Qualvolle Erinnerungen an St. Marienkirche in Delitzsch

13.03.2013: Mitteldeutsche Zeitung


Norbert Denef vor der Kirche in Delitzsch und als Kind mit dem Vikar, der ihn sexuell missbrauchte (BILD: PRIVAT)

VON HARALD BISKUP

DELITZSCH/MZ.
Wahrscheinlich ist das große ovale Holzportal mit den schweren Eisenbeschlägen auch jetzt wieder zugesperrt. Wie jedes Mal, wenn er einen neuen Anlauf unternommen hat, an den Ort zurückzukehren, mit dem er schlimmste traumatische Erinnerungen verbindet, Abscheu und Ekelgefühle.

„Da oben ist es passiert, tagsüber auf der Couch, abends im Bett“, sagt Norbert Denef, als wir vor dem Haus des einstigen Vikars stehen. „Man müsste es abreißen, es atmet immer noch diesen Geist“, sagt er bitter. Die verschlossene Kirchentür der St. Marienkirche in Delitzsch bei Leipzig ist für den drahtigen 63-Jährigen, der hier von seinem zehnten Lebensjahr an von einem Priester systematisch sexuell missbraucht worden ist, Symbol der Mauer des Schweigens, die die Kirche errichtet hat. Um seinen Fall – und um das Schicksal jener Opfer, die noch immer nicht über das Erlebte reden können.

Ein freundlicher Praktikant, erst nach der Wende geboren, lässt uns durch die Sakristei in die Kirche. Er weiß nichts von den dunklen Seiten der Gemeindechronik, hat bisher nichts davon gehört, dass Vikar Alfons Kamphusmann, der hier von 1959 bis 1967 gewirkt hat, sich in seiner Wohnung ständig „mit Jünglingen“ umgab. Und alle, alle haben ihn gedeckt und gewähren lassen, der Pfarrer, der Dechant, wohl auch der Bischof. Als ein mutiges Elternpaar publik machte, dass der Vikar auch ihren Sohn belästigt hatte, wurde Kamphusmann ins Nachbarbistum versetzt. Die übliche Methode des Vertuschens. Im Fall Kamphusmann, der 1952 nach der Priesterweihe aus dem Ruhrgebiet in die DDR gekommen war, um im SED-Staat brüderliche Hilfe als Seelsorger zu leisten, wurde fünf- bis sechsmal nach diesem Muster verfahren.

Der junge Mann, der als Pastoralreferent in die Dienste der Kirche treten will, zuckt zusammen, als Denef mit dem am Eingang ausliegenden gelben Kirchenführer in der Hand berichtet, er habe „mit zehn schon gewusst, was ein Zungenkuss ist und meine Unschuld verloren“. Auf ein Foto des „Serientäters“, wie Denef ihn nennt, hat man in der Broschüre verzichtet.

Es ist ihm spürbar schwergefallen, hierhin zurückzukehren, denn der schüchterne blonde Junge ist in den 60er Jahren nicht nur der Liebling des Vikars gewesen, sondern nach dessen unfreiwilliger Versetzung zum zweiten Mal zum Opfer geworden. „Kamphusmann war zwei oder drei Tage weg, da machte sich der Organist über mich her und zog mich zu sich ins Bett.“ Der Missbrauch fand in dessen Wohnung ebenso statt wie beispielsweise nach einem Konzert der Delitzscher Knaben-Schola.
„Bach singen, das ist einfach göttlich, wenn es das gibt“, sagt Denef, der inzwischen aus der Kirche ausgetreten ist und auch mit seinem christlichen Gott hadert. Der Auftritt habe ihn so richtig in Trance versetzt. Und dann folgte übergangslos „die Hölle“, als bei der gemeinsamen Übernachtung mit den anderen Chorsängern der Kantor „unter meine Bettdecke gekrochen kam“. Er habe sich schlafend gestellt, sei aber in Wirklichkeit hellwach gewesen. Einer dieser Schutzmechanismen, die er in seiner Hilflosigkeit entwickelt habe. Noch ein flüchtiger Blick rauf zur Orgelempore, dann drängt es Norbert Denef nach draußen.

Fünf Minuten später halten wir vor einem Haus mit schmutzig-gelben Klinkern in der Dübener Straße. „Die 48, mein Elternhaus, fast alles wie früher“, sagt Denef. Er deutet auf den ersten Stock. „Beide Täter haben es auch da oben mit mir getrieben.“ Auf seinem PC hat er einen genauen Lageplan abgespeichert, „wo jeder Stuhl stand und vor allem jedes Bett“. Als könnte er je vergessen, wie der Vikar, der bei Denefs mit ausdrücklicher Billigung der alleinerziehenden Mutter regelmäßig zu Gast war, „mir am Rande von Familienfeiern im Nachbarzimmer dreist zwischen die Beine gegangen ist“.
Denef ist felsenfest überzeugt, dass Kamphusmann sich auch an einem seiner beiden älteren Brüdern vergangen hat. Doch nicht nur die Brüder, Denefs gesamte „Herkunftsfamilie“, wie er sie mit einem Begriff aus der Familientherapie nennt, schweigt bis heute eisern zu diesem Thema. Obwohl alle wissen, „dass ich beide Täter beim Bistum Limburg angezeigt und meinen Fall aktenkundig gemacht habe“. Sein „Clan“ lehnt Kontakte zu dem „Nestbeschmutzer“ ab.

Norbert selbst hat 35 lange Jahre gebraucht, bis er dazu in der Lage war, seine schlimmen Erlebnisse auszuspucken. „35 Jahre Einzelhaft mit seelischer Folter. Die Bilder waren immer da, aber ich hab es einfach nicht rausgebracht.“ Keinem, nicht mal seiner Frau Veronica, gleichfalls in der DDR-Provinz aufgewachsen und katholisch sozialisiert, hat er sich offenbart.

Als das Paar mit seinen beiden Kindern Anfang der 80er Jahre in den Westen ausreist, funktioniert der Wechsel des Technikers von der Leipziger Oper an die Alte Oper in Frankfurt problemlos. „Das war eine Riesenchance und vom Künstlerischen her sehr spannend.“ Dennoch spürt das Arbeitstier Denef, dass „der Rucksack mit meinem Psycho-Gepäck immer schwerer wurde“. Mit 40 gerät er in eine tiefe Krise. Klinikaufenthalte und Therapien schließen sich an. Auch einen Suizidversuch unternimmt er. Denef verschlingt psychologische Fachliteratur und macht per Fernstudium eine Ausbildung zum Gesundheitsberater. Vor allem habe er sich so selbst helfen wollen.

1993 findet er die Kraft, das jährliche Familientreffen so vorzubereiten, dass es am Ende zum – absehbaren – Eklat und zum Bruch mit den Geschwistern kommt. Er lädt die beiden Männer, die ihm bis heute nachwirkende seelische Schäden zugefügt haben, zur Kaffeetafel ein. Und konfrontiert sie vor allen Anwesenden mit den Taten. Dem eisernen Schweigen folgte der Rausschmiss. „Dieser Tag war meine persönliche Wende.“
Nach seinem ganz speziellen Coming-out dauert es noch zwei Jahre, bis Denef den formalen Bruch mit seiner Kirche vollzieht – und noch viel länger, bis er sich aufrafft, Kamphusmann, inzwischen im Bistum Limburg tätig, beim dortigen Generalvikar anzuzeigen. Zuvor hatte er ihn nach langer Funkstille mit seiner Frau zweimal aufgesucht und bei dem Priester „null Einsicht und keinerlei Schuldgefühle“ bemerkt. Als ihm auffällt, dass „er offenbar weitermacht“, da zwei Betten benutzt sind, greift Denef zum Telefon. Endlich.

Warum hat er so lange geschwiegen? Warum hat er das zweite Martyrium über sich ergehen lassen, obwohl er inzwischen schon 16 war und jederzeit aus der „Beziehung“ hätte ausbrechen können? Und weshalb lässt er sich nach allem, was geschehen ist, 1973 ausgerechnet von Alfons Kamphusmann am Traualtar den Ring anstrecken?

Im Dachstudio seines Hauses im Ostseebad Scharbeutz, wo er mit seiner Frau seit vier Jahren lebt, ringt Denef um eine Antwort.
„Man idealisiert alles, um überleben zu können, und lässt auch auf seinen ärgsten Übeltäter nichts kommen.“ Das sei so ähnlich wie mit Geiseln, die ein fast freundschaftliches Verhältnis zu ihren Kidnappern entwickeln – das berühmte „Stockholm-Syndrom“. Alle in Delitzsch hätten für den „lieben und netten Vikar“ geschwärmt, auch die Mädels. „Er hat sich genommen, was er kriegen konnte, doch die Vorliebe für Knaben war offenkundig“, sagt Denef.

Geld vom Bistum

Norbert Denef ist Vorsitzender des „Netzwerkes Betroffener sexualisierter Gewalt“. Er wurde acht Jahre vom Vikar und vom Organisten der Gemeinde in Delitzsch sexuell missbraucht. Bei der zugesagten Aufarbeitung hätten sowohl die Kirche als auch der Runde Tisch Kindesmissbrauch versagt, sagt der 63-Jährige.

Seit Jahren kämpft Denef dafür, dass sexueller Missbrauch strafrechtlich nicht verjährt und fordert eine „Wahrheitskommission“. Als erstem Opfer gelang es ihm 2003, vom zuständigen Bistum Magdeburg 25.000 Euro für Therapiekosten zu erstreiten. Ursprünglich hatte die Kirche verlangt, dass Denef im Gegenzug Stillschweigen über seinen Fall wahrt.

Alfons Kamphusmann ist 1998 gestorben. Bis zuletzt war er als katholischer Priester tätig. (bk)

Quelle: http://www.mz-web.de

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