Ethnografisch-biographisches Forschungsvorhaben

23.03.2011

Guten Tag,

mein Name ist Lena Tietgen. Ich bin Erziehungswissenschaftlerin und suche im Rahmen eines mit Frau Prof. Dr. Sabine Reh/ TU-Berlin gemeinsamen ethnografisch-biographischen Forschungsvorhaben für narrative Interviews Interviewpartner/innen, die während ihrer Kindheit/Jugend sexualisierte Gewalt durch Pädagogen/innen in pädagogischen Einrichtungen erfahren haben. Wären Sie bereit, mit mir ein anonymisiertes Interview zu führen?

Beim narrativen Interview wird der/die Interviewpartner/in durch eine Eingangsfrage motiviert, Aspekte seines/ihres Lebens assoziativ zu erzählen. Je nach Erzählfluss werde ich zum Verständnis nachhaken. Sehr wahrscheinlich folgt ein zweites Interview, indem bestimmte Aspekte tiefer ausgelotet werden. Die Interviews werden jeweils ca eine Stunde dauern. Komplette Anonymisierung wird garantiert.

Das Forschungsvorhaben beschäftigt sich mit Ästhetik und Formen von Selbstdarstellung und Kommunikation der Betroffenen nach ihrer Erfahrung sexualisierter Gewalt durch Pädagogen/innen in pädagogischen Einrichtungen.

Wir nehmen an, dass durch den sexualisierten Gewaltakt betroffene Kinder und Jugendliche in einem Dreieck psychischer Bewältigung von traumatischen Akt als solchen, von erzwungener Schweigeverpflichtung und durch Verschränkung dieser beiden Faktoren von dem Ausschalten Dritter aufwachsen. So wahrscheinlich auch Sie. Und trotz der in dieser Entwicklungsvoraussetzung angelegten Isolation (inneren Migration) gingen Sie als soziales Wesen Kontakte ein, versuchten vielleicht auch, auf ihre Not aufmerksam zu machen. Wir vermuten, dass Sie Ihre Selbstdarstellung, Ihre Sprache und Ihren Reflexionsraum, mit der Sie sich präsentieren, kommunizieren und in dem Sie denken, in dem Dilemma von Trauma/Schweigeverpflichtung und dem Bedürfnis nach Kontakt und Kommunikation entwickelten.

In unserer Arbeit wollen wir unter anderen mit Ihnen diesen Spuren Ihrer (Selbst-)Darstellung und Interaktion als Kind oder Jugendliche/r rekonstruierend nachgehen, um Sie im ersten Schritt als „Experte/in“ in die Gesellschaft einzuladen, den sprachlosen Raum aufzufüllen. Darauf aufbauend verfolgen wir im zweiten Schritt die Frage, ob und wie dem Dritten/dem Umfeld/der Öffentlichkeit eine präventive Funktion gegen sexualisierte Gewalt zukommt, um abschließend zu überlegen, ob und wie sich Strategien einer Kultivierung des Dritten zur Prävention skizzieren lassen.

Über eine Zusammenarbeit würde ich mich freuen. Kontakt: info [at] lena-tietgen.de oder mobil: 01522-95 432 95

Schöne Grüße
Lena Tietgen

9 Kommentare

  1. Amos Ruth schreibt am :

    Wieder einmal hat das Forschungsprogramm zur sexuellen Gewalt eine neue Theorie geboren. Wieder einmal werden Missbrauchte gesucht, mittels derer die formulierte Theorie verifiziert oder falsifiziert werden kann. Wieder einmal wird vom historischen Sein auf das zukünftige Sollen geschlossen – wieder einmal erliegt eine Forschung dem klassischen naturalistischen Fehlschluss.
    Das Wichtigste aber: Wieder einmal ist der Missbrauchte Objekt der Forschung, nicht aber ernst zu nehmendes Subjekt. Aber nein, so ist es im vorliegenden Falle nicht. Die anfragenden Forscherinnen wollen ihre Objekte als „Experten in die Gesellschaft einladen, den sprachlosen Raum auszufüllen“. Von welcher Prämisse gehen die Damen eigentlich aus, wenn sie ein solches Vorhaben formulieren? Sie scheinen allen Ernstes zu glauben, die Missbrauchten sitzen wie einstmals Kaspar Hauser im tiefsten Wald, nur und sehnsüchtig darauf wartend, dass eine wohlwollende und verständige Forscherin kommt, ihnen eine Halskette umlegt und sie wie im einst im 17. Jahrhundert den „Wilden“ als zu bestaunende Attraktion in die, womöglich noch umkäfigte Manege führt. Wir wissen es nicht, aber es ist durchaus wahrscheinlich, dass auch diese „Wilden“ gesprochen haben, allein: niemand hat ihr Sprechen verstanden, niemand wollte es verstehen, niemanden hat es interessiert. Stattdessen haben Ihnen Forscher vermutlich die `richtigen´ Fragen gestellt, die die „Wilden“ zu beantworten hatten, aber (was auch sonst) nicht konnten, um zum vorher festgelegten Ergebnis zu kommen: sie sind nicht zivilisiert, nicht Teil der Gesellschaft, nicht Mensch, sondern Exot, gar Bestie – eingeführt und …. ausgespuckt.

    Ich möchte die Damen und Herren Wissenschaftler auffordern, doch einmal darüber nachzudenken, warum die Forschungsförderung, warum die Politik mit allen Mitteln versucht, alle Scheinwerfer auf den kleinen Teil der Bühne zu konzentrieren, der `Prävention´ heißt. Alle Scheinwerfer werden auf diesen bereits hell erleuchteten Teil der Bühne gerichtet, mit der notwendigen Folge, dass das überhelle Licht die Augen verdirbt, sie blind macht für das dort Befindliche. Gleichzeitig aber wird mit der Konzentration auf einen Teil der Bühne alles andere auf der Bühne Befindliche ins Dunkel getaucht, nicht einmal mehr das Bühnenbild ist sichtbar. Aber was könnte in diesem Bühnenbild zu finden sein? Zum im Dunklen verschwindenden Bühnenbild könnte der Umgang von Staat und Kirche mit den Missbrauchten gehören. Zum im Dunkel verschwindenden Bühnenbild könnten die Texte gehören, die von Kirche und Staat der Öffentlichkeit und den Missbrauchten zum Schlucken vorgelegt werden. Zu diesem im Dunkel verschwindenden Bühnenbild könnten die Pressestrategie von Kirche und Staat gehören, aber auch ihr mögliches, wahrscheinliches Zusammenwirken zum Nachteil der Missbrauchten und der breiten Öffentlichkeit, die als Solidargemeinschaft für die Zusagen der Kirche geradestehen soll – und wohl auch muss.

    Aber: das Alles bleibt im Dunkeln, soll im Dunkeln bleiben. Die ach so objektive Wissenschaft wird es dort belassen, allein um des wenigen Kaviars willen, den Staat und Kirche dem wohlbeladenen Büffet der Forschungsförderung hinzuzufügen versprechen, an dem die objektive Wissenschaft sich labt.

    Amos Ruth

  2. hildegard schreibt am :

    Hier wird viel Steuer-Geld sinnlos einem Forschungsprojekt zugespielt, das aus meiner Sicht am Ziel vorbei in eine falsche Richtung startet.
    Wollte die Regierung sinnvoll vorgehen, dann würde sie die in diesem Forum seit Jahren und vermehrt seit Februar 2010 eingegangenen Erfahrungen von Betroffenen AUSWERTEN – sie liegen hier vielfach vor, sie brauchen von den Autoren lediglich autorisiert und sie können bei Herrn Denef mit beidseitiger Zustimmung per Mouseclick sofort abgerufen werden.
    Wir haben viel Zeit und Mühe darauf verwendet, uns in Auseinandersetzung mit eigenen Schrecken und im Austausch unserer Erfahrungen mit gesellschaftlichen Einflüssen uns im Überlebenskampf zu stützen.
    Wir fanden bereits Ursachen, Hintergründe und Motive zum VERSCHWEIGEN und VERSCHLEIERN dieser Verbrechen an zahllosen Kindern heraus, die hier nur abgerufen werden wollen.

    Der Runde Tisch schloss bereits Betroffene aus Gesprächen mit Regierungsmitgliedern und Fachleuten aus – wir wünschen Augenhöhe.
    Jetzt entsteht wiederum der Eindruck, dass Einzelne zu unklaren Absichten „benutzt werden“ sollen – „BENUTZT WERDEN“ aber war von Kind an unser Problem und Vernebelung sorgte im jeweiligen Umfeld immer schon für Verlogenheit und Verleugnung …
    Die Regierungsmitglieder und erst recht die „FACH“-leute müssen sich von uns fragen lassen, ob sie begriffen haben, was mit Abertausenden Kindern im Nachkriegsstaat geschah – trotz Verfassung, trotz Grundrechten, trotz freiheitlicher Demokratie.
    Die bereits von sexualisiertem Macht-Missbrauch schwerst gestörte Wahrnehmung jedes/r einzelnen Betroffenen MUSS endlich respektiert, darf also in keinem Fall instrumentalisiert werden – und sei es nur um Zeit (statt Erkenntnis!) zu gewinnen und Gras drüben wachsen zu lassen …
    Es hat ein „Geschmäckle“, wenn die hier gegebenen Ressourcen nicht genützt, sondern dem Steuerzahler – wieder einmal – unnötige Millionen zugemutet werden.

  3. hildegard schreibt am :

    … und was ich noch zu sagen hätte:
    Sehr unangenehm stieß mir in dem Aufruf von Frau Tietgen der Begriff ‚Ästhetik‘ auf – was soll denn das bedeuten bei unserem Thema?! Und:
    Hätte die Wissenschaft nicht ausreichend Gelegenheit gehabt, sich uns helfend und schützend zur Seite zu stellen, seit wir anfingen uns hier zu artikulieren?!
    Das Instrumentarium dieses Forschungsvorhabens scheint eher aus Seziermesser und Scalpell als aus Emphatie und Überlebenshilfen zu bestehen.
    Am Ende wird das Projekt ein Ergebnis präsentieren, das wieder Opfer enttäuscht und Täter verschont hat …
    Wir können Fakten liefern, Unwissende aufklären, Fragen beantworten.
    Wir wollen ernst genommen, anerkannt, entschädigt werden.
    Wir warnen vor Vergeudung von Forschungsgeldern und vor Fortführung des Lügentheaters – werden uns aber nicht vorführen, uns nicht noch einmal verbiegen lassen …

  4. Zeiitzeuge schreibt am :

    Mir persönlich fehlt mittlerweile die Überwindung dazu zum zigsten mal zu erzählen, was ich, oder andere erlebt haben.
    Das kann man doch überall nachlesen.
    Was ich will ist, dass die Täter endlich zur Rechenschaft gezogen werden, der rechtsfreie Raum der Papstorden ein Ende findet und die Täter wenigstens kirchenrechtlich bestraft werden, wenn das strafrechtlich nicht mehr möglich ist.
    Ich will Taten sehen, nicht noch eine Befragung, ein Interview für das horrende Summen verpulvert werden, ich will dass die Betroffenen Therapien bezahlt bekommen, die ihnen helfen!

  5. astrid schreibt am :

    JA, da haben wir jetzt echt bock drauf, uns untersuchen und interpretieren zu lassen, und Material zu liefern, um hübsche Theorien zu bestätigen und zu falsifizieren. Dazusitzen, und einer Fremden unsere furchtbaren Geschichten zu erzählen. Zu Hause wird schon eine/r sitzen, der/die uns danach auffängt. Und hernach werden wir noch über ästhetische Konstrukte und Erzählweisen befragt. Frau Tietgen, es gibt Material, schriftliches, noch und nöcher. Berichte von Betroffenen; Romane und Fiktion, in denen solche Erfahrungen thematisiert sind. Sie müssen es nur suchen. Wer Betroffenen solche Arbeit zumutet, kann vom Thema nicht viel verstehen.

  6. Ex-Odenwaldschüler schreibt am :

    Sie sollten besser erforschen warum in Sachen Pädosexueller Gewalt an der Odenwaldschule unter Gerold Becker und Co eine ganze Armada von zum teil habilitierten Erziehungs“wissenschaftlern“-inwieweit man in Sachen Pädagogik überhaupt von wissenschaft sprechen kann scheint mir eher fraglich das ist wohl mehr ein Fühlen bzw. auf Tuchfühlung gehen-die unter anderem befreundet waren mit gerold becker und hartmut von hentig wegsahen!!!!!!!!!!!!Sie finden dazu anregende Lektüre im Buch Sündenfall von christian füller im dumont verlag.Vielleicht begreifen sie dann etwas.Pädagogik und Pädosexualität überlappt sich auch mal gerne.Und das alles unter dem Deckmäntelchen der Schulpflicht.Ich persönlich werde ihnen jedenfalls keine Gelegenheit bieten sich wieder auf kosten der opfer pädosexueller gewalt in ihren pädagogischen Hochburgen zu profilieren.

  7. Doro schreibt am :

    @ Amos Ruth

    Bravo für diesen Kommentar!

    Allerdings: Im Dunkel des verschwindenden Bühnenbilds bleibt auch (und soll auch bleiben) die tausendfach vorkommende sexualisierte Gewalt innerhalb der Familien. Während die Kirche (als Tatort) im Halbschatten des Bühnendunkels wenigstens schemenhaft erkennbar (und fassbar) bleibt, fällt der Tatort, an dem die meisten Sexualverbrechen gegen Kinder geschehen, völlig ins Dunkle. Selbst nach einem Jahr „Bundesmissbrauchsbeauftragte“, „Runder Tisch“ und Fluterschen.

  8. Barbara schreibt am :

    Warum erforschen sie nicht die Psychopathologie der Täterpädagogen der institutionellen sexuellen Gewalt?

  9. ludmilla schreibt am :

    Ein Kommentar zu den Kommentaren.Danke für Eure Klarheit!

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