Im Fall Edathy geht es wieder nur um die Täter

13.03.2014: Stimme Russlands

STIMME RUSSLANDS Der Fall Edathy geht in eine neue Runde. Jetzt hat das Innenministerium erlaubt, dass gegen den ehemaligen Innenminister Friedrich wegen Geheimnisverrats ermittelt werden darf. Am Donnerstag befragt der Innenausschuss der Bundestages außerdem noch einmal den Präsidenten des Bundeskriminalamtes, Ziercke. Denn auch in den Reihen des BKA hatte es einen Mitarbeiter gegeben, der Material beim selben Anbieter gekauft hatte wie Edathy. Bei diesen Meldungen geraten wieder die Opfer in den Hintergrund, sagt Norbert Denef vom Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt. Hendrik Polland hat mit ihm gesprochen.

Wie aufmerksam verfolgen Sie im Moment die Berichterstattung rund um den Fall Edathy?

Mit großem Interesse. Nur mit Enttäuschung mussten wir feststellen, dass es wieder mal nur um die Täter geht und nicht um die Opfer. Vielleicht ein Beispiel dazu: Die Geschwätzigkeit von Herrn Friedrich und von Herrn Gabriel, dem Vorsitzenden der SPD, da ging es auch nicht um die Opfer, sondern um die Schadensbegrenzung der Parteien beziehungsweise des Ansehens. Darin sehen Sie wieder einmal, dass die Opfer im Hintergrund stehen.

Wann ist für Sie die Grenze zu einer Straftat bei sexuellem Kindesmissbrauch überschritten?

Grundsätzlich gilt ja erstmal die Unschuldsvermutung. Dafür treten wir auch ein und das auch im Fall Edathy. Wenn man ihm keine Schuld strafrechtlich nachweisen kann, dann ist er unschuldig. Aber wenn es darum geht, dass mit Nacktfotos von Kindern Geschäfte gemacht werden und der Gesetzgeber das nicht als Strafe ansieht, dann müssen wir nachdenken. Das wird im Moment gemacht. Da fängt für mich die Grenze an, die man überschreitet. Aber wie gesagt, er ist unschuldig. Wir müssen sagen, wir haben nicht die richtigen Gesetze.

Die Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch beginnt im Zivilrecht mit der Vollendung des 21. Lebensjahres. Sie sprechen dabei prinzipiell von unangemessenen Verjährungsfristen und fordern, dass sie ganz wegfallen. Wie wäre damit den Opfern geholfen?

Der Staat verweist auf die strafgesetzlichen Verjährungsfristen, obwohl bekannt ist, dass Betroffene traumabedingt langjährig schweigen. Dieses traumabedingte Schweigen ist mittlerweile breit erforscht. Das heißt, die Erinnerungen sind den Betroffenen aufgrund der traumatischen Situation oftmals lange Zeit kognitiv nicht zugänglich. Selbst wenn die Informationen zugänglich sind, dann können Opfer aus Angst und Scham oft jahrzehntelang nicht darüber reden. Ein Beispiel macht das vielleicht deutlicher. Wenn ein Opfer von einem Mann für 45 Jahre ins Koma geprügelt wird, warum hätte das Opfer nach 45 Jahren, wenn es erwacht, nicht mehr das Recht, diese Tatsache zur Anzeige zu bringen?

Sie sind 1949 geboren und selbst als Kind Opfer von sexuellem Missbrauch gewesen. Was hat sich seit dem im Opferschutz geändert?

Ich kann jetzt auf 20 Jahre Öffentlichkeitsarbeit zurückschauen. Ich muss feststellen, wenn heute ein Opfer sein Schweigen bricht, wird es nach wie vor ausgegrenzt. Die Opfer sollen als arme Opfer in der Ecke etwas bedauert werden. Da hat sich nichts geändert. Daran müssen wir etwas ändern. Wir brauchen die Anerkennung. Deshalb die Aufhebung der Verjährungsfristen.

Es gibt mittlerweile einen Fond, die Opfer sexuellen Missbrauchs entschädigt. Sie meinen allerdings, dass der Fonds nichts bringt. Wo sehen Sie die Probleme?

Es geht hier nicht um Entschädigung. Bei diesem Fond geht es auch gar nicht darum, dass das Opfer selbst entscheiden kann, was es für Hilfen braucht. Das man den Opfern nicht zumutet, das Geld in die Hand zu nehmen. Man bestimmt fremd über das Opfer. Nein, du musst eine Therapie machen, welche – das bestimmen wir. Das ist doch unmenschlich. Das Opfer muss als Bittsteller auftreten.

Quelle: http://german.ruvr.ru

Mehr auf netzwerkB:
Der „Fall Edathy“

6 Kommentare

  1. hildegard schreibt am :

    … und um das Ansehen von Juristen und Politikerinnen.

  2. Susi 1 schreibt am :

    Unsere Politker sprechen immer von Verantwortung.
    Wenn sie „Mist“ gebaut haben, folgt meistens nichts.

  3. klaraklara schreibt am :

    mit dem Thema Nachkfotos von Kindern bzw. Verbot der „Kategorie 1“ habe ich mich noch nicht beschäftigt.

    Für Edathy gilt die Unschuldsvermutung – das verlangen die Spielregeln zur Fairness, aber innerlich kann ich dem nicht zustimmen. Edathy hatte kurz vor der Wohnungsdurchsuchung einen Laptop gestohlen gemeldet, und es waren Festplatten auf seinen Computern zerstört. Dann gibt es noch die mangelnde Schweigsamkeit bei den Politikern und die kanadischen Ermittlungen gegen einen leitenden BKA-Beamten. Also fairer Weise gilt die Unschuldsvermutung, und es könnte ja tatsächlich sein, dass Edathy von jemand anderem gelinkt wurde und dass die Festplatten durch einen Hausunfall kaputt gingen – aber merkwürdig ist es alles schon. Und, hätten die POlitiker nicht geschwatzt, und gäbe es da nicht den BKA-Beamten, für den Bestellungen von strafrechtlich relevanten Kinderfolterdokumenten dokumentiert sein sollen – ich finde es sehr ärgerlich, dass sich der Fall jetzt nicht aufklären lässt und ich kann nicht anders, als dahinter irgendwelche Ränke und die geplante Vertuschung von Kinderfolter zu vermuten.

    *Am Rande fällt mir auch noch ein, dass vor einiger Zeit im Haus von Beate Zschäpe Kinderpornos gefunden wurden und in dieser Frage nicht ermittelt wurde, weil die Tragweite nicht als schwerwiegend genug neben den Morden anerkannt wurde.

  4. hildegard schreibt am :

    … die *Randbemerkung zeigt es, wie wenig der Wert, die Würde irgendwo (unter uns oder anderen Mitmenschen) leidender Kinder wiegt.

    Die Gesellschaft pennt, sie wurde eingeschläfert. Die Gesellschaft akzeptiert es nach 2010 immer noch, wenn der Justizirrtum der Verjährbarkeit und der der fehlenden Anzeigepflicht Folter und Tod kleiner Kinder höchstrichterlich schlicht HINNIMMT.
    Die Gesellschaft muss erst wieder geweckt werden. Die Gesellschaft büßte in grausigen Kriegen ihre Sensorik für Mitmenschlichkeit ein. Die Gesellschaft wurde von Fachleuten für’s Recht und für die Hintergründe von Gewalt getäuscht, eine Innensicht durfte sich kein Mensch mehr erlauben.

    Das ganze Rechts-Gebäude wäre implodiert, gäbe es nicht dieses Ungeschriebene …

    Wer erfand eigentlich Dauerbespaßungs-Gesellschaftsspielchen?
    Wann wird die Tragik dieser (gewollt oder ungewollt gelenkten) Täuschungsmanöver bewusst werden dürfen?

    … und wie [bittschön!] soll noch der Respekt vor einem leidenden ABHÄNGIGEN entstehen, wenn diese Regierung einem zünftigen Zocker Respekt zollt, der da aus blankem Eigennutz und Selbstschutz auf sein Revisionsurteil verzichten will …

  5. Hubert schreibt am :

    meines Wissens nach sind Festplatten so einfach garnicht derart zu zerstören, so daß die Daten unwiderruflich weg sind. Dazu müsste man schon eine Platte aufschrauben und die einzelnen Scheiben zerbrechen.
    Was mir völlig quer geht ist die Tatsache, daß das Thema mal wieder mal für strategische politische Zwecke benutzt wird, sozusagen als Konkurrenzkampf um damit jemand auszuboxen. Dazu werden plötzlich wieder alle zur verfügbaren Hebel in Bewegung gesetzt.
    Wünschwert wäre, wenn man mit so großem Aufwand eine Beweisführung zur Unterstützung von Betroffenen durchführen würde. Aber gut, Opfer selbst stellen ja keine Konkurrenz dar im politischen Sinne. Somit fährt man die Ermittlungen dahingehend nicht selten auf Sparflamme.

  6. hildegard schreibt am :

    Ja, ausgeboxt werden Wehrlose.
    Für strategische politische Zwecke wird alles benutzt, was sich für’s Ansehen real regierender Parteien / Politiker ummünzen oder ins Steuersäckel leiten lässt. Wähler werden durch Hintertüren
    gelockt und verführt, die Wirtschaft, die Banken, die Versicherungen zu bedienen …
    Ist Verantwortung nur noch zu berechnen? … in $, in €, in Rubeln?
    Die Abhängigkeitsverhältnisse funktionieren perfekt.

    Auch aus dem ältesten Gewerbe zieht der Staat Steuern. Mittel- (und ahnungs-)lose Frauen werden importiert, wirksame Kontrolle Fehlanzeige, Geld fließt aus der rechten Tasche mafiöser Menschenhändler in die linke Tasche korrupter Beamter.
    Das Auge des Gesetzes sieht zu.

    Menschenhandel zu sexuellen Zwecken passiert, weil organisierte Verbrecher und korrupte Beamte zusammenarbeiten. http://avaaz.org/de/2014_member_poll_b/?cl=4254999506&v=37208 „… Belohnung von bis zu 1 Million Dollar für Informationen, die zur Verurteilung öffentlicher Beamter führen, die den Handel geduldet haben.“

    Das wäre Aufgabe von Interpol …

    Manipulationen, Machtgefälle und Amtseide produzierenen Abhängigkeit. Unfreiheit. Früher nannte man das Sklaverei.
    Welches Wahlvolk wäre demokratiereif?

    Freiheit und Frieden sind vom Machtmissbrauch bedroht.

Artikel kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Artikel aus den Medien

ARD BRISANT ARD Tagesschau Augsburger Allgemeine Badische Zeitung Berliner Morgenpost Berliner Zeitung DER SPIEGEL derStandard.at DER TAGESSPIEGEL derwesten.de DEUTSCHE WELLE Deutschlandfunk Deutschlandradio DiePresse.com diesseits.de DIE WELT DIE ZEIT FOCUS Frankfurter Allgemeine Frankfurter Rundschau Hamburger Abendblatt Hannoversche Allgemeine Humanistischer Pressedienst Kölner Stadt-Anzeiger Leipziger Volkszeitung Lübecker Nachrichten Mitteldeutsche Zeitung n-tv N24 NDR.de NDR Info Neue Zürcher Zeitung nordwestradio Publik-Forum Saarbrücker Zeitung SPIEGEL ONLINE stern.de SÜDWEST PRESSE Süddeutsche Zeitung taz TP Presseagentur Berlin WAZ WELT ONLINE ZDF heute ZEIT ONLINE