10 Kommentare

  1. Bernd Chall schreibt am :

    Sehr gute Darstellung der Zeitgeschichte weiter machen Du hast das Sein und das Wissen und meine Kraft .

  2. Richard schreibt am :

    Der schriftliche Originalbeitrag vom 11.4. von Norbert Denef ist ein sehr besonderer Beitrag auf dieser Webseite, den ich oft gelesen habe. Schön, dass Sie ihn für den Vortrag gewählt haben.

  3. eliana schreibt am :

    Wie schön, dass Sie gerade darüber gesprochen haben!
    Einen ähnlichen Vortrag könnte man über den Lolita-Mythos halten.
    Die kultivierte Gesellschaft bedient sich der Kunst und Literatur, um die sexuelle Ausbeutung der ihr anbefohlenen schutzlosen Kinder zu bemänteln. Und wollen wir nicht alle „kultivierte Gesellschaft“ sein? Der sexuelle Missbrauch ist zutiefst mit unserer Kultur verwoben.

  4. Anne Rabe schreibt am :

    Lieber Herr Denef,

    ein Vortrag auf den Punkt! Großartig!
    Ich habe schon oft daran gedacht, wie uns als Kindern oft genug gesagt wurde: die Knabenliebe der Griechen und Römer sei doch der Beweis dafür, dass Homosexualität normal sei, dass das beweise, dass die Betrachtung von Sexualität immer im zeitgeschichtlichen Kontext zu betrachten ist. Homosexualität und Pädophilie wurden wie so oft gleichgesetzt. Gerade bei Thomas Mann ist das ja der Fall. Da heißt es immer, er sei mehr oder weniger verdeckt schwul gewesen. Als wir im Deutsch-LK ,Der Tod in Venedig‘ lasen, hat niemand über Pädophilie gesprochen. Wir Schüler schon gar nicht, aber es scheint auch unter den Lehrkräften nie eine Frage aufgekommen zu sein. Dabei wäre das doch eine gute Möglichkeit gewesen. Auch als wir in der 10. Klasse Bernhard Schlinks ,Der Vorleser‘ durchnahmen, wurde die Beziehung des 15jährigen Protagonisten zu der 35jährigen Analphabetin nie in Frage gestellt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie einige Jungs die Nase rümpften, als es schon am Anfang des Textes über den Jungen heißt, dass er vom Schweißgeruch der Frau erotisiert war. Unsere Lehrerin kommentierte das damit, dass wir wohl noch keine Ahnung von der Sexualität hätten, wenn wir nicht wüssten, dass der Autor hier eine beginnende Liebesbeziehung beschreibt. Unser Ekel war lächerlich. Wir waren im gleichen Alter wie der Erzähler der Geschichte, aber dass uns die Stelle aufstieß, war kein Grund zur Skepsis.
    Es geht mir nicht darum Werke zu verdammen. Es ist Literatur. Aber die könnte eben auch ein Anlass sein zur Diskussion. Zu der Frage, was lest ihr da? Geht es euch so, wie den Figuren? Könnt ihr Aschenbach verstehen? Oder dem Jungen aus dem Vorleser? Aber man fragt Kinder nicht einmal danach. Was geschrieben steht und was erfolgreich ist, vielleicht Kanon wird nicht hinterfragt. Ich will keine streitlose Literatur, keine politisch korrekte, aber sie sollte doch Anlass sein über Machtverhältnisse und Missbrauch zu sprechen, darüber was zwischen Menschen vorgeht. Wenn es um Gesellschaftskritik geht, fällt das auch Lehrern nicht schwer, dann liest man eben Kabale und Liebe und spricht über die Standesunterschiede, die es zu überwinden galt etc.

    Das würde ich mir wünschen, dass das eine größere Rolle spielt im Umgang mit Kindern, denn das spiegelt nicht nur für Betroffene die Wirklichkeit, in der sie leben, das Unrecht, das ihnen widerfährt, sondern gibt auch nicht Betroffenen ein klareres Bild von der Welt, von der Gesellschaft, die wir bilden wollen und macht sie sensibel. Bewahrt sie vor den Ausreden wie ,kann doch sein, dass sie/er ihn/sie verführt hat‘, ,wer weiß, ob sie/er das nicht auch wollte‘. Klärt Machtverhältnisse und Grenzüberschreitungen und trägt letztlich zum Selbstbewusstsein dazu. In dem man nämlich nicht sagt: du bist dumm, wenn du das nicht verstehst sondern fragt: wie empfindest du und bestätigt, dass diese Empfindung nicht falsch ist,

    Vielen Dank für den Beitrag und das Teilen,
    Anne Rabe

  5. eliana schreibt am :

    @Anne Rabe: Die vom Institut für Demokratieforschung Göttingen durchgeführte Studie (vgl. das von prospero verlinkte Interview zum Abschlussbericht über Pädophilie/Pädokriminalität bei den GRÜNEN) zeigt, dass bereits ab den 1970er Jahren ein vielfältiger gesellschaftlicher Diskurs über eine Enttabuisierung von Pädophilie wie die Legalisierung von Pädosexualität stattgefunden hat.
    Prof. Franz Walter sagt am Ende des Interviews, dass einige Fragen immer noch offen seien: „Warum haben auch und gerade Publikumsverlage Schriften von Pädophilie-Apologeten verlegt – und ordentlich Gewinne eingestrichen, weil es eben viele zehntausend Leser gab? Warum interessiert es bis heute niemanden, dass große Geister der Wissenschaft und Literatur, nach denen weiterhin Wissenschaftspreise oder ganze Institute benannt sind, bekennende Pädophile waren? Man geht darüber mit lässiger Großzügigkeit – nach dem Motto: Genies sind eben anders – hinweg.“

    Das muss uns doch zu denken geben!
    Auf keinen Fall wollen wir nur noch politisch korrekte Literatur oder gar Zensur. Aber unsere Gesellschaft muss auch die Reife zeigen, diese Freiheit von Literatur und Kunst sinnvoll und verantwortlich zu nutzen. Diese unsere heutige Gesellschaft ist längst noch nicht bereit geschweige denn fähig zu den von Ihnen, liebe Anne Rabe, gewünschten kritischen begleitenden Gesprächen im Deutsch-Unterricht. Das Thema Pädosexualität/Pädokriminalität inklusive der Opferperspektive (Traumatisierung fürs Leben) gehört an die Uni, in die Literaturwissenschaft, in die Didaktik, die Lehrerausbildung etc. Da stehen wir noch ganz am Anfang – wenn überhaupt die Bereitschaft da ist, was ich bezweifle.

  6. hildegard schreibt am :

    Anne Rabe, bei dieser Lehrerin bricht sich (vielleicht unbewusst) versteckte, psychische Gewalt ihre Bahnen, womöglich folgenschwere bei den genannten 15-Jährigen. Weil es der Lehrplan so will? Keine Diskussion? – keine Diskussion.

    ‚Schule‘ müsste aber doch jede Gelegenheit einer positiven Streitkultur in diesem Alter nützen, um die Pflicht zur Eigenverantwortung einer jeder Person zu betonen. Denn bilden sich da nicht gerade junge Persönlichkeiten? – und keiner dies zur Kenntnis? – niemand nimmt dies wahr?

    Mir scheint:
    Lehrer dürfen [auch] nicht merken, haben sich strikt an ihre Vorgaben zu halten. Für mehr ist keine Zeit. Weil kein Geld für genug Personal, wenn „gute Gespräche“ anstehen …?…!

    Wo wird Gewalt in Schulen überhaupt noch thematisiert, wenn selbst Literatur unreflektiert bleibt?

    Geht es den Lehr-Planern um Wissen? – um Literatur? – oder soll es um Erziehung gehen?

    Wann eigentlich geht es in diesem Staat primär um LEBEN – um die Erziehung zu gewaltfreiem Leben, um Für- und Vorsorge zu GEWALTFREIHEIT – wenn dies nicht in allen Bildungseinrichtungen durchgehend bei jedem Kind ankommt?

    Knabenliebe, Inzest … – die Formen der Pädokriminalität offenbaren die ganze Schwäche ‚gekränkter Kinder‘ hinter Tätern. Die selbst als Kind entwicklungsgestörten Täter zerstören wieder und wieder zwanghaft die freie Entfaltung eines weiteren jungen Menschen – Teufelskreise der Gewalt!

    Die Macht über junge Menschen in ihrer Unerfahrenheit verfügen zu wollen – das war eigenes Erleben und Erleiden.
    Der gewaltige Machtwille – bleibende Spuren in anderen zu hinterlassen, zwanghaft sich selbst verewigen zu wollen – soll das ewig so bleiben?

    Die SUCHT nach Lust – in der langen Geschichte ‚in sich SELBST‘ vernarrter Menschen – entstammt einem Machtanspruch über das Bild, das der Mensch sich von sich selber bilden musste …

  7. hildegard schreibt am :

    eliana – genau: … wenn überhaupt die Bereitschaft da ist, was [auch] ich bezweifle!

  8. eliana schreibt am :

    Mir fällt gerade auf, dass wir einen ziemlich pessimistischen Ton in die Diskussion tragen. Dabei ist es doch toll, dass hier so eine differenzierte und kluge junge (?!) Stimme wie die von Anne Rabe zu lesen ist. Finde ich prima. Damit beginnt doch schon die Veränderung …

  9. rasch schreibt am :

    hi
    ich freue mich daß Norbert weiterhin stark und aufrecht bleibt.
    Ich will dieses Buch lesen…
    Außerdem habe ich ein wenig recherchiert da Golo Mann, wohl der jüngste Sohn von Thomas Mann in der Tillmanns Villa in Leverkusen Biesenbach Neucronenberg wohnte.
    Habe dazu ein Spiegelinterview gefunden und AHA!
    So sieht also Knabenliebe aus. Der Vater stach ihn mit einer Nadel und davon hegte er noch in späten Jahren Alpträume.
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-30220143.html

  10. eliana schreibt am :

    Sexuelle Ausbeutung eines Jugendlichen in der Literatur: Noch etwas zu Anne Rabes Beitrag: Meine Lektüre des Romans ist schon Jahre her und ich habe zig Rezensionen zum „Vorleser“ gelesen, aber ich erinnere mich nicht, dass dort eingegangen würde auf den Themenkomplex der sexuellen Ausbeutung eines 15-Jährigen durch einen Erwachsenen, in diesem Falle eine Frau, zudem eine NS-Täterin. Was macht dieser Aspekt des Machtmissbrauchs mit dem Jungen und seiner Zukunft? Wurde das irgendwo erörtert? Ist es überhaupt im Buch thematisiert? Der Autor dieses Weltbestsellers ist Jurist und Richter, wie hat er diesen Aspekt im Roman behandelt? Ich bitte um Hinweise.

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