Zur Rettung der Odenwaldschule

17.05.2015: netzwerkB

2,5 Millionen sind zusammen, es ist vollbracht, die Odenwaldschule muss (oder braucht) nicht schliessen.
Wer sind die Retter? Warum ist ihnen das wichtig?

Ein Gastbeitrag von Uli Hake

Diese und andere Fragen werden nicht gestellt, ja man schämt sich fast, sie zu stellen, erscheint die Rettung doch zumindest sympathisch, fast schon heroisch. Diese Fragen nicht zu stellen, ist ein Fehler, der gerade im Zusammenhang der Odenwaldschule zu häufig begangen wurde. “Schliessung wäre äusserst täterfreundliche Lösung” oder das nun überall verbreitete Versprechen, “wenn die Odenwaldschule jetzt gerettet wird, dann wird aufgeklärt, ja anders geht’s doch gar nicht, ohne Odenwaldschule gibt’s keine Aufklärung”, das ist plakative Nullaussage und erpressendes Versprechen, bezeichnenderweise wird dies von einschlägig Interessierten in Leserbriefen in der Zeit und der F.A.Z. unter “vom Glauben zum Wissen” angeboten oder unter „die Odenwaldschule wird eine der besten Internatsschulen werden”.

Odenwaldschule spielt auf Zeit

Bevor wir in die Fragen einsteigen, muss darauf hingewiesen werden, dass die Odenwaldschule auf Zeit spielt. Hiess es vergangene Woche noch, dass Freitag die bereits geschlossene Schule endgültig geschlossen wird, wenn die fehlenden Gelder nicht nachweislich durch feste, verbindliche Zusagen gesichert sind, wird nun verkündet, dass der Rest glaubhaft zusammen sei, obwohl sich am Sachstand im Verlauf der Woche kaum etwas geändert hat. Es fehlen feste Zusagen für rund 300.000 bis 600.000 Euro, mehr oder weniger wie zum Beginn der letzten Woche. Klare Zahlen fehlen, entscheidender ist jedoch, wer Kredite und Spenden gewährt.

Wer sind die Retter?

Steigen wir in die Fragen ein: Wer hat Kreditzusagen und Spenden geleistet? Sicherlich die Hälfte stammt von Nostalgikern: Altschülern, Altlehrern und Lehrern, Reformpädagogen und deren Umfeld. Diese Spenden und Kredite sind äusserst problematisch. Die Unfähigkeit der Schule in den vergangenen Jahrzehnten angemessen auf das Desaster zu reagieren, begründet sich in dieser Gruppe der Nostalgiker. Werden Schule und vor allem Namen über die Zeit gerettet, dann wird für diese Menschen der Sozialisationsschaden in den eigenen Biographien gekittet, den diese Menschen als ungerecht empfinden und für den sie schon immer, heute rhetorisch geschickter, die “unverschämten und undankbaren” Opfer des Missbrauchssystems Odenwaldschule verantwortlich machen. Das Interesse dieser Gruppe ist nachvollziehbar, wer verzichtet schon gerne auf das stiftende Fundament einer Vorzeigebiographie, aber es ist kein gesundes Interesse, gelinde gesagt. Durch die Hintertür wird diesen Menschen erneut ein zu grosser Einfluss auf Schulentwicklung und Vergangenheitsbewältigung (oder eben Nichtbewältigung) gewährt. Die dieses Jahr breit publizierte Organisationsreform, die den von Ehemaligen und Nostalgikern dominierten Trägerverein als Schulträger ablösen soll, diese Reform wird hierdurch ad absurdum geführt, gleichwohl wird sie weiterhin öffentlich als entscheidender Baustein für die Erteilung einer Betriebsgenehmigung gepriesen. Als Geldgeber werden diese Menschen wieder zu einer bestimmenden Grösse an der Schule und ihre Argumentation wird und ist schon, wie in jüngsten Kommentaren zu lesen, doppelt perfide: ihr wollt uns nicht nur unsere Vergangenheit und Biographien zerstören, ihr wollt uns nicht nur unsere Vergangenheit und Biographien zerstören, ihr wollt uns jetzt auch unsere neue Odenwaldschule kaputtmachen, die doch so ganz anders ist und wird und für die wir doch alles gerade wegen dieser furchtbaren Vergangenheit tun, die gar nicht so furchtbar war. Richtig verschwiegen wird dabei nicht, dass die Schule nicht so ganz anders sein darf, sie muss nach Odenwaldschule schmecken und riechen, sonst machte das Spenden und Garantieren für diese Menschen überhaupt keinen Sinn. Diese Menschen müssen die Odenwaldschule als ihre Odenwaldschule empfinden, auch und gerade als historisches Kontinuum. Vom “es-war-nicht-alles-schlecht” ist diese Gruppe inzwischen wieder beim “es-war-fast-alles-gut” angelangt: Wo gibt’s und gab’s das schon, parallele CTA-Ausbildung und Schreinergeselle zum Abitur?

Behörden, die irgendwie nicht so richtig hinschauen

Eine zweite Gruppe von Spendern und Kreditgebern ist ebenfalls problematisch: die aktuelle Elternschaft und deren Umfeld. Deren Motivation ist nachvollziehbar, jedoch ebenso egoistischer Natur wie die Motivation der ersten Geldgebergruppe. Mit Abstand und ohne eigene Kinder auf der Schule würde ein Grossteil der Eltern sicherlich zustimmen, dass der Name Odenwaldschule mehr Belastung und Hypothek für die Zukunft der Kinder bedeutet, als Kindern zugemutet werden sollte. Dies wird sich auf Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte hinaus nicht ändern lassen. Das Synonym Odenwaldschule gleich sexuelle Gewalt ist im allgemeinen Sprachschatz Deutschlands aufgenommen. Dass die Schule den Kindern vor Ort und aus beschränkter Perspektive erhebliche Vorteile bietet, ist klar, warum sonst sollte eine Familie bis zu 3.000 Euro im Monat für die Unterbringung eines Sprösslings zahlen? Aber wiegt das den abzusehenden Schaden auf? Darauf haben wohl auch viele der heutigen Eltern nur emotionale Antworten. Dass “aktuelle” Eltern nun über weitergehende Investition als das doch schon erhebliche Schulgeld Einfluss auf das Geschick der Odenwaldschule erhalten, ist nicht vernünftig, ja für eine Schule unter staatlicher Schulaufsicht äusserst problematisch. Die Schule gerät hierdurch in ein noch grösseres ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis. Die angestrebte Organisationsreform verkommt dadurch endgültig zur Makulatur. Wenn Aufsichtsbehörden jetzt Kreditzusagen von eben diesen Eltern anerkennen, werden auch diese in besonderer Weise erpressbar. Eltern werden die Aufsichtsbehörden für jede vermeintlich negative Einflussnahme der Aufsichtsbehörden auch ökonomisch haftbar machen wollen. Und nichts fürchten Behörden mehr. Zaghaftere, ja ins Interessenboot der Schule gelotste Behörden sind die Folge. Zaghaftere Aufsichtsbehörden das sind aber die Aufsichtsbehörden der schwarzen Jahrzehnte der Odenwaldschule. Behörden, die irgendwie nicht so richtig hinschauen wollten, ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sind. Das sind auch Aufsichtsbehörden, die absehbar durch vermehrte Einweisung von Jugendamtszöglingen ihre Entscheidung positiv bekunden wollen oder müssen.

Versagen der Behörden

Beide genannten Gruppen haben sich – eigentlich fünf nach zwölf – in einer äusserst emotionalen Kampagne zur Rettung der Schule verbündet. Das lässt sich verstehen, konstruktiv und verantwortlich ist dies jedoch nicht. Das hiesse von den eigenen emotionalen und egoistischen Interessen mehr als ein Stück weit absehen zu können. Kritische und sachgerechte Aufsichtsbehörden müssen dies sehen und hätten bereits vor Jahren, im Jahre 2011, 2012 ein Moratorium verhängen müssen, nebst einer kommissarischen Aufsicht: Moratorium, um den Schulbetrieb für die damalige und heutige Schülergeneration als Auslauf- und Übergangsmodell über einen vernünftigen Zeitraum von drei bis vier Jahren zu sichern; kommissarische Aufsicht, um zu klären, ob, wie und unter welchen Bedingungen und von wem im Odenwald weiterhin eine Schule betrieben werden kann. Eine verantwortliche und halbwegs neutrale Schirmherrschaft hat es jedoch nicht gegeben, was als erneutes Versagen der Behörden gewertet werden muss.

Schwammige Grundlage

Eine der klarsten und unumgänglichsten Schlussfolgerungen seit 2010: Eine Schule unter dem Namen Odenwaldschule kann im Interesse zukünftiger Schülergenerationen keine Genehmigung bekommen. Da nützen auch 2,5 Millionen nichts. Und klar muss eigentlich auch sein, dass eine Schule dort nur nach einer ordentlichen Zäsur betrieben werden kann. Zäsur heisst dabei auch, dass Ehemalige, seien es Lehrer oder Schüler dort nichts verloren haben, zu gross sind Befangenheit, Verletzungen, biographische Schäden und Verwicklungen. Hierzu ist nicht einmal ansatzweise geforscht worden. Schon dies zeigt, auf welch schwammiger Grundlage hier gearbeitet wird. Dies betrifft übrigens auch die Betroffenen der Odenwaldschule selbst. Ihre Expertise ist für andere Schulen und Einrichtungen extrem wertvoll, sie sollten aber nicht direkt “Odenwaldschule” machen wollen.

Aufklärung hat nicht stattgefunden

Im Ober-Hambacher Tal kann eine private Schule betrieben werden: niemand kann dieses auch grundgesetzlich verbriefte Recht aushebeln. Richtig ist aber auch, dass der Betrieb einer privaten Schule an besondere Auflagen geknüpft ist, die im Falle einer Schule im Ober-Hambacher Tal, abseits von der ökonomischen Absicherung, besonders streng zu prüfen sind. Dies scheint fast in Vergessenheit zu geraten. Falls und wenn dort Schule gemacht wird, dann muss dies eine Neugründung sein, die eine zwei- bis dreijährige Schliessung des Schulbetriebs und eine anständige Vorbereitung voraussetzt. Vorbereitung heisst dabei auch, während dieser zwei bis drei Jahre, die Vergangenheit ohne die “nachvollziehbare” Erpressung der jetzigen Elternschaft und den fortwährenden Boykott durch Nostalgiker endlich aufarbeiten zu können, ausreichend finanziert auch durch den Vermögensbestand der jetzigen Schule. Letztlich steht diese offizielle Aufklärung immer noch am Anfang, sie hat eigentlich nie stattgefunden. Eine vor dem Abgrund, als Kontinuum gerettete Odenwaldschule macht diese Aufklärung unmöglich.

Abseits vom unwiderruflich bestehenden Interesse und Anspruch der Betroffenen auf eine angemessene und schonungslose Aufklärung, wäre es gerade für die pädagogische Zunft, wie auch die Aufsichtsbehörden selbst, mehr noch aber für künftige Schülergenerationen insgesamt wichtig, dass wir durch eine offizielle Untersuchungskommission erschliessen, wie es zu Fehlentwicklungen dieses Ausmasses über einen solch langen Zeitraum – über Jahrzehnte – kommen konnte und welche Rolle die Behörden selbst dabei gespielt haben. Das ist nicht einmal ansatzweise geleistet.

18 Kommentare

  1. Veronika schreibt am :

    Danke für diesen Artikel. Ja, diese Schule darf nicht schliessen, weil auch Internat und Schule der „Regenburger Domspatzen“ nicht schliessen werden, sondern hier für fast 50 Mio. Euro saniert und neugebaut wird. Täterschulen müssen bleiben, damit im Laufe der Zeit deren angeschlagenes Images korrigiert und wiederhergestellt werden kann. Bei der RKK sowieso,und bei der Odenwaldschule vielleicht allein deshalb, weil diese die einzige profane, mit Mißbrauchsdingen in Kontakt gekommene Schule darstellt. Nur wenn diee Schule bleibt, können kirchliche Einrichtungen – „Regensburger Domspatzen“ und „Canisius“-Kolleg – ebenfalls erhalten werden.

  2. Lili schreibt am :

    Ähh…
    Das ist jetzt aber ironisch gemeint, oder??

  3. johnwhathenry schreibt am :

    Danke Uli, diesmal hast Du es genau getroffen.

  4. Die Vielfalft der Meinungen zum Thema „OSO“ resultiert nicht zuletzt aus einer Vielzahl unterschiedlichster Blickrichungen. Meine steht schon lange Zeit in vielerlei Hinsicht (mal mehr, mal weniger) im Gegensatz zu der von Uli Hake. Ich habe Sie am 2.Mai – kurz nach Verkündung der Schließung – schriftlich zusammengefasst und auf meiner Webseite unter der Überschrift: „Über die Hutschnur – Beispiel Odenwaldschule“ öffentlich gemacht.
    Wie U.H. kritisiere ich dort den bisherigen behördlichen Umgang. Ich bin jedoch persönlich überzeugt, dass eine ernsthafte, tiefschürfende Aufarbeitung nur erfolgt, wenn die Odenwaldschule in irgendeiner weiter besteht. Anderenfalls ist das öffentliche Interesse dafür nicht ausreichend. Dieses Argument halte ich nicht für herbeigeredet, sondern für durch Erfahrungen bestätigt. Außerdem sehe ich die potenziellen Gefahren einer private finanzielle Förderung (teils Spenden, teils Darlehen) weniger kritisch. Die Motive und Interessen der sehr zahlreichen Geldgeber/Spender sind vielschichtiger, als U.H. es darstellt.

  5. klaraklara schreibt am :

    Ich denke nicht, dass die Odenwaldschule die einzige profane Schule darstellt, die mit Missbrauchsdingen in Berührung kam. Zunächst mal gab es, nach meinem begrenzten Kenntnisstand, noch weitere Einrichtungen mit verwandten Erziehungskonzepten (damit meine ich nicht das vielleicht sehr breite Dach der Reformpädagogik, sondern ich denke speziell an die Landschulheimbewegung). Des weiteren dürften Internate generell ein gesteigertes Risiko bergen, dass Schüler, wenn sie das Opfer von Gewalt durch Lehrer oder andere Schüler wurden, sich keine Hilfe holen können und womöglich für längere Zeit immer wieder zum Opfer von Gewalt werden. Und dann sind ja Schulen generell kein gewaltfreier Raum und können hie und da auch für die Schüler sexuelle Gewalt bedeuten, das muss gar nicht mit dem Konzept der Einrichtung zusammen hängen, sondern es wird auch Gewalt durch Täter in die Einrichtungen hineingetragen.

  6. klaraklara schreibt am :

    Betr. Reformpädagogik: ich habe irgendwo gelesen, dass Maria Montessoris Pädagogik ebenfalls darunter fällt. Diese hatte mit „pädagogischem Eros“ nichts im Sinn gehabt, sondern sie entwickelte ein KOnzept, um Kindern den Einstieg in Mathematik und Naturwisenschaften mit einem Höchstmaß an selbständigem Denken und Faszination beim Erforschen anzubahnen. Falls also diese Richtung auch unter Reformpädagik fällt, muss ich sagen, dass es da in der Reformpädagogik Unterströmungen gibt, die sicherlich nicht geschaffen wurden, um Sexualstraftätern Schutzräume zu schaffen.

  7. klaraklara schreibt am :

    Weiß man genaueres darüber, wer Spenden angekündigt hat?

  8. hildegard schreibt am :

    … weil auch Internat und Schule der “Regenburger Domspatzen” nicht schliessen werden, weil Staat und Kirchen IMMER NOCH diese unheilige Allianz bilden dürfen, weil weder Papst Franz noch die Regentin Wahrheit und Klarheit zur Chefsache erklären wollen, weil alles raus muss – deshalb werden wir dran bleiben müssen.

    Vor 2 Jahren schon zeigte Christian Füller sehr deutlich in http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2013/04/17/a0115 wie warnende Stimmen in den Wind geschlagen wurden und wie Täter auch unter Schülern produziert werden durften.
    Zitat “ … Daniel Cohn-Bendit. Sein Auftritt wurde ein Triumph – für die sogenannten Kinderfreunde. In die Sexualität der Schüler habe sich niemand einzumischen, …. Schüler wie selbsternannte Kinderfreunde jubelten. Mit Cohn-Bendits Auftritt war klar: Lehrer dürfen keine Grenzen ziehen. Das promiske und – wie wir heute wissen – pädosexuelle Internat im Odenwald blieb grenzenlos.“ Zitatende.
    ‚Grenzenlos‘ jedenfalls bleiben die AUSWIRKUNGEN des Machtmissbrauchs derer, die unbedingt im eigenen Interesse die Aufklärung heute noch verhindern wollen/müssen …

    WER weiß, an wie vielen anderen, weniger bekannten Orten in dörflicher Verschwiegenheit wie viele weniger prominente Kinderseelen bereits kaputt gemacht worden sind, bzw. werden im ewigen Täter – Opfer – Täter – Opfer – Zirkel …?!

  9. hildegard schreibt am :

    klaraklara, deine Unterscheidung ‚betr. Reformpädagogik‘ halte ich für sehr wichtig und das System Schule für krank, weil unkontrollierbar.

  10. Angela Ebert schreibt am :

    Integration, nicht Ausgrenzung, gilt auch für alle Opfer von struktureller Gewalt, gleiches Prinzip!!!

    Aufarbeitung geht nur miteinander, nicht gegeneinander!

  11. Angehender Lehrer schreibt am :

    Warum wird in fast jedem Artikel über die Erhaltung der Odenwaldschule, wie auch in diesem, der wichtigste Aspekt unterschlagen:
    Was ist die Sicht der Schüler, die aktuell auf der Odenwaldschule sind?

    Das ist doch vorrangig das Entscheidende!
    Hierzu ein Zitat von Spiegel Online:

    „Vor allem die Schüler hatten sich für den Erhalt der Odenwaldschule eingesetzt, zu Demonstrationen aufgerufen und Crowdfunding-Aktionen gestartet(…).“

    Dieses möchte ich so zur Selbsterkenntnis stehen lassen, für diejenigen, die das Für und Wider bezüglich des Erhalts der Odenwaldschule mit ach-so facettenreichen Argumenten ausführen, die aber allesamt am Kern vorbeigehen.

  12. uh schreibt am :

    @angehender Lehrer.

    Sie haben in ihrem Beitrag eigentlich schon alles für eine differenziertere Betrachtung ihrerseits stehen. Presseberichte gibt es im Spiegel, in der Zeit, wie sonst sollten Sie zitieren können. Von Einseitigkeit oder fehlender öffentlicher Aufmerksamkeit für die Schüler kann also keine Rede sein. Derzeit ist eher das Gegenteil der Fall, außer Sie wünschen Einheitsmeinung und Einheitsbrei. Ich antworte Ihnen ausführlich, weil Sie sich als angehender Lehrer ausweisen und ihre Antwort mich zugegeben ein wenig verstört. Aus anderen Gründen als Sie jetzt vielleicht noch hoffen:

    Auch in meinem Artikel klingt Verständnis für Schüler und Eltern an. Ich verstehe Wunsch und Position. Bin selbst Vater zweier Kinder, das ist mir nicht fremd. Im Zusammenhang der Odenwaldschule gibt es jedoch weitergehende Fragen: Eine ist beispielsweise die Kontinuität von Strukturen, Haltungen und auch Personen. Und natürlich geht’s hier um eine allgegenwärtige Vergangenheit, die einfach ausblenden zu wollen, als Wunsch verständlich, allzu menschlich ist. Das steht schon im Artikel, ist, wie gesagt, ein in allen Menschen und Gemeinschaften anzutreffendes Verhaltensmuster. Hier wird auch nicht gesagt, dass es im Ober-Hambacher Tal keine Schule geben darf.

    Wenn kritische Nachfragen zur Kontinuität einer durchaus auch gefährlichen Reform- und Antipädagogik, der Sie, überbewerte ich hoffentlich, unkritisch anhängen; wenn die Nachfragen also nicht erlaubt sind, dadurch gar der Weg zur Selbsterkenntnis ausgeschlossen ist, wie Sie’s verpacken, na dann, was soll ich sagen, wird’s rhetorisch. Wirklicher Diskurs verlangt, dass Sie ihr gemeintes Verständnis meiner oder unserer fehlenden Selbsterkenntnis ausführen, schon aus Höflichkeit: um welche Selbsterkenntnis geht’s? Um welche tiefere Weisheit? Um welchen Heilsweg? Soll ich verstehen, dass es bei Schule immer nur losgelöst um das Wohlergehen der aktuellen Schülergeneration geht und wenn mal ein oder zwei verbrennen, auf der Strecke bleiben, sei’s drum, geht doch wieder nur um die Nächste? Zu Ende gedacht wäre das zuallererst ein Lehrerparadies, kein Schülerparadies. Vielleicht geht’s im Kern darum. Das wäre allerdings ein interessanter Blickwinkel, ob Landerziehungsheime (und andere Schulversuche) häufig auch eins sind: Lehrerbedürfnisanstalten? Vielleicht geht’s im Kern der Auseinandersetzung um die Frage, ist die Odenwaldschule nicht zuallererst ein Lehrerparadies?

    Bodenständiger: Natürlich geht es im Zusammenhang der Odenwaldschule um die Schüler heute. Ich bezweifle keineswegs, dass deren Überzeugung ernsthaft und aufrichtig ist. Da ist’s dann aber auch berechtigte Frage, ob den Schülern auf weitere Jahre hinaus äusserst schmerzhafte Prozess in dieser Weise zugemutet werden sollten. Und hierfür fehlt den Schülern vielleicht Dimension. Im Sinne ihrer Argumentation jedenfalls hätten Kritiker einfach zu schweigen, haben keine Fragen aufzuwerfen und sollen dies zugleich als bereichernde Selbsterkenntnis erleben (zynisch formuliert), weil dies störe den gegenwärtigen Schulfrieden und das Interesse der aktuellen Schüler. (Für mich sind wir da wieder beim Lehrerparadies…)

    Die Pädagogik vom Kinde aus, usw., das hört sich immer gut an, ist aber eine Worthülse. Auch in den 70er und 80er-Jahren waren die Schüler vermeintlich das Zentrum der Aufmerksamkeit und Förderung. Kurzgefasst: Für einen angehenden Lehrer spüre ich da zu wenig Auseinandersetzung mit dem Supergau der deutschen Pädagogik.

    Anders formuliert, damit Sie’s vielleicht auch weniger als Angriff verstehen: Kurz-, mittel- und längerfristig ist es durchaus eine berechtigte Frage, ob das Schule-Machen dort oben nicht mindestens einen Neuanfang verlangt, auch und gerade für nachfolgende Schülergenerationen. Natürlich können Sie im Sinne einer Antipädagogik äußern, das geht nur die Schüler was an, hoffe aber, dass Sie als angehender Lehrer Rolle und nötige Distanz ein wenig klarer haben.

    „Werde, der du bist ist“, das Schulmotto, klingt auch nett und süss, hat was religiös meditatives und liegt ein wenig auf der Linie ihrer Äusserung. Als herausposauntes Motto für eine Schule war und ist es jedoch Bestandteil eines Blendwerks, wie’s auch für einen Lehrer ein sinnbefreites Motto wäre, ihnen folgenden Erkenntnisweg vorzugeben: Werden Sie als Lehrer, was sie als Lehrer sind. Anlagen sind prima und ich hoffe, Sie bringen einige Anlagen für einen Lehrer mit. Der Lehrerberuf verlangt allerdings zuallererst gut gemeistertes Handwerkszeug, auch ’ne Menge Allgemein- und Spezialwissen, didaktische Fähigkeiten und Übung, kritische Distanz und Ausdauer. Häufig ist’s dann genau anders herum: Wenn das erlernt und gemeistert ist, entwickeln sich Anlagen und wirkliche Befähigung nach und nach. (Das kann auch wieder verloren gehen.) Manchmal, leider zu selten, kommt’s mit ein wenig Praxis zur gesunden Selbsterkenntnis, dass der Beruf falsch gewählt ist oder nach einiger Zeit nicht mehr geeignet ist. Dazu braucht’s auch Lebenserfahrung, Gelassenheit und ein erfülltes Leben ausserhalb der Schule. (Ökonomische und sonstige gesellschaftliche Determinanten lassen wir in der Betrachtung mal aussen vor, die Antwort ist schon so nervig lang.)

    Lehrersein ist zuallererst Beruf und keine „höhere“ Berufung. Und höhere Berufungsanstalten wie die Odenwaldschule, die muss man zumindest hinterfragen mit ihren Euphemismen, ihren Worthülsen, ihrem religiösen Impetus der besseren Welt, der besseren Schule und ihrer Attraktion für Menschen, die sagen, geht nur um die Schüler (und die bessere Welt). Da steckt zumeist viel Selbstbetrug drin. Und mit pädagogischen Selbstbetrügern ist und war die Odenwaldschule reichlich gesegnet. Die waren Lehrerstandard, waren (und sind) das Nährmedium der Katastrophe. Jeder in seiner eigenen kleinen Petrischale. Und alle hätten sie Hentig’s Eid beschworen, dass zum Wohle des Kindes, auf dass es werde, was es sei, der Lehrer sich über Bedenken, Normen, Aufsicht und Sonstiges hinwegsetzen darf. (Was das Kind sei und wird, weiss der Lehrer da immer schon und ganz allein…)

  13. Was ist so falsch, wenn sich Eltern für die Schule Ihrer Kinder engagieren, auch finanziell. Auch in staatlichen Schulen wird das finanzielle Engagement der Eltern gern gesehen. Fast an jeder staatlichen Schule gibt es einen Schulverein, der Gelder einwirbt für Anschaffungen, die der staatliche Schulträger nicht finanzieren kann oder finanzieren will. Übrigens wurde inzwischen die Elternbeiratsvorsitzende der oso auch zur Vorsitzenden des Trägervereins gewählt. Im Übrigen gab und gibt?! es an der Odenwaldschule nicht nur Schüler aus reichen Familien, die das Schulgeld selbst zahlen konnten. Es wurden auch Schüler dort aufgenommen, für die die Kosten von Jugendämtern etc. übernommen wurden. Das wäre m.E. auch in Zukunft wieder möglich.

    Gerhard Röhrig

  14. Elfi Haase schreibt am :

    Zur Odenwaldschule ist nun so viel für und wieder gesagt, geschrieben. Ironisch ist der Artikel, denke ich, nicht gemeint, bezogen auf den Beitrag der FAZ, dazu standen viele Kommentare, sachlich, die sich überwiegend für eine Schließung aussprachen.
    Spender, wenn sie wünschen anonym zu blieben, haben sie auch ein Recht dazu, aber ein bitterer Beigeschmack bleibt.
    Welcher Insolvenzverwalter ist für ein weiterbestehen des Unternehmens, wenn es bei rückläufigen Zahlen bei den Schülern gibt. Angeblich lagen die Probleme nicht nur an den veröffentlichten Straftaten, andere Fehlentscheidungen. Bei Insolvenzen in Unternehmen ist es nicht selten, dass Korruption zu finanziellen Nöten führten, ohne jemanden etwas zu unterstellen. Oder war es nur ein mieser Hilfeschrei um Spender zu finden.
    An die Schüler wird doch hier zu allerletzt gedacht, weder an die Altschüler, die Opfer von sexuellen Missbräuchen und Vergewaltigungen waren, noch an die heutigen Schüler. Prävention, wo kein Ort an dem sich Täter aufhalten können, finden keine Straftaten mehr statt.
    Vielleicht kann die Schule mal wieder ihren Unterricht nachgehen, wenn mal 10 Jahre oder länger die Räumlichkeiten zu sozialen Zwecken genutzt werden. Dann ein Neuanfang, wenn gesetzlich geregelt, dass kein Pädagoge mit pädophilen Neigungen seinen Beruf ausüben darf, wenn die Gesellschaft nicht mehr wegschaut, weghört, wenn Verdacht von sexuellem Missbrauch besteht.

    2,5 Mio. Euro in den Sumpf – quak, quak, quak !!!

  15. Angehender Lehrer schreibt am :

    @uh.
    Erstmal danke ich für Ihren ausführlichen Kommentar. Die Länge ihrer Antwort deutet ja eventuell schon darauf hin, dass Sie in Ihrem Artikel verpasst haben, sachdienliche Aspekte einzuarbeiten, die aber definitiv dort einen Platz verdient gehabt hätten.

    Bezüglich meines Kommentars, der eine derartige „Lawine“ von Ihnen provozierte , bitte ich Sie, doch nochmal zu lesen, was da nun wirklich stand!

    Erläuterungen meinerseits:

    1.) An Ihrem Artikel störte mich, dass die Rolle der aktuellen Schülergeneration nicht ausreichend beleuchted wurde. (Sie behaupten in Ihrem Kommentar zwar, dass in ihrem Artikel „Verständnis für die Schüler an[klingt]“, hierzu fehlt meiner Meinung nach im Artikel aber eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit den aktuellen Schülern, um diese These aufrecht zu erhalten.

    2.) Das mit der Selbsterkenntnis war ganz einfach so gemeint: Sich selbst zu hinterfragen, ob man diesen Aspekte in seinen Überlegungen mit einbezogen hat. Hat man die aktuellen Schüler ausreichend bedacht? Ich nehme an, dass die Kommentare auf dieser Seite auch eine Leserschaft haben und vielleicht half dieses Kommentar jemandem, sich diesen Aspekt nochmal vor Augen zu führen, weil er in ihrem Artikel nicht die Aufmerksamkeit (eher keine) bekommen hat, die er meiner Meinung nach verdient.

    Das ist das, was ich mit dem Kommentar bezwecken wollte. Wie Sie daraus ein „Psychogramn“ über mich, meine Haltungen, meine Befürwortung pädagogischer Konzepte, (dieser Gedankensprung hat mich am meisten beeindruckt!), mein Lehrerbild ziehen wollen, bleibt Ihr Geheimnis. Es spricht aber meiner Meinung nach nicht für Ihre journalistische Glaubwürdigkeit & Qualität (leider eher das Gegenteil), wenn Sie, auf Basis eines solchen Kommentars solche Interpretationen und Spekulationen lostreten.

  16. uh schreibt am :

    @angehender Lehrer
    Lesen Sie sich ihren ersten Kommentar noch mal durch, der meine lange Antwort an Sie ausgelöst hat, der vermittelt eher ein Werturteil Ihrerseits von „sechs setzen“ oder Thema verfehlt. Sie schreiben, dass das „vorrangig Entscheidende“ oder der „wichtigste Aspekt“ unterschlagen würde, der „Rest am Kern vorbei geht“. Viel mehr steht da nicht, in der Kürze liegt die Würze, könnte man sagen. Schreiben Sie einfach mal, wie sich das für Sie darstellt, „beleuchten Sie ausreichend“, das ist ja nie verkehrt. Meine Spekulationen zum vorherrschenden Lehrertypus an der Odenwaldschule sind nicht so sehr auf Sie gemünzt, auch wenn Sie ein wenig Ausgangspunkg waren. Glaube, es kommt auch deutlich genug zum Ausdruck, dass dies in Bezug auf Sie nichts anderes als Spekulationen sind. Ich will Sie keinesfalls persönlich angreifen und wenn Sie’s in den falschen Hals bekommen haben, tut’s mir leid. Als angehender Lehrer interessieren Sie mich, gestehe ich gerne zu. Und für Ihren Mut hier eine sehr konträre Meinung zu äussern, danke ich Ihnen. Da eine persönliche Auseinandersetzung kaum was bringt, kann ich Sie nur einladen, ihre pädagogische Sicht auf das Thema ausführlicher darzustellen.

  17. Angehender Lehrer schreibt am :

    @uh.
    Sie haben Recht; wenn ich die Möglichkeit hätte, meinen ersten Kommentar noch einmal zu verfassen, würde ich den von mir absoluten Standpunkt mit der ausschließlichen Zentrierung der aktuellen Schülerinnen und Schüler anders betrachten und ihn neu formulieren.

    Ich respektiere Ihre Meinung und verstehe auch die Ausrichtung Ihres Artikels. Ich erkenne auch an, dass Sie über die Vorgänge an der OSO wahrscheinlich sehr viel umfassender informiert sind, als ich es bin. Und gerade deswegen, hatte ich gehofft, dass die Schüler und ihre Aktionen für den Erhalt der OSO zumindest erwähnt werden und in eine Abwägung miteinbezogen werden müssen.

    Da dies eben nicht der Fall war, kam es mir so vor, als hätten Sie diesen Teil (von dem Sie ja ohne Zweifel genaue Kenntnis haben) bewusst weggelassen, um ihrem Fazit kein „Gegenwind“ zu verleihen. Aus dieser Vermutung heraus entstand der Kommentar und der nicht richtig beigemessene Tonfall.

    Alles Gute.

  18. joe schreibt am :

    Ich las bei der website ‚eckiger Tisch‘, dass Stüper (der Ober-Duscher) vorher an der ODENWALDSCHULE war (ca 1966/68, Cohn-Bendit könnte es wissen, vorallem ob er dort auffällig war, oder sich alles abgeschaut hat).
    Ich bemerkte einmal ihm (Stü.)gegenüber (damals als Unwissender, aber vom Hören-Sagen Schul-Reform Interessierter), nachdem er vorschlug in den Garten der Stella Rheni, Godesberg, einzelne Pavillions für Gruppen von 3-6 Schülern zu bauen:“ Ja wie an der Odenwaldschule“. Seine Reaktion wunderte mich damals:“ Ach meinst du wirklich, wie an der Odenwaldschule, bist du sicher?“ und zupfte sich dabei gedankenverloren am Kinn.

    2) Wieso hat der herr Pfeiffer vom Krim. Institut eigentlich aufgehört.
    Könnten die Grünen nicht die Finanzierung Ihrer aber auch der Ka-Kirche weiterfinanzieren….

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