Zahl der Missbrauchsopfer geht zurück

18.10.2011: FOCUS

Focus 18.10.2011

Anders als die jüngsten Missbrauchsskandale vermuten lassen, sind sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche laut einer neuen Studie seltener geworden. Das sehen Opfervertreter anders und üben scharfe Kritik an der Erhebung….

…Opfervertreter haben scharfe Kritik an dieser neuen Studie geübt. „Wie kommt man auf solche Zahlen?“, empört sich Norbert Denef, Vorsitzender des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt. Viele Opfer hätten den Missbrauch komplett verdrängt und machten deshalb bei Befragungen keine Angaben. Andere hingegen würden jahrzehntelang schweigen, aus Angst vor der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. „Wenn ein Opfer schweigt, kann es auch im Geheimen kein Kreuzchen machen.“ Denef bezweifelte, dass es überhaupt möglich ist, Statistiken über sexuellen Missbrauch zu erstellen.

Laut Denef, selbst ein Missbrauchsopfer, müssen andere Bedingungen in der Gesellschaft geschaffen werden. „Es gilt, das Vertrauen der Betroffenen zu wecken, damit sie über das Erlebte sprechen“. Einen ersten Schritt in diese Richtung sieht Denef darin, die gesetzlichen Verjährungsfristen für sexuelle Gewaltverbrechen aufzuheben.

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25 Kommentare

  1. Dr. Marcella Becker schreibt am :

    Das ist nun wirklich höchst suspekt was uns da als wissenschaftliche Studie verkauft werden soll. Das Team um Dr. Pfeiffer demonstriert in dieser ersten Veröffentlichung ein klares Nichtverstehen (wollen?) der Thematik des sexuellen Missbrauchs von Kindern – in bezug auf Aspekte der gesellschaftlichen Ebene als auch – sehr deutlich – in Bezug auf die persönliche Ebene der Betroffenen selbst.

    Die immer noch starke gesellschaftliche Tabuisierung des Themas, das Stigma das am Opferstatus hängt, die starken Verdrängungsmechanismen, die dazu führen, dass Betroffene sich nie oder erst spät an den Missbrauch erinnern, generell das Wissen darum, das sexueller Missbrauch das Verbrechen mit der höchsten Dunkelziffer ist – all diese Probleme, die bei der Erhebung der Statistiken unbedingt hätten berücksichtigt werden müssen sind in den einleitenden Bemerkungen über die Datenerhebung nicht einmal thematisiert.

    Bezeichnend ist dann auch dass das Feldforschungsinstitut Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg mit der Erhebung der Daten betraut wurde.
    Man wundert sich langsam, ob dieses Machwerk eine Auftragsarbeit im wahrsten Sinne des Wortes sein soll, getreu dem Motto: Des Brot ich ess, des Lied ich sing.

    Und es wird ja wohl in Zukunft noch mehr Forschungsgelder zum Verteilen geben.

    Verwunderlich ist es dann auch nicht mehr, dass diese Studie die Altersgruppe zwischen 41 und 60 nicht berücksichtigt – mit der fadenscheinigen Begründung, dass sie ja schon in der 1992 Studie befragt wurden – eben die Altersgruppe, in der so manches Opfer sich seiner Opferrolle erst bewusst wird.
    Betrachtet man zudem die gelegentlich recht offensichtliche Kirchennähe des Herrn Pfeiffer ist es keine Überraschung mehr dass nur eine Person in dieser Befragung Opfer eines Priesters war. Von den unterrepräsentierten Heimkindern ganz zu schweigen.

    Und so weiter. Und so weiter.

    Wissenschaftlich integre Arbeit sieht anders aus.

    Dr. Marcella Becker

  2. Liebe Frau Dr. Becker,

    die Studie erscheint mir schon korrekt durchgeführt. Die Ähnlichkeit des Studiendesigns von 2011 und 1992 erscheint mir als vorläufige Notwendigkeit um eine erste Vergleichbarkeit der Daten zu gewährleisten. Damit bestand wenig Möglichkeit die Fragekataloge anzupassen, die tatsächlich recht dürftig sind. Zudem hätte ich mir gewünscht, dass hinsichtlich der erwartbaren Fälle von sexualisierter Gewalt, die Stichprobenzahl noch etwas vergrößert worden wäre, um letztlich nicht nur ein n von ca. 680 Fällen sexualisierter Gewalt zu erreichen. Daher ist es wohl auch zu erklären, dass viel aussagenreichere schließende statistische Verfahren nicht zu Stande gekommen sind.

    Dass die Möglichkeit der Dunkelziffer nicht ausreichend gewürdigt wird und die Darlegung von Dr. Pfeiffer nicht ausreichend selbstkritisch verfährt, teile ich. Mich hat auch verwundert, dass die Gfk dies durchgeführt hat, obwohl das Institut selbst hier gewissenhaft gearbeitet haben wird. Ich kann es mir nur so erklären, dass die Gfk bessere Datensätze der Bevölkerung zur Hand hat, so dass eine Erhebung in diesen Ausmaßen schnell und kosteneffizient als auch mit der notwendigen Zufälligkeit bei der Auswahl durchgeführt werden kann.

    Anhand der Daten kann allerdings einiges an Wissen doch auch gewonnen werden. Mich wundert nur, wie sehr die Medien einen Trend, der schwach ausfällt, als großen Erfolg der Politik ausschlachten. Ich finde keinen Teil, wo über mögliche Betrachtungsfehler des Trends, dass Missbrauch gesunken sei, diskutiert wird. Inwiefern handelt es sich bei n=680 nur um Zufallseffekte? Diese müssten zumindest ausgeschlossen werden, bevor wir in Feierstunde verfallen. Dann mag sich zeigen, dass die Effekte womöglich doch nicht so groß sind. An dieser Stelle fehlt noch einiges.

    Ich habe mir heute Abend einige Nachrichten dazu angesehen und muss überrascht feststellen, dass eine relativ nüchterne Auswertung, die keinen Grund zum Aufatmen gibt, überhaupt eine solche Euphorie auslöst. Es ist noch nicht abzusehen (anhand von zwei Studien), ob dieser Trend sich auch für die Zukunft bestätigt. Da werden jetzt schon Lorbeeren verteilt, wo sich erst noch herausstellen muss, ob dies tatsächlich eine langfristige Entwicklung in Gang gesetzt hat. Fatal finde ich, dass nun schon kausale Ursachen für diesen Trend benannt werden. Daher habe ich meine Meinung nochmal gründlich überdacht.

    Ein Beispiel: Es ist für den Wissenschaftler interessant zu beobachten, dass Gewaltanwendung Prädikator für spätere sexualisierte Gewalt sind. Dies widerspricht allerdings der Studie vom Ärzteblatt, wonach Gewalt in der Familie sich eher auf die unteren Gesellschaftsschichten verteilt, während sexualisierte Gewalt alle Gesellschaftsschichten betrifft. Dies war in der Studie des Ärzteblatts sehr eindeutig. Irgendwas stimmt dann da meines Erachtens nicht, denn wenn Gewalt sich in sexualisierte Gewalt umwandelt, dann müsste auch die Schichtzugehörigkeit abgebildet sein; ist sie aber nicht. Für mich kann das daher nur bedeuten, dass Ergebnisse überinterpretiert werden und das Studiendesign nur geringe kausale Vermutungen für die Entwicklungen zulässt. Aussagen wie, dass die Gesetzgebung von 2000 darauf Einfluss gehabt haben könnten, sind an dieser Stelle erstmal unseriös. Dort wird beinah so getan als würde eine gesamtgesellschaftlicher Trend auf das Konto einzelner Politiker gehen; als hätte man hier schon medial die richtigen Ansatzpunkte für die Berichte in der Tagesschau gesetzt. Die Schlussfolgerungen, die am Ende des Berichtes auftauchen, sind Plausibilitätserwägungen, die weiterhin geprüft werden müssten; mehr erstmal nicht.

    Ich frage mich, wie viele Jahre es nun hier bei dieser Studie bleiben soll. Wieder 20 Jahre? Nur um dann vielleicht eine Zahl zu erhalten, die vielleicht wieder einen Anstieg der Missbrauchsfälle offenbart? Natürlich sind solche Studien sehr teuer, allerdings würde mir ein Paneldesign eher zusagen. Das heißt eine Studie, die mit den gleichen zufällig ausgewählten Personen jährlich durchgeführt werden würde. Hier könnten Trends genauer untersucht werden und auch die Dunkelziffern erstmalig abgeschätzt werden.

    Im Vergleich der beiden Studien allerdings sollte wahrgenommen werden, dass sich hier ein Trend abzeichnet, dass es weniger Missbrauchsfälle gibt (auch wenn die Dunkelziffern nicht erfasst sind) und dies lässt zumindest hoffen. Nun habe ich leider nicht eine solche tiefgründige statistische Ausbildung, dass ich die Werte selbst untersuchen könnte, sondern ich bin auch angewiesen auf die Darstellung von profunden Statistikern. Aber selbst mir als Halblaien ist klar, dass der Rückgang von 2 % vieles bedeuten kann und kausale Schlussfolgerung sich erstmal nicht anbieten.

    P.S. Ich würde nicht von Trend sprechen, sondern eher das Wort Tendenz wählen. Die Zahl von 6,4% ist noch zu hoch, um hier von einem Trend zu sprechen.

  3. Anna M. schreibt am :

    Es ist so offensichtlich, daß die Täterlobby gegen die Aufdeckungswelle steuert!
    Und welch ein Zufall, daß diese Meldung gerade jetzt erscheint, wo der runde Tisch seine Arbeit vollenden soll. Und auch falls es wirklich Zufall ist, es paßt ganz ins Konzept des runden Tischs: Relativieren, abwiegeln, bagatellisieren.
    Und da kann sich eine Frau Bergmann mitsamt ihrem Mitarbeiterstab auf den Kopf stellen, die Macht haben an diesem runden Tisch ganz andere Kräfte. Und zwar die VertreterInnen der Täterorganisationen. Die machen einen „Deal“ mit der Politik, mit dem beide Seiten zufrieden sind. Sie kommen günstig weg und die Politik tut so, als wenn sie was für die Betroffenen tut.
    Was für eine billige Masche, auf die wir zum Glück nicht mehr hereinfallen müssen.

  4. rasch schreibt am :

    ja, versteh ich auch nicht. Es ist doch bekannt, dass auch wenn laut statistik die zahl der Verbrechen rückläufig ist (was ja eh nur darauf zurückzuführen ist, dass statistiken verfälscht wurden und bestimmte tätergruppen nicht mehr erfasst wurden, wie z.b widerholungstäter, deren erste taten einfach futsch sind), so poten ziert sich doch die gewalt im Einzelnen Fall.
    Und wir sind dabei genau das zu „übersehen“. Das die methoden des Vertuschens noch perfider werden, noch undurchschaubarer,,,,,daran will mom niemand denken.
    Normalerweise müsste es eine stelle geben mit der zum beispiel ich als „Amnesie“ Betroffene kontinuierlich gestärkt werde, indem der erneuten Verdrängung entgegen gearbeitet wird. Nich alle betroffenen sind so konsequent und suchen sich einen weg über therapie oder finden gar einen. Würde ich heute aufhören an meiner Geschichte weiter zu arbeiten, wäre ich vllt schon morgen eine von denen die da sagen „ist doch alles nicht so schlimm,,,,oder,,,,ich habe mich geirrt“.
    Ich finde es verantwortungslos, die Betroffenen einfach dastehenzulassen in der hoffnung, dass sie ihre gesellschaftliche Bringschuld der Transparenz irgendwann fallen lassen,,,
    Tagtäglich frage ich mich, ob ich es mit dem eigenen „outen“ schaffte, den teufelskreis des kollektiven Familienschicksals zu unterbrechen.
    Dies war von Beginn meines Prozesses an meine Option. Die persönliche Befreiung und die Heilung war immer in meinen Augen damit „verbunden“.
    Bitte wo kann ich hinterlegen, dass ich die Befürchtung habe, dass meine eigenen Kinder dadurch aber immer noch nicht „befreit“ sind und Gefahr laufen sich der Macht der sich „potenzierenden“ Gewalt zu beugen?
    Warum ist niemand da, der meine kinder „einlädt“ und versucht einen emotionalen Zugang zu finden?
    Das beunruhigt mich seit Beginn an und ich betrachte es als „fahrlässig“.
    Bewegen kann sich doch nur etwas, wenn es Kreise zieht,,,und Wellen schlägt,,,
    Warum wird denn abgewartet, bis Menschen wie ich entweder von alleine aufgeben oder durch die Täter so geschwächt werden dass sie handlungsunfähig werden?
    Stattdessen erzählt man ihnen beim jugendamt, dass ja in jeder Familie irgendetwas ist,,,,unglaublich aber wahr.

  5. Doro schreibt am :

    In einer repräsentativen Stichprobe der deutschen Gesamtbevölkerung im Rahmen einer Querschnittstudie wurden im Jahr 2010 Personen ab 14 Jahre mit standardisierten Fragebögen zur Häufigkeit von Misshandlungen in Kindheit und Jugend untersucht (Häuser et al.). Die anfängliche Stichprobe bestand aus 4.455 Personen, von denen 2.504 (56 %) die Studie vollständig abschlossen. Das Durchschnittsalter der Befragten betrug 41,3 Jahre. Von den Befragten berichteten 12,6 % über sexuellen Missbrauch, 1,9 % über schweren sexuellen Missbrauch in Kindheit und Jugend.

    In einer bevölkerungsbasierten US-amerikanischen Studie wurden im Jahr 2003 mittels Telefoninterviews mit dem CTQ bei 775 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahre folgende Prävalenzraten ermittelt: 10,4 % der Frauen und 6,7 % der Männer berichteten, sexuellen Missbrauch erlebt zu haben.

    Der Anteil der Personen, die sich als Erwachsene an einen dokumentierten sexuellen Missbrauch in der Kindheit erinnerten, lag in verschiedenen Studien zwischen 62–81 %. (Häuser et al.)

    Die relativ hohe Zahl (8,5 %) an Personen mit einem Maximalwert in der Bagatellisierungsskala in der vorliegenden Studie weist auf mögliche Tendenzen zur Verleugnung bei einem Teil der Stichprobe hin. Darüber hinaus betrachten einige Personen, die nach objektiven Kriterien als misshandelt einzustufen sind, sich selbst nicht als misshandelt – und zwar nicht im Sinne einer intentionalen Dissimulation, sondern weil sie in einer Umgebung aufwuchsen, in der Kindesmisshandlungen die Regel waren. (Häuser et al.)

    Quelle: Häuser W, Schmutzer G, Brähler E, Glaesmer H: Maltreatment in childhood and adolescence—results from a survey of a representative sample of the German population. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(17): 287–94. DOI: 10.3238/arztebl.2011.0287)

  6. Eva schreibt am :

    Ob die 11000 Befragten wirklich repräsentativ hochgerechnet werden können auf alle Bürger der Altersklassen in der BRD wie bei Wahlen, bezweifel ich.

    Um wenigstens alle Personen zuerfassen, die in Krankenhäusern, bei Therpeuten und Ärzten oder bei Selbsthilfe Organsationen Hilfe suchen, hätte man hier befragen sollen.

    Da wäre zwar auch eine Dunkelziffer , die sich nie äußern.

    Was mich immer wieder schockiert, ist, dass die Strafverfolgungsbehörden überhaupt kein Interesse haben, wenn Anzeigen kaufen, dass bei den Ermittlungen Gutachter eingeschaltet werden, wenn offensichtlich Mißbrauchte in Kliniken landen und das spätere ganze Leben leiden.

    Wenn dann Opfer bei mehreren Zeugenaussagen sich widersprechen oder Tatsachen im Gehirn für bestimmte Zeiten weg sind , da sie psychisch krankgemacht wurden, gibt es für die Strafverfolgungsbehörden nicht.

    Wenn Täter dann noch zahlreiche beleidigende und nötigende angstmachende Briefe dem Opfer und den Angehörigen schicken, ist es auch kein Stalking, weil beim Stalking mehr passieren muß.

    Zitat eines leitenden Oberstaatsanwaltes nach Dienstaufsichtsbeschwerde : Briefe brauchen nicht gelesen werden !

  7. Oliver schreibt am :

    Es war für mich immer wieder da, das Erlebte, dass was damals passiert ist. Es ist mir sehr schwer gefallen darüber zu sprechen. Ich brauche nur zu lesen, was im Internet steht, was die Leute über die sexualisierte Gewalt denken. Da macht mir Angst. Es ist der Zwang da mich zu öffnen. Man hört einfach nicht zu! – Zuhören, das kann nicht jeder. „Zuhören ist eine ungewöhnliche Eigenschaft, die nicht jeder besitzt. Wirklich zuhören können, können nur ganz wenige Menschen.“ (aus Michael Ende, Momo). Diese „grauen Herren“ meinen zu wissen, was man braucht. – Ich habe auch mit den Grauen Herren zu tun gehabt. Nachdem ich mich geöffnet habe, hatte ich noch mehr Schwierigkeiten. Man redete auf mich ein. Man macht mir Angst. Das macht sprachlos.

  8. klaraklara schreibt am :

    Hallo,
    ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die gestiegene Anzeigebereitschaft und überhaupt gesellschaftliche Diskussion des Themas schon positive Folgen hatte, indem etwas weniger Kinder Opfer werden, weil Täter mehr Angst haben. Ich habe aber auch kritische Gedanken zu der Studie und den Schlüssen, die Pfeiffer daraus zieht.

    Unter der GfK stelle ich mir ein Marktforschungsinstitut vor, Spezialisten für die Thematik wird es da von Haus aus nicht geben.

    Generell, was sagen knapp 2 Prozentpunkte bei einem Thema, das mit soviel Verleugnung und Verwirrung, also einer hohen Dunkelziffer einhergeht, aus? Ich finde nicht, dass sich damit ein Trend sicher belegen lässt.

    Bin ich richtig informiert, dass (mal nur auf die Gruppe der jüngeren Befragten bezogen), Menschen mit schweren psychischen Störungen von der Untersuchung ausgeschlossen wurden? Damit ist die Aussagekraft erheblich eingeschränkt, denn leider gibt es nun mal statistische Zusammenhänge zwischen aversiven Kindheitserfahrungen und psychischen Problemen von Erwachsenen.

    Nach meinem Eindruck ist das Leben für junge Erwachsene heute generell mit mehr finanziellem Druck und „allgemein Stress“ verbunden als vor 20 Jahren. Wer als Folge früherer, verdrängter Erfahrungen ein schlechtes Verhältnis zu seinen Eltern hat, hätte sich früher leichter über einen scheinbar irrationalen Streit mit ihnen verkrachen und in eine WG ziehen können, als das heute der Fall ist. Wer studiert oder von Arbeitslosengeld 2 lebt, bleibt womöglich bis zum 25. Geburtstag bei den Eltern. Man muss mehr kämpfen, um sein Studium abzuschließen etc., braucht vielleicht auch eher einen Zuschuss von den Eltern, damit man es innerhalb der Regelstudienzeit schafft. Wer früher Gewalterfahrungen durch die Eltern verdrängt hat, wird sie unter diesen Bedingungen auch in Verdrängung halten, damit die Anforderungen bewältigt und der fortgesetzte Kontakt zu den früheren Tätern ertragen werden können. Wer das alles nicht so einfach schafft, wird heutzutage eher mit Psychopharmaka nachhelfen (oder „geholfen werden“) als er das vor 20 Jahren getan hätte.

    Gesellschaftlich wird zwar heutzutage offener mit dem Thema umgegangen, aber für die Menschen mit früh verdrängten Missbrauchserfahrungen könnte es heutzutage insgesamt schwieriger bzw. ein längerer Weg sein, sich die eigene Wahrheit klarzumachen, als vor 25 Jahren, als gerade aufrüttelnde Bücher zum Thema auf den Markt kamen und die Therapeuten weniger Angst vor Anzeigen seitens der Täter-Lobby hatten, als das womöglich heute der Fall ist.

    Soweit ich informiert bin, wurde es in den letzten Jahren für Jugendämter schwieriger, Kinder wegen einer „harten Missbrauchsvermutung“ aus den Familien zu nehmen. Früher habe es genügt, wenn das Kind eine klare Aussage über erlittene Gewalt machte, und die Jugendämter konnten das Kind aus der Familie nehmen bzw. dem Täter den Kontakt zum Kind verbieten, ohne einen Prozess zu befürchten. Das hat sich geändert, wenn ein Kind vom Täter entfernt wurde, aber gegen den Täter keine Klage beim Strafgericht eingereicht wurde, wird es häufiger Klagen auf Rückerteilung von Sorge- oder Besuchsrecht geben (natürlich abhängig vom Geldbeutel des betroffenen Elternteils). Dagegen hilft nur, gegen den mutmaßlichen Täter Klage einzureichen (und dann auf mittlere Sicht auch den Strafprozess zu gewinnen). Deshalb werden heutzutage Klagen eingereicht, bevor das Kind für den Strafprozess stabil genug ist.
    Zudem gelten im Strafprozess ganz andere Regeln und Ziele, als sie dem Jugendamt auferlegt sind – der Schutz des Kindes hat vor dem Strafgericht nicht die oberste Priorität, und hier gilt natürlich auch „im zweifel für den Angeklagten“. Und wie unfähig die Gerichte bei dieser Thematik oft sind, brauche ich hier nicht zu erläutern.
    Wurde der Angeklagte im Strafprozess freigesprochen, obwohl die Klage des Kindes berechtigt war, lässt sich Täterkontakt für das Kind kaum noch vermeiden. Und, mal ehrlich, wer würde nach einem verlorenen Strafprozess gegen den/die eigene(n) Erzeuger es noch wagen, in diesem oder in dieser noch einen Verbrecher zu sehen und das gar noch irgendeinem fremden Menschen im Interview mitteilen?

  9. khlaus schreibt am :

    Prof. Pfeiffer ist ja mittlerweile hinreichend als Kirchen-
    und Regierungsvertreter bekannt. Auch weiß man
    mittlerweile um den wissenschaftlichen Wert dieser
    Mischwissenschaft namens Kriminologie.

    Was aber – wohl bewußt – von Pfeiffer und seinen
    Auftraggebern bewußt und immer wieder verschwiegen
    wird, sind die Opfer, die sich nun nach jahrzehnten-
    langem Medikamentengebrauch, Verfolgung durch
    staatliche Organe durch Kriminalisierung und staatlich
    sanktionierte Verjährung und Aktenunterdrückung
    nicht mehr wehren können.

    Leider hat das netzwerkB sich dieser Menschen
    bislang auch nicht angenommen: aber es gibt sie!

  10. Eva schreibt am :

    Pfeiffer: “ Wir haben jetzt lediglich die Vermutung, dass es in Deutschland auch zu einem starken Rückgang des Missbrauchs durch Priester gekommen ist“.

    http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Riskio-ist-besonders-im-engen-Familienkreis-gross-id17184776.html

    Nur eine Vermutung !!!!
    Traurig was die Presse daraus gemacht hat in den Überschriften zB.

    Es ist wie bei Ermittlungen, die eingestellt werden, wenn es nicht reicht laut Behörden einen „Täter“ anzuklagen.

  11. Larissa schreibt am :

    Ich war noch mal unterwegs ,was von früher raus zu bekommen .
    Also wo ich noch hoffte was positives zu finden , das man verstanden würde .
    Habe ich erfahren , wir wusten davon , aber die mischten sich da nicht ein .
    Ich hatte keine Chance , das auch nur ein Verwandter , sich dem Thema ,annahm…

    Eine andere Begebenheit , wo ich an dem Tag auch war , war sehr niederschmetternd , es war unfaßbar .
    Das hier zu schreiben , währe sicher nicht so toll .
    Nur so dann umschrieben .
    Wenn ich mich da früher geautet hätte , hätte ich dem Täter noch mehr Glauben geschenkt !
    Dabei dachte ich , das das so ein netter Mann war, wo meine Tante mit lange zusammenlebte , bis sie starb .
    Wo ich mal als kind , bei ihr ne weile war .
    Da kannte sie den Mann noch nicht .

    Auch zu dem Bewustsein ,muß man erst kommen , das da was stattfindet , was nicht richtig ist .
    Wenn der Täter alles als normal und Spiel abtut .
    Man das als Opfer , noch gar nicht als Mißbrauch und Machtausübung ,überhaubt einordnen kann , als normal erfährt ,empfindet .

    Ich würde es begrüßen , wenn Opfer die sich nicht zur Anzeige durchringen können(dazu nicht stark genug sind , oder villeicht auch immer noch darinn gefangen sind ) , sich trotzdem als Opfer Auten dürften .
    Dann währe die Dunkelziffer weniger .
    So das die dann in der Statistik doch zu Tage kämen .

    Ja ich denke auch , das man gerade die fiel kranken fragen müßte , ob die sowas erlebt haben .
    Als ich mal Unterschriften wo sammeln wollte , wurde mir gesagt das man die kranken schützen müßte , das man die nicht mit dem Thema aufwecken solle , da sie ja zur Zeit so gut leben könnten, wo es denen nicht so bewust ist .

    Mich hat man noch nie befragt , in so ner Umfrage .

    Auch glaube ich , das es viele Opfer gibt , die es gut verdrängen , oder unter Medis, gar nicht mitbekommen , was überhaubt los ist .
    Warum die so krank sind .

    Mfg
    Larissa

  12. hildegard schreibt am :

    @ Larissa
    Was du da beschreibst, ist in „Fach“kreisen sehr verbreitet:
    Profis halten das ZUDECKEN für wichtig, halten viel vom STILLSTELLEN (Psychopharmaka), halten gar nichts von Ursachenforschung und Aufdecken – sie müssten dann nämlich die Patienten BEGLEITEN …
    Das wäre menschlich! – für diese Art Menschlichkeit ist aber kein Geld da!
    Menschlichkeit ist viel zu teuer …

  13. Eva schreibt am :

    @hildgard

    deine Behauptungen des „Stillstellen“ oder „Zudecken“ und „keine Ursachenforschung“ habe ich auch erlebt !!!

    Viele Ärzte und sogar Ärzte der Bundesärztekammer haben kein Interesse von sich aus Ursachenforschung zu machen und Zusammenhänge aufzuklären oder selbst Anzeigen zu tätigen, wenn sie sehen, dass schwere Traumafolgerkrankungen durch Mißbrauch entstanden sind.

    Und viele Rechtsanwälte wollen nur Geld verdienen , falls Opfer sich dort Hilfe versprechen, da im Dickicht der überlasteten Justiz vieles meiner Meinung nach nicht umfangreich untersucht / nachgegangen wird.

    Bespiele sind , dass „Täter“ dingfest gemacht wurden, nachdem sie > 100 x sexuelle Straftaten gemacht haben.

  14. Jacqueline schreibt am :

    Hallo Hildegard,

    ich danke Ihnen für Ihre Worte! Die ich auch so kenne. Bei meiner Verarbeitung meines erlebten sex. Missbrauch aus der Kindheit, baute ich nicht nur auf die Schulmedizin, sprich Psychiatrie.
    Ich liess mich von ehrenamtlichen Geistheilern, neben den Therapien monatlich begleiten. Sie waren menschlich mit mir und holten die Menschlichkeit wieder aus mir heraus. Während in langen Phase der Verarbeitung Stillstand durch schwere Phasen und Psychopharmaka waren. In denen sich kaum was bewegte, es ein Vegetieren war.
    Erst meine Traumatherapie LOM holte mich dann vollends heraus, im nachhinein, war das über ein Jahrzehnt Gesprächstherapie die Verankerung, dass ich als Opfer für die Fehler des Täters und des Umfeldes nicht verantwortlich bin und dass ich die ERWARTUNGEN anderer nicht mehr zu erfüllen habe…

    Menschlichkeit gehört zur Heilung, sonst nehmen wir uns nur noch als kaputte Maschinen/Menschen wahr und kriegen das auch nur noch vorgehalten….
    Durch die Bürokratie manifestieren sich eher noch Symptome, statt dass sie in Heilung gehen können, weil die aussenstehenden, weil sie nix spüren, Zeit vergeuden lassen und das Leiden so hinauszögern.
    Wieder fühlen können, sich fühlen können, seine innere Stimmung und seine Bedürfnisse und sene Wünsche und Ziele ist lebensnotwendig. DENN sonst verkommen OPFER zu Marionetten anderer.

    Dem gilt es Einhalt zu gebieten!

    Herzliche Grüsse

    Jacqueline

  15. Ehrengard Becken-Landwehrs schreibt am :

    Nachdem ich gelesen hatte, daß man nur die Gruppe der bis 40 jährigen befragt und die älteren Opfer ausgespart hatte, war ich bedient und habe nicht mehr weiter gelesen! So etwas bezeichne ich nicht als eine gute Studie, sondern als eine Unverschämtheit und hat mit Seriosität NICHTS zu tun! Es ist Augenwischerei um die Prozentzahlen zu beschönigen, und um die gesammten Vorkommnisse herunter zu spielen. Sexueller Mißbrauch hat sich bis heute nicht geänert und wird sich auch weiterhin nicht ändern, eher zunehmen. Die Kirche trägt ein erhebliches Maß an Schuld an diesen Mißständen und sie versucht es zu vertuschen, anmaßend und überheblich bis zum heutigen Tag! Fest steht, daß man definitive Zahlen NIE bekommen wird, denn die Dunkelziffer ist zu hoch. Viele schweigen bis heute, andere „akzeptieren“ ihre Lage – nehmen sie schweigend hin. Und das muß auch mal gesagt werden: Es gibt Frauen, die um die Vergewaltigungen ihrer Töchter durch den Ehemann usw. WISSEN und den Töchtern die Schuld geben! Diesen Kerl würde ich nicht verteidigen sondern sofort umbringen!!!!! Ich hätte niemals geduldet, daß sich jemand an meinen Kindern vergreift!!!!!!
    Heim- /(Internats)kinder sind da in einer wesentlich schlechteren Position. Das muß auf jeden Fall berücksichtigt werden. Außerdem: manche Eltern interessiert es auch nicht, weil sie kaum Zeit für ihre Kinder haben.

  16. Hallo Doro,

    du hast folgendes zitiert:
    „Der Anteil der Personen, die sich als Erwachsene an einen dokumentierten sexuellen Missbrauch in der Kindheit erinnerten, lag in verschiedenen Studien zwischen 62–81 %. (Häuser et al.)“

    ich habe die Quelle mal nachgeforscht (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12661671?dopt=Abstract)

    „Previous research indicates that many adults (nearly 40%) fail to report their own documented child sexual abuse (CSA) when asked about their childhood experiences. These controversial results could reflect lack of consciously accessible recollection, thus bolstering claims that traumatic memories may be repressed. In the present study, 175 individuals with documented CSA histories were interviewed regarding their childhood trauma. Unlike in previous studies, the majority of participants (81%) in our study reported the documented abuse.“

    Meines Erachtens verwirrt die Zitierweise von Häuser. Es hört sich an als würden 81% der Erwachsenen sexualisierte Gewalt in ihrer Kindheit dokumentieren. Dieser Anteil erscheint mir sehr hoch (rein subjektiv erstmal). Das Studiendesign sieht dann anders aus. 175 Individuen mit dokumentierter sexualisierter Gewalt in ihrer Kindheit wurden im Hinblick auf ihr Kindheitstrauma befragt. Anders als in anderen Studien berichteten 81% dieser Gruppe von Betroffenen von sexualisierter Gewalt. Das heißt also, es handelt sich hier um eine Studie über falsche Aussagen in Interviews bei sexualisierter Gewalt. Ich sehe keine Aussage über den Altersschnitt der Patienten, der ja wie hier schon dargelegt, zu berücksichtigen wäre, da dies natürlich hinsichtlich der Erinnerungsfähigkeit relevant wäre. Aufgrund des unklaren Studiendesigns und der relativ geringen Repräsentativität der Studie (nur 175 Teilnehmer nach unklaren Auswahlkriterien) würde ich auf diese Studie verzichten. Andere Studien weisen auf Fehlreporte von 40% hin. Diese Quelle ist mir allerdings nicht zugänglich.

    Norman.

  17. Doro schreibt am :

    Hallo Norman,

    nun, ich habe die Aussage “Der Anteil der Personen, die sich als Erwachsene an einen dokumentierten sexuellen Missbrauch in der Kindheit erinnerten, lag in verschiedenen Studien zwischen 62–81 %. (Häuser et al.)” genau so verstanden: Dass sich ein beachtlicher Teil von Betroffenen als Erwachsene nicht mehr an sexualisierte Gewalt, die ihnen tatsächlich (weil dokumentiert) als Kind widerfahren ist, erinnern können.

    Damit wollte ich das Argument unterstreichen, dass sich nicht jede/r, die/der sexualisierte Gewalt in der Kindheit erlebt hat, überhaupt daran erinnert. Es ging hier also weniger um die Frage, welche Altersgruppe wurde befragt oder nicht, sondern um die Erinnerungsfähigkeit überhaupt.

    Und für mich stellt sich die zitierte Studie auch nicht als „eine Studie über falsche Aussagen in Interviews bei sexualisierter Gewalt“ dar. Ich verstehe „could reflect lack of consciously accessible recollection, thus bolstering claims that traumatic memories may be repressed“ nicht als bewusst „falsche“ Aussagen, sondern eben als Unfähigkeit (keine bewusste Erinnerung und/oder Unterdrückung/Verdrängung), sich zu erinnern. Das ist für mich etwas grundsätzlich anderes.

  18. hildegard schreibt am :

    @ Jacqueline
    Solche o.ä. Irrwege sind bedingt durch die totale Vernichtung eigener verlässlicher Wahrnehmungen, die wir uns bei ausreichendem Leidendruck irgendwo sehr spät erst selber wieder herstellen müssen, genau so wie Prof. G. Hüther u.a. das beschreiben.
    Wie viel Lebenszeit dem Einzelnen verlorengeht auf der Suche nach verlorener Identität, das dauert in der Regel genau so, wie Sie das von sich selbst beschreiben – SAGEN WIR ES LAUT und immer wieder:
    „…über ein Jahrzehnt Gesprächstherapie die Verankerung, dass ich als Opfer für die Fehler des Täters und des Umfeldes nicht verantwortlich bin und dass ich die ERWARTUNGEN anderer nicht mehr zu erfüllen habe…“!!

    Doro zitierte Tardieu. Seit 150 Jahren weiß die Welt um die fatalen Auswirkungen …
    Weder Mütter noch Väter, weder Vater Staat noch Mutter Kirche waren seither zur Einsicht fähig … – sie alle beschlossen und beschließen immer noch neu das Schreckens-Komplott gegen Kinder und Abhängige …
    Und die ganze Welt weiß darum, seit 1860 …!
    Wir sind uns selbst und der Gesellschaft den Einsatz für unsere Forderung schuldig – jede, jeder auf eigene Weise:
    AUFHEBUNG DIESER VERJÄHRUNG – rückwirkend, damit wir mit diesen unseren Wahrheiten die toxische Gewalteinwirkung auf Kinder heute jedem Mit-Menschen erklären DÜRFEN und damit gesetzlich RÜCKENDECKUNG erhalten!
    Dazu braucht es dringend flächendeckend (!!!) und professionell begleitete Gesprächsangebote!
    Kommunen könnten (zeitweise) leerstehende Räume zur Verfügung stellen – alles übrige dürfte sich dann von selbst ergeben …

  19. @ Doro:

    Ich habe dich doch richtig verstanden. Ich war mir nicht sicher. Ich kritisiere daher eher die Schreibweise von Häuser, die mir etwas zweideutig erscheint. *lach* Aber ich habe mich selbst nicht eindeutig ausgedrückt.

    Mit „falsch“ meinte ich natürlich keine vorsätzlich falsche Aussage, sondern zunächst eine rein objektiv falsche Aussage im Vergleich zum tatsächlichen Geschehen. Dennoch weiß ich nicht, wie die Studie zwischen „Falsch“-Aussagen durch Scham, durch Angst oder durch Nicht-Erinnern-Können unterscheiden will. Es ist auch unklar, um welche Fälle der Bagatellisierungsskala es sich handelt und um die Bedingungen der Aufarbeitung bei einer ausgewählten Gruppe Betroffener wo sexualisierte Gewalt bereits eindeutig dokumentiert ist. Aufgrund des Studiendesigns müsste dann im Vergleich zu den wesentlich stärkeren Thesen Hüthers der hohe Prozentsatz von 80% Sich-Erinnernder erklärbar sein.

    Wie gesagt: Im Vergleich zu Hüther 2001 wäre hier 80% ein hoher Prozentsatz derer, die sich an die Vorfälle erinnern können. Wenn ich das demnach richtig verstünde, wären Studien wie die Pfeiffer-Studie immer um ein Viertel nach oben zu korrigieren. Wenn wir 60% ansetzten um 2 Drittel.

    Hüthers Aufsatz würde stärker bestechen, wenn er sich auf quantitative Forschung konkret beziehen würde, die es zu diesem Zeitpunkt schon gab, um die Thesen dann auch an der Gesellschaft zu bestätigen oder auf diese anzuwenden.

    Ein interessanter Überblicksaufsatz zu der Kontroverse des Erinnerns findet sich auch bei Silberg:
    http://www.leadershipcouncil.org/docs/Silberg.pdf

    Wenn ich den durchgearbeitet habe dazu mehr.

  20. Doro schreibt am :

    @ Norman,

    ich gehe nicht davon aus, dass Hüthers Erklärung die EINZIGE ist dafür, warum Betroffene über Erfahrungen von sexualisierter Gewalt in der Kindheit/Jugend schweigen.

    Schweigen bedeutet ja erstens nicht gleich: „keine Erinnerung“, sondern kann sehr verschiedene, sehr individuelle Ursachen haben – auch und gerade innerhalb einer Studie.

    Wie auch in dem von dir geposteten Artikel von Silberg zu lesen steht, werden derzeit unterschiedliche Konzepte hinsichtlich des (Nicht)Erinnerns oder besser: des Schweigens über Erfahrungen von sexualisierter Gewalt in der Kindheit/Jugend diskutiert:

    – „active forgetting involving functional inhibition“ (aktives Vergessen einschließlich funktionaler Hemmung)

    – fluctuating levels of meta-awareness (ungefähr: veränderliche Zustände des Über-Bewusstseins)

    – psychological devensiv processes such as repression or dissociation (psychologische Abwehrprozesse wie Unterdrückung oder Dissoziation)

    – physiologically based theories involving stress-induced impairment of the hippocampus (körperbasierende Theorien einschließlich stressinduzierte Beeinträchtigungen des Hippocampus – also das, was Hüther erforscht)

    – betrayal trauma theorie (Theorie des fortgesetzten bzw. anhaltenden Traumas; heißt: Trauma wird nicht als etwas einmaliges und/oder abgeschlossenes gesehen, sondern – besonders wenn keine Hilfe/Unterstützung erfolgt – als anhaltend und sich sogar weiter steigernd durch die Gewalt, die darin besteht, dass man keine Hilfe erfährt, dass einem nicht geglaubt wird, dass Folgen nicht als Folgen anerkannt werden, dass Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden, einen die Gesellschaft ausgrenzt/an den Rand drängt (Existenz), etc.)

    Es ist also weder mit der neuroendokrinen Stressreaktion (Hüther) allein und bei allen Betroffenen zu erklären, noch allein und bei allen Betroffenen mit Scham oder Angst, noch beruht es allein und bei allen Betroffenen auf Dissoziation/Abspaltung.

    Das Schweigen der Betroffenen hat viele individuelle Ursachen. Das (Nicht)Erinnern auch.

  21. Doro schreibt am :

    Ergänzung:

    Aber eben all dies (das Wissen um die verschiedenen Faktoren, die das Erinnern und Sprechen über sexualisierte Gewalt in der Kindheit/Jugend beeinträchtigen) müsste in einer INTERVIEW-Studie zum Vorkommen von sexualisierter Gewalt in der Kindheit/Jugend berücksichtigt werden.

    Ich kann nicht beurteilen, inwieweit das in die Pfeiffer-Studie miteingeflossen ist, habe aber so meine Zweifel, wenn ich allein daran denke, wer die Befragung durchgeführt hat (GfK)!

    Und nach wie vor finde ich es unseriös, Ergebnisse einer Studie, in der die Altersgruppe von 16 – 59 Jahren befragt wurde (1992) mit denen gleichzusetzen, die an einer abweichenden Altersgruppe (16 – 40 Jahre) erhoben wurden.

  22. Doro schreibt am :

    Definition: Betrayal Trauma Theorie

    „Betrayal Trauma Theorie: A theory that predicts that the degree to which an negative event represents a betrayal by a trusted needed other will influence the way in which that event is processed and remembered.“

    In etwa: Die Betrayal Trauma Theorie sagt, dass der Umfang, inwieweit ein negatives Ereignis eine Enttäuschung durch eine Person von der man abhängig ist, darstellt, die Art und Weise beeinflusst, wie das Ereignis erlebt und erinnert wird.

    Hintergrund (laut der Theorie): Der psychische Schmerz, der mit der Aufdeckung einer Enttäuschung wie mit der Aufdeckung von Betrug (durch eine nahestehende Person) verbunden ist, stellt eine ständige Motivation dar, soziale Beziehungen entsprechend anzupassen. Normalerweise ist es weder für unser Überleben noch unsere Fortpflanzung von Vorteil, mit jemandem, der uns enttäuscht oder betrogen hat, weiter in Kontakt zu bleiben, bzw. zu interagieren. Wenn jedoch die Person, die uns enttäuscht oder betrogen hat, jemand ist, mit dem wir trotz der Enttäuschung oder des Betrugs weiter interagieren müssen, dann ist es nicht zu unserem Vorteil, auf Enttäuschung oder Betrug so zu reagieren, wie es normal wäre. Stattdessen müssen wir die Enttäuschung oder den Betrug ignorieren, um mit dieser Person -a uf die wir möglicherweise existenziell angewiesen sind – weiter in Beziehung bleiben zu können.

    Ist die enttäuschte Person ein Kind und die enttäuschende Person ein Elternteil, ist es überlebensnotwendig, dass das Kind sich weiterhin so benimmt, dass es die entsprechend lebensnotwendige Aufmerksamkeit des Elternteils (Versorgung, Zuwendung, etc.) erhält. Der Rückzug von einer Betreuungsperson, von der es abhängig ist, würde das Leben des Kindes bedrohen – körperlich wie geistig. Daher erfordert gerade („by the very nature of it“) das Trauma von sexualisierter Gewalt in der Kindheit, dass Informationen über diese erlebte Gewalt blockiert werden, und zwar von mentalen Mechanismen der Bindungskontrolle und Verhaltenskontrolle.

    Die Betrayal Trauma Theorie besagt demnach, dass es einen sozialen Nutzen im Beibehalten von Nichtwissen von sexualisierter Gewalt während der Kindheit gibt, wenn der Vergewaltiger eine Betreuungs-/Bezugsperson ist.

    Die hat NATÜRLICH Auswirkungen auf die „Erinnerungsfähigkeit“ und kann bis weit ins Erwachsenenalter (wenn die direkte Abhängigkeit zur Betreuungsperson scheinbar schon nicht mehr gegeben ist) anhalten.

    Wer als erwachsene/r Betroffener von unserer Gesellschaft nicht ausgestoßen werden will, ist – gerade wenn die sexualisierte Gewalt durch nahestehende und/oder öffentlich „angesehene“ und/oder als „rechtschaffend“ geltende Menschen geschehen ist – genötigt zu schweigen und die massive menschliche Enttäuschung und den massiven menschlichen Betrug zu verleugnen (so wie es die gesamte Gesellschaft tut). Andernfalls kann er/sie in dieser Verleugnungs- und Täterschutzgesellschaft eigentlich nicht überleben…

    Das heißt, die Verleugnungs- und Verdrehungsgesellschaft selbst ist Mitverursacherin des (weiteren) Schweigens und der Nichterinnerung (= Verleugnung und Verdrehung der Realität) der Betroffenen…

    Und deshalb könne – solange die Gesellschaft selbst die Täuschung lebt – in keiner Befragung jemals wirklich echte Zahlen herauskommen.

    Quelle: http://dynamic.uoregon.edu/~jjf/defineBT.html

  23. hildegard schreibt am :

    In der „Betrayal Trauma Theorie“, bei der es um Enttäuschung und Betrug geht, dürfte die negativst denkbare Art der Beschämung sexuelle Gewalt durch die Eltern die denkbar schlimmste Form des Verrats am eigenen Kind sein.

    Bei sexueller „Grundbeschämung“ wirken sich erlittener Schmerz, Schmach und Schande des Kindes absolut ‚irreparabel‘ aus, wie wir wissen.

    Bei körperlicher Gewalt sind die Scham-Wut-Folgen oft in auffälligen Gewalttätigkeiten von Kindern und Jugendlichen gegen Gleichaltrige offensichtlich und nur dann noch behandelbar, wenn frühzeitig genug die Defizite durch das Erlernen von Empathie ausgeglichen werden.

    Fachleute aller Disziplinen reden ständig in den Medien über ihr Wissen. Was aber nützt alles Wissen der Welt, wenn immer an der nächst liegenden Lösungsmöglichkeit, der Mit-Menschlichkeit, gespart wird? Welcher Staat kann sich länger die Folgen von Gewalt leisten?!

  24. rasch schreibt am :

    @ eva
    der Erklärungsdruck, der dort deutlich wird, spricht schon für sich.
    Wieviele Menschen aber in reihen der kirche unterschlupf finden und in Wahrheit den rituellen Missbrauch betreiben,,,,davon will keiner etwas wissen. Wie denn auch, ist ja alles komplett durchorganisiert und vollkommen geheim. Hier gibt es keine Opfer die es laut sagen können.
    Die herde soll einfach nur weiter zahlen und sich mit beten zufrieden geben, eine andere Option sehe ich da nicht.

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