Hungerstreik gegen die Verjährung

24.07.2012: Süddeutsche Zeitung

Süddeutsche Zeitung 24.07.2012

„Ich kriege das nicht aus meinem Kopf“

Von Jens Schneider

Als Kind ist er das Opfer zweier Pädophiler geworden. Jahrzehnte später wollte er seine Peiniger anzeigen – doch es war zu spät. Nun ist Norbert Denef in Hungerstreik getreten, um gegen die Verjährung von sexuellem Missbrauch zu kämpfen.

Im Flur des weißen Reihenhauses bittet Norbert Denef, die Schuhe auszuziehen. Seine Frau und er möchten den Sand nicht im Haus haben, obwohl sie ihn lieben. Der Sand an der Ostsee in Scharbeutz fühlt sich besonders weich an. Auf dem weißen, steinlosen Strand lässt es sich spazieren wie auf einem feinen Teppich. Es gebe ein großartiges Licht, findet er. Wegen der See ist der 63-Jährige in das Haus gezogen, wo er auf dem Dachboden Besucher empfängt, die seinen Hungerstreik verstehen wollen. „Erst mal eins: Das ist mein Anliegen“, sagt er gleich. „Ich mache das nicht aus therapeutischen Gründen, dafür habe ich nach vielen Therapien die Ostsee gefunden.“

Wacklig steigt er die Treppen zu seinem Dachbodenzimmer hinauf. Wie eine Marionette, die nur aus ihren Holzbeinen besteht. Mit kurzen Pausen. Die Beine versagen jetzt ab und zu. Sie sind dünn wie die Arme des Pensionärs im lila Polohemd, Shorts und dicken Wollsocken. Er hat gut zwölf Kilo verloren. Wer ihn fragt, wie es ihm geht, bekommt einen steifen Satz zur Antwort. Man solle lieber die Politiker fragen, wie es ihnen gehe, wenn sie an die Kinder denken, die misshandelt würden und später ihre Peiniger nicht mehr belangen könnten. Dann sagt er, dass es ihm noch gut gehe. Er habe gelernt auf sich zu achten, Vollwertkost gegessen, seit 25 Jahren.

Nun isst er seit 46 Tagen nicht mehr, er trinkt nur Tee und Wasser. Er will Druck erzeugen auf die Politik, damit sie die Verjährungsfristen für sexuelle Gewalt gegen Kinder abschafft. Bisher verjährt der sexuelle Missbrauch von Kindern nach zehn Jahren, gerechnet ab dem Zeitpunkt, an dem Das Opfer volljährig wird. Das führt oft dazu, dass die Verbrechen nicht geahndet werden. Denn die in ihrer Kindheit missbrauchten Opfer sind oft so arg traumatisiert, dass sie Jahrzehnte brauchen, bevor sie sich offenbaren können.

So war es auch bei Norbert Denef. Er wurde als Junge in den Jahren seit 1958 in seiner Heimatstadt Delitzsch in Sachsen als Messdiener von einem Priester missbraucht. Immer wieder, jahrelang. Als er 16 war, wurde der Mann plötzlich versetzt. Doch für den Jungen ging das Martyrium weiter. Ein Organist missbrauchte ihn.

25.000 Euro nach 40 Jahren

Inzwischen hat Denef alles öffentlich gemacht. Er hat 2005 von der Kirche Entschädigung bekommen, 25.000 Euro. Vierzig Jahre nach der Tat. Der Familienvater brauchte Jahrzehnte, um sich zu öffnen. Er heiratete, hat eine Tochter und einen Sohn bekommen und Erfolg als Technischer Leiter eines Theaters. „Ich habe viel gearbeitet, um nicht über mich selbst nachdenken zu müssen, ich habe immer funktioniert.“

Mit 40 kam der Zusammenbruch, er litt an Albträumen, und bekam schwere Depressionen, das Leben wurde ihm unerträglich. Er suchte Hilfe in einer Klinik, sprach aber dort zunächst nicht über die Erinnerungen. Zaghaft näherte er sich ihnen. Nach drei Jahren konfrontierte Denef bei einem Familientreffen die Täter. Er plante alles genau, seine Kinder sollten dabei sein, seine Geschwister, und die beiden Männer, Bekannte der Familie. Er übte vor dem Spiegel den Satz, den er nicht aussprechen konnte: „Ich bin sexuell missbraucht worden.“ Nach diesem Tag war alles anders. Während Frau und Kinder zu ihm stehen, wandten die Geschwister sich ab. Er wollte die Taten anzeigen, sie waren verjährt.

Vielen Opfern sei es so ergangen, sagt er. Auf dem Tisch vor seinem blauen Ecksofa liegen rund um eine Vase mit einer dunkelroten Rose Bücher, darunter Gandhis Biografie. Ihn zitiert Denef in vielen Antworten, in denen er jedes Mal weit ausholt. Er hat sein Leben geändert in den letzten Jahrzehnten, eine Ausbildung zum Gesundheitsberater absolviert, hat in Klinken Hilfe gesucht, Therapien gemacht, unzählige Bücher über Psychologie gelesen. Aber die Erinnerungen halten ihn im Griff. Sie seien immer vor seinen Augen, die Gerüche von damals erkenne er sofort. Die Beklemmung kehre auch zurück, wenn Geräusche ihn erinnern. Während des Interviews schließt er ein Fenster. Bei einem der Täter, erklärt er, sei oft Autolärm zu hören gewesen. „Früher habe ich das alles unbewusst verdrängt. Ich konnte nicht anders. Inzwischen kann ich auch meinen Deckel mal aufmachen und meine Wut zeigen.“

Zuweilen erzählt er, als ginge es um einen anderen – und der Zuhörer spürt doch, es geht um den Erzähler selbst. So wie im letzten Jahr auf dem Bundesparteitag der SPD. Da durfte Denef drei Minuten reden. Er berichtete in der dritten Person von dem kleinen Jungen, der von einem Priester missbraucht wurde. Nach seiner Rede hielt Hannelore Kraft ihn in den Armen. Der Parteitag sprach sich für die Abschaffung der Verjährungsfrist aus.

„Als ich von der Bühne gegangen bin, da dachte ich: Wir haben Geschichte geschrieben“, sagt er. Wenn er mit solchem Pathos spricht, haben manche den Eindruck, dass er sich an seinen Kampf verloren hat. Er sagt: „Nein. Ich bin nicht abhängig von diesem Kampf. Es ist meine Aufgabe, ich mache das nicht aus Eigenliebe. Da prüfe ich mich jeden Tag.“ Darf man bemäkeln, dass einer das nicht loslassen kann, was seine Seele nicht loslässt? „Mein Weg ist entstanden, als ich irgendwann merkte: Ich kriege das ohnehin nicht aus meinem Kopf.“

Sozialdemokraten unterstützen ihn

So einer will keine Kompromisse, wie sie zur Politik gehören. Weil die aber nicht vorankam, kam er auf den Hungerstreik. „Ich bin ein Hundertachtzigprozentiger“, sagt er. Aber das Thema ist komplex. Es gibt gute Gründe für die Verjährung, die Suche nach einer klugen Lösung ist schwierig. Unterstützt wird Denef vor allem von der SPD. Ralf Stegner, Schleswig-Holsteins Landesvorsitzender, hat ihn besucht, die stellvertretende Parteichefin Manuela Schwesig ihm geschrieben. Unter dem Eindruck seiner Aktion haben führende SPD-Politiker sich noch einmal getroffen, sie wollen das Thema voranbringen, im Bundestag gleich nach der Sommerpause. „Es muss sich was tun“, sagt Stegner.

Denefs Körper sendet ihm zunehmend Warnsignale. Er will rechtzeitig aufhören, wohl in diesen Tagen. „Ich will niemanden erpressen. Ich werde mir selbst keinen Schaden zufügen.“ Und danach? Pause machen. „Aber mit diesem Kampf kann ich nicht aufhören. Wem das Herz brennt, der muss eine ungeheure Geduld aufbringen.“ Es lässt ihm keine Ruhe.

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