Schlagt keine Kinder mehr

12.11.2011

netzwerkB 12.11.2011

Auszug aus dem Buch „Ich wurde sexuell missbraucht“ von Norbert Denef

Schlagt keine Kinder mehr

Wenn der Papst heute öffentlich sagen würde: ‚Schlagt keine Kinder mehr, tut ihnen keine Gewalt mehr an!‘, dann würde eine Kraft entstehen, nicht nur in der katholischen Kirche, sondern vielleicht in der ganzen Welt, dass ein Umdenken stattfinden könnte, Kindern keine Gewalt mehr anzutun. Und wenn der Papst öffentlich sagen würde, dass eine Schweigeklausel für ein Opfer ein Verbrechen sei, dann würde es sie zukünftig nicht mehr geben.

Warum sagt er das nicht?

Als ich 1993 im Familienkreis meine Schweigemauer zerbrach, zitierte ich Johannes 8/1-12: „Gibt es einen unter euch, der keine Fehler gemacht hat? Der soll als erster einen Stein auf sie werfen.“

Auf meinem Weg geht es mir nicht darum, die Welt in Gut und Böse zu spalten, sondern den Teufelskreis Opfer-Täter-Opfer-Täter zu unterbrechen.

Ich gehe und predige nicht Hass und sage „Du bist schuld!“, sondern ich versuche die verborgenen Leichen von unten nach oben zu bringen, um anschließend die Ärmel hochzukrempeln und zu sagen: „Kommt, lasst uns einen Neuanfang wagen!“

Mein Bruder rief mich nach der Sendung ‚Menschen bei Maischberger‘ (10. Oktober 2006) an und fragte mich vorwurfsvoll: „Ja, willst du das denn ewig machen, willst du überhaupt nicht aufhören, willst du überhaupt keine Ruhe geben?“

Nein, ich werde nicht mehr schweigen!

Nachdem ich festgestellt hatte, welche Schäden entstehen, wenn man sich hinter einer Schweigemauer verstecken muss, hatte ich den Entschluss gefasst, meine Geschichte beispielhaft an die Öffentlichkeit zu bringen. Nach Erscheinen des SPIEGEL-Artikels bekam die Schweigemauer einen Riss – weitere Opfer haben mit mir Kontakt aufgenommen oder haben sich direkt mit der Presse in Verbindung gesetzt, um ihr Schweigen zu brechen.

Bei den Dreharbeiten einer Dokumentation über meine Geschichte vom Mitteldeutschen Rundfunk, vor der katholischen Kirche in Delitzsch, hat H., ein weiteres Opfer von Pfarrer K., nach 47 Jahren vor laufender Kamera sein Schweigen gebrochen. Seit 20 Jahren ist er nicht mehr arbeitsfähig wegen der Schäden, die bei ihm durch den sexuellen Missbrauch entstanden sind. Drei Jahre verbrachte er in psychosomatischen Kliniken. Dort bekam er so viele Medikamente, dass er nicht mehr in der Lage war, seinen eigenen Namen zu schreiben. Angeregt durch die Sendung ‚Unter uns‘ am 17. Februar 2006 im Mitteldeutschen Rundfunk, in der ich über mein Schicksal berichtete, konnte H. den Mut finden, seine Schweigemauer zu zerbrechen. „Es geht mir seitdem besser“, sagte er dem Filmteam vor dem Haus des Pfarrer K., wo wir beide sexuelle Gewalt erfahren haben.

Als ich den ‚Steppenwolf‘ kennen lernte und nach seinem Abschied liebevolle Gefühle, die ich bis dahin nicht kannte, in mir hochkamen, wurde mir das Ausmaß meiner Abspaltung bewusst – ich erkannte die Schäden, die ich durch den sexuellen Missbrauch davongetragen hatte.

Zu spüren, dass man um sein Leben betrogen wurde, ist unerträglich. Aus diesem Grund möchte ich mich dafür einsetzen, dass es andere leichter haben, sie nicht so lange brauchen wie ich, ihre Schweigemauer zu zerbrechen, um sich zu spüren und lebendiger zu werden.

Nach dem Bruch der Schweigemauer beim Familientreffen 1993 gab ich die Macht über meine Kinder demonstrativ ab. Hass und Wut wollte ich nicht mehr bei ihnen abladen. Tat ich es dennoch, war meinen Kindern klar, dass ich die Verantwortung dafür übernehmen musste. Seit dieser Zeit habe ich von ihnen gelernt, wie man liebevoll miteinander umgeht. Ich hatte Angst Fehler zu machen – sie gaben mir Sicherheit und korrigierten mich mit Ausdauer und ohne Strafen. Heute kann ich frei und ohne Scham mit anderen kommunizieren, kann Briefe schreiben und sogar dieses Buch hier, das habe ich ihnen zu verdanken.

34 Jahre hat mich meine Frau begleitet und durch tiefe Depressionen getragen. Ihr und meinen beiden Kindern habe ich es zu verdanken, dass ich überleben konnte – ihre Liebe hat mich getragen.

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Ein Kommentar

  1. Gerhard Pöttgen schreibt am :

    Auch ich habe das Ganze 40 Jahre verdrängt, ich hatte Angst meinen Peiniger aufzusuchen, obwohl mir der Psychologe dazu geraten hatte.
    Ich kann wie du die Umgebung der taten heute noch genau beschreiben,die ekelhaften Manipulationen bis ich es nicht mehr wahrnehmen konnte.
    Die andauernde Angst, meine Umwelt weiß um das Geschehen. Ich fühlte mich 40 Jahre schmutzig und erniedrigt und jeder weiß warum. Keiner , außer einem Opfer, kann sich die seelischen und körperlichen Qualen vorstellen.
    Die Franziskanerprovinz hat sich nun gewagt, mich mit 4000,00 Euro zu “ entschädigen!
    Macht weiter mit Eurer Arbeit und weckt die Opfer auf

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