Geheuchelte Fürsorge

11.04.2012

Gastbeitrag von Alexa Whiteman 11.04.2012

BONN/OBERWESEL (hpd/gbs) Die katholische Kirche will auf die Einrede der Verjährung bei sexuellen Gewalttaten an Kindern und Jugendlichen nicht verzichten. Dies lässt sich aus einem Brief der Deutschen Bischofskonferenz schließen, der der Giordano-Bruno-Stiftung vorliegt.

Dem Schreiben war ein Offener Brief des Opferanwalts Christian Sailer vorangegangen, der die Bischöfe dazu aufgefordert hatte, auf die Verjährungseinrede zu verzichten, um die von kirchlicher Seite immer wieder versprochene „restlose Aufklärung und Entschädigung aller Missbrauchsfälle“ zu ermöglichen.

Das Antwortschreiben des „Büros für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich“ ist auf den 15. März datiert und mit der Bemerkung „persönlich/vertraulich“ versehen. Rechtsanwalt Sailer wird darin gebeten, das Schreiben nicht zu veröffentlichen. Allerdings hatte Sailer nicht privat gefragt, sondern öffentlich – nicht zuletzt auch im Auftrag seiner Mandantin Alexa Whiteman, die über Jahre hinweg sexuelle wie nicht-sexuelle Gewalt in katholischen Heimen erleiden musste. Aufgrund der öffentlichen Bedeutung der Sache kann es Whiteman und Sailer zufolge gar nicht angehen, „dass die Antwort der Kirche nun in der Schublade verschwindet, bloß weil sie der Bischofskonferenz peinlich ist“.

Im Brief heißt es, dass der für Missbrauchsfälle zuständige Bischof Ackermann die Forderung nach einer Verlängerung der Verjährungsfrist für sexuellen Kindesmissbrauch ausdrücklich unterstütze. Solange allerdings die bisherige Rechtslage Bestand habe, sei die Regelung der Kirche, die Opfer freiwillig zu entschädigen, für die Betroffenen „fairer und unbürokratischer“ als der Gerichtsweg. „Das klingt menschenfreundlich, ist aber in puncto Heuchelei kaum zu übertreffen!“, meint dazu der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon. „Denn die Kirche müsste keineswegs auf die Verjährung sexueller Straftaten bestehen, da dies bei Zivilgerichtsprozessen in ihrem eigenen Ermessen liegt.“

Umso ungeheuerlicher sei die Argumentation im vorliegenden Brief: „Im Kern behauptet die Deutsche Bischofskonferenz, dass sie sich deshalb auf die Verjährung beruft, um den Opfern der Straftaten den mühseligen Weg vor Gericht zu ersparen! Ein Akt der selbstlosen Fürsorge sozusagen! Sogar dafür, dass die Kirche die Opfer sexueller Gewalt mit Almosen abspeist, findet sich im Brief eine originelle Erklärung: Die Bischöfe meinen nämlich, dass das entstandene Leid ohnehin durch finanzielle Entschädigungen nicht auszugleichen sei, weshalb sie ihren Beitrag als ‚symbolische Leistung‘ verstanden wissen wollen. Man kann gut verstehen, dass vergewaltigten, missbrauchten Heimkindern wie Alexa Whiteman beim Lesen solch zynischer Zeilen speiübel wurde.“

Das Schreiben der Deutschen Bischofskonferenz sei ein „Dokument der Scheinheiligkeit, das das fehlende Unrechtsbewusstsein der Verantwortlichen in aller Klarheit zum Vorschein bringt“, sagt Schmidt-Salomon. Da von der katholischen Kirche spätestens nach diesem Brief keine fairen Lösungen mehr zu erwarten seien, empfiehlt er Betroffenen, sich an die entsprechenden Opfer-Verbände, etwa den „Verein ehemaliger Heimkinder“ (VEH), zu wenden. Darüber hinaus sei es sinnvoll, einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz zu stellen, wenn die dafür erforderlichen Bedingungen gegeben seien. Schließlich habe der „Fall Whiteman“ bewiesen, „dass sich kirchliche Gewaltopfer keinesfalls mit bloß ‚symbolischen Leistungen‘ abspeisen lassen müssen. Auch wenn es für sie keine ‚Wiedergutmachung‘ im eigentlichen Sinne des Wortes geben kann, haben sie ein Anrecht auf angemessene, finanzielle Entschädigung – sie sollten sich in diesem Punkt weder von Vertretern des Staates noch von Vertretern der Kirche einschüchtern lassen.“

GBS

Links zu diesem Artikel:
Offener Brief von Rechtsanwalt Sailer an Bischof Ackermann
„Präzedenzfall Whiteman“ – Angemessene Entschädigung vieler Heimopfer bereits möglich
„Jetzt reden wir!“ – Aktionshomepage ehemaliger Heimkinder
Website des Vereins ehemaliger Heimkinder (VEH)

Quelle: http://hpd.de/node/13212

 

 

3 Kommentare

  1. Panos P schreibt am :

    Ich habe in letzter Zeit wieder gehäuft Erinnerungsschübe und bin schwer dabei das zu verarbeiten. Als über Ackermann verstärkt in der Presse berichtet wurde, habe ich mir auch Videos angesehen, wo Ackermann interviewt wurde oder an Gesprächsrunden teilgenommen hat.
    In den darauffolgenden Tagen ging es mir ohne ersichtlichen Grund ziemlich schlecht, ich stand wirklich neben mir. Meist wenn das so ist, sind Trigger (Gesichter, Situationen, spezielle Ausdrucksweise, etc.) die Ursachen. Ich muss mir dann die letzten Tage Revue passieren lassen und meist komme ich dann auch darauf, was mich so getriggert hat.
    So auch bei Ackermann. Bei dem Mann wird mir richtig schlecht. Sein Gesichtsausdruck und das was er sagt, seine ganze Haltung erzeugen in mir ein starkes Unwohlsein und Übelkeit.
    Diese tiefen Reaktionen haben mich, seitdem ich ihnen Raum gebe und sie respektiere, immer zuverlässig gewarnt.
    Glaubt dem Ackermann kein Wort!, wenn er davon spricht, wie er mit den Opfern mitfühlt und sich für sie einsetzen möchte.
    Ich wäre gar nicht überrascht, wenn rauskäme, dass der richtig „Dreck am Stecken“ hat.

  2. Müller schreibt am :

    Jeder der diese Debatte müsste zu der Überzeugung gekommen sein, dass die Katholische Kirche bisher alle ihre Machtmittel dafür eingesetzt hat um diese für sie unangenehme Angelegenheit mit geringsten Kosten und möglichst geringen Ansehensverlust zu beenden. Es ist unglaublich welche Mitteln diese maffiöse Organisation einsetzt um ihre Untaten an Kindern zu vertuschen, zu verharmlosen und herunter zu spielen. (Pfarrer sind auch nur Menschen, woanders wird auch missbraucht etc.) Ihre genaueste Anweisungen erhält diese Organisation aus ihrer Zentrale Vatikan. Hätte sie auch nur einen Funken Guten Willen gäbe es eine einfache Lösung des Problems im Sinne der Missbrauchsopfer.
    1. Sofortige Aufhebung der Verjährungsfrist
    2. Zahlung menschenwürdiger Beträge ähnlich wie in USA.
    Ich habe Herrn Dennef in einer Diskussion erlebt, in der er trotz Vorlage eindeutiger Fakten in unglaublicher Weise von katholischer Seite abgespeist wurde. In den meisten Diözesen sitzen ausgesprochene Vertuschungsspezialisten nebst darauf spezialisierten Advokaten, die mit Unterstützung der Politik die schweinische Angelegenheit systematisch vertuschen und aussitzen. Die einzigen Aktionen, die bisher einen gewissen Erfolg hatten, ergaben sich durch hohe Austrittszahlen aus der katholischen Kirche. Einen weiteren Erfolg gibt es nur, wenn diese unaufhörlich weiter steigen, erst dann werden auch die politischen Parteien aufmerksam. Fragen sie ihren Abgeordneten wie er zur Verjährung von Kindsmissbrauch steht und was er dagegen tun will.
    Niemals aufgeben
    W.Müller

  3. Jacqueline schreibt am :

    Hat jemand am vergangenen Ostermontag die Sendung von Terra X über die Päpstin im ZDF gesehen?

    Petra Gerster hat da die katholische Kirche zu diversen Themen direkt angesprochen, mutig und auf die absurden Vertuschungsmethoden der katholischen Kirche hingewiesen, wie auch auf das Frauenfeindliche Verhalten etc….
    Vor Jahren gab es schon mal eine Doku über die Päpstin, die war aber mehr historisch, die NEUE ist provaktiv und klar.

    Ich finde ein Zeichen, dass Menschen immer mehr aufwachen und das absurde Verhalten der Priester und Bischöfe sehen und sich nicht mehr ALLES gefallen lassen.

    Das Engagement von Netzwerkb und Herr Denef geht genau in dieselbe Richtung und das ist GUT so!

    Man kann sich erst von einer Situation und Menschen, krankmachendem Verhalten etc. auch Verbrechen, wenn man hinschaut, lernt und Wege sucht, sich davon nachhaltig zu befreien. Also zu überwinden…

    Die geheuchelte Fürsorge geht nun in die falsche Richtung, weiter ins LEID.

    Das ist gut, dass das nicht mehr akzeptiert und toleriert wird.
    Die Kommentare von Bischof Ackermann erinnern mich an Worte, die man an ein Kind richtet, aber sicher nicht an einen freien erwachsenen Menschen, der selber entscheiden kann, was gut für ihn ist.

    Schon dieses Ungleichgewicht wird Zeit, dass es endlich aufgehoben wird, wie noch viele andere.

    Ich danke Frau Whitemann und Ihrem Anwalt für ihren Mut diesen Weg zu gehen und weiter aufzudecken und klare Signale zu stecken.

    Herzliche Grüsse

    Jacqueline

Artikel kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Artikel aus den Medien

ARD BRISANT ARD Tagesschau Augsburger Allgemeine Badische Zeitung Berliner Morgenpost Berliner Zeitung DER SPIEGEL derStandard.at DER TAGESSPIEGEL derwesten.de DEUTSCHE WELLE Deutschlandfunk Deutschlandradio DiePresse.com diesseits.de DIE WELT DIE ZEIT FOCUS Frankfurter Allgemeine Frankfurter Rundschau Hamburger Abendblatt Hannoversche Allgemeine Humanistischer Pressedienst Kölner Stadt-Anzeiger Leipziger Volkszeitung Lübecker Nachrichten Mitteldeutsche Zeitung n-tv N24 NDR.de NDR Info Neue Zürcher Zeitung nordwestradio Publik-Forum Saarbrücker Zeitung SPIEGEL ONLINE stern.de SÜDWEST PRESSE Süddeutsche Zeitung taz TP Presseagentur Berlin WAZ WELT ONLINE ZDF heute ZEIT ONLINE