„Prostitution ist Drecksarbeit, nicht Sexarbeit“

06.12.2014: DIE WELT

Die meisten Prostituierten arbeiten freiwillig? Für die Frauenrechtlerin Lea Ackermann ist diese These die „große Lüge der Frauenpolitik“. Ein Gespräch über einen merkwürdigen „runden Tisch“ in NRW.

Als Lea Ackermann erstmals las, wer da alles am „Runden Tisch Prostitution“ saß, glaubte sie, sich verlesen zu haben. Anschließend dachte sie an einen Druckfehler.

Und erst danach realisierte sie, dass es wirklich so war: Das Emanzipationsministerium in NRW hatte Bordellbetreiber, Prostituierte und Freier eingeladen, Empfehlungen für die künftige Prostitutionspolitik des Landes zu erarbeiten. Vier Jahre tagte der Runde Tisch (an dem auch Kommunalvertreter und Ministeriumsmitarbeiter saßen). Dann legte er seine Empfehlungen vor. Rot-Grün war angetan. Aber auch die CDU kritisierte den Bericht vergangene Woche nur punktuell und stimmte in vielen grundsätzlichen Fragen zu.

NRW plädiert nun also fast geschlossen dafür, Prostitution von jedem Imagemakel zu befreien und die Frauen für ein Leben in, nicht außerhalb der Prostitution zu stärken. Kurz: „Es soll keinen Grund mehr geben, seinen Körper nicht zu verkaufen“. Auf diesen Nenner bringt es Lea Ackermann, Vorsitzende der Frauenrechtsorganisation Solwodi. Und nur bei Frauenrechtlerinnen wie ihr gibt es noch grundsätzliche Kritik an diesem Kurs. Ein Gespräch mit dem außerparlamentarischen Widerstand.

Die Welt: Frau Ackermann, der runde Tisch war mutig, auch Freier und Bordellbetreiber einzuladen, oder?

Lea Ackermann: Das mag man so sehen. Der „Berufsverband für sexuelle und erotische Dienstleistungen“, also die Lobby der Bordellbetreiber, durfte bisher noch nirgendwo die Politik beraten. Auch dass Prostitutionskunden Rot-Grün empfehlen durften, wie man mit Prostitution umgehen soll, ist bemerkenswert. Allerdings bemerkenswert naiv – weil das nur zu einseitigen Ergebnissen führen konnte. Weiter lesen…

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8 Kommentare

  1. Lisbeth schreibt am :

    Danke für das Posten dieses Interviews.

    Es kann nicht oft genug wiederholt werden, dass sogenannte Sexarbeit keine Arbeit ist, sondern eine höchst schlimme Notlösung, oft unter direkter Gewalteinwirkung durch andere, oder in Situationen von struktureller Gewalt, die scheinbar keine anderer Wahl lässt oder internalisierte Gewalt, die eine Re- Inszenierung von alten Verletzungen darstellt.
    Auch die so selbstbewusst auftretenden Frauen die gerne in den Talkshows vorgeführt werden, die von ihrer Freiwilligkeit berichten – wenn man tiefer gräbt gibt es immer Gründe, dass ein Mensch seinen/ihren Körper verkauft, oder durch den Verkauf des eigenen Körpers sich eine gewisse Allmacht über Freier vorstellt – auch das nur eine Reinszenierung von erfahrenen Gewaltszenarien – im letzteren Fall mit verschobenen Rollen.

    Ich muss auch immer wieder den Kopf schütteln über Stimmen hier, die Prostitution normalisieren wollen. Das ist in meiner Sicht der falsche Ansatz, da er eine Verletzung von Menschenwürde duldet.

    Es geht mir nicht darum die moralische Keule über Mitmenschen zu schwingen – weder über die Prostituierten noch über die Freier.

    Es geht darum, wie wir mit Mitmenschen umgehen – und wie wir wollen, dass uns andere Menschen begegnen.

    Und wieso, wenn ihr Prostitution nicht als ‚Beruf‘ für euch selbst, eure Töchter und eure Söhne in Betracht ziehen würdet, wieso mutet ihr es anderen Menschen zu?

  2. Elvira schreibt am :

    Die Heilige und die Hure…hier treffen 2 POLE aufeinander.
    Sexueller und subtiler emotionaler Missbrauch wird von Frauen eben auf diese beiden Arten bewältigt. Beide POLE, dienen nicht dem LEBEN, sondern jeweils auf ihre besondere Weise dem TOD…DAS was fehlt, ist die HEILENDE MITTE…und die kann jede FRAU nur für sich SELBST finden, das kann kein anderer für diese FRAU tun und diesen WEG, der weglose Weg kann in letzter Konsequenz nur von ihr ALLEIN gegangen werden…
    Elvira

  3. Elvira schreibt am :

    NACHSATZ:

    und es bleibt letztendlich der FRAU überlassen, welchen Weg sie wählt…einen der POLE oder den Weg in die heilende Mitte…keine FRAU darf gezwungen werden, die FREIHEIT ist das HÖCHSTE GUT!
    Elvira

  4. eliana schreibt am :

    Sehr gutes Interview. Ich schäme mich fremd für den sogen. Runden Tisch in NRW, ich ekele mich vor soviel Dummheit fast noch mehr als vor besagter „Drecksarbeit“. Es gibt keine Sex-„Arbeit“, wie können grün-rote PolitikerInnen diesem Euphemismus auf den Leim gehen? Ihre Töchter sollten den Aufstand beginnen!

  5. Angelika Eberl schreibt am :

    Das angebliche Gegensatzpaar: Heilige – Hure ist in Wahrheit kein Gegensatz, sondern künstlich geschaffen, um die Frauen gegeneinander aufzuhetzen. Bitte beachten: Der echte Gegensatz zur Heiligen ist die Hexe, nicht die Hure.
    Deshalb folgte auf die mittelalterliche, übertriebene Madonnenverehrung ihr Gegenbild: der Hexenwahn… mit seinen verheerenden Folgen.
    Die sinnliche Frau, die geliebte Frau, die Heilige, die „Schöpferin“ (Gebärerin), die Athena(Weisheit) gehören zusammen, sind verschiedene Entwicklungsstufen der Anima und sind KEIN Gegensatz.
    Wenn allerdings beim Sex Geld ins Spiel kommt und behauptet wird, der sexuelle Akt könne eine „Dienstleistung“ sein, und Sex eine „Ware“, dann wird es herabwürdigend, denn dann entsteht sofort ein Lust-Ungleichgewicht und ein Machtgefälle – weil, wer zahlt, darf bestimmen, es entsteht ein Herr-Dienerin-Verhältnis und die Gleichheit ist im Sexualakt aufgehoben, die Frau wird vorübergehend käuflich. Das gilt auch für die Domina: Auch sie macht im Grunde doch das, was der Mann will und nicht das, was ihrem Innersten entspricht. Auch sie wird „Magd“, der Mann dagegen ist der „Herr“, weil er bestimmen darf, was er bekommt. Deshalb ist Prostitution immer ungleich und widerspricht dem Gleichheitsgebot, das im GG postuliert wird. Ich finde Prostitution deshalb gegen die Menschenwürde verstoßend.
    Denn wenn die Frau die gleiche Lust hat, wie der Mann, macht sie es ohne Geld, aber auf Augenhöhe und macht nur das, was sie wirklich machen will – und nicht das, was er, für Geld, fordert.

  6. Elvira schreibt am :

    Angelika Eberl!
    JA! Da hast Du RECHT, das ist so…WORTE, wie HURE, HEILIGE, HEXE sind KONSTRUKTE, die nur wenig mit der WAHRHEIT, der Realität zu tun haben…deshalb ist ja auch das Meiste was so geredet und gebrabbelt wird einfach sinnloses ZEUGS…“MIST“ eben…und immer sehr weit weg, selten NAH an dem WAS WIRKLICH ist!
    Worte können wunderbar täuschen, vor allem diejenigen unter uns, die nicht so gut FÜHLEN können…und die SEX, und VerliebtSEIN nicht von LIEBE unterscheiden können und FREIHEIT nicht von Abhängigkeit!
    Elvira

  7. eliana schreibt am :

    @Angelika Eberl: Genau so !!

  8. hildegard schreibt am :

    … und da die mittelalterliche, übertriebene Madonnenverehrung nicht nur in ihr Gegenbild kippte, den Hexenwahn mit seinen verheerenden Folgen, sondern bis in die heutigen Tag immer noch in gewissen Männerbünden gepflegt wird und die r.K. niemals die Gründe dafür einsehen und ausstehen wollte, darf dieser Wahn sich legalisiert an den unterprivilegierten Frauen und den Allerschwächsten austoben …

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