England: Keine Verjährung im Strafrecht

12.06.2013: netzwerkB

Zur Rechtslage in England: Keine Verjährung im Strafrecht 

Zusammengestellt von Richard Waltereit

Generell gibt es in England im Strafrecht keine Verjährung bei allen Straftaten, nicht nur Sexualstraftaten.

Hingegen können zivilrechtliche Schadensersatzansprüche verjähren, bei Personenschaden (personal injury, also z.B. bei sexuellem Missbrauch) normalerweise nach drei Jahren.

Allerdings kann ein Gericht bei Personenschaden auch nach dieser Frist noch Schadensersatzansprüche zulassen. Bei sexuellem Missbrauch wird dies auch gemacht, wie auf der Website von netzwerkB dargestellt (Verjährungsfrist–Großbritannien).

So betreibt die Anwaltskanzlei Pannone Schadensersatzforderungen wegen sexuellem Missbrauch gegen die Erben von Jimmy Savile. Jimmy Savile (1925-2011) war ein BBC-Unterhaltungsstar, der in seinem Studio, in Kinderheimen und Krankenhäusern usw. Mädchen und Jungen sexuell missbrauchte. Das Ausmaß davon wurde erst nach seinem Tod bekannt (allerdings gab es schon zu seinen Lebzeiten polizeiliche Untersuchungen, die jedoch nicht zu einer Anklage führten). Bis jetzt haben 450 selbst betroffene Personen die Polizei informiert.

Der BBC-Reporter Stuart Hall (s.u.) hat im Februar 2013 sein Haus seiner Frau überschrieben – es wird vermutet, dass er damit der Vollstreckung von Schadensersatzansprüchen entgehen will.
Quellen: http://www.legislation.gov.uk/ukpga/1980/58/contents
http://en.wikipedia.org/wiki/Jimmy_Savile
http://www.pannone.com/solicitors-for-you/abuse-claims/child-abuse-claims/jimmy-savile-abuse-claims

Einige kürzliche Strafverfolgungen wegen lange zurückliegendem sexuellem Missbrauch in England

Michael Brewer und Hilary Kay Brewer

Michael Brewer war Geigenlehrer an der Chetham School of Music, einer auf Musik spezialisierten privaten Eliteschule in Manchester, Hilary Kay seine Ex-Frau.

Frances Andrade wurde 1964 geboren. In ihrer Kindheit wurde sie ab 8 Jahren von einem Onkel sexuell missbraucht. Bei ihrer Hochzeit 1988 betatschte dieser Onkel sie wieder und sagte ihr: « Denk dran, ich war als erster da ». Mit 13 wurde sie in Chetham aufgenommen. Ihr Geigenlehrer wurde Michael Brewer. Er war schon bei der Aufnahmeprüfung auf sie aufmerksam geworden. Er begann sogleich, seine einflussreiche Position sexuell auszunutzen und baute eine sexuelle Beziehung mit ihr auf, in die auch seine damalige Frau Hilary einbezogen wurde. Diese dauert bis 1981, als Andrade die Schule vorzeitig verließ, um ihre Geigenausbildung in Israel und Deutschland fortzusetzen. Sie wurde eine bekannte Berufsviolonistin.

Nachdem 2012 eine Freundin, mit der Andrade über den Missbrauch sprach, die Polizei informierte, wurde Brewer, 34 Jahre nachdem er den Missbrauch begann, verhaftet und angeklagt. Andrade sagte bei dem Prozess aus. Bei der Anhörung beschuldigte Brewers Anwältin sie zu lügen und die Anschuldigungen erfunden zu haben. Kurz danach im Januar 2013, noch vor Prozessende, brachte Andrade sich um. Michael und Hilary Brewer und wurde von einer, wie in England üblich, ausschließlich aus Laien bestehenden Jury unerwünschter sexueller Berührungen (indecent assault) schuldig gesprochen und zu sechs Jahren bzw. 21 Monaten Gefängnis verurteilt, zum sofortigen Strafantritt. Die Selbsttötung Andrades wurde während des Prozesses vor der Jury geheimgehalten und auch die Presse durfte erst nach dem Schuldspruch darüber berichten.
Quelle : http://www.bbc.co.uk/news/uk-england-manchester-21939178

Reginald Davies

Reginald Davies ist früherer walisischer Bergarbeiter und Soldat. 2012 war er 78 Jahre alt, wurde also 1933 oder 1934 geboren. Zwischen 1949 und 1973, also zwischen seinem 16. und 40. Lebensjahr, baute er in Wales Missbrauchsbeziehungen zu vier Mädchen und Frauen auf. Die Jüngste war zu deren Beginn neun Jahre alt. Später wanderte er nach Australien aus. 2008 reisten zwei dieser Frauen nach Australien, um ihn zu konfrontieren. Sie zeigten ihn dann der britischen Polizei an, die seine Auslieferung verlangte. Er wurde 2011 von Australien nach England ausgeliefert und 2012 in einem Geschworenenprozess in London der Vergewaltigung Kinder (child rape), unerwünschter sexueller Berührungen (indecent assault) und sexueller Handlungen mit Kindern (indecency with a child) schuldig gesprochen und zu elf Jahren Gefängnisstrafe verurteilt, zum sofortigen Strafantritt.
Quelle : http://www.bbc.co.uk/news/uk-wales-20093247

Stuart Hall

Stuart Hall wurde 1929 geboren. Seit 1959 arbeitete er für die BBC als Radio- und Fernsehreporter, zuerst in Regionalprogrammen in Nordwestengland, dann auf nationaler Ebene in einer Vielzahl von Sport-, Unterhaltungs-, und Informationssendungen. Trotz mittlerweile hohen Alters führte er dies noch bis vor kurzem fort.

2012 leitete die Polizei Untersuchungen wegen sexuellem Missbrauchs in den 1970er Jahren gegen ihn ein, aufgrund zunächst eines anonymen Briefs, den eine Journalistin im Mai 2012 erhielt. Im Dezember 2012 wurde er verhaftet; darauf folgten eine Vielzahl von Anzeigen anderer Frauen, die sich nicht untereinander kannten. Er stritt die Vorwürfe zunächst vehement ab. Im Mai 2013 bekannt er sich jedoch unerwünschter sexueller Berührungen in 14 Fällen (indecent assault) schuldig. Diese fanden zwischen 1967 und 1986 statt.  Die Frauen waren zum Zeitpunkt der zugegebenen Taten zwischen neun und 17 Jahren alt. Mit seiner Schuldigerklärung entfällt ein Strafprozess.

Wie üblich, gaben Polizei und Staatsanwaltschaft nach seiner Schuldigerklärung Presseerklärungen ab. Die Polizei lobte den Mut der Betroffenen, sich gemeldet zu haben und ermutigte alle Betroffenen sexuellen Missbrauchs, gleich wie lang er zurückliegt, das zu berichten. Die Staatsanwaltschaft beschrieb Hall als einen “opportunistischen Beutejäger” (opportunistic predator).
Das Strafmaß wird am 17. Juni 2013 verkündet werden.
Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Stuart_Hall_(presenter)

Video der Presseerklärung von Polizei und Staatsanwaltschaftschaft (mit Text): http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/crime/10033045/Police-pay-tribute-to-Stuart-Halls-victims-after-guilty-pleas.html und http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/crime/10033004/CPS-Stuart-Hall-is-an-opportunistic-predator.html

Gordon Rideout

Gordon Rideout, geboren 1939, war Chorherr (canon) in der anglikanischen Kirche und wohnte in Polegate, Grafschaft East Sussex. Er wurde im Mai 2013 unerwünschter sexueller Berührungen (indecent assault) in 33 Fällen und einer Vergewaltigung (rape) schuldig gesprochen und zu einer Gefängnisstrafe von 10 Jahren verurteilt. Die Taten betrafen 16 Mädchen und Jungen und fanden zwischen 1962 und 1973 statt, die meisten davon in einem Kinderheim in Crawley, Grafschaft West Sussex.
Quelle: http://www.bbc.co.uk/news/uk-england-22599017


Jetzt netzwerkB noch stärker machen …

 

 

8 Kommentare

  1. Eva schreibt am :

    Es geht also doch. Die Politik muß nur wollen.

  2. hildegard schreibt am :

    „Wie üblich, gaben Polizei und Staatsanwaltschaft nach seiner Schuldigerklärung Presseerklärungen ab. Die Polizei lobte den Mut der Betroffenen, sich gemeldet zu haben und ermutigte alle Betroffenen sexuellen Missbrauchs, gleich wie lang er zurückliegt, das zu berichten.“

    Könnten wir doch bald so löblich auch über unsere Polizeien und Staatsanwaltschaften berichten!! England zeigt, wie das geht!

  3. Hans-Peter Scheerer schreibt am :

    in einer Kleinstadt wie Lindau/Bodensee, 27tsd.Einwohner,eine Touristen-und Grenzstadt zu Österreich,deswegen eine relativ große Zoll-und Polizeibehörde,so wie ein gut besetztes Landratsamt mit vielen jungen Auszubildenden, da bleibt eine Anzeige wegen sex.Missbrauch einfach nicht in den Amtsstuben.
    Mit einem Mal auf der Stirn bin ich ein Gehemmter,Gefangener in der eigenen Heimatstadt.
    In der Behörde, mußte ich im Flur mein Anliegen vorbringen. Brauchte 2-3 Kopien für meinen Antrag für eine Opferentschädigungsrente. Was meinen Sie, wie peinlich mir das war, zumal im Flur mehrere Menschen warteten.Ich wurde von der Angestellten der Behörde abgewiesen. Nachdem ich mich damit nicht zufrieden gab und nochmals nachhakte,ich bräuchte nur 2 Kopien für meinen Opferentschädigungsantrag,da ich mir wegen meiner kleinen Rente -die unter dem Hartz4Satz liegt-keinen Kopierer leisten kann,da traten mir 4 männl. Angestellte, die mein Anliegen mitbekamen entgegen und zeigten mir, wo die Ausgangstüre ist.
    Die Begründung war: Ich sei ein Fremder,daher seien sie für eine Hilfe nicht zuständig,ich solle meine Kopien woanders machen.
    Dieses Landratsamt hat meine kompletten Unterlagen.
    Ich bin kein Fremder,sondern bin hier geboren und seit 62 Jahren hier gemeldet.(10Jahre davon im Kinderheim)
    Auch auf diese Art der Behandlung müssen Betroffene sich einstellen.Ich habe bis heute noch keinen Antrag stellen können,wegen Angst vor Ablehnung und das von oben Herabgeschaue
    der Bediensteten vom Amt.
    Bei der Caritas wurde ich erst einmal nachdrücklich nach meiner eigenen Schuld gefragt.
    Als baby eingeliefert und bereits den klösterlichen Angestellten ausgeliefert,über Jahre hinweg sex.missbraucht, wie kann da nach der eigenen Schuld gefragt werden?
    Soviel zum Outing in einer Kleinstadt wie Lindau am Bodensee,wegen sex.Missbrauch.

  4. Bärbel schreibt am :

    zu Peter Scheerer,

    ich bin als Angehörige somit eine Betroffene,
    bei der Polizei habe ich eine ANZEIGE GEMACHT;—–

    Diese Dame war sehr nett,rundum,
    andere Behörden nicht,vieles was ich erlebte,in meiner gegründeten Familie,die Folgen der Folgen—–
    vieles kann ich als unbequeme Mutter mit dem Verhalten;durch das Handeln,Versagen,der Obrigkeiten—-
    der Verletzungen der Würde und Rechte an Menschen jeglichen
    Alters nachvollziehen,bzw.bestätigen .
    Bin seit gestern zurück aus einer großen und renomierten Klinik,
    ich weiß es selbst,meine Geschichte,das Erlebte,
    hat immense gesundheitliche Beinträchtigungen zur Folge ,oder hat es alles begünstigt.
    Ich hatte mich bereitwillig für eine Studie zur Verfügung gestellt .bei meinem Aufenthalt,
    die Ausführung und Umsetzung der Studie war menschenunwürdig ,leider,es fehlt an der Sensibilität und der Achtung vor dem ANDEREN
    und habe laut hinaus geschrien—————————–

  5. justina schreibt am :

    @Hans-Peter Scheerer,
    Ohne Anwalt machen WIR (Mein Mann und ich) gar nix mehr. Einen anderen Rat kann ich leider nicht geben.
    Und peinlich braucht Ihnen nichts zu sein.Im Gegenteil: den anderen solls peinlich sein.
    Wünsche Ihnen viel Mut und Kraft und hocherhobenen Kopf.

  6. zu Hans-Peter Scherer,
    kann auch nur empfehlen, a)möglichst einen Zeugen dabei zu haben, Anwalt ist das Beste b) den Antrag schriftlich einreichen, mit einwurfeinschreiben.
    Bringt die Erfahrung, mir ging es ähnlich, 2008 bei der Polizei in Halle/S., Ort der Taten: man ließ mich 2 h warten, ich war genervt, 2 Kommissare und ich alleine, klar haben die mich abgewimmelt, bloß keine alten Fälle aufwühlen, dann Schreiben vom Staatsanwalt, Beweise reichen nicht aus dass es mit den Taten von damals zusammen hängt. Das passiert mir nicht nochmal.
    Nie wieder ohne Zeugen, aber wieder Antrag bzw. Anzeige stellen! Und ich mache es von meinem Wohnort aus, über Anwalt!

  7. Richard Waltereit schreibt am :

    Update 17.6.2013: Stuart Hall heute zu 15 Monaten (ohne Bewährung) verurteilt. Staatsanwaltschaft will Beschwerde wegen zu milder Strafe einlegen

  8. Richard schreibt am :

    Weiteres Update: Die Strafe für Stuart Hall ist vom Obergericht auf 30 Monate Gefängnis verdoppelt worden. (26.7.2013)

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