Ich lernte zu reden!

19.06.2010

Mittlerweile sind ja nun die Medien voll gespickt mit Nachrichten über sexuellen Missbrauch, bzw. sexualisierte Gewalt. Und wir wissen alle, dass nicht nur das Umfeld der Kirche Ort des Verbrechens ist!!! Ich sage immer: ein Amstetten gab und gibt es überall und leider auch immer wieder!

Ich selber bin eine Betroffene, wurde jahrelang von meinem Vater missbraucht (vom 6. – 17.Lj.), mit 34 Jahren vergewaltigt von einem Fremden…

Irgendwann verlor ich den Glauben an Gott, der für mich als Kind immer im Mond wohnte, dem ich alles anvertrauen konnte, da ich sonst mit niemandem reden durfte. Aber er “rührte” sich irgendwann nicht mehr und war mir nicht wirklich eine Hilfe. Ich dachte: Gott hat mich verlassen, weil auch er mir die Schuld an all dem gibt. Und ich verstand, warum er nicht mehr für mich da sein wollte.

Erst Jahrzehnte später war ich in der Lage, das Schweigen zu brechen. Ich weiß, wie es ist, wenn man einfach nur fuktionieren muss, wenn die Angst das Leben bestimmt und ein Reden unmöglich macht.

Wie die meisten anderen Betroffenen verlor ich nie ein Wort über meine Vergangenheit, versuchte meinen Kummer und die Angst immer weiter zu unterdrücken und machte alles mit mir selber aus; zu groß waren Scham und Schuldgefühle, und das Leben war unlebbar. Ich lernte meinen Mann kennen, der mir etwas gab, dass ich als Liebe und Vertrauen deklarierte, wurde schwanger, und mehr schlecht als recht ging das Leben mit Mann und Kindern weiter. Jahre später wurde ich plötzlich sehr krank, denn das Verdrängen und Verleugnen der Wahrheit in Verbindung mit der „Tablettenchemie“ hatten ganze Arbeit geleistet. Psychopharmaka und Cortison gehörten zu meinem Alltag, schon in meiner Kindheit und Jugend.
Zum Teil waren die Erlebnisse sogar in “Vergessenheit geraten” – abgespalten, um überhaupt überleben zu können.

Doch das Schicksal kreuzte meinen Weg und ich lernte mit 42 Jahren als diensthabenden Notarzt einen Homöopathen kennen. Und ich wusste intuitiv, er würde mir helfen können.
Anfangs noch skeptisch, begab ich mich in die Hände der klassischen Homöopathie. Gestärkt durch die kleinen weißen Kügelchen, verbunden mit gezielt geführten psychologischen Gesprächen durchschritt ich die Höhen und Tiefen der Vergangenheit. Ohne jegliche schulmedizinischen Medikamente überstand ich depressive Phasen und psychosomatische Beschwerden in der Traumabewältigung. Und im Laufe der Zeit wurden Hilflosigkeit, Verzweiflung und verlorener Lebensmut abgelöst von Mut, Zuversicht und zurück eroberter Lebensfreude.

Aber das Wichtigste war: Ich lernte zu reden!

Denn bis dahin hatte ich all meine Gefühle und Gedanken nur schriftlich festhalten können. Das Tagebuch war schon immer mein bester und auch einziger Freund gewesen. Während der Therapie nun wurde das Schreiben auch ein Stück Verarbeitung, bis schließlich der Wunsch aufkam, meine Erfahrungsreise in einem Buch festzuhalten, um anderen Betroffenen Mut zu machen und einen neuen/anderen Weg aufzuzeigen – heraus aus Trauma, Angst und Depression. Denn leider ist es ja, wie Sie selber wissen, immer noch so: interessant ist für die Medien doch meist nur das Umfeld des Täters. Wie die Betroffenen mit all dem umzugehen versuchen, wird bestenfalls umrissen. Ich sage absichtlich „versuchen“, denn es ist fast unmöglich, z.B. ziemlich zeitnah einen kompetenten Therapeuten oder überhaupt einen kompetenten Ansprechpartner zu finden. Also versucht man, alleine klarzukommen.

Mittlerweile bin ich 54 Jahre, verheiratet und Mutter dreier Kinder. Und ich kann offen über das Thema Inzest oder Vergewaltigung reden. Sicher, die Vergangenheit drückt sich immer mal wieder durch, aber ich habe gelernt, ganz gut damit zu leben. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man durch die Gespräche mit Ebenso-Betroffenen erst wieder das Gefühl bekommt, nicht alleine auf dieser Welt zu sein. Ich sage immer: wer meinen Weg nicht gegangen ist, der kann auch nicht verstehen, wie sexueller Missbrauch das Leben bestimmt, mit einem großen “Rundumschlag” auf Familie und Freunde.

Vor einem 3/4 Jahr konnte ich mein Buch “Kleines Mondkind, hab Vertrauen” veröffentlichen (auch als RadioKöln-Buchtipp im April gelaufen). Mein Wunsch ist es, auch mit diesem Buch vor allem denjenigen, denen ähnlich schrecklicher Schmerz widerfährt oder widerfahren ist, zu helfen, von Herzen mit auf den Weg zu geben, sich zu öffnen, gedanklich, mit Worten und auch in ihrem Handeln. Ich möchte dazu beitragen, die Sichtweise und Sichtweite zu überdenken, den Menschen die Scheuklappen zu nehmen, den Mut zu wecken, das Vertrauen langsam aufzubauen, und vor allem daran zu appellieren, niemals aufzugeben!!!

Das, was mich einerseits immer noch und immer wieder so wütend macht – nämlich die Tatsache an sich – macht mich auf der anderen Seite zuversichtlich, wenn ich die Nachrichten der letzten Wochen verfolge. Denn nur dann, wenn all das immer mehr öffentlich wird, werden auch immer mehr Menschen ihr Schweigen brechen. Es besteht also noch Hoffnung für unsere Kinder, deren Kinder und eben noch jüngere Betroffene! Prävention und Offenheit sind das A und O, ist meine Meinung.
Und irgendwann werden auch die Petitionen und Briefe an den Gesetzgeber Wirkung zeigen müssen!!! Die Verjährungsfristen müssen aufgehoben werden, das Strafmaß muss erhöht werden, Betroffene müssen gehört werden usw.! Aber wem sag ich das…?…

Mein Bestreben ist es, eben auch von meiner Seite offen und authentisch noch ein wenig mehr Licht ins Dunkle des Tabus zu bringen und anderen Betroffenen die Angst zu nehmen.

Herzliche Grüße
MARY SCHRÖDER

www.undtrotzdem.de

2 Kommentare

  1. Susanne schreibt am :

    Liebe Mary,
    es ist schön hier auch von dir zu lesen.
    Immer mehr Opfer werden laut, das ist doch ein gutes Gefühl, wenn auch ein trauriges zugleich.
    Aber nur so wird den Menschen bewusst wie viele es von uns gibt. Zu viele!

    einen ganz lieben Gruß an dich,
    Susanne

  2. PeggyJansen7673 schreibt am :

    meine liebe mary,auch ich schließe mich susi hier voll an…danke,das du den mut findest dich hier uns anzuvertrauen..auch ich ging schon diesen weg und es hat mir sehr gut getan,denn trotz das es sehr schwer ist sich so zu veröffentlichen hilft dies auch anderen betroffenen diese kraft zu spüren,das sie eben nicht mehr allein sind,wir hinter allen stehen und sie auffangen…

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