Erinnerung: 20 Jahre Bruch der Schweigemauer

01.01.2013: netzwerkB

Von Norbert Denef

Vor 20 Jahren habe ich bei einem Geschwistertreffen im Beisein der beiden Täter mein Schweigen gebrochen und sprach zum ersten Mal den Satz aus, nachdem ich ihn ein Jahr lang vor einem Spiegel heimlich geübt hatte: „Ich bin sexuell missbraucht worden.“
35 Jahre lang hatte ich geschwiegen.

Die Erinnerungen an die ersten Jahre nach dem Bruch meiner Schweigemauer sind schmerzhafte Wunden die immer wieder aufreißen, denn es hat sich in unserer Gesellschaft am Leid der Betroffenen von sexualisierter und anderen Formen von Gewalt nicht‘s verändert – die Politik lässt uns Betroffene im Regen stehen, schützt lieber die Täter.

Nach meinem Bruch der Schweigemauer wollte ich eine Anzeige aufgeben, um eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Eine seriöse Zeitung sollte es sein und so kam ich auf die Frankfurter Rundschau. Die teilte mir mit, dass in der Frankfurter Rundschau keine Anzeigen zur Gründung einer Selbsthilfegruppe „Sexueller Missbrauch“ veröffentlicht werden. Bei dieser Entscheidung würde es sich um eine Grundsatzentscheidung handeln.

Alles muss raus! – dazu hatte ich mich entschlossen und keine Zeitung der Welt sollte mich davon abhalten. Aber so einfach war das nicht. Denn eigentlich wollte ich mit meiner Geschichte nicht an die Öffentlichkeit gehen – ich suchte nur Hilfe bei der Aufarbeitung.

Diese Absage der Frankfurter Rundschau liess mir keine andere Wahl. Um Reklame für meine Selbsthilfegruppe zu bekommen, rief ich wieder die Frankfurter Rundschau an, aber diesmal nicht die Anzeigenabteilung sondern den redaktionellen Teil der Zeitung. Ich schlug dem Redakteur vor, dass er von mir eine Kirchen-Missbrauchsgeschichte mit Namen und Telefonnummer bekommt und er macht Reklame für meine Selbsthilfegruppe. Er stimmte zu. Wenige Tage danach erschien meine Geschichte zum ersten Mal in der Zeitung: „Missbrauch: Erfahrung beider Geschlechter“

Mein erstes Ziel hatte ich erreicht, die Gründung einer Selbsthilfegruppe. Ich wollte im Kampf gegen das Verschweigen sexualisierter Gewalt nicht mehr allein sein.
In dieser Gruppe habe ich gelernt, über Gefühle zu sprechen.

In regelmäßigen Abständen versuchten wir die Medien dazu zu bewegen, über unsere Selbsthilfegruppe zu berichten, um immer wieder neue Mitglieder anzusprechen. Denn nicht alle wollten/konnten diese Schwerstarbeit der Aufarbeitung regelmäßig leisten.

Die Offenbach Post berichtete ein Jahr nach Beginn der Selbsthilfegruppe mit der Überschrift „Selbsthilfegruppe will Mauer des Schweigens durchbrechen“ und ein Jahr später mit „Gruppe rettet vor Fall in den Abgrund“.

Nach dem die Selbsthilfegruppe, nach zweijährigem Bestehen, im Frankfurter Raum immer bekannter wurde und auch Therapeuten Betroffene an uns verwies, berichtete die Frankfurter Rundschau, „Endlich reden zu dürfen: Welch eine Erleichterung“.

Ich wollte weiter, nicht nur im stillen Kämmerlein darüber reden, sondern war bestrebt, die Verbrechen der römisch katholischen Kirche, welche an mir begangen wurden, aufzuarbeiten. Diesbezüglich bat ich die Leipziger Volkszeitung, eine Anzeige von mir zu veröffentlichen, um Kontakt mit weiteren Opfern von meinen beiden Tätern aufzunehmen. Ich bekam eine Absage mit dem Hinweis, dass ich mit meinem 35jährigen Schweigen dem Täter zu dessen Vorteil verholfen hätte. Nach 20 Jahren sei in der Regel eine solche Tat verjährt. Daher würde es wenig Sinn machen, journalistisch so spät auf diese Problematik einzugehen.

Dies ist nun 20 Jahre her – Geschichte also!

Was hat sich seit dem verändert?

Man sollte meinen, heute sei alles besser, weil unsere Politiker etwas für die Betroffenen getan hätten. Das ist ein Irrtum! Denn die Täter werden nach wie vor durch Verjährungsfristen geschützt.

Allen MitstreiterInnen, Spendern und Freunden von netzwerkB wünsche ich hiermit für das Jahr 2013 alles Liebe und Gute.

Möge es uns gelingen niemals aufzugeben!

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12 Kommentare

  1. Claudia Schliederer schreibt am :

    …. es kommt mir alles so bekannt vor. Die Medien, bei denen auch ich Hilfe suchte, weil ich die ganzen Paragraphen, Gerichtsentscheide, Einstellungen, Gutachten über Gutachten, sog. strafrechtlichen Ermittlungen die ihr Urteil nach dem des OEG ausrichtet davon abhängig macht und/aber auch umgekehrt; die nachgewiesenenen Menschrechtsverletzungen bis hin zum „toterklären“ des Täters, per Beschluß und Sozialgerichtsurteils, obwohl er noch nachweislich 6-7 Jahre danach weiterlebte….; und und und….. das interessierte keinen; einem die Akteneinsicht mit der Begründung abgelehnt wurde…..“Privatpersonen dürfen die Akten nicht ausgehändigt werden“, Zeugen nicht gehört werden… Immer hieß es von den Medien über laufende Verfahren dürfte nicht berichtet werden.
    Es muß sich wirklich etwas mit dem Umgang mit den „Überlebenden“ ändern. Es muß auch mit der Diskriminierung, den Schuldzuweisungen, X-Glaubwürdigkeitsgutachten, bis das gewünschte Ergebnis erzielt ist, der Ignoranz, des Alleingelassenwerdens auch durch die sog. Rechtsbeistände (es sei denn du hast einiges an Vermögen!!!) ein Ende haben.
    Ich könnte ohne Ende aufzählen… was jetzt und hier aber zu weit gehen würde.
    20 Jahre ? Nein das ist noch keine Geschichte, es ist aktueller denn je, weil täglich neue „Überlebende“ dazukommen und sich immer noch nichts verändert hat. Vor allendingen bei „denen da oben“, die ausser zu leere Versprechungen in Wahlkampfzeiten zu nichts in der Lage sind.
    Ich bin froh dass auch ich den Weg zu Euch gefunden habe und nicht mehr alleine da stehe, alleine kämpfen und verteidigen muß. Jeder hat das Recht auch mal etwas zurückzutreten, weil dieser Kampf auch sehr viel Kraft kostet. Aber durch Deinen unermüdlichen Einsatz Norbert und der Gründung dieses Netzwerkes wird unsere „Stimme“ mit jedem Mitglied lauter.
    Ich wünsche für das Jahr 2013, dass noch mehr ihr Stimme und ihre Stärke finden; viel Kraft und Ausdauer, aber auch Momente des Glücklichseins, der Besinnung und des inneren Friedens.

  2. Bernd chall schreibt am :

    Ich Kämpfe auch weiter und werde jeden helfen den ich kann. weiter so Norbert.

  3. Eva schreibt am :

    Jeden Tag passieren überall sexuelle Straftaten.

    Hier wird mit Recht dafür gekämpft, dass Taten nicht mehr verjähren sollen, da die meisten Opfer erst nach Jahren reden können.

    Was können die Politik, die Justiz, Angehörige, Ärtze, Therapeuten und andere tun, dass Opfer vor einer Verjährung reden und eine Strafverfolgung wollen ?

    Verfolgt wird nur, wenn Opfer eine Strafverfolgung wollen.

    Politiker und Ärzte sind gegen eine Pflichtanzeige von Mitwissenden, da Traumatierte nicht reden können wenn andere Anzeige erstatten.

  4. mg21 schreibt am :

    Sehr geehrter Herr Denef,
    ich finde Ihre Arbeit großartig und bewundere Ihren Mut und Durchhaltevermögen.
    Für die weiteren Kämpfe die Ihnen wahrscheinlich noch bevorstehen werden wünsche ich Ihnen viel Kraft

    Ein gutes neues Jahr !!!

    Mit herzlichen Grüßen
    mg21

  5. imra schreibt am :

    Allen ein gutes, erfolgreiches 2013 wünsche ich. 20 Jahre ist eine sehr lange Zeit, solange ist der Täter schon tot, das Opfer wird 50 in 2013, das sind 44 leidvolle Jahre, mit allen Facetten des Missbrauchs, uns würde eine Veränderung der Verjährungsfristen nichts mehr nützen. Mir allerdings das Leben erleichtern, da ich als Mutter für alle Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht werde. Therapien werden strikt abgelehnt, dafür bin ich dann in der Klinik gelandet. Meine Versuche über Missbrauch in der Familie beim Weißen Ring oder Wildwasser, oder Dunkelziffer e. V. weiterzukommen, mißlangen, kein Forum konnte mir weiterhelfen, es ist eben zu lange her und die Folgen könnten auch eine andere Ursache haben, da der Täter ja nicht mehr gefragt werden kann. Tolle Aussichten.
    Trotzdem weitermachen und viel Erfolg wünscht Imra

  6. Wir Frauen aus der o.g. Gruppe stehen auch hinter Ihrer Arbeit. Es ist ein Kraftakt, aber das ist Veränderung in der Gesellschaft sowieso. Wir versuchen in unserem Rahmen hier in der Öffentlichkeit aufzuklären, in Schulen zu sprechen und offen mit unserem eigenen Thema umzugehen. Überall stoßen wir auf Widerstand, peinliches Berührt-sein, nicht mehr hören wollen und keine Anerkennung der psychischen und physischen Folgen. Es macht wütend, traurig und oft müde, da es ein Kämpfen bleibt. Dennoch haben wir uns und sind Freundinnen, die zueinander stehen, wir haben viele Menschen kennen gelernt, die uns zur Seite stehen, die unterstützen, uns annehmen mit Trauer, Wut und oft Verzweiflung. Das gibt uns Kraft, macht wieder Mut und Lebensfreude. Wir schauen nach vorne und geben das Gute nicht auf. Wir sind dankbar für jeden, der um unsere rechte kämpft. Danke Herr Denef, danke der Opferhilfe und danke, allen Menschen, die mit uns gehn.Alles Gute im neuen Jahr „TROTZDEM“

  7. klaraklara schreibt am :

    „Ich bekam eine Absage mit dem Hinweis, dass ich mit meinem 35jährigen Schweigen dem Täter zu dessen Vorteil verholfen hätte. Nach 20 Jahren sei in der Regel eine solche Tat verjährt. Daher würde es wenig Sinn machen, journalistisch so spät auf diese Problematik einzugehen.“
    Was haben diese ach so schlauen Journalisten seitdem denn so getan, um die Situation der Betroffenen unmittelbar nach einer Tat zu verbessern?

  8. Sabine schreibt am :

    Meine Hochachtung an Herrn Denenf für seinen Kampfgeist, Mut und vorallem sein Durchhaltevermögen.
    Auch ich habe es erst nach über 36 Jahren geschafft mein Schweigen zu brechen. Der oder besser die Täter stammen aus der eigenen Familie. Den Tätern geht es gut, sie können sich an Nichts erinnern, ich bin jetzt der „Sündenbock“ der Familie.
    Ich bin jetzt 43 Jahre, leide unter einer Borderline Persönlichkeitsstörung, verletze mich selber, immer wiederkehrende Selbstmordgedanken, Deppressionen, kein Selbstwertgefühl, kann niemanden vertrauen bestimmen mein Dasein.
    Doch ich gebe nicht auf und hoffe, das die Verjährungsfristen gekippt werden…, denn der Seelenmord geht weiter…

  9. Herzlichen Dank an alle „Mitkämpfer“!!!
    Auch ich werde weiter kämpfen! Ich gebe auch Ingrid von der Selbsthilfegruppe „Trotzdem“ Recht.(Zitat: Es ist ein Kraftakt, aber das ist Veränderung in der Gesellschaft sowieso. Wir versuchen in unserem Rahmen hier in der Öffentlichkeit aufzuklären, in Schulen zu sprechen und offen mit unserem eigenen Thema umzugehen. Überall stoßen wir auf Widerstand, peinliches Berührt-sein, nicht mehr hören wollen und keine Anerkennung der psychischen und physischen Folgen. Es macht wütend, traurig und oft müde, da es ein Kämpfen bleibt.) Ja, so empfinde ich es auch…
    Trotzdem….werde ich weiterkämpfen! 🙂

  10. Tausend schreibt am :

    Jede Geschichte ist ein Mauerbruch, jede einzelne.

    Ich halte es für schwierig, wenn hauptsächlich die Geschichte von Norbert Denef immer wieder auftritt, auch in der Präsentation des Problems „frühe sexuelle Gewalt“ in den Medien.
    Ja, es hilft wenn das Thema erst einmal an einer Person aufgezeigt wird. Es gibt weitaus mehr „coming outs“ und jedes ist genauso besonders wie, das von Norbert Denef.

    Wenn Netzwerkb wirklich mehr sein möchte als die persönlich Webseite von Norbert Denef, müssen auch die anderen Mauerbrüche mit in den Vordergrund rücken. Herr Denef hatte mit der Theaterbühne in seiner Vergangenheit zu tun, er weiß wie das geht.

    Warum wird eigentlich nicht gezeigt, was zum Beispiel in den USA aktuell passiert? Da muß die katholische Kirche hunderte von Millionen USD an Betroffene bezahlen. Das passiert in Form von Sammelklagen.

    Es stimmt, dass sich sehr wenig bewegt. Das betrifft allerdings nur Deutschland. In anderen Ländern ist eine ganze Menge los.
    Es lohnt sich nicht nur darüber zu berichten, sondern auch sich mit den treibenden Kräften in diesen Ländern zu vernetzen.

    Vielleicht macht das Netzwerkb wirklich und wird dem Namen gerecht, das es sich gegeben hat.

  11. Kerstin Vucevic schreibt am :

    43 Jahre habe auch ich gebraucht um zu sprechen. 46 Jahre um es öffentlich zu tun. – Ich spreche : Hier in DE werden Demonstrationen für viele wichtige Missstände gemacht,dass ist gut und dringend wichtig,es sollten viel mehr Bürger zum Rebell werden und Mut zeigen,für das zu kämpfen was Ungerechtigkeit ist. Vergessen ist in unserer Gesellschaft zu rebellieren und zu demonstrieren für sexuell missbrauchte Kinder(sex.Missbrauch jeglicher Personengruppe).Ich fordere :Mehr Sensibilität für die Anzeichen/Hinweise,die Kinder liefern! Aufklärungskampagnen nicht nur sporadisch,die Kindern Mut machen um Hilfe auszusuchen.Dazu müssen die sozialen und emotionalen Fähigkeiten von Kindern präzise geschult werden,nicht allen Eltern ist diese Fähigkeit gegeben,oder sie sind Täter,darum muss an Kindereinrichtungen,Kindergarten,Grundschule,Schule dieses Thema zum Schwerpunkt werden.Kinder müssen gelehrt bekommen,ein gutes Verständnis zu ihren eigen Gefühlen zu bekomen.Zu identifizieren können,was ist gutes fühlen und was fühlt sich nicht gut an,was ist normal,was Grenzüberschreitung.Aufklärung ist vor allem auch bei den Ärzten dringend,denn auch hier wird Missbrauch selten erkannt,dieser ist nicht immer körperlich erkennbar,aber psychisch. Es gibt schon ehemalige Betroffene,die in die Schulen gehen,dass muss forciert werden.Um die Heranwachsenden zu sensibilisieren,damit unsere folgende Generation nicht so im Schweigen verbleibt,wie unsere Alte. Das Thema muss überall offen angegangen werden.

  12. Rudolf Wolff schreibt am :

    Ich habe nun einige Artikel gelesen meine Eigene kann ich noch nicht veröffentlichen ich bin noch nicht so weit.
    Vorweg ich bin als Säugling in das Waisenhaus abgegeben worden und habe alle Heime mit 18 Jahren verlassen. Missbrauch jeglicher Art war PROGRAMM

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