Kanadas düstere Vergangenheit

04.06.2015: Neue Zürcher Zeitung

Misshandelte Indianer-Kinder

Eine kanadische Kommission hat untersucht, wie Kanadas Ureinwohner in staatlichen Internaten systematisch misshandelt wurden. Der veröffentlichte Bericht zeichnet ein erschreckendes Bild.

Dorothy Alpine erinnert sich mit Schrecken an ihre Kindheit. Die Ktunaxa-Indianerin war sechs Jahre alt, als sie zum ersten Mal in der Schule geschlagen wurde. Sie schmierte sich gerade ein Brot in der Küche, als eine Nonne hereintrat und ihr eine Ohrfeige verpasste – einfach so, ohne Grund, wie sich die heute 69-Jährige rückblickend erinnert. Auf die eine Ohrfeige folgten viele, das Internatsleben in der westkanadischen Stadt Cranbrook wurde zum Horror.

6000 Kinder starben

So wie Alpine erging es vielen Ureinwohnern in Kanada. Sie wurden vom Staat über Jahrzehnte hinweg in eigens dafür eingerichtete Indianer-Internate zwangseingewiesen und dort systematisch erniedrigt und geschlagen. Ziel der Misshandlungen war es, sie ihrer Kultur zu berauben und in der weissen Gesellschaft zu assimilieren.

Vor einiger Zeit hat Alpine ihre Geschichte der Wahrheits- und Versöhnungskommission erzählt, die von der kanadischen Regierung damit beauftragt worden war, die Zustände in den Internatsschulen zu dokumentieren. Die Kommission führte über sechs Jahre hinweg mehr als 6000 Interviews und stellte am Dienstag nun ihre Ergebnisse vor. Der Abschlussbericht legt in schonungsloser Offenheit eines der dunkelsten Kapitel der kanadischen Geschichte offen. Laut der Kommission mussten zwischen 1883 und 1996 mehr als 150 000 Ureinwohner-Kinder die Internate besuchen, die vom Staat eingerichtet und finanziert und von den Kirchen betrieben wurden. 6000 Kinder starben an den Folgen der dortigen Quälereien.

Der Kommissionsvorsitzende Justice Murray Sinclair sprach bei der Vorstellung des Berichts von einem «kulturellen Völkermord» – eine Einschätzung, die Kanadas Oberste Richterin wenige Tage zuvor geteilt hatte. Ziel der kanadischen Politik sei es lange gewesen, «den Indianer im Kind» zu töten und das «Indianer-Problem» ein für alle Mal zu beseitigen. Der Bericht skizziert ein Bild horrender Zustände: In den Schulen waren alle indianischen Sprachen verboten, ebenso kulturelle Bräuche und Feiern. Kontakt zu den Eltern oder anderen Familienmitgliedern war unerwünscht. Die meisten Kinder durften höchstens einmal im Monat Besuch bekommen, viele wuchsen ohne ihre leibliche Familie auf. Sexueller Missbrauch und physische Gewalt gehörten in vielen Internaten zum Alltag. Manchmal wurde den Kindern medizinische Hilfe verweigert, um die Taten zu vertuschen. Nicht wenige Ureinwohner nahmen sich später aus Scham das Leben.

Erste Entschädigungen

Die kanadische Regierung hatte sich vor sieben Jahren in einer Erklärung zu ihrer historischen Verantwortung bekannt und sich für die Vorfälle entschuldigt. Knapp 32 000 ehemalige Schüler wurden bereits entschädigt, 6000 Anträge werden noch bearbeitet. Knapp drei Milliarden Dollar hat die Regierung bisher an die Opfer ausgezahlt. Weiter lesen…

4 Kommentare

  1. Angela Ebert schreibt am :

    Die spätrömische Dekadenz hat es bereits weit vor dem Mittelalter gegeben, die Zivilisations-Gemeinschaft bringt die „Besseren Menschen“ hervor ist ein Trugschluss, eine Selbst-Täuschung, wird trotzdem als eine Grundlage für strukturelle Gewalt her genommen. Das ist gegen jedes Menschen-Recht!!

    Solange diese wichtige Erkenntnis bei den Gewaltbereiten nicht durchsickert ist es nicht möglich in den persönlichen Kontakt zu gehen um eine fairen Klärung herbeizuführen.

    Es hat den Anschein das Kanada diesen Teufelskreis der Gewalt gegen Kinder unterbrechen will, eine echte Wiedergutmachung anbietet. Endlich, nach so vielen Jahren der Qual und des Schmerzes.

    Eine Hoffnung und eine gute Entwicklung, ein Anfang!

  2. Pit Van CalvinII schreibt am :

    Wenn man darüber weiß,kann man den teils unbändigen Groll verstehen,der sich die First Nations-Angehörigen oft heute noch von den „Whiteys“ fern halten lässt.

    Unsäglich und brutal,sich dafür zu ‚entschuldigen‘.Wie könnte man solches Leid jemals entschuldigen?

    Aber die Missionsbringer der christlichen Religion gingen nicht nur in Canada so vor. Die Garstigkeit hinter der christlichen Liebe versteckt, hat ja auch unsere Kindergarten-Nonnen ohne Vorankündigung zuschlagen lassen!

  3. Saskia schreibt am :

    …..vor 3-4 Jahren hatte ich zufällig ,ausnahmsweise einen relg.Sender eingeschaltet,dann ließ es mich nicht mehr los,was dort berichtet wurde über die christlichen kirchen kanadas,a) die angelikanische b)evang.c) röm.Kirche im Namen Jesu,bis in die 70-ziger Jahre war ein Grauen.
    Dieses Verbrechen an der Urbevölkerung ,den Indianern,war sozusagen eine Zwangsmissioniernng.
    Natürlich mit Wissen der kanadischen Regierung.
    Ein weißer Rechtsanwalt machte es publik,
    er lebt Heute getrennt von sener Familie ,unerkannt,
    um sich und seine Familie zu schützen.—-
    Er deckte auf,daß man den Indianern zwangsweise ihre Kinder und Kleinkinder entzog,mit der offiziellen Begründung ,sie zu bilden und sie für die sogenannte Zivilisation vor zu bereiten.
    Er fand heraus,daß viele Kleinkinder ,von Nonnen betreut wurden,früh verstarben,namenlos begraben wurden.Ein furchtbares Leid für die Eltern…..
    man entfremdete sie ihrer Kultur und enteignete sie oft,wahrscheinlich war es wohl der Gewinn,der hinter ALLEM stand,
    dann kamen die olympischen-winterlichen Spiele,
    man zeigte sich entgegenkommend der Urbevölkerung,der Schein trügt,.im Gegensatz zu den USA hatten die Indianer noch viele Reservate,es stellte sich heraus ,mit vielen Bodenschätzen,
    aus dem Gedächtnis geschrieben,
    ach ,alles ist so furchtbar,
    ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben,für das Gute im Menschen

  4. hildegard schreibt am :

    … seit Konstantins Zeiten verwandelten sich (ehedem verfolgte) Nachfolger Christi z.T. in habgierige Machtbesessene – die selbst einst Verfolgten, Gedemütigten, Besiegten tun also genau dasselbe mit einem gerade schwächeren Nächsten.
    Das ist Kirchengeschichte seit 15 Jahrhunderten – blutig, brutal, perfide, ein völlig verkehrtes sogenanntes Christentum – ein einziger ETIKETTENSCHWINDEL. Verkehrt und verdreht!
    Das Leid wird ausgeblendet. Man rächt sich. – Selbstverständlich? Nein.
    Hatte ER diesen Schwindel begründet, der erste Christenmensch? Nein.
    War das „gottgewollt“? Nein.

    Kleriker sollen sich im angefangenen 21. Jh. – bittschön – allererst einmal ihre historische Frauenverkleidung ausziehen und sich an jenen Franziskus von vor 800 Jahren erinnern, dem die Bibel genügte, der die Theologen durchschaute und ablehnte. Er setzte die „Hl. Einfalt“ gegen die irrende Theologie http://www.deutschlandfunk.de/franziskus-von-assisi-teil-4-die-franziskanischen-ideale.886.de.html?dram:article_id=322307 – „Minderbrüder und Minderschwestern“ müssen heute nicht in Kutten daher kommen, um zu beeindrucken …

    Machtbesessene Zeitgenossen erstarrten – meist schon in ihrer Kindheit – in einem lähmenden Schrecken. Sie blieben im Schrecken der Erstarrung stecken und glauben nun heldisch um sich schlagen zu müssen aus existenzieller ANGST, aus irrationaler Furcht vor dem ‚Nächsten‘ – und sei es das eigene Kind. Dürfen sie das? Nein.
    Ob Konzentrationslager oder Kinderheime, ob Kanada, Kongo … – überall dasselbe Muster von Gewalt.
    Wir hängen fest im ‚Kollektiven Unbewussten‘ und lassen seit FREUD unsere Kinder immer noch festhängen und knüppeln, seelisch morden und verkrüppeln.
    Menschlich verständlich? Nein.
    Sind wir Schimpansen? Nein.
    Verjährt Seelenmord? Nein.

    Das Gesetz der Verjährung von Seelenmord ist ein Justizirrtum.
    Es braucht nicht weniger als Wahrheit und nicht mehr als Gerechtigkeit.

    Befreiungsversuche wie diesen Versuch eines Schweizer Regisseurs nenne ich zeitgemäß, menschlich, menschenwürdig: http://www.deutschlandfunk.de/milo-raus-kongo-tribunal-fiktives-verfahren-verhandelt.1773.de.html?dram:article_id=321465 – er lernte aus schlimmer Vergangenheit …
    Befreiung von Abhängigkeiten!
    Selbstbefreiung beginnt im genauen Hinsehen auf die eigene Angst. Dazu braucht es Mut. Angst-Überwindung geht nicht immer ohne „Krücken“ wie Freunde, Bücher, Therapie. Mutmacher sind gefragt.
    Befreiung aus diesem ewigen Rad der Geschichte ist angesagt – allererst aus der Kirchengeschichte, die sich erste Plätze sicherte im „Staat-im-Staat“.
    Dazu aber braucht es ein völlig neues – vor allem pädagogisches – System, das vom schwächsten Glied in der Kette, dem Kind, ausgeht! – denn noch werden Kinder in unserer Kultur gedrillt – früher besorgten das die Kirchen.
    Kinder sind Einzelwesen, möchten sich entfalten dürfen, jedes nach seinen Möglichkeiten, werden dann gesellschaftsfähig UND zufriedene Bürgerinnen und Bürger.

    Es braucht das ganz große Umdenken im Sozialgefüge.
    Es braucht Best-Bildung für alle SOZIAL-Berufe – zu lange schon verpennen Staat und Kirche den richtigen Zeitpunkt …

Artikel kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Artikel aus den Medien

ARD BRISANT ARD Tagesschau Augsburger Allgemeine Badische Zeitung Berliner Morgenpost Berliner Zeitung DER SPIEGEL derStandard.at DER TAGESSPIEGEL derwesten.de DEUTSCHE WELLE Deutschlandfunk Deutschlandradio DiePresse.com diesseits.de DIE WELT DIE ZEIT FOCUS Frankfurter Allgemeine Frankfurter Rundschau Hamburger Abendblatt Hannoversche Allgemeine Humanistischer Pressedienst Kölner Stadt-Anzeiger Leipziger Volkszeitung Lübecker Nachrichten Mitteldeutsche Zeitung n-tv N24 NDR.de NDR Info Neue Zürcher Zeitung nordwestradio Publik-Forum Saarbrücker Zeitung SPIEGEL ONLINE stern.de SÜDWEST PRESSE Süddeutsche Zeitung taz TP Presseagentur Berlin WAZ WELT ONLINE ZDF heute ZEIT ONLINE