Studie: Sexueller Missbrauch wird weniger – Opfer üben Kritik an Untersuchung

19.10.2011: Saarbrücker Zeitung

Saarbrücker Zeitung 19.10.2011

Berlin. Es war Anfang 2010, als eine Welle der Empörung durch das Land schwappte. Damals wurden immer mehr Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen bekannt. Es gerieten vor allem Lehrer, katholische Priester und Ordensleute in die Kritik. Die Bundesregierung setzte eine Missbrauchsbeauftragte und einen Runden Tisch ein und förderte eine Studie, um das Ausmaß des Missbrauchs zu untersuchen. Nun ist diese Studie da. Der Kriminologe Christian Pfeiffer und Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) stellten gestern das Ergebnis vor, das überraschend ist: Der sexuelle Missbrauch nimmt ab. Ist also alles gar nicht so schlimm, wie es zunächst schien?

Die Wissenschaftler sehen in dem Ergebnis ihrer Untersuchung und dem öffentlichen Wirbel vor ein bis zwei Jahren keinen Widerspruch. Auch der große Zulauf bei der Missbrauchsbeauftragten Christine Bergmann stehe dem nicht entgegen.

Schließlich hätten sich seit Ende 2009 vorrangig Opfer in die Öffentlichkeit gewagt, die bereits mehr als 50 Jahre alt gewesen seien. Der Missbrauch liege hier also sehr weit zurück. Und auch bei Bergmann meldeten sich vor allem Opfer – und zwar oft welche, die schweren sexuellen Missbrauch erlebt haben und lange schwiegen.  Die älteste Person, die Bergmanns Anlaufstelle kontaktierte, war 89 Jahre alt – das Durchschnittsalter der Anrufer und Briefeschreiber lag immerhin bei 46 Jahren.

Die Autoren der Studie um den Kriminologen und früheren niedersächsischen SPD-Justizminister Christian Pfeiffer haben aber nur die 16- bis 40-Jährigen befragt. Als Grund geben sie an, dass die älteren Jahrgänge bereits in einer ersten repräsentativen Studie von 1992 untersucht wurden. Für die aktuelle Erhebung wurden nun rund 11 500 Personen anonym befragt, ob sie Betroffene sexuellen Missbrauchs geworden sind. Wichtigstes Ergebnis im Zeitvergleich von fast 20 Jahren: Die Zahl der Fälle ist um ein Drittel zurückgegangenen. Während 1992 noch 8,6 Prozent der Frauen und 2,8 Prozent der Männer in ihrer Kindheit mindestens eine sexuelle Erfahrung wider Willen gemacht hatten, sind es nach den aktuellen Zahlen nur noch 6,4 Prozent der Frauen und 1,3 Prozent der Männer.

Der Vorsitzende des Netzwerkes Betroffener von sexualisierter Gewalt, Norbert Denef, bezweifelt allerdings stark, dass Opfer bei Befragungen überhaupt einen Missbrauch angeben. Jedoch hält Pfeiffer die Gruppe derer, die so schwer traumatisiert sind, dass sie im Fragebogen kein Kreuzchen machen oder machen können, für klein.

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