Missbraucht im Namen des Teufels

23.09.2010

DER WESTEN, 23.09.2010, Tobias Bolsmann

Essen. Es ist ein dunkles Verbrechen: Missbrauch im Namen des Teufels. Ein Opfer der sogenannten rituellen Gewalt schildert ihre Qualen und wie sie in ein halbwegs normales Leben zurückfand.

„Wir waren Kinder, als es passierte.” Wir, das ist sie. Wenn „Nicki” die dunklen Stationen ihres Lebens schildert, sagt sie „wir“. Ganz selbstverständlich. Spürt sie die Verwirrung, die das bei ihrem Gesprächspartner auslöst, klärt sie auf. „Ich bin ein Multi.” In ihrem Körper steckten Persönlichkeiten, sieben seien es insgesamt. Diese Spaltung, sie ist eine typische Folge ritueller Gewalt. Nicki ist 49 und gehört zu den wenigen Opfern, die keine Angst mehr haben, über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen.

Nickis Leidenszeit begann im frühesten Kindesalter in den 60er-Jahren: „Wir kennen keine Zeit, in der es keine Gewalt gab.” Die Familie mit ihrer Mutter und dem Stiefvater habe einer Satanismus-Sekte angehört. Die Täter hätten Kapuzen und schwarze Kutten getragen, wenn sie sich zu ihren Ritualen trafen. Sie schweigt zu Details. Aber Blut habe immer fließen müssen. Sie selbst sei darauf konditioniert worden, Tiere zu töten und habe selbst eine Brutalität erlitten, „die man nur überlebt, wenn der Körper verschiedene Persönlichkeiten bildet”.

Für Nicki steht fest, dass die Täter wussten, dass sie ihre Opfer spalten können, „man wird für den Kult getrimmt”. Im Alltag habe man funktioniert und all die bösen Erlebnise überspielt, „auch dafür bildet man Persönlichkeiten”. Allerdings hätten sie nie mit anderen Kindern spielen und schon gar keine Freunde mit nach Hause bringen dürfen.

„Die Rituale fanden an Wochenenden statt. Deshalb haben wir oft freitags und montags in der Schule gefehlt. Und beim Sportunterricht.” Auf diese Weise können Verletzungen verborgen werden. Erst eine Sportlehrerin habe durch Zufall Striemen auf dem Rücken entdeckt und Anzeige erstattet. Selbst um Hilfe bitten? Ausgeschlossen für Nicki, zu groß sei die Angst. „Die Täter haben einen so programmiert, dass man still ist.”

Nur eineinhalb Jahre für den Stiefvater

Nach der Anzeige wurde Nicki in einer Pflegefamilie untergebracht, ihr Stiefvater wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. „Zu anderthalb Jahren, das war Anfang der Siebziger Jahre viel.”

Und wenig angesichts der unglaublichen psychischen und physischen Deformierung des Opfers. Was Nicki schildert, ist für normale Menschen kaum vorstellbar: Bis zu 70 Persönlichkeiten habe sie in sich vereint, erzählt sie, selbst Männer hätten dazu gehört. Erst mit Hilfe einer Traumatherapie habe sie die Zahl auf sieben senken können. Sonja, die Person, als die sie geboren wurde, existiere heute gar nicht mehr. Jahrelang sei sie arbeitsunfähig gewesen, auch weil bestimmte Schlüsselreize sie „umgehauen” hätten. „Wenn ich die Farbe Gelb gesehen habe, bin ich teilweise auf offener Straße in Trance gefallen und habe nicht mehr reagiert. In der Therapie mussten solche Reize mühsam gelöscht werden.”

Außerdem weist Nicki erhebliche Erinnerungslücken auf. Weil die Erfahrungen einer Persönlichkeit im Ge­dächtnis der anderen fehlen. „Deshalb führe ich ausführlich Tagebuch, damit ich im wahrsten Sinne des Wortes keine Zeit mehr verliere.”
2007 – nach 20 Jahren – beendete Nicki die Therapie. Sie hat sich eine bürgerliche Existenz zurück erkämpft. Mit ihrem Ehemann wohnt sie einem beschaulichen Ort in der norddeutschen Tiefebene und arbeitet als Bürokauffrau. Ihre multiple Identität versteckt sie nicht, sie lebt sie offen. Mit einer Gelassenheit, die fast schaudern lässt, sagt sie, dass es ganz praktisch sei, bestimmte Persönlichkeiten für bestimmte Situationen zu haben. „Meine Nachbarn und Arbeitskollegen wissen, was ich erlebt habe.”

Derart gefestigt, treibt sie die Aufklärung über rituelle Ge­walt und die Hilfe für Betroffene voran. Sie hat einen Verein zur Selbsthilfe gegründet und hat einen Film produziert, der zeigt, wie ihr Körper funktioniert; hat im Internet ein Forum eingerichtet, in dem sich Opfer austauschen können (http://lichtstrahlen.opfernetz.de). Und dann wird sie ganz ernst: „Die Täter sind Bestien. Die können wir nicht mehr als Menschen bezeichnen. Körperlich haben sie uns vernichtet, aber unsere Seele haben sie nicht kaputt gekriegt. Wir kämpfen weiter.”

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