Leid der Opfer – Warum Verjährung schmerzt

06.12.2012: Deutschlandfunk


Heute feiern wir den heiligen Nikolaus. Er ist ja der Inbegriff von Geborgenheit und Wärme. Er ist ein Kinderheiliger. Die Legenden erzählen, dass er ermordete Kinder wieder zum Leben erweckt hat und das er Kindern steht’s seinen Schutz geboten hat.

An diesem Tag also, dass wir eigentlich einen Mann verehren sollten der Kindern Gutes getan hat, da meldet sich der Unabhängige Beauftragte für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs zu Wort. Warum, weil nach den zahlreichen Fällen von sexueller Gewalt in Kirchen, in Schulen und Heimen, das Versprechen gegeben wurde, einen Hilfsfond mit 100 Millionen Euro für die Opfer einzurichten. Das war vor einem Jahr. Bis lang ist nichts geschehen.

Und dann auch noch das

Die Abschaffung der Verjährungsfristen bei sexueller Gewalt, scheint sich zur unendlichen Geschichte zu entwickeln. Mit einem neuen Gesetz wird es so schnell nichts. Das macht wütend und lässt verzweifeln.

Norbert Denef am Strand von Scharbeutz. Jeden Tag geht er an die Ostsee. Die frische Luft gibt ihm neue Kraft. 63 Jahre ist er alt. Vor über 50 Jahren erlebte er sexuelle Gewalt. Als Messdiener wurde er über Jahre von einem katholischem Priester sexuell misshandelt.

Norbert Denef: „Das was man erlebt hat, das prägt einen. Das ist auch nicht wieder gutzumachen. Das ist nicht wieder herzustellen. Das ist kaputt. Um in der Öffentlichkeit darüber sprechen zu können, fällt mir das nach wie vor noch ganz, ganz schwer. Da schlüpft man so in die Rolle wieder rein, man kriegt das nicht über die Lippen. Ich kann Hilfsmöglichkeiten einsetzen, um darüber zu sprechen. Ich kann auf Grund meiner Erfahrung kann ich über den Jungen berichten, ich kann diese Geschichte erzählen, weil ich die ja am besten kenne. Und da kann ich den Spiegel vorhalten. Da kann ich sagen: Gesellschaft guck mal, so ist das.“

Doch was ihm passiert ist, dafür kann er niemanden mehr zur Rechenschaft ziehen. Sexuelle Missbrauch verjährt in Deutschland üblicherweise nach 3 bis 30 Jahren, je nach schwere der Tat. Norbert Denef will das nicht akzeptieren.

Er kämpft schon lange gegen die Verjährungsfristen. 25.000 Unterschriften hatte er schon einmal gesammelt und eine Petition beim Bundestag eingereicht. Doch die war erfolglos. Und auch seine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde abgelehnt. Der Blick auf’s Meer, hilft ihm solche Rückschläge zu verarbeiten.

Norbert Denef: „Hier kann ich Kraft tanken. Hier krieg ich auch neue Ideen, wenn’s gar nicht mehr weiter geht. Wenn da so eine Ablehnung kommt vom Europäischen Gerichtshof, das muss man ja erst einmal schlucken – wo ich sechs Jahre lang gekämpft habe, diese tausenden von Unterschriften. Da kommt eine Richterin und die lehnt das ab. Oder der Bundestag, der bewegt sich nicht, die Politiker, die bewegen sich nicht. Es passiert einfach nichts. Die lassen die Betroffen im Regen stehen. Hier, hier kann ich Kraft schöpfen, um weiter zu machen.“

Seit April 2010 gibt es den Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch. In der kommenden Woche sollte eigentlich Bilanz gezogen werden, doch die Bundesregierung hat den Termin verschoben. Immerhin sollen die Verjährungsfristen im Zivilrecht verlängert werden. Doch Norbert Denef reicht das nicht, das sei nur ein Placebo für die Betroffenen.

Norbert Denef: „Damit können sie gar nichts anfangen. Das ist völliger Unsinn ist das. Damit versucht man die Gesellschaft zu beruhigen: Wir tun was, schaut mal und jetzt gebt wieder Ruhe.“

Norbert Denef will, dass die Strafrechtlichen Verjährungsfristen abgeschafft werden. Bei strafrechtlichen Ermittlungen hat ein Staatsanwalt wesentlich mehr Möglichkeiten den mutmaßlichen Täter zu überführen, als der Verteidiger des Opfer’s in einem zivilrechtlichen Verfahren. Denef bekommt Rückendeckung vom Schleswig-Holsteinischen SPD-Chef Ralf Stegner.

Ralf Stegner: „Mir scheint, dass die Unterschiede zwischen Zivil- und Strafrecht willkürlich sind und das es nicht sinnvoll ist da zu unterscheiden. Den Opfer geht es in aller erster Linie darum, dass die Täter verfolgt werden können. Da muss man im Strafrecht was tun.“

Stegner ist zwar nicht für die komplette Aufhebung der Fristen so wie Denef, trozdem hatte der SPD Politiker erst vor zwei Wochen in Berlin die knapp 65.000 Unterschriften entgegen genommen, die Norbert Denef erneut gemeinsam mit der Betroffenen-Organisation netzwerkB für die Aufhebung der Verjährungsfristen gesammelt hat. Bundestagspräsident Norbert Lammert und auch der stellvertretende Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hatten die Unterschriften zunächst abgelehnt.

Ralf Stegner: „Ich finde, wenn jemand so viele Unterschriften gesammelt hat, für etwas was ja vielleicht nicht gerade im Focus öffentlicher Aufmerksamkeit steht, dass es sich ja dann auch gehört, dass man das nicht nur entgegen nimmt, sondern ich werde das weiter leiten an eine Kollegin im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages und insofern gehörte sich das für mich einfach, das man das auch tut.“

Denef hatte die Unterschriften im vergangenen Sommer gesammelt, während eines mehr als 40tägigen Hungerstreik’s. Nur Saft und Brühe gab es in der Zeit.

Norbert Denef: „Es hat nicht’s mit Wut, nicht’s mit Hass und auch nicht’s mit Erpressung zutun, nur was mit dem Spiegel vorhalten.“

Er habe mit seinem Streik Druck machen wollen auf die Politik, sagt Denef. Doch wenn er heute an die Zeit zurückdenkt, war das nicht das Wichtigste.

Norbert Denef: „Das war die wichtigste Zeit in meinem Leben. Und teilweise auch die schönste Zeit, weil mein Kopf so frei wurde und ich noch mehr Gefühl kriegte für die Lügen um mich herum, für die Ungerechtigkeiten.“

Viele Rechtsexperten lehnen die Abschaffung der Verjährungsfristen ab, weil die Rechtssystematik verschoben werde und es keinen Rechtsfrieden mehr gebe. Denef lässt dieses Argument nicht gelten.

Norbert Denef: „Das ist eine rein politische Entscheidung – will ich das oder will ich das nicht.“

Die schwarzgelbe Bundesregierung will jedenfalls keine Abschaffung der Verjährungsfristen im Strafrecht und wann es zu einer Verlängerung der Fristen im Zivilrecht kommt sei noch unklar, so eine Sprecherin des Justizministerium’s. Doch auch wenn die Aufhebung der Verjährungsfristen bei sexueller Gewalt auf dem Sankt Nimmerleinstag verschoben wird, Norbert Denef kämpft weiter.

Norbert Denef: „Wenn man die Ungerechtigkeit fühlt und spürt und nicht’s dagegen unternimmt, da ist man doch noch hilfloser. Und wenn etwas ungerecht ist, muss man sich dafür einsetzen und was dagegen tun.“

Thorsten Phlipps, über die Opfer sexueller Gewalt, die nicht akzeptieren wollen, das solche Straftaten weiterhin verjähren können.

Runder Tisch

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2 Kommentare

  1. andreas steindl schreibt am :

    hallo leute, ja grad weil nickolaus tag ist denkt man wie schmerzhaft alles ist, nur leute es genügt nicht das es gesetze gibt wenn sie kaum angewendet werden, oder nur sehr geringe strafen verhängt werden, was nützt drei jahre da muß die mindeststrafe bei 10 jahren ohne das es früher die strafe endet, weil der oder die täter müßen selber spüren was sie an menschen angetan haben, die strafen müßen schrecken und nicht das so ein drecksack nach 3 jahren sich die hände reibt und wieder über einen herfällt, und eines der oder die täter haben nie die schmerzen was einer von uns mitmachen mußte, und kein selbstwertgefühl, kein vertrauen, wer gibt uns das zurück von den tätern,aber die gesetze sind so blöd das es nur so schreit, deshalb wir müßen zusammenhalten und schauen das wir endlich ein bißl gerechigkeit bekommen durch strenge gesetze. schöne grüße andreas steindl

  2. imra schreibt am :

    Hallo Andreas, es macht wütend, weil wir so hilflos und machtlos sind. Herr Denef kämpft mit vollem Körpereinsatz und die zuständigen Behörden, oder Politiker schieben es immer wieder von sich weg, ich denke, weil viele entweder Betroffene oder selbst Täter sind, das ergäbe eine Endlos-Schleife, anders kann ich mir dieses Scheuklappen-Verhalten nicht erklären. Unser Bürgermeister einer Kleinstadt in Niedersachsen mißbrauchte seine einzige Tochter, Das Kind reagierte mit Lernschwierigkeiten, Magersucht und vielen anderen Fehlverhalten. Von allen Seiten wurden die Eltern, vor allen Dingen der Vater wegen seiner Position bedauert, dass das Kind doch alles habe, aber eben undankbar und schwer erziehbar sei. Als so nach Jahren durchsickerte was der eigentliche Grund war, verabschiedete sich der Vater von dieser Welt mit einem Herzinfarkt. Der Hohn:“ bei solch einer Tochter kann er ja nur an gebrochenem Herzen gestorben sein. Wahnsinn, dieses Mädchen ist im gleichen Alter wie meine Tochter, deren Väter nun 20 Jahre tot sind. Die Kinder sind gezeichnet fürs ganze Leben und Hilfe finde ich nirgendwo.
    Trotzdem gilt: nicht aufgeben, in diesem Sinne Imra

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