„Das Volk spricht hier eine klare Sprache“

31.03.2014: diesseits.de

Die Politik tut nicht genug, um sexualisierte Gewalt an Minderjährigen zu verhindern, sagt Norbert Denef. Der Gründer von netzwerkB bezeichnet es als „unerträglich“, dass der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung zum Thema im Amt bestätigt wurde. Aus seiner Sicht steht für den Gesetzgeber weiterhin der Täterschutz im Vordergrund.

Arik Platzek
Montag, 31. März 2014

Herr Denef, am vergangenen Montag hat die Katholische Kirche ein zweites Forschungsprojekt zum Thema „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ vorgestellt. Was halten Sie davon?

Ein Narr ist, wer daran glaubt, dass nach vier Jahren Akten-Aufräumzeit wissenschaftliche Forschungsarbeit noch möglich sei.

Sogar Professor Christian Pfeiffer, beauftragter Leiter des gescheiterten ersten Forschungsprojektes, meinte gegenüber der Deutschen Welle, „inzwischen hat die Kirche dazugelernt“. Warum glauben Sie nicht daran?

Christian Pfeiffer hatte sich schon einmal geirrt, als er 2011 mit der katholischen Kirche ein Forschungsprojekt startete, was dann Anfang 2013 gescheitert ist. Woher er seine heutige Erkenntnis nimmt, dass die Kirche dazu gelernt haben soll, ist mir nicht bekannt. Was wir erleben entspricht auch unseren eigenen Erfahrungen: Die Kirche ist noch nicht so weit sich zu öffnen. Sie ist noch nicht fähig, mit ihrer eigenen Verantwortung für die Opfer sexualisierter Gewalt umzugehen.

Es heißt, es gäbe keine Beschränkungen oder Auflagen für die Forschungsarbeit.

Wenn die Akten aufgeräumt sind, sind Beschränkungen nicht mehr erforderlich. Von Aktenvernichtung berichtete bereits Professor Pfeiffer, Anfang 2013, als es zum Bruch mit der katholischen Kirche kam.

Bei dem Forschungsprojekt sollen auch Missbrauchsbetroffene direkt einbezogen werden. Eine ausführliche Befragung von bis zu 100 Opfern soll dazugehören. Erwarten Sie, dass man auch auf Sie zukommen wird?

Nein.

Beim Vatikan selbst hat man eine Kommission zum Thema eingesetzt. Marie Collins, ebenfalls Betroffene und Gründerin einer nach ihr benannten britischen Stiftung gegen Kindesmissbrauch, forderte einen echten Wandel statt leerer Versprechen. Sie kritisierte auch die Äußerung von Papst Franziskus, der vor kurzem meinte, niemand habe mehr gegen sexualisierte Gewalt getan, als die Kirche.

Papst Franziskus berief Marie Collins zusammen mit bislang sieben anderen Mitgliedern in die päpstliche Kommission zum Schutz von Minderjährigen, darunter der Bostoner Kardinal Sean O‘Malley und der deutsche Psychologe und Jesuitenpater Hans Zollner. Die heute 67-jährige Irin wurde mit 13 Jahren von einem Priester sexuell missbraucht. Als streng gläubige Katholikin sieht sie dort in der Kommission nun ihre Aufgabe darin, die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Hierarchien wieder zu festigen. Das kann ich sehr gut nachempfinden, denn als ich 1993 mein Schweigen im Beisein der beiden Täter im Familienkreis brach, glaubte ich auch noch fest daran, dass es möglich sei, die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Hierarchien wieder zu festigen.

Erst viele Jahre später kam ich auf den Gedanken, dass man seine eigene Geschichte nur wirklich begreifen kann, wenn man diese sich von außen betrachtet, unabhängig und frei von jeglichen Zwängen. Das war 1996 der Anlass für mich, aus der Kirche auszutreten. Erst nach meinem Kirchenaustritt, fing ich an zu begreifen und konnte realisieren, wie sehr die päpstliche Hörigkeit bei mir dazu beigetragen hat, diesen Pfarrer, der mich sechs Jahre lang missbrauchte, zu idealisieren und ihm hörig und streng gläubig zu unterwerfen. Die Täterschützer, in meinem Fall der Bischof von Magdeburg und der Papst, hatte ich ja ebenfalls idealisiert und somit kam ich gar nicht auf den Gedanken, sie anzuklagen. Heute kann ich mit Abstand das System der Täterorganisation wahrnehmen und die Zusammenhänge begreifen.

Papst Franziskus hat bisher noch nicht auf meinen „Akt der Versöhnung“ reagiert. Diesbezüglich bin ich am 6. November 2013 extra nach Rom gereist, um ihm persönlich mein Schreiben zu übergeben. In dieser Angelegenheit könnte ich mir einen Akt der Versöhnung vorstellen. Jedoch nicht, indem wir gemeinsam beten, sondern indem wir auf Augenhöhe Gespräche führen.

Wie beurteilen Sie die Reaktion der Medien und der Politik auf die Enthüllungen und die Entwicklungen der vergangenen Jahre? Haben Sie den Eindruck, dass die Entscheidungsträger ihre Verantwortung hier angemessen wahrnehmen?

Seit Anfang 2010, also seit vier Jahren, ist öffentlich bekannt, dass die meisten Fälle sexualisierter Gewalt nicht aufgeklärt werden können, weil das durch die bestehenden Verjährungsfristen nicht möglich ist. Der Staat betreibt hier Täterschutz. Das betrifft nicht nur die Odenwaldschule und kirchliche Einrichtungen, sondern insbesondere auch den familiären Bereich.

Die Medien haben sich große Mühe gegeben, den Opfern eine Stimme zu geben. In der Politik ist bisher nicht viel passiert. Bisher wurde lediglich das Alter des Opfers ab dem die Verjährungsfrist einsetzt von 18 auf 21 Jahre angehoben. Die Koalition plant nun, laut Koalitionsvertrag, dass die strafrechtliche Verjährung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zukünftig nicht vor dem 30. Lebensjahr der Missbrauchsopfer einsetzt.

Heiko Maas ist ein positives Beispiel, denn im Jahr 2010 hat er mit deutlichen Worten sich für die Interessen der Opfer von sexualisierter Gewalt eingesetzt. Er schrieb mir damals: „Kindesmissbrauch ist für mich, auch als Vater von zwei Kindern, eines der schlimmsten Vergehen überhaupt. Es darf einfach nicht sein, dass ein solches widerliches und grausames Verbrechen verjährt und die Täter ungeschoren davonkommen.“

Nun wird sich zeigen, ob er als Bundesjustizminister zu seinen Worten von damals noch steht und diese auch umsetzt.

Welche Fraktionen sind denn dem Anliegen einer Ausweitung der Verjährungsfristen gegenüber aufgeschlossen, wo stoßen Sie bei dem Thema auf taube Ohren?

netzwerkB hat kürzlich mit einer Postkartenaktion alle Politiker im Deutschen Bundestag, die Justizminister der Bundesländer, Jugend- und Familienminister der Länder, Mitglieder des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz, alle Bistümer, so wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bundesministerium der Justiz und Verbraucherschutz über das besagte Schreiben von Heiko Maas informiert.

Die Linke hat sich dazu bislang noch nicht geäußert. Ob die Aufhebung der Verjährungsfristen mehrheitsfähig sei, wurde in dieser Partei bisher nicht diskutiert, gab uns Dr. Alexander Neu, MdB, in einem Interview bekannt.

Dr. Karl-Heinz Brunner, MdB und Mitglied im Rechtsausschuss, sagte uns, dass Heiko Maas bereits angekündigt hätte, die Verjährungsfristen zu überarbeiten. In welchen Bereichen ein endgültiger Wegfall von Verjährungsfristen zu tragen kommen kann, soll sich angeblich am Ende des parlamentarischen Verfahrens zeigen.

Katja Keul, MdB, Sprecherin im Rechtsausschuss von Bündnis 90/Die Grünen ist der Meinung, dass wir da etwas breiter diskutieren sollten, „da müsste man gucken was für Taten sind es, wo wir als Gesellschaft sagen, wo können wir, ähnlich wie bei Mord, gar keine Verjährung ertragen“.

Die rechts- und verbraucherpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Elisabeth Winkelmeier-Becker, hat uns kürzlich persönlich mitgeteilt, dass sie sich auf den Koalitionsvertrag berufen würde und zu dem Thema alles gesagt sei. Darüber hinaus sehe sie keine Veranlassung zu einem Interview. Des Weiteren bittet sie uns, von weiteren Zusendungen jeglicher Art abzusehen. „Ich werde sie künftig weder annehmen noch aufbewahren“, schrieb sie uns.

Haben Sie sich seit 2010 nochmals persönlich an Bundesjustizminister Heiko Maas, der ja selbst ein Mitglied der Katholischen Kirche ist, gewandt und falls ja, wie hat er reagiert?

Das haben wir mehrfach getan. Bundesminister Heiko Maas hat mir kürzlich mitteilen lassen, dass die Vorgabe im Koalitionsvertrag, die strafrechtliche Verjährung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zukünftig nicht vor dem 30. Lebensjahr der Missbrauchsopfer einsetzen zu lassen, vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz in einem weiten Sinne verstanden wird und soll auch angeblich in einem solchen Sinne umgesetzt werden. Wörtlich heißt es in dem Schreiben: „Es geht danach nicht etwa nur darum, dass die Verjährung zukünftig nicht vor Vollendung des 30. Lebensjahres des Opfers eintreten soll. Vielmehr soll zukünftig die – je nach Schwere des Delikts geltende – Verjährungsfrist nicht vor Vollendung des 30. Lebensjahrs des Opfers zu laufen beginnen.“

Vor kurzem hat netzwerkB eine Umfrage vom Meinungsforschungsinstituts infratest dimap durchführen lassen. Die Frage war, ob die Verjährungsfristen für Sexualstraftaten an Minderjährigen abgeschafft werden sollen. Mit dieser Aufhebung würde sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern und Minderjährigen strafrechtlich auf Ebene mit Mord gestellt. Wie wollen Sie das begründen?

Wir können es in einem Gedankenexperiment verdeutlichen: Wenn ein Opfer von einem Mann für 50 Jahre ins Koma geprügelt wird. Warum soll das Opfer nach 50 Jahren, wenn es erwacht, nicht mehr das Recht haben, diese Tatsache zur Anzeige zu bringen?

Nach Auffassung von netzwerkB zeigt sich klar, dass bei sexualisierter Gewalt das Nicht-Erinnern Teil des Verbrechens ist. Auch wenn der Täter diese Verjährung nicht intentional erzwingen wollte, so war die Verdrängung des Betroffenen aufgrund der schweren Schädigung doch Teil seiner Tat. Zu deutsch: Er wusste bei der Straftat, dass er den Betroffenen in seiner prinzipiellen Freiheit beschädigt.

Laut der Umfrage von infratest dimap sind derzeit 86 Prozent der Deutschen der Meinung, strafrechtliche Verjährungsfristen für Sexualstraftaten an Minderjährigen sollten generell aufgehoben werden. Das Volk spricht hier eine klare Sprache – die Politik hinkt da noch etwas hinterher.

Eine Aufhebung der strafrechtlichen Verjährungsfristen würde „ex nunc“ wirken, also nicht für die Vergangenheit. Menschen, die in der Vergangenheit Täter geworden sind, würde eine Aufhebung nicht betreffen.

Die rückwirkende Abschaffung von Verjährungsfristen bei sexueller Gewalt gegen Kinder lehnt der Gesetzgeber mit der Begründung ab, dass sich die Täter/innen auf das Gesetz verlassen können sollen. Die Täter/innen also, die bereits zum Zeitpunkt der Ausübung ihrer Straftaten wussten, dass sie das Gesetz brechen – dieses also bewusst taten –, die sich dadurch aber in den meisten Fällen nicht von Wiederholungen abhalten ließen, notorische Gesetzesbrecher also, sollen darauf vertrauen können, dass der Rechtsstaat ein Rechtsstaat ist und sie nicht rückwirkend für ihre Straftaten zur Rechenschaft zieht.

Den Betroffenen dagegen, deren Grundrechte durch diese Straftaten massiv verletzt wurden und die häufig für ihr ganzes weiteres Leben schwer beeinträchtigt sind, kann offenbar zugemutet werden, dass der Rechtsstaat die gegen sie verübten schweren Straftaten ab einem gewissen Zeitpunkt als nicht geschehen betrachtet bzw. „die Rechtsgemeinschaft an deren Ahndung nur noch ein untergeordnetes Interesse hat“, das ist der sogenannte Rechtsfrieden.

Es wird also deutlich: Verjährungsfristen bei sexueller Gewalt gegen Kinder nützen nicht den Betroffenen, sondern den Täter/innen. Warum steht der Täterschutz noch immer im Vordergrund dieser Gesetzgebung?

Am vergangenen Mittwoch ist der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, mit Kabinettsbeschluss für weitere fünf Jahre in seinem Amt bestätigt worden. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Diese Entscheidung dient aus unserer Sicht nur dazu, der Gesellschaft erneut zu suggerieren: schaut her, wir tun was. Die vergangenen vier Jahre sprechen jedoch eine klare Sprache, nämlich dass die Opfer auf die angeblich schnelle Hilfe bis heute immer noch warten. Leere Worte und ein paar Plakate, sowie freiwillige Selbstverpflichtungen hat Herr Rörig in seiner Zeit eingebracht. Das Thema Aufhebung der Verjährungsfristen hat er von netzwerkB übernommen und das auch nur halb, denn er setzt sich nicht für die komplette Aufhebung ein. Dieses verordnete fünfjährige Nichtstun der Politik ist für uns unerträglich.

Aus unserer Erfahrung heraus dient die Stelle des Bundesmissbrauchsbeauftragten nur dem Hinhalten der Betroffenenverbände, damit am Runden Tisch die großen Täterorganisationen ihre Vorstellungen von einer täterfreundlichen Welt weiterhin durchsetzen können.

Der Missbrauchsbeauftragte war in den vergangenen Jahren der Verwalter des Versagens der Politik – geplant sind nun weitere fünf Jahre.

Weshalb bezeichnen Sie den Missbrauchsbeauftragten als Verwalter des Versagens der Politik?

Wir halten die Ergebnisse des Runden Tischs für komplett unbrauchbar. Hier nur ein Beispiel: Auf Druck der am Runden Tisch beteiligten Organisationen hin wurde im Sommer 2013 von der Öffentlichkeit unbemerkt die Meldepflicht für Ärzte und Therapeuten abgeschafft, Hinweise auf drittverursachte Gesundheitsschäden, einschließlich der Angaben der Ursachen und dem möglichen Verursacher, den Krankenkassen mitzuteilen, gemäß § 294a Sozialgesetzbuch V. Die Täter bleiben nunmehr von Regressforderungen verschont. Die Kosten werden auf die Allgemeinheit umgelegt. Die Chance auf Beweissicherung wird auch hier unterlassen. Damit wurde der Täterschutz komplettiert.

Sie sprachen eben davon, dass die „großen Täterorganisationen“ ihre Vorstellungen von einer „täterfreundlichen Welt“ durchsetzen wollen. Das richtet sich an die Kirchen, oder?

Nicht nur an die Kirchen, sondern u.a. auch an das Schulsystem der Odenwaldschule.

Glauben Sie denn wirklich, dass die vielen katholischen Eltern in Deutschland eine „täterfreundliche Welt“ wollen?

Nein, es ist das gesamte System, welches immer noch den Eltern vermittelt, möglichst nichts zu merken. Mit dem vierten Gebot, „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“, wird über die Gewalt innerhalb der Familie nach wie vor ein Deckmantel des Schweigens ausgebreitet. Erst wenn hier das Schweigen ein Ende hat und die Kinder ihre Rechte einfordern können, wird die Gewaltspirale innerhalb der Familie durchbrochen.

Medizinische Experten sagen dazu, dass Pädophilie eine sexuelle Präferenz ist, die nicht heilbar ist. Es geht hier also um den Umgang mit kranken Personen.

Sie sagen aber auch, dass die Ursachen noch nicht erforscht sind und es steht auch fest, dass man nicht als Verbrecher geboren wird.

Wenn jemand in eine Bank einbricht, oder nur solche Gedanken hat, da käme niemand auf die Idee von einer Krankheit zu sprechen. Kindern Leid zuzufügen ist ein Verbrechen und dann muss man es auch so benennen. Dem Täter, oder auch nur dem, der solche Gedanken hat, hilft man nicht wirklich, wenn man ihm sagt, er sei krank und das bis zu seinem Lebensende.


Norbert Denef bei der Übergabe von Postkarten mit der Forderung nach der Abschaffung von Verjährungsfristen bei sexualisierter Gewalt an Minderjährigen am 20. Februar 2014 in Berlin.

Was halten Sie von Präventionsprojekten, die sich auf – potentielle – Täter fokussieren? Sind die kein Ansatzpunkt?

Doch, ja, die sind schon lange überfällig und es gab schon immer Therapeuten, die mit ihnen arbeiten, um an die Ursachen ihrer kriminellen Gedanken zu kommen. Bereits 2006 habe ich in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ gesagt, dass es wichtig und überfällig sei, den Tätern zu helfen. Nur wie die Charité es macht, sei falsch, in dem sie von „Liebe und Zuneigung“ spricht.

Meinen Sie die Berliner Charité? Inwiefern spricht man dort fälschlicherweise von „Liebe und Zuneigung?“

Mit Liebe und Zuneigung hat sexualisierte Gewalt nichts zu tun, dennoch benutzt die Charité und nicht nur die, sondern ein gesamtes Netzwerk diese Tätersprache. Warum sie sich nicht davon abbringen lassen, trotz jahrelanger Kritik von Opferverbänden, können wir nicht verstehen. Wir sind sehr besorgt darüber, dass diese opferfeindliche Sprache in der Gesellschaft seine Wirkung zeigt. Nämlich, dass die Täter als bedauernswerte Opfer dargestellt werden.

Und wie wollen Sie nun begründen, dass kranke Menschen, die hier zum Täter geworden sind, in einer aufgeklärten Gesellschaft wie Mörder – also wie jemand, der aus Habgier oder heimtückisch einen anderen Menschen getötet hat – verfolgt werden sollten?

Wenn ein Kind vergewaltigt wird, sprechen wir von Seelenmord – der, der es tut, ist ein Mörder. Es wäre wichtig, dass wir als Gesellschaft nach den Ursachen fragen, warum ein Mensch zum Mörder wird, und das wird in der Regel leider nicht getan.

Ich stehe in Kontakt mit einem Mörder, der lebenslänglich im Gefängnis einsitzt. Er hat seine Eltern getötet. Bei der Verurteilung hat sich niemand für die Ursachen interessiert. Er wurde als Kind sexuell missbraucht. Er steht zu seiner Tat und erwartet keine Schuldmilderung. Es wäre jedoch menschlich, wenn wir als Gesellschaft uns mit den Ursachen beschäftigen, warum es zu solchen Taten kommt. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, menschlich behandelt zu werden.

Zuletzt: Was verlangen Sie von der Politik neben der Aufhebung der Verjährungsfristen im Strafrecht? Wie müsste darüber hinaus die Situation von jetzt und in Zukunft betroffenen Menschen konkret verbessert werden?

Es sollte zukünftig möglich sein, dass ein Bundestagsabgeordneter öffentlich sagen kann: „Ich wurde sexuell missbraucht.“ Ohne, dass er ausgegrenzt wird. Wenn das möglich sein wird, hat sich in unserer Gesellschaft viel geändert. Die Politik sollte hier eine Vorreiterrolle einnehmen.

Quelle:
http://www.diesseits.de

Hier können Sie netzwerkB unterstützen:
http://netzwerkb.org/jetzt-unterstuetzen/

8 Kommentare

  1. Gail Raven schreibt am :

    Denef: „Die Kirche ist noch nicht so weit sich zu öffnen. Sie ist noch nicht fähig, mit ihrer eigenen Verantwortung für die Opfer sexualisierter Gewalt umzugehen.“ UNFÄHIGKEIT ist die traurige, aber wahre Erklärung, oder hat jemand eine andere? Die kognitive Dissonanz wird nicht ertragen: Was nicht sein darf, ist auch nicht. So weit ist sie noch nicht, „die Kleine“: die Kirche – und die Politik.

  2. Beate schreibt am :

    Während wir noch versuchen die Verjährungsfrist abzuschaffen, versucht die Politik ganz geziehlt den Tatbestand abzuschaffen. Schon im Kindergarten sollen unsere Kleinen sexuell aufgeklärt, spätestens in der Schule „Pornokompetent“ werden. Von ausserschulischen Personen, Lehrer und Eltern haben weder Zugang noch Mitspracherecht. Ein fernbleiben von diesem „Unterricht“ der von den Eltern erlaubt wird, führt die Eltern in den Knast. (auf klagemauer.tv findet Ihr einen Themenblock zu dem Thema) Ein solcher Job ist doch der Traum eines jeden Pädophilen. Mit ganzen Gruppen von Kindern ungestraft über Sex reden zu dürfen, Ihnen von den eigenen Vorlieben zu erzählen (meine Tochter (14) sagte mir, die Frau, die da kam würde einen dicken Penis einem Langen vorziehen). Was wird hier wohl sonst noch bewegt vor unseren Kindern?
    Hier geht es nicht mehr um Verjährungsfristen, die nicht abgeschafft werden, die streben nach Legalisierung.

  3. Karl Görtz schreibt am :

    „Ein Narr ist, wer daran glaubt, dass nach vier Jahren Akten-Aufräumzeit wissenschaftliche Forschungsarbeit noch möglich sei.“

    Das kommt mir alles so bekannt vor, nur zu einem anderen Aufklärungsbedarf. Im Grunde immer das Gleiche. Das Ziel soll lauten: Wir haben untersucht und jetzt haltet endlich die Schnauze.

    Hier eine Kurzform eines Aufklärungsbedarfs in einem Untersuchungsausschuss:

  4. Karl Görtz schreibt am :

    „Die rechts- und verbraucherpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Elisabeth Winkelmeier-Becker, hat uns kürzlich
    persönlich mitgeteilt, dass sie sich auf den Koalitionsvertrag berufen würde und zu dem Thema alles gesagt sei.“

    Antwort aus http://linksfraktion.de/nachrichten/die-bilanz-mehr-lau/

    „Keines der Vorhaben, die sich CDU/CSU und SPD in ihren Koalitionsvertrag schrieben, wird umgesetzt, ohne das neu hierüber verhandelt werden muss. Insofern waren diesen 100 Tage auch ein täglicher Neuanfang von Koalitionsverhandlungen. Aber ich befürchte, dass die Koalition sich bis 2017 durchwurstelt – die Union, weil sie keine Alternative hat, und die SPD, weil sie noch nicht weiß, ob sie wieder sozialdemokratisch werden will.“

  5. manuela schreibt am :

    wieso, wenn es um die kirche geht, muss man so ein grosses aufhebens darum machen, was die kirche tut oder sagt, denn bei anderen pedos, die in gefaengnissen sitzen, wuerde man auch nicht fragen, was fuer aktionen sie angeblich machen, um pedophilie zu unterbinden!?!? die kirche ist der innbegriff einer masse an pedos und trotzdem werden sie weder eingesperrt noch verurteilt, weil die opferkinder keine zeit haben, sie auch nach langer zeit noch bestrafen zu lassen, wegen der verjaehrungsfristt und weil die kirche ihre pedos schuetzt ( also pedo schuetzt pedo). zusaetzlich stehen sie immer wieder da und duerfen auch noch sagen“ wir tun ganz viel, die kirche pedofrei zu kriegen blabla“ aber die, die da reden sind pedos, schon mal gemerkt? somit kann man nicht ernst nehmen, was sie sagen oder angeblich tun. seit wann sind pedos ehrlich und bekaempfen sich selbst???
    das gesetz, also wir alle, muessen sie bekaempfen, sodass sie aufhoeren, kinder zu vergewaltigen. ausserdem muessen wir alle das bestehende gesetz bekaempfen, sodass pedos nicht pedos vor strafe schuetzen koennen. zusaetzlich muss die kirche verarmen, denn so viel geld wie die haben, finden sie immer auswege. die verarmung kann nur dann stattfinden, wenn alle opfer endlich schadenersatz einklagen koennen verflucht nochmal! gerechtigkeit muss her anstatt ewiges blabla von pedos, die andere pedos schuetzen!

  6. Hubert schreibt am :

    ich lese viel zu oft das Wort Forschung Forschung Forschung. Forschung braucht das Thema längst nicht mehr. Die Ergebnisse aus bisheriger Forschung sind doch längst mehr als ausreichend.
    Was einzig noch fehlt, ist die Bereitschaft zur Umsetzung der Erkenntnisse.
    Genung geforscht!
    Jetzt endlich handeln!

  7. Beate1 schreibt am :

    Ich freue mich über die klare Sprache, auch im Interview- diese ist ein kostbares, rares Gut! Die Probleme auch dem familiären Bereich als Tatort beizukommen, sind groß und haben eine lange Geschichte, und Ursprung z.B. in der immer noch existierenden Idee, dass ein Kind „böse“ auf die Welt kommen könnte. Andere Ursachen werden von vielen Fachleuten immer noch verworfen, dabei wären sie so wichtig um präventiv effektiv zu handeln!

  8. Karl Görtz schreibt am :

    „Wenn ein Opfer von einem Mann für 50 Jahre ins Koma geprügelt wird…“

    Dazu fällt mir ein Satz aus Herrmann Hesses Buch – Unterm Rad – ein:

    „Wenn ein Baum entgipfelt wird, treibt er gern in Wurzelnähe neue Sprossen hervor, und so kehrt oft auch eine Seele, die in der Blüte krank wurde und verdarb, in die frühlinghafte Zeit der Anfänge und ahnungsvollen Kindheit zurück, als könnte sie dort neue Hoffnungen entdecken und den abgebrochenen Lebensfaden aufs neue anknüpfen. Die Wurzelsprossen geilen saftig und eilig auf, aber es ist ein Scheinleben, und es wird nie wieder ein rechter Baum daraus“.

    Herrmann Hesse

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