Ich bin ein typisches Opfer sexueller Gewalt

19.03.2010

Dies ist das Coming-Out eines Opfers sexueller Gewalt. Ich bin Journalistin, Autorin, Mutter, Partnerin, und Gewaltopfer. Der Pfarrer, der mich während der Vorbereitungen zur Erstkommunion erst befummelt und dann in der Sakristei vergewaltigt hat, ist nicht geständig. Die Kirche hat meine Anklage gegen den Mann abgeschmettert. Nur ich und der Pfarrer wissen um das, was geschah, und ich weiß es in Erinnerungsfetzen, in den Flashbacks meines Körpers und den Alpträumen, Lähmungen und Ängsten, die mich verfolgen.

Ich bin ein typisches Opfer sexueller Gewalt: Nichts in der Hand als das eigene Wissen und die Panikattacken in holzgetäfelten Räumen (die Sakristei war holzgetäfelt) und verletzlich bis ins Mark durch Menschen, die mir nicht glauben. So verletzlich, dass wir das Behaupten und Anklagen lieber nicht wagen, denn die Verzweiflung ist nie weit im Leben von Gewaltopfern: Das Ausgeliefertsein an die Weigerung der Mitmenschen, sich mit dem auseinander zu setzen, was doch täglich geschieht. Die hätte uns beinahe umgebracht und wir fürchten immer noch, dass sie es könnte.

Ich wende mich an andere Gewaltopfer und an die Gutwilligen, die die Kraft haben, die Barbarei wahr zu nehmen und sich ihr entgegen zu stellen, die sexuelle Gewalt bedeutet und verbreitet. Das Weiterexistieren von Taburäumen, in denen diese Gewalt stattfinden kann – gibt es nicht, ist nicht so schlimm, kann nicht sein – gefährdet unsere Kinder. Und unsere Zivilisation – sexuelle Gewalt treibt Menschen in den Wahnsinn, in die Obdachlosigkeit, in die Prostitution und in die Psychiatrie, denn sie trifft den Menschen in ihrem Innersten und zerstört komplett das Kostbarste, was wir haben: Vertrauen in Andere.

Dass es in Deutschland so lange dauert, bis die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche endlich Folgen zeitigen (Irland und Spanien sind viel „katholischer“ als Deutschland), hat nicht nur mit der starken gesellschaftlichen Stellung der Kirche hierzulande zu tun. Es hat auch mit dem „Opfer im Abseits“ zu tun, über das der ehemalige Italien-Korrespondent der TAZ, Werner Raith, ein Buch geschrieben hat. Nirgends, so hat er geschrieben, schweigen die Opfer so tief wie in Deutschland.

In diesem durch Krieg, Völkervernichtung und gegenseitigen Ausspionieren traumatisierten Land hat es schon zu viele Opfer gegeben. Kennen wir das nicht alle: Bloß nicht zur Last fallen, alleine zurecht kommen; mussten wir ja schon als Kinder, geht auch erwachsen (wenn es dann nicht mehr geht, ist dann oft ganz und gar Schluss; wie viele Narben an den Handgelenken habe ich in meiner Selbsthilfegruppe schon gesehen). Konstruktiv bleiben, den anderen helfen, uns zu verstehen und mit uns umzugehen (ja, das ist oft schwer).

Wir schämen uns auch. Ich schäme mich für meine Stressanfälligkeit in ganz banalen Situationen, dafür, dass ich dann meine Kinder anschreie. Ich schäme mich dafür, dass ich in mir die Fratze des Vergewaltigers trage, eines Gottesmannes, der eine Achtjährige im weißen Kommunionskleid mit Blick aufs Allerheiligste von hinten vergewaltigte. Der seinem Schützling, so sagte er, diese mysteriösen weißen Scheiben zeigen wollte, die angeblich der Leib Jesu waren. Ich schäme mich für die Botschaft, die ich bringe: Das ist möglich. Solche Menschen gibt es.

Ich schäme mich dafür, das Vertrauen zu stören, dass so viele Menschen ins Leben mitbekommen haben, weil sie Glück hatten. Das Glück, in eine Familie hineingeboren zu werden, in der sexuelle Gewalt nicht das menschliche Miteinander schon seit Generationen gestört und zerstört hatte. Ich trage eine ekelhafte, schleimige Kröte mit mir herum, die ich verstecke, so gut es geht, weil ich ihren Anblick niemandem zumuten will.

Aber das geht so nicht. Es wird immer so weiter gehen, immer weiter Kinder geben, die dran glauben müssen, wenn wir unsere Kröten bei uns behalten, als würden sie nur uns etwas angehen, bloß weil sich die Verantwortlichen ihrer nicht annehmen wollen. Und auch nicht müssen. Nichts einfacher, als einem Kind auch noch die Schuld anzuhängen, für das was geschah: Musste ich nicht noch bei meinem Peiniger zur Beichte gehen, und was habe ich wohl als Achtjährige daraus geschlossen, dass ich das musste (obwohl ich mich mit Händen und Füße dagegen wehrte)?

Auch und gerade die Prominenten unter den Opfern der Übergriffe an den katholischen Schulen wollen anonym bleiben. Was soll das bedeuten, als dass sie sich stigmatisiert fühlen und das Stigma verbergen wollen? Gezeichnet: Das sind wir. Ich erkenne mich im Spiegel erst, seit ich ein paar Falten habe und die Zeit ihre Zeichen gesetzt hat. Das glatte, schöne Gesicht war nie wirklich Meines. Dass man die Verheerungen nicht sehen kann, schwer vorstellbar. Nach Jahrzehnten haben einige von uns ihre Lehren aus der Wanderschaft durch die Hölle gezogen, und es ist durchaus so, dass das leben hilft und immun macht gegen die Verführungen, sich beim Gestalten des eigenen Lebens von Konventionen und Bequemlichkeit leiten zu lassen.

Die Stigmata bleiben. Sie bleiben so lange, wie es das Tabu um sexuelle Gewalt geben wird. Und das wird so lange bleiben, wie wir Opfer uns als die Zumutung betrachten, weil wir die Zumutungen durch die Täter nicht thematisieren dürfen. Weil es die Täter einfach nicht gibt, weil nicht geben darf. Weil zu viele Menschen wollen, dass sie die freundlichen, hilfsbereiten Lehrer, Pfarrer, Jugendbetreuer und sonst wer bleiben, als die sie sich ausgeben. Weil alles andere zu schrecklich wäre. Wir sind die Boten, und dass wir dauernd mit der Botschaft verwechselt werden, sollte uns nicht schrecken.

Wir brauchen ein Coming-Out der Opfer. Fasst Euch ein Herz: Was in einer Familie, einem Klassenzimmer, einem Gemeindezentrum geschehen konnte und kann, das geht jeden an. Hören wir auf, uns für das Falsche zu schämen: Für das, was uns geschehen ist und dafür, dass so etwas geschehen kann. Man kann sich für das schämen, was das aus einem gemacht hat; das hilft, die Schäden zu sehen und das eigene Leben nicht mehr von ihnen bestimmen zu lassen.

Aber was die Welt von uns verlangt (sehr viele jedenfalls), und was durchaus vergleichbar ist mit der Aufforderung an Vergewaltigungsopfern in Ländern wie Pakistan, sich doch umzubringen (also zu verschwinden, die Gemeinschaft nicht zu belasten) – das ist für niemanden gut, außer für die Täter und diejenigen, die sich die Welt so zurechtbiegen, wie sie in ihren Kram passt – was der Welt gar nicht bekommt.

Es gibt so viel zu tun. Die Verjährungsfristen müssen aufgehoben werden. Strafvereitelung, wie sie die Kirche seit Jahrzehnten betreibt, muss geahndet werden können, ebenso wie unterlassene Hilfeleistung.

Psychiater und Psychotherapeuten müssen begreifen, dass die Mehrheit ihrer Patienten da sind, wo sie sind, weil sie sexueller Gewalt ausgesetzt waren (es gibt wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema). Die Mystifizierung und Verbrämung von Inzest als Ingredienz griechischer Tragödien, das mit uns nichts zu tun hat, muss ein Ende haben: Der Inzest ist unter uns, so wie die wohl angesehenen Familienväter, die ihre Töchter missbrauchen.

Das ist erschreckend, ja. Und dass mir keiner kommt mit Generalverdacht gegen die Männer. Es geht um Sensibilisierung. Darum, dass man nicht mehr unterschiedslos über jeden noch so brutalen Gewaltverbrecher den immer gleichen Spruch serviert bekommt, so was hätte man von dem Mann aber niemals gedacht.

Nur wir können, ja müssen dafür sorgen, dass man anfängt zu denken. Dass die Gesellschaft – Richter, Staatsanwälte, Ärzte, Eltern, Nachbarn – die Existenz und die Schädlichkeit sexueller Gewalt denken kann und sich entsprechend verhalten. Gefährdete und auffällige Kinder wahrnimmt und schützt und Tätern endlich diesen Blankoscheck entzieht, der da lautet (in Medizinlehrbüchern), nicht alle Kinder nähmen Schaden, wenn sie sexueller Gewalt ausgesetzt seien.

Die traurige Wahrheit ist: Nicht alle von uns sind in der Lage die Tragweite des Geschehenen an sich heran zu lassen: Zu sehen, wie schrecklich es war. Jedes Mal wieder ist es ein Schock, der unseren Alltag durcheinander bringt, auch für uns selbst. Auch das wäre einfacher, wenn wir nicht abends beim Videogucken nicht vorgerechnet bekämen, dass illegal Filme zu kopieren uns in den Knast bringen kann, während wir am nächsten Morgen in der Zeitung mal wieder lesen müssen, dass 18 Monate auf Bewährung so die Strafe ist, mit der „schwerer sexueller Missbrauch“ geahndet wird.

Astrid

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Ein Kommentar

  1. >>Ich schäme mich dafür, das Vertrauen zu stören, dass so viele Menschen ins Leben mitbekommen haben, weil sie Glück hatten.<<

    Liebe Astrid,
    vielen Dank für Deine Offenheit und Deine "Anklage", die Du wenigstens hier vorbringen kannst. Unfassbar, daß die offizielle abgelehnt wurde. Aber nun zu Deinem Satz oben. Schäme Dich nicht. Du störst mein Vertrauen nicht, denn dieses tiefe Urvertrauen, das z.B. ich als eine der "Glücklichen" mit auf den Weg bekamen ist unzerstörbar. UND es ist wichtig, daß wir die rosaroten Brillen verschrotten, daß wir Achtsamkeit üben, hinschauen und wieder NEIN ! sagen lernen. Dabei hilfst Du mit Deinem Mut. Darauf darfst Du stolz sein. Die "Glücklichen" haben ein besonderes Geschenk erhalten und es ist nicht ihre Aufgabe es für sich allein zu behalten, sondern etwaigen Überschuss zum Besten der Wesen zu verwenden. So seh ich das zumindest. Alles Liebe für Dich !
    Herzlich
    Petra

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