Sexualisierte Gewalt, Prostitution und Menschenwürde

07.09.2013: netzwerkB

„Dreck hatte ich verdient, Dreck war ich“

von Julia S. *

Ich bin Opfer von zahlreichen gewalttätigen, sexualisierten Übergriffen, Verwahrlosung, Vernachlässigung und ständiger Sexualisierung. Das fing schon an als ich noch ein Kleinkind war.

Als ich fünfzehn Jahre alt war, lernte ich meinen ersten Freund kennen, dieser war bereits 21 Jahre alt. Für mich bedeutete das Kennenlernen eine Flucht. In der Schule herrschte das Chaos durch meine schweren Trauma- Folgen wie starke Konzentrationsstörungen, Dissoziation, und jahrelanges Mobbing durch Schüler und teils auch Lehrer.

Als ich anfing die Schule zu schwänzen, floh ich zu diesem ersten Freund. Ich schlief mit ihm, weil er es wollte. Es war nicht schön, aber ich redete mir ein, dass es schön war. Er fing an mit mir gemeinsam zu kiffen. Das war toll, denn ich konnte dann so viel lachen, mehr als jeder andere, denn meine Seele war immer furchtbar angespannt, und Lachen befreite, für diese wenigen Momente.

Ich kiffte mehr, fing an, auch selbst Mal das Zeug zu kaufen, das fand ich spannend und den Verkäufer nett. Mein Freund wurde beim Sex immer einfallsreicher gewalttätig und ich machte alles mit. Da war etwas in mir, das sich ihm unterwarf- etwas in mir, dass dies schon von früher kannte.

Ich stritt sehr wohl in mir selbst ob das nun wehtat, oder ob das nicht weh tat, was er an sexualisierter Gewalt ausübte, aber ich war wie in einem Strudel, und überredete mich stets selbst, dass das schön sei, was er mit mir machte. Ich konnte dann so richtig ihm gehören- endlich gehörte ich Mal zu jemandem. Dabei blendete ich aus, dass ich mein Ich- ganz so wie ich es als Kind automatisch machen musste, weil ich es sonst nicht überlebt hätte- abgab und ihm zu Füssen legte.

Ich hatte sexuelle Gefühle bei dem was er machte, und ich wollte diese auch haben- das einzige Problem war, dass ich sonst über sehr wenige Gefühle verfügte, und dass ich mich immer mehr ekelte. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen, wie oft ich diesen Kotz-Reiz in der Kehle hatte, wie oft sich mein Oberkörper zusammenkrampfte. Aber sobald ich innerlich den – schon in der Kindheit bei der Gewalt entstandenen -„Schalter“ umlegte war es mir möglich „Jemand anderes“ zu sein: die geliebte erwachsene Frau, die alles tut, die sich aufgibt, die ihm dafür etwas bedeutet, ja, die große Liebe.

Wenn ich heute zurückblicke sehe ich auch einen Mann, der keine Liebe kannte, sondern nur ständig erneut inszenierte Vergewaltigung.

Ebenso wie ich, die ich allerdings keinen anderen Freund vorher gehabt hatte, und doch tatsächlich meinte, dass dies nun das Erwachsensein ist. „Das ist Sexualität“, meinte ich. Und erwachsen sein, das wollte ich schon als das kleine Kind, das kein Kind sein durfte.

Mit der Zeit stumpfte mein Körper immer mehr ab, mit der Zeit spielten legale Suchtmittel eine immer größere Rolle.

Ich lernte einen anderen, einen liebevollen Mann kennen, und nur durch ihn konnte ich mich von dem ersten Freund lösen, da ich mich absolut abhängig von diesem fühlte, und meinte, wenn ich gehe, würde ich ihn damit umbringen. Dass es da auch irgendwie um mich ging, kam mir kaum in den Sinn.

Als ich mit dem zweiten Freund als ich siebzehn Jahre alt war, schließlich zusammenkam, stellte ich fest, dass mein Körper nichts mehr fühlte. Es fühlte sich an als sei meine Haut einerseits eine riesige schmerzende Wunde, die gerade verkrustete und andererseits spürte ich keinerlei Gefühl, auch keine Erregung mit meinem zweiten Freund, da war NICHTS.

Ich hatte damals keinerlei Perspektive, mein Zuhause war nur Schmerz und Einsamkeit, in der Schule ging nichts, eine Ausbildung war für mich undenkbar mit meinen Trauma-Folgen- die ich aber gar nicht als solche sah, da ich durch ständige Amnesien und Verdrängungen beinahe meine ganze Kindheit verdrängt hatte.

Ich taumelte dann mit Anfang zwanzig durch mein Leben und ich wurde mir selbst dabei immer mehr egal. Ich weiß heute nicht mehr, wer ich damals war, ich weiß nur, dass ich mich wie einen Haufen Abfall fühlte, und dass ich jedes Mal, wenn ich mit einem Mann schlief noch mehr das Gefühl hatte, ich sei ein Nichts.

Ich suchte nach Liebe und irgendeiner Befreiung im Nachtleben, und ließ sie mit mir schlafen. Mir war das scheinbar egal, denn ich spürte nichts, spürte nur den Dreck, fühlte mich unwert und hatte auch bald keine Hoffnung, dass dies je anders werden würde.

Durch den Alkohol konnte ich schon als junges Mädchen, endlich in Kontakt mit anderen kommen, ich konnte endlich sprechen und gelöst sein, was ich nüchtern nie konnte. Ohne Alkohol hätte ich in einem Zimmer gesessen und hätte mich vermutlich einfach aus Erstarrung, Einsamkeit und Sprachlosigkeit umgebracht.

Wer mir als Mann wirklich gefiel wusste ich nicht. Ich hatte schon früh gelernt, genau das was mich ekelte an einem Mann, umzudeuten. Ich redete mir dann so lange ein, dass der Mann doch angenehm sei, und mich nicht anekelte, bis ich es glaubte.

Das ging so weit, dass ich Männer, die mich besonders ekelten, als für mich richtig und passend empfand, dass das für mich genau das richtige sei und hatte den Zwang, dass ich mit genau diesen mich anekelnden Männern Nähe haben müsste. Ganz so wie ich es als ich ein Kind war, real erlebt hatte.

Die sexualisierte Gewalt von einst zog mich immer mehr in die Tiefe.

Ich bekämpfte mit meinem Selbsthass alle Erinnerungen, alles was ich erlebt hatte. Ich wollte nichts sehen, ich wollte nichts merken, ich KONNTE nicht, denn ich wusste nicht was mit mir los ist und ich konnte nicht sehen, dass ich einen Einfluss habe auf mein Leben, ich wusste nicht, dass ich einen WERT habe. Ich wollte nie mehr überwältigt werden und überwältigte mich selbst. Denn bevor andere sich unerwartet an mir vergreifen könnten, führte ich den stets erwarteten Übergriff lieber selbst herbei.

Perspektiven gab es keine, ich konnte nichts, ich war unfähig einen Beruf zu erlernen, mit Menschen zusammen zu sein, ich selbst zu sein, denn das ICH war irgendwo, verschwunden. Ich war unfähig aus meinem Leben etwas zu machen, warum dann nicht gleich abgleiten, mich selbst, mein Leben von mir abstoßen?

Ziele hatte ich keine als Kind, ausser erwachsen werden. Befreiung! Dann wurde ich erwachsen und dann war da nichts, nur ein Strudel der mich hinunterzog.

Schon als Kind hatte ich mir die Täter als mir angenehm einreden müssen. Wenn ich den wahren Ekel vor ihnen begriffen, gespürt, zugelassen hätte diesen zu spüren, hätte ich das als Kind nicht überlebt.

Die Erkenntnis, dass der Täter und die Tat ekelerregend waren, durfte auf keinen Fall zu mir vordringen!

Ich wusch mich als Kind kaum, es fiel sowieso nicht auf, und ich war ja sowieso so eklig, wie das, was ich erlebte. Dreck hatte ich verdient, Dreck war ich.

Und so führte ich das später fort, konnte so jedes und alles was mich ekelte umdeuten, und es im Gegenteil erregend finden. Mit dem Effekt, dass ich mich vor mir selbst ekelte und meinen Körper als Mülleimer empfand.

Mein Körper, den ich noch nie wirklich wahrgenommen hatte, war nun endgültig etwas zutiefst Ekelerregendes für mich, nachdem viele Männer damit geschlafen hatten.

Ich hatte das Ziel mich umzubringen, nachdem ich auch mehrere unglückliche Beziehungen hinter mir hatte. Eine Beziehung war etwas, in das ich „geriet“. Wenn einer nett zu mir war, und er mit mir zusammen sein wollte, war das für mich eine Beziehung, denn da war ja sonst niemand, der mich liebte und ich fand das dann großartig, dass dieser Mann meinte, er liebe mich. Alles andre war mir egal. Man konnte mit mir vieles machen, das war ja auch nicht ich, das war ein ekelerregender Körper, sonst nichts, denn ich war sowieso ganz woanders. Wo, das wusste ich auch nicht, denn mich gab es schon als Kind wenn überhaupt, nur noch unter einer dicken Seelenschutzschicht. Für alle und alles nicht mehr erreichbar, wie tot.

Ich meinte, dass ich jetzt so mit Dreck besudelt worden sei, dass ich von nun an nur noch sterben könnte, mein Leben sei sowieso besiegelt. Ich hatte das Ziel mich zu Tode zu trinken und meinen Körper könne man ruhig kaputt und noch dreckiger werden lassen, denn ich hätte es ja auch nicht anders verdient und außerdem mein Leben verwirkt.

Mein Glück war, dass ich trotz vieler unangenehmer Erlebnisse, inklusive einer Vergewaltigung, nicht in der Prostitution landete. Wäre ich dort gelandet, hätte mein inneres System alles umzudeuten, genau dort hineingepasst.

Ich glaube allerdings nicht, dass ich dann heute noch am Leben wäre, denn auch ohne in der Prostitution zu landen hasste und ekelte ich mich zu Tode vor mir selbst.

Viele Übergriffe aus meiner Kindheit waren mir lange nicht bewusst, denn sie waren so normal und ich musste sie so sehr „wegstecken“ um mein Kinderleben irgendwie zu überleben. Wenn mich damals, als ich diese paar Jahre in meinem Leben so sehr herumirrte und mich fortwährend selbst verletzte, jemand gefragt hätte, was los ist, ich hätte es nicht sagen können.

Wenn ich nicht mein Leben radikal hätte ändern können, wäre ich heute tot, und ich hätte nie begriffen, dass ich als Kind wieder und wieder schwer verletzt wurde! Nur durch dieses Zulassen dieses-zugegeben extrem heftigen – Aufarbeitungsprozesses, was ein sehr langer Weg war, konnte ich mich aus dem Opferdasein befreien, und mein eigenes, freies, selbstbestimmtes Leben bekommen, ohne mich weiteren Verletzungen zuzuführen!

Es ist für mich ein Wunder, dass ich heute ein ganz anderes Leben führen, mich inzwischen lieb haben kann und dass mein Körper zwar nie geheilt sein wird, aber ich kann ihn trotzdem ich durch die schweren Traumata, mein Ich vom Körper stets abgelöst empfinde, als etwas, das „irgendwie wohl“ zu mir gehört, akzeptieren. Und wenn ich ihn Mal wahrnehme, war das oft schon auch Mal angenehm.

Ich lernte vor langer Zeit einmal eine sehr hübsche, fröhliche junge Frau im damaligen Nachtleben kennen. Ich erfuhr kurze Zeit später, dass sie sich inzwischen prostituierte. Wiederum ein paar Jahre später sah ich sie zufällig wieder: blau, kaputt und aufgedunsen am Drogentreff und noch etwas später schlug ich die Obdachlosenzeitung auf, und sah darin eine Todesanzeige. Es war ihre.

* Der Name ist der Redaktion bekannt, wurde jedoch aus Gründen der Anonymität verändert

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6 Kommentare

  1. Nürnberger Nachrichten schreibt am :
  2. Esther schreibt am :

    Dieser “ Beitrag “ beschreibt so viel, was ich auch hätte schreiben können. Danke, daß “ Du-ungenannt “ es auch für mich ausdrücken konntest. Alles Gute !

  3. Camilla schreibt am :

    „Ich verkaufe sexualisierte Gewalt“: Sehr eindrucksvolles Interview mit einer prostitutionskritischen Domina. http://frauen.wueste-welle.de/?p=464

  4. klaraklara schreibt am :

    @ Camilla
    Das Interview hat auch mich sehr beeindruckt und dazu gebracht, dass ich soeben den Appell in der Emma unterzeichnet habe.

  5. Lisbeth schreibt am :

    Beeindruckendes Interview. Beeindruckende Frau.
    Was sie sagt, sie ist so klar und stellt ganz deutlich den Zusammenhang zwischen Gewalterfahrungen (jeglicher Art) in der Kindheit und späterer Prostitution her.
    Sie macht es auch deutlich, was für eine menschenverachtende Position dieses „Prostitution ist ein Beruf wie jeder andere“ wirklich ist.
    Leider ist diese Stimme der Klarheit und Wahrheit verstummt.
    https://www.frauenrechte.de/online/index.php/themen-und-aktionen/frauenhandel/aktuelles/archiv/679-nachruf-fuer-streitbare-frauenrechtlerin-ellen-templin

  6. klaraklara schreibt am :

    @ Lisbeth ber. Tod von Silke Templin
    ziemlich deprimierend 🙁

    Die Frau muss doch irgendwas an Recherchen zustammengestellt oder geschrieben haben, weiß hier jemand, wo es das noch zu lesen gibt?

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