Sexueller Missbrauch zerstört auch Wahrheitsempfinden

30.10.2011

DIE PRESSE.com 30.10.2011

ROTRAUD A. PERNER (Die Presse)

Gastkommentar. Auch heute noch wird „Verhaltensauffälligkeit“ nicht als Traumafolge erkannt und das eigene Verhalten dementsprechend angepasst.

Kann man nach 40Jahren noch objektiv die Wahrheit feststellen?“, wurde ich gefragt und antwortete: Wahrheit sei wohl immer nur das, worauf man sich aufgrund subjektiver Wahrnehmungen geeinigt hätte; jeder Mensch hat ja seine höchstpersönliche Wahrnehmung, und die hänge von vielerlei Variablen ab. Etwa davon, ob man es schafft, das eigene Erleben gegenüber „Besserwissern“ zu verteidigen. Das ist oft erst möglich, wenn man weit genug von diesen Übermächtigen entfernt ist – räumlich, aber auch zeitlich.

„Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität“, formulierte Bert Brecht im „Leben des Galilei“. Autorität dient oft dazu, Wahrheit zu verdrehen. Der zugehörige Rechtsgrundsatz lautet, „Beschuldigte dürfen alles ihrer Verteidigung Dienliche vorbringen“ – wahr muss es nicht sein. Unter Wahrheitspflicht stehen nur die, die Zeugnis ablegen sollen.

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3 Kommentare

  1. hildegard schreibt am :

    R.A. Perner nennt es treffend „militärisches Erziehungsmodell“:
    „Gehorsamsanspruch und Strafe sind gesellschaftlich verteidigte Verhaltensmuster, mit denen erlernter Sadismus noch immer von Generation zu Generation als „Recht“ weitergegeben wird. Wenn Sozialarbeiter/innen an der Basis versuchen, gewaltverzichtend zu wirken, werden sie von den übergeordneten Autoritäten – Angehörigen des Juristenstandes, daher ohne psychosoziale Sichtweisen –, gestoppt. Kostet zu viel Zeit, daher auch zu viel Geld.“ (R.Perner)

    Genau hier wäre anzusetzen – nicht nur in Österreich!
    Wird das „Bündnis gegen Gewalt“ das Verlernen von erlerntem Sadismus in’s Volk bringen und gesellschaftlichen Nutzen von Mit-Menschlichkeit gegen den Zeitgeist von Bankenboni und „Marktblödheit“ verteidigen können?
    Wer hindert uns daran?!

    Wir werden uns verbünden und verbündet empören müssen – nicht nur mit Österreich!
    Betroffene und Nichbetroffene können jetzt, nach dem Abtritt von Frau Bergmann, kommunale Gleichstellungs-Beauftragte dies fragen:

    . Was tut diese Verwaltung für aktuelle Gewalt-Opfer?
    . .. für ehemals als Kind Traumatisierte?
    . Wer ist zuständig gegen Sadismus in „totalen“ Familien + Institutionen?
    . Gibt’s Räume, wo betroffene Kinder geschützt, aufgefangen, betreut werden?
    . .. Räume, in denen Gewaltgeschädigte Selbsthilfegruppen gründen können?
    . Stellt die Kommune, Land oder Bund die professionelle Gesprächs-Begleitung?

    Leute, lasst uns Ideen sammeln und gewaltfreie Wege suchen und uns noch heute den Wert der Gewaltlosigkeit bewusst machen!

  2. Lili schreibt am :

    Ja, und sexualisierte Gewalt zerstört auch Gerechtigkeitsempfinden!
    Und da das ja ein gesellschaftliches Problem ist, gibt es viel zu viele Menschen, die sich mit Ungerechtigkeiten (auch bei anderen Themen) und Missständen abfinde, ohne eine eigene Meinung dazu zu haben und andere schnell als „Meckerer“ abtun!

  3. Eva schreibt am :

    Der Artikel zeigt Unwissen auf und mögliche Weiterbildung für Polizei und Juristen auf.

    „Verhaltensauffälligkeit“ nicht als Traumafolge erkannt“

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