Der Beharrliche

08.01.2013: taz

Im Hungerstreik an jedem Freitag:
Norbert Denef

Vor 20 Jahren hat Norbert Denef das erste Mal über den Missbrauch gesprochen. Und seitdem hat er nicht wieder damit aufgehört. Der heute 63-jährige wurde in seiner sächsischen Heimatstadt Delitzsch als Messdiener in der katholischen Kirche jahrelang missbraucht – und als er endlich darüber reden konnte, waren die Straftaten verjährt.

Denef setzt sich dafür ein, dass diese Verjährungsfristen abgeschafft werden. Er demonstriert vor dem Vatikan gegen zu lasche Behandlungen katholischer Geistlicher die sich an Kindern vergingen, gründete ein Netzwerk für Betroffene von sexualisierter Gewalt (netzwerkB), trat 46 Tage lang in den Hungerstreik, sammelte 63.800 Unterschriften für seine Sache und ab sofort wird er jeden Freitag fasten. Hungerstreik-Demo nennt er die Tage ohne Essen. „2013 jährt sich mein Schweigenbrechen zum 20. Mal, es ist Wahljahr und außerdem ist die 13 meine Glückszahl“, sagt Denef. „Vielleicht bringt mir die 13 ja auch weiter ein bisschen Glück und die Opfer von Sexulstraftaten werden endlich anerkannt.“

Vor gut vier Jahren ist er mit seiner Frau Veronika ans Meer gezogen, ins Schleswig-holsteinische Scharbeutz. Fast jeden Morgen geht er erst ins Fitnessstudio, schwimmt dann eine Stunde und legt zwei, drei Saunagänge ein, zwischen denen er in die Ostsee springt. Egal bei welchem Wetter. „Ohne mein Sportprogramm und ohne die Ostsee hätte ich nicht die Kraft, immer weiterzumachen“. sagt Denef.

Das Schwierigste sei für ihn die Ausgrenzung durch die Gesellschaft, selbst seine Familie meidet ihn, seit er sich offenbarte. „Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ach, das drück‘ ich schon weg“, sagt er. In seiner neuen Heimat Scharbeutz schaue man lieber weg, weil die Berührungsängste beim Thema sexualisierte Gewalt enorm seien. „Man erwartet, dass ich endlich Ruhe gebe“, sagt Denef. Aber seit er aufgehört habe, den Missbrauch zu verdrängen, bekomme er das Geschehene sowieso nicht mehr aus dem Kopf – also mache er beharrlich weiter. ILK

Quelle: taz, 05.01.2013

5 Kommentare

  1. Lieber Norbert. Ich kann dich sehr gut verstehen. Bin selbst Betroffene vom sexuellen Missbrauch,sogar mit Mordversuchen….
    Seid ich mich als eine Überlebende sehe und endlch versuche , zu meine Schwächen zu stehen,möchte ich auch darüber reden… Genau wie du und deine Frau möchten wir dazu beitragen, das die Wunden ans Licht kommen und Menschen in der Seelsorge auch begleiten…

    Wünsche dir ganz viel Kraft, deine Traumas zu verarbeiten und auch ich werde nochmals eine christliche Traumatherapie machen und dann versuche, auch so wie du , menschen zu helfen….

    ganz viele liebe Grüsse und viel Kraft weiterhin…

    Eine Überlebende … ilse

  2. Esther schreibt am :

    Egal, Norbert, wer Dich anfeindet. Bleib stark! Du kämpfst öffentlich stellvertretend FÜR UNS und dafür danke ich Dir. Ich schicke Dir ganz viel KRAFTGEDANKEN !

  3. elfe schreibt am :

    Lieber Norbert,meine Hochachtung haben sie, als Admin einer Gruppe von Ca60 ehemaliger Heimkinder weiß ich von einigen Betroffenen. Ihnen geht es heute auch nach mehr als 30 Jahren immer noch sehr schlecht, auch ich wurde Jahre durch Missbrauch gequält und weiß das man das nie akzeptieren kann. Ich wünsche ihnen weiter viel Energie dieses unrecht anzuprangern. LG aus NRW.

  4. Claudia Schliederer schreibt am :

    Lieber Norbert, das Ausgrenzen von der Gesellschaft, der Primärfamilie, die ganzen seelischen und körperlichen Qualen, das man in die Psychiatrie zwangseingewiesen und mit Tabletten „zwangsernährt“ wurde, das man sich in einem Dauerrausch befand, neben sich selbst herging, das das man sogar als Täter hingestellt wird, das man an dem sog. Rechtsstaat Deutschland zweifelt hat mich sogar zu mehrfachen Suizidversuchen hineingetrieben, weil ich meinte alles nicht mehr aushalten zu können, meinte meinen Töchtern das Leid der Mutter ersparen zu müssen…
    Heute bin ich froh darüber mein Schweigen gebrochen zu haben, weil ich jetzt viel bewußter „LEBE“. Ich bin dadurch nur noch stärker geworden und kämpfe weiter, um anderen das gleiche Leid zu erfahren wie ich, Du, viele bereits erlebt haben und weiterhin erleben. So kann und darf man nicht mit einem Menschen, zu denen wir alle gehören, nicht umgehen.
    Ich unterstütze Dich und gebe alles was ich geben kann um endlich mal all die Diskriminierungen; den Schmerz öffentlich zu machen und ganz laut hinauszuschreien. So laut, bis endlich alle es wahrgenommen haben, auch die die sich Ihre Ohren zubetoniert haben… das habe ich mir zum Lebensziel gemacht.
    Schämen? für das was u.a. auch mir widerfahren ist? Nein, das war früher einmal. Ich schäme mich nicht mehr FREMD, für etwas was ich nicht begangen habe… Die Gesellschaft, die Politiker, die Öffentlichkeit, die Kirchenoberhäupter bis hin zu unserem „Papst“ der in seiner Kindheit 10 km von meinem heutigen Wohnort gewohnt hat… die sollen sich schämen für Ihre Ignoranz, Vertuschungen, sogar bis hin zum Unterstützen dieser uns allen bekannten Tätern. Dadurch sind sie in meinen Augen nicht viel besser als „Diese“, genauso schuldig, weil sie wegschauen! Ich habe vor solchen Personen, können sie in der Gesellschaft noch so hoch stehen keinerlei Respekt mehr.

  5. Lieber Norbert und andere mutige Menschen, ich danke Euch aus einem sehr tiefen Bedürfnis heraus! Norbert Denef, Du hast endlich endlich einen Sieg errungen – dieser wird sehr viel Wunden auf dieser Welt heilen!
    Jetzt ist wirklich etwas Großes geschehen, ich spürte es als ich die vorhin Nachrichten sah!
    Lasst uns ein menschliches Netzwerk sein und bleiben, sonst ist es ist zu kalt, hier auf diesen Planeten.
    Eure Barbara … die heute eine Wiedergeburt spürt!

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