„Heiligsprechung tut einfach weh“

26.04.2014: Main Post

Norbert Denef suchte nach jahrelangem Missbrauch Hilfe bei Papst Johannes Paul II.

Das Gespräch führte Julius Müller-Meiningen

Bis ins Alter von 16 Jahren wurde Norbert Denef in seiner Heimatstadt Delitzsch regelmäßig von einem Priester sexuell missbraucht. Später wollte der heute 64 Jahre alte ehemalige Messdiener an die Öffentlichkeit gehen. Der Bischof von Magdeburg bot ihm im Jahr 2003 eine Entschädigung in Höhe von 25 000 Euro an, unter der Bedingung, dass Denef nichts von dem Vorfall preisgibt. Daraufhin wandte sich der Katholik mit der Bitte um Hilfe an Papst Johannes Paul II. Der antwortete in einem persönlichen Brief, er werde Denef in sein Gebet aufnehmen. Außerdem solle er Gott um Beistand für seine „innere Heilung und um die Kraft der Vergebung“ bitten. Denef versuchte daraufhin, sich das Leben zu nehmen. Nun kritisiert er die für Sonntag geplante Heiligsprechung Karol Wojtylas. „Johannes Paul II. war in seiner Amtszeit verantwortlich für das Verschweigen, Verleugnen und Vertuschen von sexualisierter Gewalt“, sagt Denef. Ein Gespräch über die Verantwortung von Wojtyla und seinem Nachfolger Papst Benedikt sowie die Rolle von Franziskus.

Herr Denef, mit welchem Gefühl blicken Sie auf die Heiligsprechung von Johannes Paul II. am Sonntag auf dem Petersplatz in Rom?

Denef: Das tut einfach weh. Das ist wie Salz in tiefen Wunden, die immer noch offen sind. Mein Fall beweist, dass Johannes Paul II. hauptverantwortlich für das Vertuschen und Verschweigen vieler Verbrechen ist.

Was ist Ihnen passiert?

Meine persönliche Geschichte ist nicht wichtig, aber ein Fall, der stellvertretend für viele andere steht. Ich wurde bis zu meinem 16. Lebensjahr von einem Priester sexuell missbraucht, bis ich 18 Jahre alt war auch vom Leiter eines Kirchenchors. Ich habe 35 Jahre lang geschwiegen.

Was ist anschließend passiert?

1996 habe ich den ersten Täter angezeigt, erst zehn Jahre später konnte ich auch den zweiten Täter benennen. Ich war psychologisch blockiert. Als ich 2003 eine Entschädigung von der katholischen Kirche forderte, bot mir das Bistum Magdeburg 25 000 Euro an, unter der Bedingung, dass ich wieder schweigen würde. Ich konnte aber nie wieder schweigen, auch nicht, wenn sie mir zehn Millionen Euro geboten hätten.

Welche Rolle hatte Johannes Paul II. in Ihrer Geschichte?

In meiner Verzweiflung dachte ich, jetzt wende ich mich an den Chef der gesamten Institution. Ich hatte die ehrliche Hoffnung, dass der Papst den Bischof von Magdeburg maßregeln könnte, der mich wieder zum Schweigen bringen wollte. Nach einem halben Jahr kam der Brief aus Rom.

Was stand da drin?

Mir ging es damals schlecht, ich war in einer Psychoklinik. Am 27. April 2004, exakt zehn Jahre vor der Heiligsprechung am Sonntag, kam dieser versiegelte, beinahe mystisch wirkende Brief aus dem Vatikan. Der Papst schrieb mir, dass er für mich beten würde und ermutigte mich, für meine innere Heilung und die Kraft der Vergebung zu bitten. Wen sollte ich jetzt noch fragen? Es war, als sei ein Licht ausgegangen. Kurz darauf versuchte ich mir, das Leben zu nehmen. Der Versuch schlug fehl.

Johannes Paul II. wird vorgeworfen, den mexikanischen Priester und Gründer der Legionäre Christi Marcial Maciel Degollado, der Dutzende Kinder und Jugendliche missbrauchte, gedeckt zu haben oder auch den ehemaligen Bostoner Bischof Bernard Francis Law. Warum machen Sie Wojtyla persönlich verantwortlich?

Auch wenn er damals schon nicht mehr gesund war, hatte er doch die Verantwortung für seinen Betrieb. Dass er oder seine Leute mich aufforderten, zu beten und alles unter der Decke zu halten, ist der Beweis dafür, dass weiterhin vertuscht werden sollte. Das ist ungerecht. Da kann sich niemand herausreden. Er hat in den 26 Jahren seines Pontifikats verschwiegen, verleugnet und vertuscht, obwohl er genau gewusst hat, was da abgelaufen ist.

Warum sind Sie sich so sicher, dass der Papst Bescheid wusste?

Ich habe 2003 die gesamte Dokumentation meines Falles an den Vatikan geschickt. Es passierte nichts, bis heute. Es ist ein Verbrechen, jemanden zum Schweigen zu zwingen, der schon 35 Jahre lang geschwiegen hat. Und das nur, damit die Kirche keinen Schaden nimmt.

Wieviele Menschen in Deutschland wurden Opfer sexueller Gewalt durch die katholische Kirche?

Seriös kann man das nicht beziffern. Ich habe allein 20 000 Zuschriften anderer Opfer bekommen, seit ich an die Öffentlichkeit gegangen bin. Die Dunkelziffer ist gigantisch, die meisten nehmen ihre Erinnerungen mit ins Grab.

Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen?

Die staatlichen Verjährungsfristen müssen aufgehoben werden, denn die Opfer wagen, wenn überhaupt, oft erst nach Jahrzehnten, die Taten anzuzeigen. Außerdem müssten die Verbrechen von externer Seite aufgeklärt werden. Wenn die Mafia sagen würde, wir klären unsere Verbrechen selbst auf, würden sich alle an den Kopf fassen. Verbrecher können ihre eigenen Verbrechen nicht wirkungsvoll aufklären, auch die Kirche nicht.

Dabei gibt es doch Bestrebungen zur Aufklärung, auch Benedikt XVI. wurde gelobt, er habe viel bei der Aufklärung bewirkt.

Diese Ansichten werden in den Medien verbreitet. „Benedikt entlässt 400 Priester“, solche Schlagzeilen. Ratzinger war die rechte Hand Wojtylas. Was hat er als Papst denn für die Opfer getan? In Deutschland speist man die Opfer mit etwa 5000 Euro ab, dann soll Ruhe sein. Das ist nicht einmal die Hälfte eines monatlichen Bischofsgehalts. Viele Opfer, von denen eine große Zahl in schlimmen sozialen Schwierigkeiten steckt, nehmen das Angebot an.

Wie sehen Sie die Rolle von Papst Franziskus in der Debatte um die Aufklärung von sexuellem Missbrauch?

Franziskus könnte derjenige sein, der endlich etwas ändert. Aber es genügt nicht, eine Kommission zum Thema zu berufen. Die Verbrechen müssen aufgearbeitet werden, auch wenn es weh tut. Vielleicht muss die Kirche ihre Güter für die Entschädigung der Opfer verkaufen. Aber nur durch die Aufarbeitung der Fälle könnte das Vertrauen wieder gestärkt werden und der Glaube an Jesus wieder aufblühen.

Norbert Denef: Als Kind und Jugendlicher wurde Norbert Denef, Jahrgang 1949, von einem Priester sexuell missbraucht. 35 Jahre nach den Taten sprach er erstmals über die Verbrechen. 2010 gründete er einen der inzwischen größten Opferverbände in Deutschland, das Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt, kurz netzwerkB. Denef ist Sprecher des Verbands.

 

Quelle: MAIN POST 25.04.2014 

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