Mehr Fragen als Antworten

08.07.2012: DIE ZEIT

DIE ZEIT – Christ und Welt – Aus: Ausgabe 27/2012

Vom offenen Umgang mit sexueller Gewalt sind beide Kirchen noch weit entfernt

Die Meldung, die in der vergangenen Woche in vielen Tageszeitungen erschien, war kurz und bündig. „Die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) haben Vereinbarungen mit der Bundesregierung für einen verbesserten Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Missbrauch unterzeichnet“, heißt es dort in klarem Agenturdeutsch. Kernpunkt der Vereinbarung sei die Übereinkunft, fachliche Mindeststandards zur Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt in Kirchen und kirchlichen Organisationen einzuführen.



Noch Fragen? Lieber nicht. Denn wer sich den Wortlaut der Vereinbarung durchliest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Forderungen der Opfer hinter einem Wust von Leitlinien, Empfehlungen und „Präventionsanstrengungen“ zu verschwinden drohen. Was haben die Betroffenen von der Entwicklung einheitlicher Qualitätsstandards, von Forschungsprojekten, Fachtagungen und Online-Umfragen? So löblich es auch ist, dass sich Verantwortungsträger aus Politik, Kirche und Gesellschaft auf Schutzmaßnahmen im Kampf gegen den sexuellen Missbrauch einigen: Sie könnten viel mehr tun, als eine „Vereinbarung zur Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch“ zu unterzeichnen.

Beide großen Kirchen beschränkten sich darauf, die Unterzeichnung der Vereinbarung per Pressemitteilung bekannt zu geben. Einer Pressekonferenz mit Nachfragen von Journalisten schienen sie sich nicht stellen zu wollen. Dabei gäbe es so viele unbeantwortete Fragen: Woher zum Beispiel kommt das Geld für die Fortbildungen rund um das Thema sexualisierte Gewalt für die Tausende von Ehrenamtlichen in den Bistümern und Landeskirchen? Warum ist der Gesetzesentwurf über die Verlängerung der Verjährungsfristen immer noch nicht vom Parlament verabschiedet worden? Warum ist das Thema sexueller Missbrauch ein „hochsensibler Bereich“ und ein „vermintes Gelände“, wie es in Kirchenkreisen heißt, wenn sich doch anscheinend alle einig sind, dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen verbessert werden muss?

Missbrauchsopfer Norbert Denef glaubt nicht mehr an wohlklingende Vereinbarungen. Der 63-Jährige, Mitbegründer des Netzwerks Betroffener, befindet sich seit dem 8.Juni im Hungerstreik. Wie der unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, will sich auch Denef nicht damit abfinden, dass Täter schon fünf Jahre nach ihrem Vergehen rechtlich nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden können. Warum leisten die Kirchen nicht gemeinsam mit dem Beauftragten der Bundesregierung Lobbyarbeit? Warum wurde die Forderung nicht in ihre Vereinbarung übernommen? Fürchten sich die Kirchen womöglich vor Prozessen gegen unentdeckte Täter in ihren eigenen Reihen? Fest steht: Von dem angestrebten offenen Umgang mit dem Thema sexueller Gewalt sind politische Parteien und auch die Kirchen noch weit entfernt.

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6 Kommentare

  1. hildegard schreibt am :

    „Am ersten Jahrestag der Kernschmelze von Fukushima Daiichi bildete sich … eine Menschenkette von 60.000 Personen zwischen Lyon und Avignon im nukleargefüllten Tal der Rhône, um die Pariser Regierung zum Atomausstieg zu mahnen.“ http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1805316/ Bernhard Taureck sieht mit J.J. Rousseau, wie in grauer Vorzeit
    “ … die selbstverständliche Gleichartigkeit unter den Menschen [zerriss]. Eigentum war am Anfang Grund und Boden. Später wurden Menschen Eigentum von Menschen.“

    Mensch als Besitz prangern wir an. Bald 60.000 Unterschriften in einer Woche gegen das UNRECHT der Verjährung:
    Menschen benutzen Menschen als Objekt – sechs Menschen gehen dagegen in den Hungerstreik – Deutschland protestiert.

    Zutreffend – für beide Proteste! – sagt Taureck:
    „Rousseau wusste nicht zu sagen, wie schnell alles bergab laufen wird. Nun kommt es zu einer Protestkette von einer bisher nicht gesehenen Länge. Sie richtet sich gegen eine Lobbykratie einer tödlich riskanten Technik, die uns alle mit nachhaltig irreparablen Unfällen bedroht.“

    LOBBYKRATIE ist das zu lösende Problem – bei beiden Anlässen.

    Ein neuer Gesellschaft-Plan fällig …?!?

  2. uwe werner schreibt am :

    Endlich mal ein Artikel, der die eigentliche Problematik auf den Punkt bringt und Fragen stellt, welche dringend von beiden Kirchen, wie von den Politkern beantwortet werden müssen. Wenn dies, trotz Sommerloch, schnellstens geschieht, dann hat sich doch noch der Hungerstreik mehrerer Menschen gelohnt und könnte sofort abgebrochen werden.
    Da hätte ich aber noch eine Frage, an den Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung Herrn Rörig:
    Warum können die Anlaufstellen, welche nach dem Ende Runder-Tisch, im Januar 2012 eingerichtet wurden, ihre Arbeit nicht aufnehmen? So beim LVR Köln, dort gibt es noch keine Ansprechpartner und die Antragsformulare sind zwecks Überarbeitung noch im Familienministerium, laut schriftlicher Erklärung der LVR-Direktorin.
    Es wäre dbzgl. sehr hilfreich, wenn die Medien hier mal nachforschen-u.fragen würden.
    Es gibt sicherlich noch viele wichtige Themen und Probleme weltweit, z.B. die Reiselust unserer Kanzlerin macht dies deutlich, doch sollte man darüber nicht seine eigenen Hausaufgaben vergessen bzw. vernachlässigen, die uns BürgerInnen in unserem Land betreffen.
    Norbert, als Kind lernten wir ein Lied: „Viel Glück und viel Segen, auf all Deinen Wegen, Gesundheit und Frohsinn sei auch mit dabei…“ . Ein Kanon in dem wir alle mal gern einstimmen würden!!!

  3. L.A. Natasadu schreibt am :

    Sehr geehrter Herr Denef,
    ich bin entsetzt ob der Tatsache, dass es der Politik egal ist, wenn ein Mensch in den Hungerstreik tritt und sein Leben gefährdet, um auf das unsagbare Leid aller missbrauchten Kinder hinzuweisen. In diesem Land werden Verbrecher geschützt und Opfer sich selbst überlassen.
    Es ist für mich der reine Hohn, wenn einerseits behauptet wird, dass Kinder das „größte Gut“ einer Gesellschaft sind und ihre Unversehrtheit zu gewährleisten ist und anderseits dementsprechende Gesetze nicht geschaffen werden, um die Kinder ausreichend zu schützen. Die Verlogenheit der Kirche und der Politik ist so grausam, denn die Tatsache, dass die missbrauchten Kinder niemals werden vergessen können, bleibt unbeachtet.!!!!!!
    Dieses Land stellt sich in der Öffentlichkeit gern als fortschrittlich dar und möchte auch in der Welt so gesehen werden. Richtig ist, wenn man die Standards der Menschenrechte anderer Länder einfordert, aber gilt das nicht auch im eigenen Land??? Bevor man mit dem Finger auf „Andere“ zeigt, sollte doch der Dreck vor der eigenen Tür beseitigt werden!!!!!

    Da ich Menschen kenne, die als Kinder missbraucht wurden, weiß ich aus erster Hand, wie schwer es ist, ein „normales“ Leben zu führen und erfuhr auch, wie „Sie, die Opfer“ vor Gericht behandelt wurden.
    Diese schreiende Ungerechtigkeit muss durch sofortige Abschaffung der Verjährungsfristen für Kindesmissbrauch geändert werden…..
    Ihre Petition zu unterstützen ist mir daher ein großes Anliegen. Ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft und hoffe aber, dass Sie den Hungerstreik bald abbrechen, denn es ist wichtig, dass Sie leben und Ihre Stimme weiterhin für alle Betroffenen erheben.
    Meine herzlichsten Grüße an Sie und Ihre Familie….

  4. Eva schreibt am :

    Es ist eigenartig !

    Ein Gericht hat entschieden, dass die unnötige nicht medizinisch notwendige Beschneidung von Jungen strafbar ist.

    Juden, Moslems, Katholiken und die evangelische Kirche sind sich einig , dass der Gesetzgeber, diese Körperverletzung erlauben soll durch ein neues Gesetz, weil die Beschneidung schon immer gemacht wurde.

    Auch die Abschaffung der Verjährungsfristen soll anscheinend nicht angetastet werden, da es ja auch Tradition ist , dass „Täter“besonders aus den „heiligen Glaubensgemeinschaften“ nach abgelaufener Frist, herumlaufen können als sei nichts gewesen und Opfer dürfen ihr ganzes Leben leiden.

    Das Gericht und andere juristische Vordenker haben erkannt, dass Kinder
    nicht einfach verletzt werden dürfen und Kinderschutz an erster Stelle stehen muß.

  5. Anna M. schreibt am :

    Diese Urteil ist überfällig!

  6. elvira schreibt am :

    @Eva
    Danke, das was du da schreibst habe ich auch gedacht. Welchen Wert hat ein Kind für diese Kirchenleute. Auch eine Beschneidung ist eine Traumatsieriung, genau wie ich als kleines Mädchen immer an meine Brust klopfte und sagte: „Herr, ich bin nicht würdig.“ Worte die töten!
    König Herodes hat damals Kinder töten lassen. Wer ist der neue König Herodes, wie heißen seine Nachfolger?
    Elvira

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