Der Runde Tisch – ein Abgesang

02.03.2013

Auf Empfehlung des „Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch“ hat die ehemalige Bundesbildungsministerin Anette Schavan Studien zu Ausmaß & Folgen sexuellen Kindesmissbrauchs in Auftrag gegeben und die Familienministerin Schröder Kampagnen zu dessen Prävention, wozu auch die Inszenierung eines Kindertheaterstücks zählt.

Ein Kommentar von Kirsten Diercks

Gestern Abend hatte nun dieses Theaterstück gegen sexuellen Missbrauch am Berliner Renaissance-Theater Premiere für ein geladenes Publikum. Eine deutschlandweite zweijährige Tournee durch Schulen soll folgen. Wieder einmal geht es darum, den Kindern klar zu machen, dass sie auf ihre eigene Wahrnehmung vertrauen und „Nein!“ sagen sollen, wenn sie körperliche Annäherungen, gleich welcher Art, nicht mögen.

Also eigentlich alles ganz einfach. Das Kind geht nach der Vorstellung gestärkt und selbstbewusst nach Hause und sagt zukünftig „Nein!“, wenn es mal wieder in seinem Grundrecht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit verletzt wird, und schon hat sein Martyrium ein Ende. Denn natürlich leistet der Erwachsene der Aufforderung des Kindes umgehend Folge, er ist plötzlich nicht mehr größer, stärker, mächtiger und das Kind nicht mehr von ihm abhängig oder ihm ausgeliefert. Es heißt plötzlich seitens des Erwachsenen nicht mehr „Keine Widerrede, sonst…!“. Das Kind soll nicht mehr „Vater und Mutter ehren“, dem Lehrer Gehorsam und dem Pfarrer Respekt entgegen bringen, sondern seinen eigenen Willen durchsetzen.

Ein einfaches „Nein!“ verändert alles. Oder etwa doch nicht?

Geht das Kind vielleicht mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf nach Hause, weil es sich nie trauen würde, nein zu sagen? Fühlt es sich jetzt nicht erst recht schuldig, weil es eben in aller Öffentlichkeit für schuldig erklärt worden ist, hätte es doch einfach nur nein sagen müssen, um den Erwachsenen in seine Grenzen zu verweisen?

Es gibt keine einfachen Lösungen für so etwas Komplexes wie sexualisierte Gewalt, insbesondere wenn die Opfer Kinder sind. Aber es wäre viel einfacher, würde die Gesellschaft den Opfern endlich auf Augenhöhe begegnen, mit ihnen statt über sie reden, ihnen zuhören und sie ernst nehmen.

Auch seitens der Politik werden die Opfer immer wieder zu Objekten gemacht. Man suggeriert ihnen lediglich, dass ein politischer Wille, ihnen wirklich zu helfen und ihre Situation zu verbessern, vorhanden sei durch solche Veranstaltungen wie z.B. den „Dialog Kindesmissbrauch“, bei dem sich Betroffene und Experten über ausgewählte Themen im Bereich sexueller Gewalt austauschen und Handlunsgempfehlungen – Empfehlungen! – an die Politik erarbeiten sollen.

Spätestens seit dem 20. Februar 2013 wissen wir: Es passiert nichts!

Bundeskanzlerin Merkel hat den Runden Tisch im Mai 2010 lediglich auf Druck der Öffentlichkeit ins Leben gerufen, als nämlich deutlich wurde, dass sexualisierte Gewalt nicht die Ausnahme, sondern fast schon die Regel ist. Um die Wogen wieder zu glätten war der Runde Tisch eine Geste, die zeigen sollte: Seht her, wir tun was! Für Opfer war an diesem Tisch zunächst kein Stuhl vorgesehen.

Die frühere Familienministerin Christine Bergmann wurde von der Bundesregierung zur unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung ernannt, mit einer Stimme und Sitz am Runden Tisch. Im Dezember 2011 folgte ihr der Unterabteilungsleiter im Familienministerium, Johannes-Wilhelm Rörig, nach.

Zwar hat auch ihr Nachfolger, Rörig, keine Stimme und kein Sitz am Runden Tisch, wohl aber ein eigenes Budget, über das er frei verfügen kann. Davon veranstaltet er beispeilsweise nicht nur den oben erwähnten „Dialog“, sondern in regelmäßigen Abständen auch einen sogenannten „Jour Fixe für Betroffene“, für die man sich anmelden kann und zu der man dann eingeladen wird.

Vom Ablauf her sieht es so aus, dass zuerst ein Überblick über den aktuellen Sachstand der Arbeit des Unabhängigen Beaufragten gegeben und anschließend darüber diskutiert wird; ein Protokoll darüber wird nicht angefertigt. Nach einer Mittagspause mit kleinem Imbiss erfolgt dann ein Referat zu einem Thema, das der Unabhängige Beauftragte bestimmt; Betroffene habe keine Möglichkeit, auf die Themenauswahl Einfluss zu nehmen, können also nicht ansprechen, was ihnen unter den Nägeln brennt. Um 16:00 Uhr endet die Veranstaltung. Die Reisekosten werden den Teinehmerinnen & Teilnehmern gem. Bundesreisekostengesetzt erstattet – so weit, so gut -, aber jetzt kommt der Haken: „Voraussetzung für die Gewährung von Reisekosten ist die ganztätige Teilnahme am Jour Fixe.“ Man kann also nicht einfach gehen, wenn einem etwas nicht gefällt, es sei denn, man will auf seinen, unter Umständen erheblichen, Fahrtkosten sitzen bleiben. Irgendwie erinnert mich das an eine der kostenlosen Tagesausflüge per Bus, bei denen die Teilnahme an einer Verkaufsveranstaltung für Rheumadecken obligatorisch ist…

Sieht so der verantwortungsvolle Umgang mit unseren Steuergelder und uns als Betroffenen aus? Wollen wir uns das länger gefallen lassen, an derartigen Shows teilnehmen, uns als Statisten benutzen lassen, damit die Politik in der Öffentlichkeit gut da steht und noch immer sagen kann: Seht her, wir tun was!? Wollen wir dieses verlogene Spiel weiter mitspielen und uns vertrösten lassen mit Almosen und auf den berühmten St. Nimmerleins-Tag?

Ja, ich weiß: Einige werden jetzt sagen, dass doch schon mancherlei in die Wege geleitet worden sei und dass wir eben Geduld haben müssten… Ja, wie lange denn noch?

Sind drei Jahre Untätigkeit nicht schon lange genug? Und was sollen diese Demut und Bescheidenheit, die doch sehr an die Haltung eines Opfers erinnern? Warum nicht den Runden Tisch abwickeln und Herrn Rörig zurück an seinen Unterabteilungsleitertisch schicken? Und das dadurch eingesparte Geld direkt den Opfern zukommen lassen? Wäre das nicht eine Forderung für den Bundestagswahlkampf?!

Werden Sie netzwerkB-Fördermitglied – auch beitragsfrei!

 

4 Kommentare

  1. hildegard schreibt am :

    Danke, Kirsten Diercks, das ist es:
    „Es gibt keine einfachen Lösungen für so etwas Komplexes wie sexualisierte Gewalt, insbesondere wenn die Opfer Kinder sind. Aber es wäre viel einfacher, würde die Gesellschaft den Opfern endlich auf Augenhöhe begegnen, mit ihnen statt über sie reden, ihnen zuhören und sie ernst nehmen.“

    Mit dieser Einstellung – nur so [!] wird sich für kleinere Kreise zunächst etwas ändern lassen, die sich ‚in wachsenden Ringen‘ wie beim Stein im Wasser von selber fortsetzen werden …
    Politisch ist das bereits ‚von unten her‘ geschehen, beim spd-Parteitag.

    Herr Steinbrück, wir nehmen Sie jetzt beim Wort:
    Sie wollen den Dialog, Sie wollen ‚die Politik von unten‘.
    Sagen wir’s ihm unter dem Motto: DAS MUSS IN DEUTSCHLAND BESSER WERDEN!

  2. Realmenschin schreibt am :

    WOW! Auch von mir ein DANKE Kirsten Diercks! Ich kann das unterschreiben!

  3. Bärbel schreibt am :

    ein gelungener Beitrag,
    auch zum SCHMUNZELN;
    WENN ES NICHT SO TRAURIG UND ERBÄRMLICH WÄRE;
    WEIL SICH NICHTS BEWEGT……
    Haben die Kinder keine Rechte,
    doch sie haben Rechte,
    aber nur so ,wie es den Rechtsverdrehern mitunter gefällt,
    um mich los zu werden,
    wurde ständig auf das Selbstbestimmungsrecht meiner Tochter verwiesen,meine Würde wurde aber im gleichen Atemzug stets schwer verletzt
    ————————————————————
    ein kuriosen Beispiel,
    ich war im Juni 13 in der Uniklinik,
    habe mich wegen der Forschung zur Verfügung gestellt,
    es war absurd,Zeit und Umstände waren schlecht gewählt,
    und weil die Ersatzschuhe noch im Gepäck waren,
    meine Sandalen defekt wurden,so humpelte ich eben etwas,
    so wollte man mir unterstützend entgegenkommen,
    mit einem Taxi oder Rollstuhl,
    da habe ich den Irrsinn begriffen

Artikel kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Artikel aus den Medien

ARD BRISANT ARD Tagesschau Augsburger Allgemeine Badische Zeitung Berliner Morgenpost Berliner Zeitung DER SPIEGEL derStandard.at DER TAGESSPIEGEL derwesten.de DEUTSCHE WELLE Deutschlandfunk Deutschlandradio DiePresse.com diesseits.de DIE WELT DIE ZEIT FOCUS Frankfurter Allgemeine Frankfurter Rundschau Hamburger Abendblatt Hannoversche Allgemeine Humanistischer Pressedienst Kölner Stadt-Anzeiger Leipziger Volkszeitung Lübecker Nachrichten Mitteldeutsche Zeitung n-tv N24 NDR.de NDR Info Neue Zürcher Zeitung nordwestradio Publik-Forum Saarbrücker Zeitung SPIEGEL ONLINE stern.de SÜDWEST PRESSE Süddeutsche Zeitung taz TP Presseagentur Berlin WAZ WELT ONLINE ZDF heute ZEIT ONLINE