Lebens, der Lebendigkeit, mitfühlend zu fördern.

  6. Elvira schreibt am :

    Hierzu möchte ich noch folgenden wunderbaren Satz beitragen: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder, eure Kinder sind die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.“
    (K.G.)
    Und wer hat gesagt das zum Leben keine Schmerzen, keine Traurigkeit gehören? Und wer hat gesagt, dass wir immer nur Spaß haben sollen? Sterben und Leben! Winter und Frühling. Hell und Dunkel sind eins!
    Elvira

  7. Ja, Elvira, wie recht sie haben.
    Hier noch ein Ausspruch von Lao-Tse für Lena:

    Es gehört schon eine Menge Mut dazu
    schlicht und einfach zu erklären,
    dass der Zweck des Lebens ist,
    sich seiner zu erfreuen.

  8. Gabriele schreibt am :

    Hallo ich hätte Vorschläge für den Vereinsnamen:
    Befreiung e.V. / Befreiung aus der Opferrolle e.V. / Raus aus der Opferrolle e.V./Gerechtigkeit finden e.V. /Gerechtigkeit gefunden e.V.

  9. Lena schreibt am :

    @Frank Linnhoff: Vielen Dank für das Lao-tse-Zitat. Ich werde es aufschreiben und an die Wand hängen. 🙂 Lena

  10. @ Frank,
    danke das sie so mutig sind ihre Geschichte hier zu schreiben , denn viele Menschen meinen immer noch das nur Mädchen missbraucht werden.
    Doch es sind auch Mütter die ihre Jungen und Männer die Jungen missbrauchen.
    Auch ich versuche positiv zu denken , das hat mir bisher viel geholfen.
    Die Bücher von Louise L. Hay finde ich sehr gut. Doch immer hilft es nicht, denn das Leid vieler Betroffener nimmt mich oft sehr mit.
    Jedoch halte ich es für dehr wichtig positiv zu denken ( zu lernen ) um aus einer Depression leichter wieder heraus zu finden. Uns selbst etwas Gutes zu tun und uns selbst zu lieben.
    Ich wünsche ihnen weiterhin viel Kraft und Zuversicht und Liebe für sich selbst.
    herzlichst , Susanne

  11. Bärbel schreibt am :

    Hallo,ich möchte etwas mitteilen,
    ich werde an den Runden Tisch auch noch schreiben,
    ich habe am Mittwoch einen Termin bei einem Notar,wegen einer Regelung für die behinderte Tochter,ist etwas kompliziert, zu der Beurkundung erhält sie einen Rechtspfleger,diesem erzählte ich von den Abläufen und aus meiner Sicht,die rechtswidrig waren und sind durch die Wfb
    Caritas und den Behörden und Institutionen usw.,ich kann einen Beratungsschein beim Amtsgericht beantragen,weil meine Tochter Sozialempfängerin ist,der RA findet ,dass was ich in wenigen Sätzen ihm mitteilte sehr befremdend.

    Schritt für Schritt geht es nur ,ich lasse mich nicht einschüchtern
    Jeden Tag lese ich die Webseite ,meine Betroffenheit als nicht Betroffene
    kann ich nicht beschreiben,
    ich dachte immer ,das Kriegsende und die schrecklichen Folgen seien für Kinder schon schlimm genug,und die Schicksalschläge,usw.
    Aber was Menschen einander antun,ist nicht zu begreifen,
    warum all dieses Leid,ich wünsche auch Allen viel Kraft,
    es grüsst Bärbel

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