Reden über Reden

01.02.2015: netzwerkB Pressemitteilung

Der Deutsche Bundestag hat am Freitag, 30.01.2015, über die „Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch sicherstellen“ geredet.

Norbert Denef, Sprecher des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt e.V., kurz netzwerkB, nimmt hierzu wie folgt Stellung:

Diese Aneinanderreihung von uninspirierten Reden, vor leeren Rängen, teils schlecht abgelesen, teils so geschrieben und vorgetragen wie ein Studentenreferat, welches in der Nacht vorm Abgabetermin noch kurz geschrieben wurde: Ein bisschen Information aus dem Internet, ein paar Schlagwörter, Gesten, die die Hilflosigkeit der Redner nur unterstreichen.

Füllsätze wie zum Beispiel: „Akten werden gesammelt und gebündelt, und am Ende wird ein Ergebnis vorgelegt.“

Desinteresse oder nur Distanz lugt hinter der Körperhaltung, und immer wieder Untertänigkeit, höfliches Klatschen – ein Panoptikum von Mutlosen.

Parteiliche Querelen wurden als Nettigkeiten ausgetauscht.

Und die politisch korrekten die auf der Besucherbank dabeisitzen durften (wohl auch wollten) nickten freundlich mit – ob der Reden über Reden und darüber, dass noch mehr geredet werden soll.

Weiterführende Information:
Deutscher Bundestag 30.01.2015 ‚Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch‘

_

Für Rückfragen:
netzwerkB – Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt e.V.
Telefon: +49 (0)4503 892782 oder +49 (0)160 2131313
presse [at] netzwerkb.org
www.netzwerkB.org

8 Kommentare

  1. Lisbeth schreibt am :

    Danke netzwerkB!
    Ihr sprecht mir aus der Seele! Ich habe es mir tatsächlich angetan, dieses ganze Video anzuschauen. Grässlich!

    Wo sind da die Perspektiven für die Betroffenen? Wo eine klare Zusage, dass man ihr Leid und ihr Leiden – endlich – ernst nimmt und Hilfen – sofort – zukommen lässt?

    Was da eine Debatte genannt wird, ist gerade das nicht. Es hört sich eher wie eine schon vorher abgekartete Sache an – ja wir reden noch ein bisschen weiter, loben den Röhrig – wofür? für seine Angepasstheit? – und versprechen eine Aufarbeitungskommission.

    Leute, wenn ihr es in den letzten fünf Jahren nicht geschafft habt eine Aufarbeitung ins Rollen zu bringen, wieso meint ihr, dass wir auf dieses Versprechen jetzt reinfallen? Ach ja: Du sollst nicht merken.

    Wacht auf! Und bedankt euch nicht auch noch (dies geht an die nickenden Betroffenen in den Rängen) wenn man euch gehörig verarscht.

    Betroffene wollen nicht nur reden – jammern über ihr Leid und ihre Verluste – wer hat uns denn darauf reduziert? NEIN – ausgejammert ist es.

    Wir wollen, dass dieser Bundestag konkrete Hilfspakete zusammenschnürt (für die Banken geht das doch auch) und konkrete Gesetzesänderungen (Aufhebung von Verjährungsfristen, Anzeige- Meldepflicht) durchpeitscht, um endlich in Deutschland den Täterschutz zu beenden.

    Für die Kinder jetzt und in Zukunft.

  2. lieber norbert,
    ich war bei der bundestagssitzung und muss dir an dieser stelle klar widersprechen. es waren keine lieblos abgelesenen reden, es waren keine studentenreferate, sondern im gegenteil. für eine bundestagsdebatte hatten sich die mdbs ziemlich engagiert und – meines erachtens – glaubwürdig den betroffenen zugewendet. ich halte die idee, eine unabhängige aufarbeitungskommission einzurichten, für prinzipiell gut. ob daraus etwas gutes wird und ob man den beteuerungen der abgeordneten letztlich glauben schenken kann, muss sich selbstverständlich erst zeigen. da gebe ich dir absolut recht. aber: das befördert man wohl nicht, indem man eine debatte lächerlich macht. politik ist sicher kein glattes und einfaches geschäft; aber so gaga ist sie nun auch nicht.

  3. Robert Zentes schreibt am :

    Die Reden über Reden zeigen nur, daß man keinerlei Interesse hat, am Status Quo etwas zu ändern. Die Betroffenen sollten ihre Konsequenzen daraus ziehen und sich nicht länger auf die Politmarionetten verlassen.

  4. o.k. der letzte Sprecher Paul Lehriederer CSU/CDU sagt: “ im Fachgespräch im Familienministerium am Montag mit dem Missbrauchsbeauftragten Rörich, mit dem in März anlaufenden „Betroffenenrat“ im Ausschuss über die Aufarbeitungskommission …“ (Zitat Ende) Ich finde es interessant, das schon letzten Montag im Familienministerium bei Frau Schwesig abgesteckt wurde, dass es einen „Betroffenenrat“ geben wird, obwohl im Parlament noch gar nicht abgeklärt ist, ob der Antrag der Koalisation bei den Betroffenen selbst in seiner Form begrüßt oder abgelehnt wird. Ach ja, Diktat zu sprechen, über die Köpfe der Opfer hinweg, ja, äääähhh , naja, ääähh Heimkinder sind ja nicht in der Lage sich zu äußern oder zu wissen, was für sie gut ist. Die können ja eh nur in geschützten Bereichen über sich und ihr Erlebtes sprechen, die Armen. Mein Gott, was für eine Schmierenkomödie. 41 Parlarmentarier nahmen an der Veranstaltung teil und wollen der Gesellschaft was davon erzählen, dass dies ein gesellschaftliches Problem sei, dass nun endlich Anerkennung und Achtung finden soll. Die Missachtung der Parlarmentarier (ca.600 Stück) nicht der Debatte interessehalber beizuwohnen, um der Gesellschaft zu zeigen, dass dies ein gesellschaftliches Problem ist, zeigt uns Opfern, wie Ernst es diesen Politbonzen der Bundesrepublik es ist, mit unserem Leid. Von den eigentlichen Anerkennen eigener Schuld des Staates, der Übernahme von Verantwortung, keine einzige Silbe. Die Guten sollen die Bundestagsabgeordneten sein, die Bösen das ist die Gesellschaft, und schuldig bleibt am Ende Niemand Nichts.

    Auch wenn ich diese Insellösung „Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs“ verurteile, weil Opfer von Menschenrechtsverbrechen sich untereinander nicht differenzieren lassen, werde ich auf Grund des von jeder Fraktion in dieser Debatte im Bundestag hoch geachteten Mutes jener, die den Stein in das Rollen brachten, über den Missbrauch Minderjähriger aufzuklären, Frau Ministerin Schwesig besonders zu würdigende Personen zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vorschlagen. Ich denke da an die ersten bekannt gewordenen Opfer der Odenwaldschule, ich denke da an Peter Winsierski (Schläge im Namen des Herren), ich denke da an Prof. Manfred Kapeler und ich denke da an einen gesonderten Vorschlag für ein gemeinsames Bundesverdienstkreuz zweier unterschiedlicher Personen, nämlich für Stefan Lauter und Ralf Weber, weil sie gemeinsam, jeder für sich, mit ihren öffentlichen Statements dazu beitrugen, den Opfern von Menschenrechtsverbrechen in Minderjährigkeit der ehemaligen DDR die Angst zu nehmen, sich aus dem Kessel der Verschwiegenheit zu befreien. Zudem würde eine Auszeichnung dieser Personen dazu beitragen, die Geschichtsverklärung der in der Bundestagsdebatte gefürten Behauptung, „das Thema sei seit fünf Jahren erst in der Öffentlichkeit und habe erst seit dem alles in das Rollen gebracht“ zu korigieren. Denn die von mir vorgeschlagenen Kandidaten waren jene, die zu Zeiten, als es noch unpopulär war, über Missbrauch sich öffentlich zu äußern, den Mut aufbrachten dies zu tun und waren jene, die als Vorbild und Richtschnur zu Allem was danach zu diesem Thema auftauchte, dienten.

    Nun zum dem am Anfang erwähnten „Betroffenenrat“, der ja nicht schon personell feststehen und existent sein kann, so lange die Rechtsform der Kommission nicht feststeht. Dies möchte ich hier gerne begründen. Die Eigenschaft und Aufgabe des „Betroffenrates“ muss geklärt werden, ob der Rat als Beirat Überwachungsfunktion oder Mitbestimmung erhalten soll und ob er als Opfervertretung zum Ergebnis der Kommission beitragen soll? Noch ist die Kommission nicht eingerichtet. Der Vorschlag muss jetzt erst mal durch die Ausschüsse. Erst wenn fest steht, welche Rechtsform diese Kommission besitzt, ob sie ein Gremium des Parlamentes ist oder eine Rechtsperson, kann beurteilt werden, ob dieser „Beirat“ auch aus demokratischen Wahlen hervorgehen muss. Distanziert sich der Bundestag rechtlich von den Ergebnissen dieser Kommission und ist sein Gebilde z. B. eine privatrechtliche Personengesellschaft, ist es völlig gleichgültig wer diesem Beirat beiwohnt, weil diese Kommission dann nichts weiter ist als eine Stammtischrunde. Jedoch sollte der Beirat dann darauf achten, sich nicht „Opfer“-Beirat zu nennen, der wohl möglich noch als „Opfervertretung“ zu den Ergebnissen zuarbeiten soll. Das geht natürlich nicht. Sollte die Kommission als Gremium des Bundestages aggieren, denn diesen Anschein erwecken die Reden der Debatte im Bundestag, dann muss der Beirat auch aus demokratischen Wahlen hervorgehen. Hierfür muss es eine öffentliche Wahl und natürlich Kandidaten geben, die sich einer Wahl stellen. Hierfür müssen die Kandidaten sich vorstellen und es muss genügend Zeit geben, sich als Kandidat durch Kandidatur sich zur Verfügung zu stellen sowie genügend Zeit für die Wähler, sich über die Kandidaten zu beraten und sich ein Urteil zu erlauben, auch durch Überprüfung der Aussagen der Kandidaten. So lange jedoch nicht feststeht, zu welchen Bedingungen Opfer der Kommission beisitzen dürfen, so lange sollte man mit sich mit der Äußerung, dass es beisitzende Opfer geben wird zurückhalten. Denn sind die Bedingungen miserabel, wie einst an den Runden Tischen Heimerziehung, werde ich anraten, diesen „Beiräten“ nicht beizuwohnen.

    Mit freundlichen Grüßen Robby Basler http://www.kinderrechte-blog.byme-magazin.de
    und
    https://www.facebook.com/groups/Heimkinder.Sondertribunal/

  5. schneider wolfgang schreibt am :

    Reden über Reden
    So geht das nun schon seit vielen Jahrzehnten!!

    Und warum: weil allen dieses Thema viel zu heiß ist, und man hinter vielem Reden so wunderbar die eigene Ratlosigkeit verbergen kann.

    Ich habe teilweise dieser Debatte aus eigener Erfahrung her gelauscht, habe es aber dann abgeschaltet, weil es aufgrund der von Norbert Denef geschilderten Details einfach nicht mehr zum Aushalten war. Retraumatisierungen der Opfer gehen den Damen und herren Bundestagsabgeordneten bei ihrer eigenen luxuriösen Überversorgung doch mit Verlaub gesagt am Arsch vorbei.

    Traurige Grüße
    Wolfgang

  6. Sehr geehrter Robby Basler,
    nun, alle Infos zu dem von Ihnen zitierten Betroffenenrat finden Sie eigentlich hier:
    http://beauftragter-missbrauch.de/course/view.php?id=174
    Das ist ja nichts neues, neu ist lediglich das der Betroffenenrat wohl auch mit in die Kommision involviert sein soll.

    Ingo Fock

  7. Gertrud Tammena schreibt am :

    Zynismus, Erstarrung, Verbitterung,Hoffnungslosigkeit radikale Ablehnung – dies ist allzu verständlich, aber man kann damit viele Zugewandte vor den Kopf stossen und kaum Jemanden zu einer empathischen und hilfreichen Einstellung im Thema bringen – es gibt auch Betroffenengenerationen nach uns, die besser und verständnisbereiter angehört sein wollen,sollen und müssen – dass viele Altfälle schon ausgebreitet sind, hilft ihnen nicht, auch deren Wahrheiten müssen erneut ausgesprochen, angehört und vorgetragen werden; auch darum braucht es eine gesetzlich geregelte Aufarbeitungskommission.

  8. Ex-Odenwaldschüler schreibt am :

    Auf Zeit online gibt es eine Kolumne von Thomas Fischer,vorsitzender Richter am BGH zu sexueller Gewalt:„Es gibt keinen Skandal“!!!Bemerkenswert ist insbesondere sein Kommentar(Leserbrief)Nr. 210 in dem er auch auf sexuelle Gewalt gegen Kinder eingeht:“..Verbrechen gegen Kinder,die in Wahrheit nicht stattgefunden hat…“.Da wundert mich nichts mehr ,wenn ein solch hochrangiger Jurist diese Position einnimmt!!!Da wird es wohl mit dem Opferschutz bei sexueller Gewalt und Aufklärung der selbigen wohl so schnell nichts in Deutschland!Und es erklärt auch die niedrige Verurteilungsrate!!

Artikel kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Artikel aus den Medien

ARD BRISANT ARD Tagesschau Augsburger Allgemeine Badische Zeitung Berliner Morgenpost Berliner Zeitung DER SPIEGEL derStandard.at DER TAGESSPIEGEL derwesten.de DEUTSCHE WELLE Deutschlandfunk Deutschlandradio DiePresse.com diesseits.de DIE WELT DIE ZEIT FOCUS Frankfurter Allgemeine Frankfurter Rundschau Hamburger Abendblatt Hannoversche Allgemeine Humanistischer Pressedienst Kölner Stadt-Anzeiger Leipziger Volkszeitung Lübecker Nachrichten Mitteldeutsche Zeitung n-tv N24 NDR.de NDR Info Neue Zürcher Zeitung nordwestradio Publik-Forum Saarbrücker Zeitung SPIEGEL ONLINE stern.de SÜDWEST PRESSE Süddeutsche Zeitung taz TP Presseagentur Berlin WAZ WELT ONLINE ZDF heute ZEIT ONLINE