Unangemessener Sprachgebrauch in Publikationen zu sexualisierter Gewalt

05.08.2013: netzwerkB

von Eugen Schlatter, Mitglied bei netzwerkB

Immer wieder habe ich in einschlägigen Texten zu sexualisierter Gewalt zu lesen „Missbrauch geschieht / passiert etc.“, als wären dies „Ereignisse durch höhere Gewalt“. Nein: sexualisierte Gewalt „passiert“ nicht, sie wird begangen von einem Täter mit menschenverachtender krimineller Energie, und sie wird begangen an einem Opfer, für welches nach dieser Gewalterfahrung nichts mehr ist wie vorher: Das Opfer kann und darf seiner Wahrnehmung nicht mehr trauen, hat es doch unausweichlich wahrnehmen und erfahren müssen, dass mit seiner Integrität Schindluder getrieben wurde, dass es zum zweifelhaften Vergnügen eines abartigen Täters herhalten musste und dass über dieses Opfer auf würdeloseste Art und Weise verfügt wurde. Das Opfer darf seiner Wahrnehmung nicht mehr trauen, weil es dann geradezu „verrückt werden“ würde ob der Tatsache, dass es erfahren musste, kein nach etablierten und international verbindlichen Standards unveräußerliches Recht auf seine Integrität mehr zu besitzen. Überdies ist diese Diktion Tätersprache, mit der versucht wird, die Tat „sanfter“ und weniger brutal erscheinen zu lassen und das Leid des Opfers in Frage zu stellen oder gar zu begatellisieren. Wir sollten es uns selber schuldig sein, ja mehr noch: schon aus Gründen der Selbstachtung sollten wir es unterlassen, uns auch noch verharmlosender Tätersprache zu bedienen. Nein, wir nennen die Dinge klar, direkt und verbindlich beim Namen.

Meine Forderung lautet deswegen: Wir – zumindest wir auf der Seite der von sexualisierter Gewalt Betroffener – sprechen nicht mehr so diffus, verharmlosend und unverbindlich über „Gewalt, die geschieht bzw. an uns geschehen ist“, sondern wir sprechen in aller Schärfe und Klarheit davon und klagen an: da hat ein Täter das übelste Verbrechen, das es in der menschlichen Gesellschaft gibt, an einem wehrlosen Opfer begangen, hat sich für das Verüben dieser Tat explizit entschieden, ist vollumfänglich dafür verantwortlich und hat verursacht, dass das Opfer mit hoher Wahrscheinlichkeit sein gesamtes restliches Leben emotional mit dieser Traumatisierung zu tun haben wird. Gerade im Sinne der Betroffenen halte ich es für unabdingbar erforderlich, dass wir uns eines angemessenen Sprachgebrauchs befleißigen, welcher der verletzten Würde, dem Leiden, den Gefühlen und der nachhaltig beschädigten Biographie einschlägiger Betroffener Rechnung trägt.

Gedanken zum diesem Artikel – viel breiter und ausführlicher an einer Vielzahl bedrückender Beispiele dargestellt – finden sich auch im Buch „Der verlorene Kampf um die Wörter, opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt“ von Monika Gerstendörfer, Junfermann-Verlag, Paderborn, 2007; ISBN 978-3-87387-641-5.

Jetzt netzwerkB noch stärker machen … 

 

4 Kommentare

  1. Realmenschin schreibt am :

    Lieber Eugen Schlatter, herzlichen Dank für diese klaren und so wichtigen Worte! Auch ich bin immer wieder am üben, verharmlosende Sprache zu verlieren, die sich in allen Ecken und Enden meiner Wortwelten aufhält. Ja, auch die Verharmlosung, die ich mir „angedeihen“ ließ, half, wie es so treffend beschrieben wurde, „nicht verrückt zu werden.“ Im Grunde kann Kindheit wie ich sie erfahren habe nur so überlebt werden. An das spätere „Aufwachen“ schloß sich die Erkenntnis an, dass es innerhalb der Gesellschaft grausiger Weise oft genauso zuging, wie innerhalb der Familie: siehe Sprache/Rechtssprechung….
    Sich selbst nicht mehr klein machen, anerkennen, was „nachhaltig beschädigte“, uneingeschränktes „Ja“. Die Furcht überwinden, ablegen- heute nicht mehr „einen Kopf kürzer gemacht zu werden“ für die deutliche Sprache. Verschlungene unverständliche Sätze verlieren, für einen erhobenen Kopf, die eigene Wahrheit, die sich schon so lange innerhalb des eigenen Selbst quälte.

  2. Eva Phoenix schreibt am :

    @Eugen Schlatter, und @ Realmenschin

    Very well put !

    Ja, lasst uns die Sprachschleier und das Sprachgestruepp, hinter denen die Gewalt und Abartigkeit versucht , sich zu verstecken, (wie das Raubtier auf der Lauer und nach dem Kill mit noch blutverschmiertem Lefzen) und die die Umstehenden gerne glauben, damit sie keine Konsequenzen ziehen muessen, und die wir Ueberlebenden/damaligen Opfer glauben mussten, um nicht ganz zu zerbrechen ( und auch weil wir ueberhaupt erst Sprache lernen mussten und noch gar nicht das kognitive Werkzeug hatten, dies zu durchschauen, was uns zusaetzliches Trauma verursachte,) . lasst uns dieses mit klarer Sprache mit der Sprache der Wahrheit und Wuerde und Rechtlichkeit hinweg fegen. Lasst uns unverbraemt sprechen und die Dinge beim Namen nennen. Viel Koepfe werden rot werden, viele Gesichter sich mit Drohungen verfinstern, viele andere werden scheinheilig laecheln. Sie werden sich entroeten muesen, entfinstern und die Maske abnehmen muessen.

    Ich merks, heute hat es mir etwas die Sprache verschlagen, ich habe gestern einen Tieger im Gstruepp gesehen. Die Worte wollen heute nicht so heraus kommen, wie die Gedanken hinter meiner Stirn stehen. Aber da Ihr den Mut habt den Tieger zu benennen, wird’s bei mir schon wieder ins Lot kommen.

    War mal in einem Land, wo nichts so war wie es zu sein schien, und nichts so erschien, wie es war. Es gibt viele solche Laender. Und es gibt andere Laender wo alles so ist wie es erscheint, und alles so erscheint, wie es ist.

    Eva Phoenix

  3. Bärbel schreibt am :

    unangemessener Sprachgebrauch,

    eine einigermassen intakte Kindheit schützt nicht vor Gewalt späterer Jahre,
    den Kommentaren von Realmenschin und Eugen Schlatter schliesse ich mich an,
    klein hatte ich mich gemacht,wurde klein gemacht,angepasst ,ein funktionierender Mensch so zu sagen,
    ich versuche meine Ausdrucksweise zu verbessern,Worte können auch eine Waffe sein,
    genauso verletzend ist die Bagatellisierung beganner Verbrechen,im Umgang mit den Schwächsten,das richtige zu Tun,zu Handeln,einfühlsam zu sein,ist eine hohe Kunst,die nicht immer glingt,weil wir Menschen sind,aber der Versuch die Wortwahl zu überdenken lohnt sich doch,Kinder brauchen Vorbilder

  4. stephan may schreibt am :

    Danke fuer den guten Beitrag.
    Ich habe auch oft genau diesen Eindruck.
    Besonders das“ verniedlichen“ solcher Ereignisse.
    Damit habe ich den Eindruck, das man gerne Betroffenen eine Art von mitschuld vermitteln moechte.
    Oder einen Satz den ich selbst hoere. Es war alles nicht so schlimm.

Artikel kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Artikel aus den Medien

ARD BRISANT ARD Tagesschau Augsburger Allgemeine Badische Zeitung Berliner Morgenpost Berliner Zeitung DER SPIEGEL derStandard.at DER TAGESSPIEGEL derwesten.de DEUTSCHE WELLE Deutschlandfunk Deutschlandradio DiePresse.com diesseits.de DIE WELT DIE ZEIT FOCUS Frankfurter Allgemeine Frankfurter Rundschau Hamburger Abendblatt Hannoversche Allgemeine Humanistischer Pressedienst Kölner Stadt-Anzeiger Leipziger Volkszeitung Lübecker Nachrichten Mitteldeutsche Zeitung n-tv N24 NDR.de NDR Info Neue Zürcher Zeitung nordwestradio Publik-Forum Saarbrücker Zeitung SPIEGEL ONLINE stern.de SÜDWEST PRESSE Süddeutsche Zeitung taz TP Presseagentur Berlin WAZ WELT ONLINE ZDF heute ZEIT ONLINE