Ich war 13

10.02.2015

Wieviel Mut hat es gebraucht, sich offen dazu zu äussern, was einem als Kind durch den Großvater angetan wurde, einer Person, die bis zum Tag des Verbrechens eine vertraute und liebe Person war. Am Tag der Tat,habe ich ihm wie immer freudig die Tür geöffnet und dann war nichts mehr wie vorher. Und er selbst hat seine Tat, die er vor hatte und auch durchführte, mit den Worten angekündigt ” Das, was ich jetzt mit dir tue, ist Blutschande, dafür komme ich ins Gefängnis” Und er tat es.
Ich war 13 und mein Körper half mir mit dem Schrecklichen fertig zu werden, in dem ich nichts mehr fühlen konnte. Heute, 44 Jahre nach der Tat und schwerster psychischer Erkrankung, weiss ich, was meine Seele nach der Tat mit mir gemacht hat, um Überleben zu können.
Kognitiv habe mich normal weiterentwickeln können, Abi und Studium mit gutem Erfolg abgeschlossen. Ich muss immer wieder daran denken, dass das Abitur auch Reifeprüfung genannt wird. Und hier fängt die große Schere an, denn mein Leben hat sich ja weiterentwickelt und ich habe alles, was nicht gefühlsabhängig war gut bis sehr gut in meinem Leben gemeistert.
Aber emotional bin ich auf der Reifestufe des 13-jährigen Mädchens stecken geblieben. Und das musste irgendwann zu einem großen gesundheitlichen Problem werden. Weil alles, was beziehungsmäßig, also gefühlsmäßig, auf mich mit dem Eingehen einer Ehe und der Geburt der Kinder auf mich zu kam, hat mich über fordert. Und das HST mich krank gemacht, mit der Diagnose ”Persönlichkeitsstörung”. Bis ich nach dem ersten Zusammenbruch, für den ich mich so schämte und mich so schuldig fühlte, irgendwann akzeptieren konnte, dass ich krank bin, kamen 10 qualvolle Jahre mit vielen Aufenthalten in der Psychiatrie und 6 Suizidversuchen, weil ich mich für mein “Versagen so schuldig fühlte und durch die schweren Depressionen sich meine Wahrnehmung so veränderte, dass ich davon überzeugt war, dass es meinen drei Töchtern besser geht, wenn ich nicht mehr da bin.
Dann traf ich auf eine Therapeutin, die mir die Zusammenhänge deutlich machen konnte, diese Auswirkungen des sexuellen Missbrauchs, eines Menschen aus meiner Familie, der bis zu diesem Tag eine wichtige, vertraute Person war. Für Kinder spricht man von Urvertrauen zu den engsten Familienmitgliedern, das war unwiderruflich gebrochen und damit der Grundstein zu Misstrauen anderen Menschen, ganz besonders den nahe stehenden Menschen, aber auch sich selbst gegenüber, gelegt. Und die Folge davon ist, die Seele wird krank.
Meine Therapeutin sagte mir, dass traumatische Erlebnisse im Kindesalter 5 bis 7 Generationen braucht, um aus der Familiengeschichte wieder zu verschwinden.
Und das ist das Schlimme daran, dass ich sehr darauf auf gepasst habe, dass meinen Kindern nichts Schreckliches passiert. Aber durch die furchtbare Erkrankung mit den vielen Suizidversuchen, leiden meine Töchter unter den Auswirkungen dieses Verbrechens, das mein Großvater im vollen Bewusstsein, dass er eine Straftat begeht, begangen hat.
Ich war nicht in der Lage, sie emotional so zu erziehen, wie es unter normalen Umständen mir möglich gewesen wäre.
Und hier möchte ich alle auffordern, die sich rechtlich, politisch und medizinisch mit der Problematik sexueller Missbrauchvon Kindern und Jugendlichen auseinandersetzen.
Stärkt, die Menschen, die schon betroffen sind und somit auch die, die Opfer werden könnten, sich nicht zu verstecken, zu verbergen. Ein Täter hat viele Opfer, direkt oder indirekt. Entwickelt die vielfältigsten Hilfsangebote für die Opfer von Straftaten. Verhindert, dass Täter immer wieder zu Tätern werden und einen unsagbaren persönlichen sowie gesellschaftlichen Schaden verursachen.
Opfer, dieGehör und gute, individuelle Hilfe bekommen, schaden der Gesellschaft nicht.
Ich selbst habe ja ein Abi mit Note 1,3 abgeschlossen, ein Studium erfolgreich mit 2 kleinen Kindern absolviert. Mit drei Kindern die Wende gut gemeistert und in den alten Bundesländern gut etabliert. Drei Töchter, die alle drei ihr Abi gut absolviert haben und zwei erfolgreich ihr Studium abgeschlossen haben. Alle drei junge Frauen, die selbständig ihr Leben organisieren.
Es ist also möglich, mit solch einem Schicksal wie meinem, auch ein eigenständiges, unabhängiges Leben zu leben. Aber wenn die richtige Hilfe, zum richtigen Zeitpunkt mir angeboten wäre,dann hätten meine Kinder nie das erleben müssen, was ein Kind NIE erleben sollte, dass sich die MUTTER, das Leben nehmen wollte. Und ich wäre heute nicht voll erwerbsunfähig und könnte noch für meinen Lebensunterhalt selbst sorgen.
Es sind schon erhebliche finanzielle Einbußen durch die Krankheit eingetteten.

hawe

7 Kommentare

  1. Entlanzifizierung schreibt am :

    Vielen vielen Dank für die Offenheit und den interessanten Artikel. Solche (gut reflektierten) Einblicke hat man ja nicht oft.

    Mich würde interessieren, welche therapeutischen Ansätze, Erkenntnisse, Methoden etc Sie da wirklich weitergebracht haben. Schreiben Sie mir, wenn Sie möchten.

  2. hildegard schreibt am :

    hawe, danke! Dein Beispiel könnte klarer nicht sein und macht es sehr deutlich:

    Mit dem Tat-Tag ändert sich alles, bleibt die Entwicklung eines Kindes stecken.
    Mit der Perspektive, dass sich (unter einem Dach!) in Familien solche Tat-Tage oft noch viel früher, oft über viele viele Jahre häufen, braucht es keine Fantasien, um sich die zunehmende Tiefe der überlebensnotwendigen Abspaltung vorstellen zu können: Tat-Tage. Tat-Nächte. Zerstörte Seelen. Vernichtung. Automatismus. Verselbständigung der Gewalt!
    Wie lange schon …?
    Wie viele Generationen noch?

    Wenn Neurowissenschaftler diesen Fakt doch ALL den Juristen erklären, verständlich und nachfühlbar machen wollten!
    Wenn diese 7-Generationen-verseuchte/verseuchende-Gesellschaft endlich auf Abschaffung der Verjährung bestehen, Zeugen die Taten anzeigen und not-wendige Wahrheitskommissionen einfordern würden! Anders geht’s nicht! SEEL-SORGER_INNEN müssten her!

    Es braucht den Aufstand der Vielen:
    Es ging um Kinder. Es geht um Kinder. Es wird um Kinder gehen …

  3. hawe schreibt am :

    Für mich war wichtig, eine Person zu finden, der ich VERTRAUEN konnte und auf Augenhöhe kommunizieren kann. Diese Therapeutin hat mich erreicht ohne dass ich das Empfinden habe, klein, ängstlich, gehorsam sein zu müssen.
    Folge des Missbrauchs bei mir war unter anderem, dass ich keinem mehr trauen konnte, aber auch mir selbst nicht trauen kann. Das heißt, ich habe mich penibel an Vorschriften gehalten, weil das für mich eine Möglichkeit war, ein selbständiges Leben zu führen.

    Ich habe in der vergangenen Woche die Ablehnung meines Widerspruches erhalten.
    Begründung: Meine Tante, die ich als Zeugin benannt habe, hat bestritten, davon gewußt zu haben und anscheinend noch weitere Angaben über mich gemacht. Diese schriftliche Aussage liegt mir nicht vor. Aber wenn ich Klage beim Sozialgericht erhebe, werde ich wohl die Gelegenheit haben, diese Ausage zu lesen. Es ist genauso, wie mir mein erfahrener Arzt, der auch als Gerichtsgutachter tätig ist,sagte: Die Opfer von sexuellem Missbrauch in der Familie werden erneut zu Opfern wenn sie sich anvertrauen. Ich kann das im Moment auch nur aushalten, weil ich gegenwärtig etwas stabiler bin und meinen Ehemann an meiner Seite habe.
    Aber die Begründung des Amtes für die Ablehnung meines Antrages ist der Hohn.
    Sie sagen, bei mir handelt es sich um PSEUDOERINNERUNGEN, d.h. meine Ärzte und Therapeuten haben mir in den vielen Jahren der Krankenhausaufenthalte und Therapie den Missbrauch eingeredet und für mich ist das jetzt ohne böse Absicht Realität.
    Dann gibt es laut Amt Widersprüche in meiner Aussage, wann ich welche Erinnerungen an die Tat habe.
    Ich habe NIE vergessen, wann dieser Mann mich überfallen hat und Sex mit mir wollte und machte.
    Aber was viele Jahre nicht da war, war was sofort mit dem Tat-Tag mit mir seelisch passiert ist. Ich war 13 und war ja nicht körperlich tot. Also lebte ich irgendwie weiter,es stellten sich Symptome ein, wie Schlaflosigkeit, Essstörung, nicht mit Männern reden können, sowieso habe ich so gut wie garnicht mehr geredet. Körperhaltung „stocksteif“
    Angst alleine zu sein. Totstellreflex, sobald irgendwelche Geräusche sind, wenn ich alleine bin. Keine Kontakte mehr, keine Freundschaften mehr.
    Mit 13 Jahren konnte ich nicht einordnen was da passiert ist mir, auf jeden Fall habe ich eine Entwicklung genommen, die mich auf keinem Gebiet mehr hat „normal“ entwickeln lassen. Ich war seit diesem Tag ständig in Alarmbereitschaft, überfordet und innerlich ganz allein.

  4. Elfi Haase schreibt am :

    Danke hawa, ich hatte durch meine RA Einsicht in die Akten, ein Zeuge leugnet er wäre nie in Halle gewesen, ich hätte ihn gestalkt (3x versucht, mit ihm zu sprechen, wie oft er bei mir in Halle war, ich noch keine Erinnerung an die Ereignisse hatte, unzählbar, teilweise war mein Sohn dabei), aus der Familie kein Rückrat, „der liebe Opa“. UND im Gegensatz zu Dir, wurde mir vorgehalten, so detailgetreue Schilderung könne man nicht machen. Zigmal in Flashbacks wieder erlebt, zig Jahre habe ich die Stellen gemieden, weil ich da immer Panikattacken bekommen habe, zeitlich ist es schwierig. Hätte ich es 2009, nach meiner nichts bringenden Anzeige (Gedächtnisprotokoll, die Kommissare hatten unterwegs einen Autounfall, das Hauptthema!?!), ist heute nicht mehr so deutlich. – Die machen ihre Widersprüche passend. Zeigt unsere Erfahrungaustausche, die sind schriftlich und kann man beweisen. Frag mich jetzt schon, kann man die Zeugen verklagen, wegen Verleumdung, dann müssen sie ja belegen, dass sie nicht lügen?

  5. klaraklara schreibt am :

    Ich bin immer wieder fassungslos, wenn ich von Erfahrungen mit dem OEG lese oder höre.

  6. Eva schreibt am :

    @Elfi Haase
    Von Stalking kann überhaupt nicht Rede sein.

    Ich habe die bittere Erfahrung machen müssen, dass eine Anzeige ohne Anwalt nur Aufregung bringt, da Gedächtnisprotokolle und sogar 50 beleidigende nötigenden Briefe durch die Täter und Arztbriefe strafrechtlich nichts bringen und alles eingestellt wird und nach mehreren Beschwerden von der Generalstaatsanwaltschaft nur die Mitteilung bekommt, dass man zivilrechtlich vorgehen kann, also als „Nörgler“ dasteht.

    Zum Verklagen wegen Verleumdung möchte ich sagen, dass Opfer zunächst Gelder vorschießen müssen und es beim Zivilgericht zunächst den Richtern darum nur geht, ohne dass die Richter sich intensiv mit dem Fall beschäftigt haben, dass der Prozess schnell durch einen Vergleich gelöst wird. Es werden Lügen durch falsche Zeugen oder Täter in der Güteverhandlung nicht einmal überprüft .

    Erst wenn Täter und Opfer keine Einigung finden, fangen die Richter damit an sich mit dem Fall zu beschäftigen. Wie es dann ausgeht steht aber in den Sternen und kostet wieder viel Aufregung und vorzuschießendes zusätzliches Geld.
    Anwälte lassen sich jede Arbeit vergüten. 10.000 € Anwaltkosten sind schnell da.

    Am Ende muss man damit rechnen, dass man auf Teilkosten hängen bleibt.

    Wenn dann die Täter Lügen über den Prozess verbreiten, kann man wieder die Täter verklagen und das „Spielchen“ und Aufregung + Geldvorschuss gehen weiter.

    Mein Fazit: Recht haben und Recht bekommen sind zwei verschiedene Schuhe.

    Deshalb die Gelder lieber für die eigene Gesundheit ausgeben.

  7. hildegard schreibt am :

    … bin fassungslos auch darüber, dass es in unserer „Gewinnernation“ Verliererinnen geben muss, weil Deutschland per Gesetz so viele Frauen unfrei gemacht hat: http://www.emma.de/comment/22847#comment-22847 – so verdrehen gesetzlich geschützte Täter/Gewinner verlogene Gesetze – und das Recht darf weiter verbogen werden? Ganz nach Belieben, Frau Merkel?

    Und die SPD blockiert, die Union resigniert, der Deutsche Frauenrat fehlt?
    Berichte, Beschlüsse, Resolutionen und Konventionen von UN und EU zählt der Brief an Kanzlerin Merkel auf – sie alle werden von Deutschland bisher schlicht missachtet …
    Sexualisierte Gewalt ist gewollt im Vorzeige-Deutschland???

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