Pressemitteilung: netzwerkB kritisiert Präventionsprojekt „Dunkelfeld“

22.10.2011: netzwerkB Pressemitteilung

Pressemitteilung: netzwerkB kritisiert Präventionsprojekt „Dunkelfeld“ (als PDF herunter laden)

Das bereits in mehreren Städten laufende Präventionsprojekt „Dunkelfeld“ für „pädophile“ Männer soll nun auch in der Hansestadt Hamburg gestartet werden. Grundsätzlich ist es natürlich zu begrüßen, dass alles versucht wird, um sexualisierte Gewalt gegen Kinder zu verhindern. Allerdings stellen wir in Frage, dass ein Projekt wie „Dunkelfeld“ dies in dem Maße leisten kann, wie es dringend erforderlich wäre.

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 2 bis 20 Prozent aller Täter, die sexualisierte Übergriffe auf Kinder verüben, „pädophile Neigungen“ haben. Das heißt, der Großteil der Täter (80 bis 98 Prozent) ist nicht „pädophil“. Auf die angeblich in Deutschland rund 250.000 Männer zwischen 18 und 75 Jahren, die sich „zu Kindern sexuell hingezogen“ fühlen, kommen also mindestens 1 Million Täter, die keine „pädophile Neigung“ haben, sondern Kindern aus anderen Gründen sexualisierte Gewalt antun.

Der Großteil der Täter wird mit dem Projekt „Dunkelfeld“ also nicht erreicht. In der Öffentlichkeit wird aber genau dieser Eindruck erweckt. „Wir setzen beim Verursacher an, damit es gar nicht erst zu neuen Missbrauchstaten kommt“, so Sexualmediziner Klaus Michael Beier von der Berliner Charité. Hier wird die Öffentlichkeit bewusst getäuscht und in falscher Sicherheit gewogen. Dies kritisieren wir.

Die einseitige Fokussierung auf die Therapie von so genannten „Pädophilen“ verstärkt in der Öffentlichkeit zudem das falsche Bild, dass jeder Täter „pädophil“ sei. Da „Pädophilie“ als psychische Störung gilt, wird dadurch der ebenso falsche Eindruck erweckt, sämtliche Täter seien „krank“, bzw. psychisch gestört und bedürften der Hilfe. Dies führt zu einer Umkehr der Täter-Opfer-Wahrnehmung (die Täter gelten als Opfer) und damit zu geringerem Strafverfolgungsdruck auf alle Täter. Die öffentlichkeitswirksame Förderung der „Dunkelfeld“-Projekte bewirkt also in letzter Konsequenz weniger statt mehr Schutz für die Kinder.

Ebenso kritisieren wir, dass für einen so kleinen Kreis von Tätern bereitwillig hohe Summen zur Verfügung gestellt werden, während viele Opfer dieser Täter nach wie vor um die Finanzierung ihrer Therapien und/oder ihres Lebensunterhalts kämpfen müssen. Laut Bundesjustizministerium wird das Projekt „Dunkelfeld“ an der Berliner Charité aktuell jährlich mit 250.000 Euro gefördert. Mittlerweile gibt es weitere „Dunkelfeld“-Projekte in Kiel, Regensburg und Leipzig. Zusammen mit Berlin und zukünftig wahrscheinlich Hamburg macht dies jährliche Kosten von 1,25 Millionen Euro.

Für den kleinsten Teil der Täter werden also erhebliche Summen zur Verfügung gestellt. Dagegen stehen trotz aller Beratungen am Runden Tisch noch immer konkrete Aussagen staatlicher Stellen zur besseren Finanzierung der Anlauf- und Beratungsstellen für direkt Betroffene aus. Darauf weist die scheidende Unabhängige Bundesbeauftragte, Dr. Christine Bergmann, hin: Sie fordert Bund, Länder und Kommunen auf, sich hier stärker zu engagieren. Nur ein Rechtsanspruch für die Betroffenen auf Beratung könne eine verbindliche und solide Finanzierung gewährleisten.

Wir Betroffene von sexualisierter Gewalt fordern daher, dass jedes bewilligte „Dunkelfeld“-Projekt automatisch Fördermittel in derselben Höhe an Beratungs- und/oder Anlaufstellen für direkt Betroffene nach sich zieht. Nur so wird gewährleistet, dass Betroffene von sexualisierter Gewalt ebenso schnell Hilfe erhalten wie die Täter.

netzwerkB.org (Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt) ist eine unabhängige Interessenvertretung. Wir setzen uns für die Rechte Betroffener ein, indem wir das gesellschaftliche Schweigen brechen, über Ursachen und Auswirkungen sexualisierter Misshandlung informieren, beraten und uns für konkrete Veränderungen stark machen.

netzwerkB bittet darum an Betroffene die netzwerkB-Kontaktdaten weiterzugeben sowie die Kontakt-Email (info [at] netzwerkb.org) und Website (www.netzwerkB.org) zu veröffentlichen.

Für Journalisten-Rückfragen:
netzwerkB – Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt e.V.
Nobert Denef, Vorsitzender
Telefon: +49 (0)4503 892782
Mobil: +49 (0)163 1625091

3 Kommentare

  1. Sarah schreibt am :

    Mir aus der Seele gesprochen!!!

    Danke für das Statement.

    Sarah Mohn

  2. H. Glaser schreibt am :

    Es wird sehr gut nachvollziehbar dargestellt, wie eine scheinbar sinnvolle und hilfreiche Maßnahme die Dinge aller Voraussicht nach eher verschlimmern wird.

    Leider ist dies kein unbedachter Einzelfall, sondern hat eher systematischen bzw. systemischen Charakter. Denn in unserer Gesellschaft geht es in erster Linie ums Geldverdienen, und das lässt sich mit dem Leid Anderer bisweilen besonders gut, zumal wenn krankheitsbezogene Geldflüsse das System beherrschen.

    Dem unbedarften Politiker ist zu unterstellen, dass er hier nicht den
    Durchblick (und auch nicht den Mut und Willen dazu) hat. Die anderen gehören im Zweifelsfall zum Kreis der Profitierer.

    Es ist zu hoffen, dass künftig neue politische Kräfte und Personen genügend Offenheit, Anstand und Verständnis aufbringen, um die Situation angemessen beurteilen zu können. Der Gedanke an die Piratenpartei drängt sich dabei auf, denn auch im virtuellen Raum gibt es bekanntlich so manche politische Verschlimmbesserungsversuche …

  3. Marte-Micaela Riepe schreibt am :

    Es ist vor Allem unglaublich, neben dem in Artikel Beschriebenen, dass sich in der „wissenschaftlich-therapeutischen“ Debatte der euphemistische Begriff Pädophiler immer noch hält. Als liebten die Kinder und nicht ihre Lust am Kind. Dieses Projekt und vor Allem Professor Baier vertreten die längst überwunden geglaubten Positionen aus den achziger/neunziger Jahren. Unglaublich.

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