Sexueller Missbrauch im Sport – Was ist ein demoliertes Leben wert?

07.09.2010

Ein ehemaliger Sportler, der als Jugendlicher beim Hamburger Sportverein sexuell missbraucht worden war, machte seine Geschichte vor einem halben Jahr auch öffentlich und erhoffte sich davon „eine Art Befreiung“ – nicht zuletzt auch durch eine entlastende Entschuldigung von der heutigen HSV-Vereinsführung. Was aber folgt, ist ein monatelanger Horrortrip – ernüchternd wie erschreckend…

Eigentlich kann ich gar nicht schreiben. Jedenfalls jetzt nicht. Dazu fühle ich mich viel zu beschissen. Seit Monaten quälen mich nachts Alpträume, aus denen ich schweißgebadet aufwache, tagsüber kommen bisweilen zermürbende Migräne-Attacken dazu. Ständige Begleiter sind meine endlose Grübelschleifen, Schlaflosigkeit und Gereiztheit. Dieser Mann ist arbeitsunfähig, darf man annehmen. So ist es und so fühle ich mich auch. Krank, arbeitsunfähig und außer Stande zu schreiben. Aber genau das scheint die einzige Methode zu sein, um mit dieser dauerhaften Krise umzugehen, die vor einem halben Jahr ihren Anfang nahm – und über deren Vorgeschichte ich auch schon im März nicht schreiben wollte, weil ich mir das nicht zutraute. Deshalb überließ ich es einem befreundeten Journalisten, mein demoliertes Leben auf Zeitungsseitenlänge zu verdichten. Es ist ihm großartig gelungen, auch wenn die Lektüre manchem Leser gewiss die Stimmung vergällen dürfte. Denn darin geht es ziemlich unappetitlich zu. Kaum zutreffender dürfte deshalb der Titel sein –

„Ausgeliefert“…

„Als Siebenjähriger wird David Mandler (Name v.d.R. geändert) von einem Bauarbeiter sexuell missbraucht und mit diesem Trauma von seinen Eltern allein gelassen. Seine Mutter ist zu schwach und sein cholerischer und gewalttätiger Vater, nach sieben Jahren Konzentrationslager ein gebrochener und schwer traumatisierter Mann, hält seinen Sohn für einen Versager, demütigt und schlägt hin. Den Respekt und die Anerkennung, die ihm sein Vater versagt, erhofft sich David durch den Sport beim HSV. „Uns Uwe“ knallte dem jungen Keeper damals beim Training in Ochsenzoll sogar ein paar Bälle aufs Tor. Dann wird David von einem Schulfreund zu den Schwimmern und Wasserballern vom HSV gelockt. Doch dort vergeht sich der damalige Trainer mehrfach sexuell an David, schlägt ihn dabei brutal. Er unternimmt auch nichts dagegen, wenn David von seinen Sportkameraden gemobbt, gedemütigt und begrapscht wird. Diese körperlichen und seelischen Grausamkeiten – und Suizid-Gedanken – begleiten ihn bis heute. Ohne eine therapeutische Langzeitbehandlung wäre David Mandler vermutlich längst tot.

Stimmt. Auch wenn solche Gedanken den Allermeisten absurd erscheinen mögen, werden Menschen, die im Kindesalter sexuell missbraucht wurden, von derlei Abgründen lebenslang begleitet. Fragen Sie mal den Autoren der „Ausgeliefert“-Geschichte, er kennt mich seit über zwanzig Jahren, ob er sich derartig selbstzerstörerische Seelennöte von mir vorstellen konnte. Er konnte nicht. Jedenfalls bis vor sechs Monaten. Bis dahin hielt er mich, wie wohl viele andere auch, für einen witzig-gescheiten und selbstbewussten Kerl, der hin und wieder zwar über die Strenge schlug, ansonsten aber ein sympathischer Kollege war. Jetzt weiß er, was mir widerfahren ist: dass hinter meiner zumeist fröhlichen Fassade eine demolierte Seele haust. Wie demoliert, ist mir seit Anfang März fast jeden Tag und jede Nacht bewusst geworden. Getrieben und ermutigt von den zahllosen Missbrauch-Skandalen habe auch ich meine Geschichte öffentlich machen wollen und mir davon eine Art Befreiung und Erlösung erhofft. Was jedoch folgt, ist ein monatelanger Horrortrip, der gleichwohl dazu taugen würde, mit „Ausgeliefert“ überschrieben zu werden.

Denn statt den Artikel, wie versprochen, im April zu veröffentlichen, werden angekündigte Druckzusagen immer wieder verschoben und meinen telefonischen Nachfragen ausgewichen. „Leider müssen wir Prioritäten setzten“, bittet mich eine leitende Redakteurin um Verständnis. Soso. Stattdessen gibt es dieses Mal eine ganze Seite über Thomas Gottschalk. Zum Totlachen. Weitere Wochen vergehen und Drucktermine weiter verschoben. Ende Mai endlich erscheint die Geschichte – aber nur für ein paar Stunden in der Online-Ausgabe der Zeitung. Erst nach einem internen Redaktionskrach wird „Ausgeliefert“ Anfang Juni auch in gedruckter Form veröffentlicht. Der Krach muss heftig gewesen sein, denn selbst der überraschende Rücktritt des Bundespräsidenten, Horst Köhler, konnte meine Geschichte an diesem Tag nicht von dieser für derlei Prioritäten reservierten Seite verdrängen.

Ohne therapeutische Hilfe hätte ich dieses ohnmächtige Warten mit allzu vielen unerquicklichen Tagen und Nächten kaum ausgehalten – mit den immer gleichen Alptraum-Szenarien, aus denen ich schweißgebadet aufwache, in denen sich die Demütigungen durch den Trainer wiederholen, ich dabei sein Narbengesicht sehe mit dem sadistischen Ausdruck darin und sein starrstierendes Glasauge. Sogar sein pomadiger Körpergeruch ist wieder da. Ich höre seine Stimme und die der anderen Peiniger, die mich verhöhnen und begrapschen. Tagsüber umkreisen meine Gedanken diese Alpträume, manchmal kommen enervierende Cluster-Kopfschmerz-Attacken dazu. Trotzdem fühlt sich die Veröffentlichung gut an. Immerhin lässt sich HSV-Vorstand Oliver Scheel darin verheißungsvoll zitieren: „Das ist eine tragische Geschichte, von der wir nichts wussten. Wir möchten ihm unsere Betroffenheit und unser Mitgefühl ausdrücken. Das würden wir ihm auch gern persönlich sagen“. Es wird aber noch sehr lange dauern, bis ich Oliver Scheel persönlich gegenübersitze. Denn wochenlang geschieht wieder nichts. Auch nicht, als am 23. Juni in einem ARD-Nachrichtenmagazin über meinen Fall berichtet und HSV-Vorstandsmitglied Oliver Scheel vor laufender Kamera vollmundige Absichtserklärungen abgibt.

Ebenso bleibt der erhoffte Beistand von Freunden und anderen mir nahestehenden Menschen aus oder hält sich in Grenzen. Ein renommierter Theaterregisseur, durchgeistigter Qi-Gong-Lehrer und praktizierender Zen-Buddhist empfahl mir nachhaltiges Meditieren im Lotussitz auf einem bequemen Kissen. Dagegen fiel einem einst weltberühmten deutschen Leichtathleten und Sportpädagogen eine eher handfestere dazu Anekdote ein: „Als mir früher mal so einer an die Wäsche wollte, habe ich ihm ordentlich eine reingehauen.“ Und „auf eine Tasse Kaffee“ wollte sich Sportjournalist und Ex-Fussballprofi mit mir treffen, nachdem er „Ausgeliefert“ auch gelesen hatte. Seither habe ich von den dreien nichts mehr gehört. Ein anderer Begleiter aus meinem Leben kann mit meinem Problem auch nicht viel anfangen. „Was soll das Lamentieren, du hast doch in deinem Leben enorm viel erreicht“, ließ er mir über einen gemeinsamen Freund, den Zen-Buddhisten, ausrichten. Mir nichts ausrichten ließ HSV-Vorstandsfrau Katja Kraus, als sie im März von meinem Fall erfuhr und telefonisch bei der Zeitungsredaktion sondierte, ob und welch Ungemach dem HSV drohen könnte.

Ein geschätzter Hamburger Facharzt, mit dem ich damals beim Hamburger Sportverein zusammen Wasserball gespielt habe, hielt sich ebenfalls bedeckt, wollte nicht viel sagen. Vor allem aber wollte er anonym bleiben. „Unser Trainer war kein Kumpeltyp. Ich habe ihn nie als distanzlos empfunden“, erzählte der Internist dann doch dem „Ausgeliefert“-Autoren am Telefon. Ich habe den Trainer Kurt S. völlig anders in Erinnerung: Er gab den Kumpeltyp und ließ sich von uns duzen, wozu er uns ausdrücklich aufforderte. Wir nannten ihn nur Kurt, der auf unseren beiden Frankreichreisen zuweilen schon mal die Sau raus ließ – wie in einer Apotheke: Dort nahm er plötzlich sein Glasauge heraus, legte es auf den Tresen und blaffte die Französin dahinter an: „Soll ich hier auf den Tisch scheißen oder krieg ich dafür Tropfen?“ Mir war‘s entsetzlich peinlich, die anderen Jungs kicherten. Diese Lachnummer zog er nicht nur einmal durch. Zuweilen prahlte er mit Kriegserlebnissen. Wie er als Panzerfahrer in Russland aus Jux mit dem Maschinengewehr eine Schafherde niedergemäht, dabei einen Widder aber nur verwundet hätte. Als das „wie eine abgestochene Sau“ blutende Tier in seiner Agonie noch versuchte, ein bereits totes Schaf zu begatten, hätte er ihm mit dem MG den Rest gegeben. Dieser Mann war ganz und gar nicht distanzlos, wie mein ehemaliger Sportkamerad sich zu erinnern vorgibt. Kurt S. hatte damals einen harten Kern aus drei Brüderpaaren um sich versammelt, der ihm ebenso widerspruchslos Gefolgschaft leistete, wie die meisten der anderen auch, die in der Trainergunst standen und sich bisweilen gern mal an demütigenden Schabernacks mit mir beteiligten. Ein Schwimmtrainer, der an weiblichem Nachwuchs nicht interessiert ist, dürfte verwundern. Damals jedoch fiel keinem auf oder wurde hinterfragt, warum dieser HSV-Trainer schwimminteressierte und selbst talentierte junge Mädchen beim Training kaum beachtete oder links liegen ließ. Dass die allermeisten damals, bis auf zwei Teenies, nicht wiederkamen, erstaunte mich nicht. Denn Kurt S. war nur an Jungs interessiert, die er bei Rundtouren mit seinem roten VW-Bus in Hamburger Schwimmbädern gelegentlich ansprach…

Wie einen Dreizehnjährigen in einem Walddörfer Freibad und ihn in sein Schwimmteam zu locken versuchte. Der Junge lehnte das Angebot von Kurt S. ab. „Ich mochte den Kerl mit dem Glasauge nicht“, erinnert er sich an die Begegnung mit dem HSV-Trainer. „Außerdem spielte ich schon recht erfolgreich Badminton.“ Diesen Jungen habe ich Jahre später in einer Studenten-Wohngemeinschaft kennen gelernt. Seither sind wir Freunde und wissen viel voneinander – wie auch von unseren unterschiedlichen Begegnungen mit Kurt S.. Andeutungen von der finsteren Seite dieses Mannes habe ich ihm erst vor einigen Jahren gemacht. Seit der Lektüre von „Ausgeliefert“ kennt er die ganze Geschichte. Vor der Veröffentlichung fragte ich ihn nach seiner Einschätzung. „Lass es sein“, empfahl er mir. „Du kriegst nur Ärger.“ Wie recht er hatte. Dieser Freund, ein lebenstüchtiger und welterfahrener Mann, kann nicht verstehen, warum ich mich dennoch darauf eingelassen habe. Er findet das alles „einfach nur zum kotzen und widerlich“ und will am liebsten damit auch nichts zu tun haben. Kürzlich erzählte ich ihm von vom jähen Schwund von Freunden und Bekannten und wie sich dieser kollektive Rückzug für mich anfühlt. Da verwies er mich auf die kreativen Kräfte, die derlei Seelentiefs innewohnen: „Das kennst du doch. Außerdem hast du doch deine Frau.“ Stimmt. Ohne diese Frau hätte ich das alles nicht durchgestanden. Sie ist die Einzige, die mein seit Monaten aus den Fugen geratenes Leben und die Pein nachempfinden kann und sich nicht abwendet. Gleichwohl, auf ihrem Leben liegt auch ein Dauerschatten. Sie wurde einst von ihrem Ex-Mann vergewaltigt. Damit wollen ihre Mutter und Schwestern partout nichts zu haben und bevorzugen ein kollektives Schweigen.

Zwar gibt es noch ein paar Menschen, die hartnäckig zu mir halten, die meisten aber sind inzwischen geflüchtet. Es scheint wohl immer noch so zu sein wie vor fünfzig Jahren, als viele Eltern ihrem Nachwuchs streng verbot, mit Kindern zu spielen, die einem „Mitschnacker“ in die Hände gefallen waren. Auch mir scheint etwas anzuhängen, was viele so sehr zu beunruhigen scheint, dass sie sich abwenden. Wie meine Mutter und Schwestern. Die halten ihre ganz private Omertá, das Gesetz des Schweigens, schon seit Jahrzehnten wacker durch. Wer die Omertá bei der Maifa oder Cosa Nostra bricht, ist bekanntlich des Todes. Auf mich dürfte nun wohl kaum ein Auftragskiller angesetzt werden. Das wäre auch gar nicht nötig. Denn bisweilen sind Missbrauchsopfer derartig traumatisiert, dass sie ihr Leben freiwillig beenden, oder frühzeitig über Umwege via Alkohol oder andere Drogen. Gedanken an einen selbstbestimmten Tod erscheint für manche Betroffene der einzige Ausweg aus den nächtlichen Alpträumen und den quälenden Tagträumen zu sein, den Schüben von Selbstzweifeln an einem von Scham- und Schuldgefühlen beladenen Leben, das sie irgendwie nicht gebacken kriegen. „Sexueller Missbrauch im Kindesalter raubt den Betroffenen die Würde und hinterlässt ein lebenslang zerstörtes Selbstwertgefühl, also die wichtigsten Grundlagen fürs Leben“, erklärt Psychoanalytiker Ansgar Dickow. „Gleichzeitig sind Würde und Selbstwertgefühl das, was das Leben lebenswert macht.“

Wie sich ein Leben ohne diese Zutaten anfühlt, weiß ich. Nicht aber, wie sich ein Leben mit derlei Segnungen anfühlt. Was ich mühsam gelernt und verinnerlicht habe, ist etwas, was den allermeisten Betroffenen, durch ihr Trauma verdrängt oder bis zur Unkenntlichkeit verharmlost, lebenslang verschlossen bleibt: Dass die Ursache, warum sie ihr sich so beschissen anfühlendes Leben nicht gebacken kriegen, nicht das wie ein Mantra selbstbeschworene eigene Versagen und Unvermögen ist, sondern die noch immer schwärenden Seelenwunden von einst durch einen psychisch gestörten Täter. Dieses lebenslange Handicap ist Betroffenen kaum anzusehen, denn Verdrängung, Verharmlosung und Vertuschung funktionieren perfekt. Wie bei mir Jahrzehntelang auch. Ich habe sogar meinen Vornamen geändert und eine einleuchtende Erklärung für die Unterarm-Narben der mir vor Jahrzehnten selbst zugefügten Schnittwunden. Nichts sollte an damals erinnern.

Dieser „Schutzmechanismus“ funktioniert bei mir nicht mehr. Umso mehr bei vielen anderen Menschen, bei denen sich der Verdrängungsapparat sogar als verblüffend anpassungsfähig erweist. Das nimmt zuweilen paradox anmutende Formen an: Dieselbe Zeitung, die sich bei der Veröffentlichung und Weiterverfolgung meiner Missbrauchsgeschichte so schwer tut, prangert am 13. Juli in einem Leitartikel („Es fehlt das Wort an die Opfer“) das erschreckende Versagen der Verantwortlichen an und dass „damit endlich Schluss sein muss“. In seiner Schelte zitiert der Leitartikler Auszüge aus dem Sondergutachten der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin und Grünen-Politikerin Andrea Fischer über die Missbrauch-Vorfälle im Berliner Canisius-Kolleg: „Zu keiner Zeit wurde an die Kinder und Jugendlichen gedacht und Sorge getragen, ihnen zu helfen“. Das mahnt der Journalist besonders für den aktuellen Umgang mit Betroffenen an, dass endlich etwas für die Opfer getan werden muss. In derselben Zeitung plaudert HSV-Präsident Bernd Hoffmann über seinen Seilakt zwischen knallhartem Manager, verantwortungsvollem Menschen und Familienvater von vier Kindern, denen er eine „hohe Sozialkompetenz“ nachsagt. Über sich selbst sagt der bekennende Katholik: „Ich bin ein harmoniesüchtiger Mensch und kann schlecht in Streit leben. Ich will Dinge schnell ins Reine bringen.“  Hört, hört. Als Bernd Hoffmann der Zeitung das Interview gibt, müsste er eigentlich von den Missbrauchsvorwürfen gegen seinen Verein gewusst haben.  Schließlich hatte sich seine Kollegin Kraus bereits im März telefonisch danach erkundigt. Doch die beiden bleiben in Deckung, schicken Vorstandskollegen Oliver Scheel vor. Er soll sich mit mir treffen und die Lage ausloten. Nach seinem und meinen Fernseh-Auftritt in dem ARD-Nachrichtenmagazin bleibt ihm auch gar nichts anders übrig. Doch bevor es zum ersten Treffen mit mir kommt und ich Oliver Scheel gegenübersitze, vergehen wieder Wochen, werden wieder Termine mit mir storniert. Einige Tage vor dem Treffen mit mir erzählt er dem Autoren meiner Geschichte von seinem Unbehagen: „Als das damals passierte, war ich noch nicht einmal geboren.“ Ich schon. Was mit mir damals beim Hamburger Sportverein geschah, hat mich und mein Leben für immer geprägt. Schwer zu glauben, dass ich ein Einzelfall bin. Denn dieser inzwischen gestorbene Mann war über zwanzig Jahre lang als Schwimm- und Wasserball-Trainer tätig.

Auch auf diese beunruhigende Facette weise ich Oliver Scheel auch hin, als wir uns endlich am 6. August nachmittags im Café-Garten eines Olympia-Stützpunktes an einem ruhigen Tisch gegenübersitzen. Bei herrlichem Sonnenschein breite ich vor diesem fremden Mann mehr als zwei Stunden lang mein Leben aus, erzähle ihm detailliert von den Grausamkeiten in seinem Verein, und wie sehr  mich auch die zurückliegenden Monate des Wartens auf das Treffen mit einem HSV-Vertreter enerviert und haben. Meine Geschichte geht ihm nahe. Es ist ihm anzusehen. Als wir uns am Gesprächsende verabschieden und die Hand reichen, verspricht Oliver Scheel, umgehend mit Bernd Hoffmann und Katja Kraus zu sprechen. Danach wollen wir uns nochmals treffen. Ich gebe ihm meine Telefonnummer, damit er mich nun persönlich erreichen kann, gebe ich ihm meine Telefonnummer. Aber er ruft nicht an. Dafür lässt er mir ein paar Tage später telefonisch ausrichten, dass er dafür leider erst am 18. August Zeit hätte. Dass dieses Treffen nicht zustande kommt, erfahre ich erst tags zuvor am Nachmittg und wieder nicht von Oliver Scheel persönlich. Er lässt es mir wieder nur ausrichten. Dabei erfahre ich, dass er noch gar nicht mit seinen beiden Kollegen über den Fall gesprochen hat. Das sei leider erst am 20. August im Rahmen einer turnusmäßigen Vorstandssitzung möglich, wie mir Oliver Scheel am Tag vor dieser Sitzung dann doch noch persönlich am Telefon erklärt, und er sich dann mit mir am 1. September noch einmal treffen möchte.

Wie’s beim Vorstandspalaver der drei HSV-Topmanager zugeht, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass an diesem Freitagnachmittag auch mein Fall abgearbeitet und irgendwann wohl auch über eine eventuelle Entschädigung beraten werden dürfte. Klingt doch gut, möchte man meinen. Wirklich? „Aber meine Damen und Herren, das ist doch alles schon so lange her und längst auch schon verjährt…“, klingen mir die Worte von Erzbischof Robert Zollitsch in den Ohren. Dabei sprach der Kirchenfürst im vergangenen Frühjahr doch nur das vor laufenden Kameras verständnisheischend aus, was viele, und nicht nur seine Glaubensbrüder, denken und hoffen. Das Gesetz gibt ihnen weitesgehend Recht, denn spätestens nach 20 Jahren sind derlei Untaten und Schadenansprüche verjährt. Aber mit dieser gesetzestreuen Haltung kommt man heute nicht mehr so gut an und auch nicht mehr so leicht durch. Kriminalpolizei und Staatsanwalt ermitteln inzwischen auch in vorgeblich verjährten Fällen. – Und seit ihnen allerorten die Kundschaft in Scharen davonrennt, hat das auch Erzbischof Zollitsch kapiert und rudert ebenso heftig zurück wie seine katholischen und evangelischen Kollegen, wiewohl die Vorstandriegen vieler Elite-Internate und Rektorenschaften anderer ins Zwielicht geratener Lehranstalten. Das wissen bestimmt auch Bernd Hoffmann, Katja Kraus und Oliver Scheel. Gewiss wird keiner von den Dreien wollen, dass der renommierte Hamburger Sportverein oder gar sie selbst Schaden nehmen könnten. Aber allzu ernst und wichtig scheinen sie den degoutanten Zwischenfall aus der so ruhmreichen Vereinsgeschichte nicht zu nehmen – ebenso wie die Nöte, in die sie mich mit ihrem Verhalten bringen. Da sitzen sie nun und palavern, was ihnen mein demoliertes Leben wert ist, das beim HSV zu Schaden kam, als sie selbst noch ein Kleinkind oder noch gar nicht geboren waren. „Ich bin von dieser Welt!“ – sagt einer von sich, den nichts mehr so schnell erschüttern kann, und weil er die Welt bereist hat, auch mit so ziemlich allen Wassern gewaschen ist. Dann bin erst recht von dieser Welt, denn überdies liegen noch überdurchschnittlich viele seelische Geister- und Achterbahn-Fahrten, Prügel sowie sonstige Demütigungen und Kränkungen hinter mir. Aber diese wahnwitzige Wert-Schätzung, wie viel drei Fremden meine geraubte Würde und Selbstwertgefühl wert sind, geht mir dann doch mächtig unter die Haut und nimmt seit diesem Freitag einen Spitzenplatz in meiner ganz persönlichen Schmerz-Tabelle ein.

Denn an diesem 20. August sitzt ein sechzigjähriger Mann daheim und muss ohmächtig den Aberwitz ertragen, wie andernorts diese drei Fremden um ihn, ums Geld feilschen. Zum Lachen ist das eigentlich nicht. Der alte Mann lächelt dennoch, weil ihn dieser Moment an zwei ähnlich groteske Situationen in seinem Leben erinnert: Als sein Vater ihn einmal ganz besonders nachhaltig verdrischt, erzählt er dem weinenden und aus der Nase blutenden Bub, dass er keinen Mucks von sich gegeben hätte, selbst dann nicht, wenn ihn sein Vater „halbtot schlug“. Und was denkt der ebenfalls Prügel gewohnte Zehnjährige? „Dann hab‘ ich ja diesmal ein richtig gutes Geschäft gemacht.“ – Ein paar Jahre später im sommerlichen Villeneuve sur Lot, einer südfranzösischen Kleinstadt in der Nähe von Limoges: Der inzwischen 15-jährige sitzt im Café-Garten des Schwimmstadions „Piscine de Schreiber“ an einem Bistro-Tisch. Ein paar Meter weiter, im supermodernen 50-Meter-Becken, trainieren sie unter den Augen von Kurt mehrmals täglich. Jetzt aber haben alle frei und er sitzt derweil nervös der bezaubernden Geneviève gegenüber. Das hübscheste Mädchen weit und breit, wie die anderen Jungs sagen. Ausgerechnet ihn hatte das dunkelhaarige Mädchen vorhin beim Training angesprochen und sich mit ihm hier verabredet. Ausgerechnet mit dem, wie mein anonym bleiben wollender Ex-Sportsfreund damals vermutlich auch gedacht haben dürfte, der ihm „die heiße Ische“, so wie er Geneviève bezeichnete, wohl nicht zugetraut hatte. Die beiden flirten und blättern dabei emsig in einem Dictionnaire, als plötzllich drei Jungs aus seiner Schwimmtruppe am Tisch erscheinen und ihm nacheinander anerkennend die Hand schütteln und dabei so was wie „wegen Geneviève“ murmeln. Ausgerechnet ihm, für den sie bisher nur Schmähungen und Demütigungen parat hatten, woran sich der alte Mann noch sehr gut erinnern kann. Wenn es für ihn heute in der HSV-Vorstandsstizung doch noch etwas wie ein kleines Happyend geben sollte, bleibt ihm Hartz IV vielleicht erspart. Wenn nicht, muss er sich wahrscheinlich so lange als Lohnschreiber durchschlagen, bis ihm der Griffel aus der Hand fällt. So lange muss er sich wohl auch mit diesem Spitzenplatz aus seiner ganz privaten Schmerztabelle  rumplagen.

„Die wollen immer nur reden. Die wollen gar kein Geld“, erzählte mir kürzlich ein Insider über die Auswertungen der Hotlines für Missbrauchsopfer. Kaum verwunderlich. „Allein schon die Überwindung ihrer Scham- und Schuldgefühle und nach jahre- oder jahrzehntelangem Verdrängen und Schweigen plötzlich zu reden, erfordert ihre ganz Kraft“, sagt Psychoanalytiker Ansgar Dickow. Aber wer weiß das schon oder will wissen, welchen Schaden dieser menschliche Makel wirklich anrichtet und was dieser kostet. Bei mir dürfte bislang eine sechsstellige Summe  zusammengekommen sein. Darin sind nicht die entgangenen und kaum schätzbaren Wertschöpfungen enthalten, die mir, den so genannten Co-Betroffenen und infolgedessen dem Gemeinwesen zugute gekommen wären. Ganz zu schweigen vom moralischen Kollateral-Schaden. Die Liste der inzwischen bekannt gewordenen Täter und Tatorte ist lang wie entsetzlich – sie offenbart, dass dieses Unheil überall und jederzeit über Kinder und ihre Familien hereinbrechen kann. Wie und wie viele derartig zerstörte Familien in Deutschland leben, ist kaum bekannt und erforscht. Dabei lohnt sich ein Blick ins Detail: Jedes Jahr werden in Deutschland durchschnittlich 650.000 Kinder geboren, denen hoffentlich auch ein verheißungsvolles Leben bevorsteht. Denn das ist keineswegs gewiss. Zwar werden alljährlich „nur“ etwa 15.000 sexuelle Missbrauchsfälle angezeigt, doch Experten gehen von einer Dunkelziffer von etwa 300.000 Fällen im Jahr aus. Wer käme bei diesem Wahnsinn in Zahlen nicht ins Grübeln.

Dazu hatte ich sehr viel Gelegenheit im vergangenen halben Jahr. Mich lässt dieses Thema nicht los, wofür der HSV-Vorstand durch seinen wenig einfühlsamen Umgang mit mir schon sorgt. Selbst eine Woche nach der Vorstandssitzung, weiß ich noch immer nicht, wie die Wert-Schätzung meines demolierten Lebens ausgefallen ist.

„Würden Sie nicht doch mal wieder gerne live bei einem Heimspiel vom HSV dabei sein?“, fragt mich Oliver Scheel am Ende unseres ersten Treffens. „Eine Freikarte wäre gewiss kein Problem.“ Seltsam, denke ich in diesem Moment: Mit Fussball beim HSV hatt’s doch damals alles angefangen. Mit Uwe Seeler, meinem Idol, dem ich nacheifern wollte. Nur wegen „uns Uwe“ bin ich zwei- oder dreimal in der Woche mit der Bahn Riesenstrecken nach Ochsenzoll zum Training oder zu Punktspielen gefahren. Für Hin- und Rückweg brauchte ich jedes Mal fast drei Stunden. Das hat mich aber nie gejuckt. Denn für mich gab es nichts schöneres, als eine „Rothose“ zu sein. Auch heute noch schlägt mein Herz für den HSV. Das sage ich Oliver Scheel auch. Ob ich mal wieder ins Stadion gehe, will ich jetzt nicht entscheiden: „Das liegt in Ihrer Hand.“ Seit dem 1. September weiß ich, dass ich mir nie wieder ein HSV-Spiel im Stadion anschauen werde. Denn an diesem Nachmittag eröffnet mir Vorstandsmitglied Oliver Scheel, dass mein demoliertes Leben für den Hamburger Sportverein  nichts wert ist. Außer einer Freikarte.

2 Kommentare

  1. hildegard schreibt am :

    Danke, „David“ – mit Ihnen geht es mir und anderen mit Ihrer Grusel-Geschichte:
    „… diese wahnwitzige Wert-Schätzung, wie viel drei Fremden meine geraubte Würde und Selbstwertgefühl wert sind, geht mir dann doch mächtig unter die Haut und nimmt seit diesem Freitag einen Spitzenplatz in meiner ganz persönlichen Schmerz-Tabelle ein“.
    Unser aller demoliertes Leben will kein Mensch sehen.
    Wenn dieser Wahnsinn je anerkannt werden würde, wäre diese Welt eine andere geworden.
    Wie wollen jene anderen „drei Fremden (am Runden Tisch)“ ohne unsere Mitwirkung uns allen Würde und Selbstwertgefühl zeigen, wenn sie uns weiterhin aussperren – geschätzte 300.000 jährlich!?
    Mit gutem Grund lehnen wir „Stein-Schleudern“ ab.
    Und „Goliath“ wird nichts zu fürchten haben …

  2. astrid schreibt am :

    lieber „David“,
    danke für Deine Geschichte und für Deinen Mut, das Schweigen zu brechen und Rechenschaft zu verlangen. Das allein ist schon enorm.
    Lass Dich nicht vom Schmerz darüber niedermachen, dass die meisten Menschen nicht in der Lage sind, den Horror an sich heranzulassen, den wir zeigen. Ich kenne ihn auch zu gut. Was wir als Kinder am eigenen Leib erleben mussten – wieder und wieder – und auch, dass wir keinem genug Wert waren, hinzusehen, dem Grauen ein Ende zu machen – das können viele, selbst erwachsene Menschen nicht ertragen, nicht einmal das Denken daran.
    Ich weiß auch nicht recht, wie man damit leben soll. Ich weiß nur, dass es sich ändern soll, weil sonst immer weiter Kinder sexuelle Folter werden durchmachen müssen. Deswegen konfrontiere ich mich ab und zu – wenn ich die Kraft habe – mit dem Erschrecken, dem Wegsehen, den ganzen Projektionen, die bei den Leuten ablaufen, wenn ich mich ihnen als Betroffene offenbart habe.
    Wichtig ist: Diese ganzen Projektionen, die Unfähigkeit, haben mit den anderen etwas zu tun. Nicht mit dem, wie ich bin. Ich kann nichts dafür, dass viele Leute mehr Angst vor Betroffenen haben und vor ihren offenen Wunden, als vor den Tätern (vergessen wir nicht, dass ein pädokrimineller Mensch für Erwachsene völlig ungefährlich ist).
    Wir dürfen nicht vergessen, wie neu es ist, dass Opfer ihr Schweigen brechen und sich zeigen. Das ist man nicht gewohnt.
    Es gibt auch diejenigen, die sich darüber freuen – ich versuche, mich auf die zu konzentrieren.

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