Schlagt keine Kinder mehr

20.01.2012

Schlagt keine Kinder mehr

Wenn der Papst heute öffentlich sagen würde: ‚Schlagt keine Kinder mehr, tut ihnen keine Gewalt mehr an!‘, dann würde eine Kraft entstehen, nicht nur in der katholischen Kirche, sondern vielleicht in der ganzen Welt, dass ein Umdenken stattfinden könnte, Kindern keine Gewalt mehr anzutun. Und wenn der Papst öffentlich sagen würde, dass eine Schweigeklausel für ein Opfer ein Verbrechen sei, dann würde es sie zukünftig nicht mehr geben. Warum sagt er das nicht?
Als ich 1993 im Familienkreis meine Schweigemauer zerbrach, zitierte ich Johannes 8/1-12: „Gibt es einen unter euch, der keine Fehler gemacht hat? Der soll als erster einen Stein auf sie werfen.“
Auf meinem Weg geht es mir nicht darum, die Welt in Gut und Böse zu spalten, sondern den Teufelskreis Opfer-Täter-Opfer-Täter zu unterbrechen.
Ich gehe und predige nicht Hass und sage „Du bist schuld!“, sondern ich versuche die verborgenen Leichen von unten nach oben zu bringen, um anschließend die Ärmel hochzukrempeln und zu sagen: „Kommt, lasst uns einen Neuanfang wagen!“
Mein Bruder rief mich nach der Sendung ‚Menschen bei Maischberger‘ (10. Oktober 2006) an und fragte mich vorwurfsvoll: „Ja, willst du das denn ewig machen, willst du überhaupt nicht aufhören, willst du überhaupt keine Ruhe geben?“
Nein, ich werde nicht mehr schweigen!
Nachdem ich festgestellt hatte, welche Schäden entstehen, wenn man sich hinter einer Schweigemauer verstecken muss, hatte ich den Entschluss gefasst, meine Geschichte beispielhaft an die Öffentlichkeit zu bringen. Nach Erscheinen des SPIEGEL-Artikels bekam die Schweigemauer einen Riss – weitere Opfer haben mit mir Kontakt aufgenommen oder haben sich direkt mit der Presse in Verbindung gesetzt, um ihr Schweigen zu brechen.
Bei den Dreharbeiten einer Dokumentation über meine Geschichte vom Mitteldeutschen Rundfunk, vor der katholischen Kirche in Delitzsch, hat H., ein weiteres Opfer von Pfarrer K., nach 47 Jahren vor laufender Kamera sein Schweigen gebrochen. Seit 20 Jahren ist er nicht mehr arbeitsfähig wegen der Schäden, die bei ihm durch den sexuellen Missbrauch entstanden sind. Drei Jahre verbrachte er in psychosomatischen Kliniken. Dort bekam er so viele Medikamente, dass er nicht mehr in der Lage war, seinen eigenen Namen zu schreiben. Angeregt durch die Sendung ‚Unter uns‘ am 17. Februar 2006 im Mitteldeutschen Rundfunk, in der ich über mein Schicksal berichtete, konnte H. den Mut finden, seine Schweigemauer zu zerbrechen. „Es geht mir seitdem besser“, sagte er dem Filmteam vor dem Haus des Pfarrer K., wo wir beide sexuelle Gewalt erfahren haben.
Als ich den ‚Steppenwolf‘ kennen lernte und nach seinem Abschied liebevolle Gefühle, die ich bis dahin nicht kannte, in mir hochkamen, wurde mir das Ausmaß meiner Abspaltung bewusst – ich erkannte die Schäden, die ich durch den sexuellen Missbrauch davongetragen hatte.
Zu spüren, dass man um sein Leben betrogen wurde, ist unerträglich. Aus diesem Grund möchte ich mich dafür einsetzen, dass es andere leichter haben, sie nicht so lange brauchen wie ich, ihre Schweigemauer zu zerbrechen, um sich zu spüren und lebendiger zu werden.
Nach dem Bruch der Schweigemauer beim Familientreffen 1993 gab ich die Macht über meine Kinder demonstrativ ab. Hass und Wut wollte ich nicht mehr bei ihnen abladen. Tat ich es dennoch, war meinen Kindern klar, dass ich die Verantwortung dafür übernehmen musste. Seit dieser Zeit habe ich von ihnen gelernt, wie man liebevoll miteinander umgeht. Ich hatte Angst Fehler zu machen – sie gaben mir Sicherheit und korrigierten mich mit Ausdauer und ohne Strafen. Heute kann ich frei und ohne Scham mit anderen kommunizieren, kann Briefe schreiben und sogar dieses Buch hier, das habe ich ihnen zu verdanken.
34 Jahre hat mich meine Frau begleitet und durch tiefe Depressionen getragen. Ihr und meinen beiden Kindern habe ich es zu verdanken, dass ich überleben konnte – ihre Liebe hat mich getragen.

(Auszug aus dem Buch „Ich wurde sexuell missbraucht“ von Norbert Denef)

9 Kommentare

  1. Sarah schreibt am :

    „Wenn der Papst heute öffentlich sagen würde: ‚Schlagt keine Kinder mehr, tut ihnen keine Gewalt mehr an!‘, dann würde eine Kraft entstehen, nicht nur in der katholischen Kirche, sondern vielleicht in der ganzen Welt, dass ein Umdenken stattfinden könnte, Kindern keine Gewalt mehr anzutun. Und wenn der Papst öffentlich sagen würde, dass eine Schweigeklausel für ein Opfer ein Verbrechen sei, dann würde es sie zukünftig nicht mehr geben. Warum sagt er das nicht?“

    Und nicht der Papst schweigt beharrlich darüber und ruft keine Parole durch die Welt. Auch unsere Politiker weltweit schweigen beharrlich, obwohl sie die Macht hätten, durch harte Gesetzgebung und strafrichtliche Verfolgung diese Gewalt an Kindern zu sanktionieren, Präventionen zu fördern, voranzutreiben.
    Kinder sind und bleiben immer die Opfer der unfähigen Gesellschaft von Erwachsenen, von feigen, verantwortungslosen Politikern und nicht wahrhaben – wollender Bevölkerung.

  2. Eva schreibt am :

    In der Bibel steht aber, dass Eltern ihre Kinder züchtigen sollen.

    Viele Bibelstellen befürworten in der Tat physische Züchtigung. „Entziehe dem Knaben nicht die Züchtigung; wenn du ihn mit der Rute schlägst, wird er nicht sterben. Du schlägst ihn mit der Rute, und du errettest seine Seele von dem Scheol.“ (Sprüche 23,13-14, siehe auch 13,24;22:15;20,30).

    Dann müßte das Wort des Papstes oder anderer Religionsoberhäuptlinge sich über das geschriebene Wort hinwegsetzen und die Bibel als überholt darstellen.

  3. Anna M. schreibt am :

    genau, Eva.
    Und deshalb muß das Engagement für die Verbesserung der Situation für unsere Kinder und für uns Betroffene nicht nur OHNE die Kirche sondern auch GEGEN die Kirche statfinden.
    Schließlich wurden die Menschenrechte auch gegen den Widerstand der Kirche durchgesetzt.

    Die Kirche kann sich aus ihrem Dogma heraus gar nicht gegen Kindesmisshandlung einsetzen, sie würde sich unglaubwürdig machen.

    Im übrigens steht in der Bibel nicht nur, daß man seine Kinder schlagen soll, sondern auch solcher Unsinn wie:
    Es ist schlimmer, wenn ein Mann bei einem Manne schläft als bei seiner Tochter (!)

  4. Sven schreibt am :

    ich war schon in schweden, und kann nur sagen es ist wirklich schön da. die menschen sind von ihrer art auch ganz anders. sie kennen scheinbar keine angst vor fremden menschen. das es verboten ist ein kind zu schlagen finde ich sehr gut.

  5. klaraklara schreibt am :

    Der Film ist für mich sehr interessant.
    Ich weiß noch nicht, was ich von der schwedischen Regelung halte, denn die niedrigere Schwelle, ab der Kinder von ihren Eltern getrennt werden können, macht mir Gedanken. Aber vielleicht ist es nötig, dass der Staat den Eltern das Recht auf JEGLICHE Gewalt entzieht – und dies mithilfe des staatlichen Gewaltmonopols durchsetzt (übrigens kann man erst dann wirklich vom staatlichen Gewaltmonopol sprechen, wenn keine Privatpersonen die Erlaubnis haben, einen anderen Menschen zu „züchtigen“).

    Jetzt gibt es in Schweden Klagen darüber, dass Klapse zum Tabu wurden -mag sein, dass dadurch eine Heimlichkeit entsteht, die auch schaden kann.
    Es gibt aber auch andere Tabus, unter denen die Menschen leiden. Überall herrscht das Tabu, die Eltern anzuklagen, und dieses Tabu lässt sich nun vielleicht in Schweden leichter überwinden. So kann das schwedische Gesetz auch für Erwachsene, die selbst noch als Kind misshandelt wurden, eine wohltuende und befreiende Wirkung entfalten.

    Vielleicht auch günstig für die Vermeidung von sexuellem Missbrauch (auch weniger deutlich Erkennbarem), dass Kinder öfter mal beim Jugendamt anrufen und nachfragen, ob ihren Eltern eine unsanfte Berührung erlaubt war.

  6. hildegard schreibt am :

    Während bei uns noch weitere 40 Jahre von Rechtsfrieden nur geredet wird, hatte Schweden längst umgesetzt, was dessen Voraussetzung ausmacht, eben das Monopol auf Gewalt – die Demokratie funktioniert, WEIL noch der schwächste Mensch Mittelpunkt ist!

    Unsere Gesetzgebung war in der Sache halbherzig, insbesondere mit der ewigen Rücksicht auf Bibel, Beichte, Bischöfe …
    Gewaltverzicht gibt es nie, wenn nicht das Gewaltmonopol ausschließlich beim demokratischen Staat liegt.
    Selbstverständlich muss das bedrohte Kind auf Jahre der Gewalt-Atmosphäre entzogen und geschützt werden. Selbstverständlich muss die Gesellschaft nach den Tätern und Institutionen die Folgen mittragen! Selbstverständlich braucht es dann erst recht Transparenz.

    Warum musste hier erst ein Bündnis gegen Gewalt erfunden werden? – in 2010!

  7. Johannes schreibt am :

    Hallo Eva!

    Auf zweierlei möchte ich gerne hinweisen:

    1. Wer die Bibel in all ihren Aussagen wortwörtlich nimmt, kann an ihr eigentlich nur verzweifeln. In der Tat lassen sich eine große Anzahl von „Verhaltensanweisungen“ finden“ (siehe auch das Zitat von Anna M.), die geradezu schändlich sind. Wer sich darauf beruft, sollte sich dringlich vor Augen halten, dass es sich bei der Bibel um ein historisches Dokument handelt, dessen Autoren ihre Beiträge jeweils vor dem Hintergrund der damals gültigen Werteordnung geschrieben haben, also unter dem Einfluss geltender gesellschaftlicher und sozialer Normen. Mit Verlaub: diese hatten ihre „Gültigkeit“ vor weit mehr als 2000 Jahren. Schändlich ist es, solcherlei Lebensmaximen völlig unreflektiert in die heutige Zeit zu übertragen. Genauso schändlich empfinde ich es aber auch, die Bibel eben wegen solcher Aussagen in ihrer Gesamtheit völlig in Frage zu stellen. Um es einmal sehr einfach zu formulieren: die Bibel ist ein Geschichtsbuch, das interpretationsbedürdtig ist.

    2. Ich möchte auch nicht „die Kirche“ in ihrer Gesamtheit an den Pranger stellen, denn: die Kirche sind wir an der Basis – mit einer riesigen Anzahl aufrechter und auch in gutem Sinne „frommer“ Mitmenschen. Und das ist gut so! Wir erleben also Parallelwelten: eine Basiskirche und einen institutionell verkrusteten Overhead, dem es aus welchen Gründen auch immer nicht gelingen will, Missstände zu sehen geschweigen denn sie offensiv zu thematisieren und diese konstruktiv zu bearbeiten.
    Als vom Missbrauch Betroffener – und dieses innerhalb der evangelischen Kirche! – schreibe ich diese Zeilen sehr bewusst. Ich habe an dieser Stelle einen sehr hohen Anspruch an Differenzierung!

  8. hildegard schreibt am :

    @ Johannes
    Schändlich war und ist, wenn dieses („verjährte“) Geschichtsbuch von Schriftlehrern heute immer noch instrumentalisiert wurde/wird zur Machtausübung, zu Verbreitung von Angst, zum Zweck von Unterwürfigkeit.
    Alle Misshandlungs-Opfer der frommen Männer mit gesegneten Händen in der „heiligen Mutter Kirche“ litten als Kinder, leiden als Erwachsene, klagen hier den Machtmissbrauch in Gottes Namen an.

    Ein Papst wäre damals gut beraten gewesen, Norbert Denef anzuhören – statt dessen versprach er ihm, für ihn zu beten …
    Ein Papst, der heute immer noch nicht erkennen, bekennen und Transparenz schaffen kann, der will die Unterordung, setzt seine Macht gegen betroffene Menschen ein.
    Diese Missbrauchsstrukturen wollen wir hier aufbrechen – zu Differenzierungen sind wir allemal bereit …
    Mühselige Befreiung findet hier gerade statt – und erschwerend kommt hinzu:
    „Vater Staat“ will sich mit „Mutter Kirche“ bis heute (noch?) nicht anlegen! DAS aber wird sich ändern müssen …

  9. Eva schreibt am :

    Hier tauchen häufig sexuell Mißbrauchte der beiden großen Kirchen auf.

    Man sollte aber auch die sehr vielen kleinen Freikirchen ( teilweise sektenartig ) betrachten, die den Glauben viel strenger auslegen ( „Bibeltreu ) als die großen und wo neben sexuellen Taten auch noch „geistlichen Mißbrauch“ stattfindet, der dem Gesetzgeber überhaupt nicht interessiert, da schwer zu definieren genauso schwer wie der Begriff Sekte. In Sekten ist die Machtausübung noch viel grausamer.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Sch%C3%A4fer_(Colonia_Dignidad)

    ——
    Selbsthilfegruppe von Betroffenen

    http://www.agpf.de/Fluegelschlag.htm

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