Ohne Aufklärung keine Versöhnung

28.08.2015: katholisch.de

Klaus Mertes über Missbrauch in der Kircheklaus mertes

Geoffrey Robinson, der 78-jährige emeritierte Weihbischof von Sydney und langjährige Missbrauchsbeauftragte der australischen Bischofskonferenz, hat sich dieser Tage zu Wort gemeldet. Es war dem krebskranken Robinson ein großes Anliegen, noch einmal von der zuständigen Kommission in Australien gehört zu werden. Robinson war für mich in den letzten Jahren ein Vorbild, eine Trost- und Hoffnungsfigur.

Kaum einer hat als zuständiger Vertreter der Hierarchie so viel und intensiv mit Opfern von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche gesprochen, kaum einer hat einen so hohen Preis bezahlt für seine offenen Worte und seine Aufklärungsbemühungen. Seine kritischen Reflexionen über strukturelle Kontexte von Machtmissbrauch in der Kirche waren von einer großen Liebe zur Kirche und zur Theologie getragen, zugleich aber auch sachkompetent, radikal nachdenklich und von reicher Erfahrung geprägt.

Den Umgang von Johannes Paul II. mit dem Missbrauchsthema nennt er rückblickend „armselig“. Einer wie Robinson spricht so ein Wort nicht leichtfertig aus. Die Folgen dieses Umgangs sind bis heute nicht aufgearbeitet, zum Schaden insbesondere auch der Opfer. Wichtiger vielleicht noch, weil bedrängender, aktueller: Robinson bescheinigt auch Papst Franziskus, bei dem Thema nicht genügend Führungsstärke zu zeigen. Vielleicht war Bergoglio in Argentinien vor seiner Wahl zu weit weg von dem Thema – Missbrauch gab und gibt es allerdings in Lateinamerika ebenso wie in allen anderen Kontinenten -, um nun als Fremdling in Rom wirklich begreifen zu können, von wem er da umgeben ist.

Die Glaubwürdigkeit von Kardinälen wie Pell, Sodano und anderen ist jedenfalls tief und nachhaltig erschüttert. Auch die für die Verfahren zuständige Glaubenskongregation ist personell nicht gut besetzt, sondern eher mit Leuten, deren Wille zur Aufklärung aus guten Gründen sehr zweifelhaft ist. Namen liefere ich auf Anfrage gerne nach. Vor allem hapert es beim Thema Aufklärung: Wer spricht eigentlich in Rom mit Opfern? Wer befasst sich in der Glaubenskongregation mit Opferberichten? Wie glaubwürdig sind die Personen, die da für Aufklärung und Untersuchungen zuständig sind? Wird es jemals eine Veröffentlichung von Untersuchungs- und Aufklärungsberichten aus Rom geben, von denen ja einige bereits in den Schubladen liegen? Viele Opfer und mit ihnen viele andere Katholiken warten darauf. Aufklärung ist der erste und fundamentale Akt der Anerkennung, ohne den es weder Heilung noch Versöhnung geben kann.

Die Wortmeldung von Robinson ist kein rückblickendes Nachkarten. Vielmehr höre ich seine Sorge darum heraus, dass die tiefen Fragen an die Kirche, die sich unter dem Eindruck der Begegnung mit Opfern stellen, erneut hinter der glänzenden Fassade an armseligem Schweigen in Rom abprallen. Damit sollen die guten Bemühungen, die es in der Kirche ja auch gibt – in Rom etwa die Gründung der Kinderschutzkommission und Präventionsbemühungen aller Art – nicht abgewertet werden. Aber sie reichen nicht. Es geht um die Kirche als Ganze.

Der Missbrauch, und noch mehr der verschwiegene, nur scheinbar „erledigte“ Missbrauch ist immer noch eine wühlende Krankheit im Leib der ganzen Kirche. Um es am Beispiel der anstehenden Familiensynode deutlich zu machen: Was immer die versammelten Bischöfe dort sagen werden – ihre Glaubwürdigkeit zu Themen wie Familie, Sexualität, Ehe, Gender etc. ist so tief erschüttert, dass man sie in dem Maße nicht hören und ernst nehmen wird, wie sie sich ihrer tief erschütterten Glaubwürdigkeit nicht bewusst sind. Und dass sie so erschüttert ist, hat schwerwiegende Gründe, über die man bei Robinson viel erfahren kann. Man braucht ihn nur zu fragen.

Der Autor

Pater Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. 2010 brachte er in seiner früheren Funktion als Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin die Aufdeckung des kirchlichen Missbrauchsskandals ins Rollen.

10 Kommentare

  1. hildegard schreibt am :

    „Aufklärung ist der erste und fundamentale Akt der Anerkennung, ohne den es weder Heilung noch Versöhnung geben kann“ – Dank für diese klaren Worte, Herr Mertes!
    Und dem mutigen australischen Geoffrey Robinson sollten wir seinen Einsatz für einen faireren Umgang mit Betroffenen im Vatikan sehr bald wenigstens noch mit einer Nominierung zum 1. Preisträger von „Akt der Versöhnung“ danken – ein Dank als Signal, bevor es krankheitshalber für ihn zu spät sein könnte …
    Eine Würdigung, die der Geistliche ‚verdient‘!

  2. Wee Lanchee Anwa schreibt am :

    Das sind ehrliche und kritische Worte aus dem Mund eines katholischen Würdenträgers. War es doch auch nicht zufällig Klaus Mertens, der die Aufdeckung des Skandals von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche ins Rollen brachte. Meines Wissens nach bleiben aber er und Bischof Robinson bis heute die einzigen offiziellen Vetreter ihrer Kirche, die solchen Mut zur Wahrheit aufbringen. Auch wenn ich für die Ehrung von Geoffrey Robinson bin, so finde ich es doch viel wichtiger, dass die Verantwortlichen, in der Hauptsache Männer, endlich das Leid der Opfer wahr- und ernst nehmen und sich zu Ihrer Schuld öffentlich bekennen. Denn das ist Nachfolge des Heilers und Weisen aus Galiläa: „Es ist unmöglich, daß nicht Ärgernisse kommen; weh aber dem, durch welchen sie kommen! Es wäre ihm besser, daß man einen Mühlstein an seinen Hals hängte und würfe ihm ins Meer, denn daß er dieser Kleinen einen ärgert.“ Lk, 17

  3. prof.dr.gernot lucas schreibt am :

    dem artikel von „hildegard“ schließe ich mich an.
    prpf.dr.g.lucas

  4. Hubert schreibt am :

    Von Aufklärung allein haben Betroffene recht wenig.
    Ich sehe Aufklärung als wichtige Vorstufe in dem Prozess, ein gewisses Glechgewicht weitestgehend wiederherzustellen.
    Aufklärung und Aufdeckung macht für Betroffene nur Sinn mit anschließender zeitnaher Entschädigung.
    Ansonsten hätte Aufklärung nur einen gewissen Unterhaltungswert und Beschäftigungswert für die Gesellschaft – so ist zumindest der jetzige Stand, wenn ich das richtig sehe.

  5. hildegard schreibt am :

    … gerade der besagte Beschäftigungswert für die Gesellschaft ist vorrangig! Die Gesellschaft muss begreifen, wie Täter und Täterlobby es mit der Wahrheit gehalten haben – denn sie ALLE haben auch damals schon gewusst, was sie taten – auch Wesolowski, auch J.P., der angeblich heilige, der „solche“ noch seine Freunde nannte …
    Was den Umgang mit diesen verleugneten Wahrheiten angeht, so muss jetzt sehr bald die Justiz ihre Hausaufgaben machen und für die finanzielle Wiedergutmachung zwischen noch lebenden Tätern und Opfern sorgen – gerade auch bei Altfällen innerhalb von Religionsgemeinschaften.
    Leugnen und Schweigen sind Gewalt, sind zu beenden, sind anders nicht aufzulösen als mit rückwirkender Anzeige-Erlaubnis …
    Es war Seelenmord – oft genug mit physischer Todesfolge!
    Aufklärung und angemessen finanzieller Ausgleich sind unverzichtbar für Versöhnung und Frieden.

  6. Angela Ebert schreibt am :

    Verantwortungslosigkeit kann man Verantwortung entgegensetzen.
    Würdelosigkeit setzt man Würde entgegen.
    Ob das alles noch einen positiven Effekt haben kann wird sich zeigen, die Frage ist für wen, für was und warum. Wohin soll es denn gehen? Und wann geht es los?

    Hier eine schwere Kost für Interessierte:

    http://zeitkritiker.de/index.php/infocenter/132-was-die-elite-mit-uns-vor-hat/238-der-masterplan-die-aussage-eines-zeugen-teil-i-bis-vi-die-neue-ordnung-der-barbarei

    Lasst Euch Zeit beim durchlesen und blättern, es raubt viel Energie und die Erkenntnisse sind nicht kostenlos zu haben 😉

    Die Augen zu verschließen ist keine Lösung, nicht wegschauen!! Begreifen und Verstehen in was für einer Welt wir alle leben, Verbündete suchen und finden wäre hilfreich und notwendig.

    2 Rufer in der Dunkelheit, es müssen mehr werden!
    Was bedeutet den SOLIDARITÄT ?!

  7. saskia schreibt am :

    …..Ich habe am 31.08.2015 von und mit Pater Mertens
    eine Sendung im Deutschen Fernsehen
    verfolgt, sehr bewegend, sachlich ,auch er ist sehr enttäuscht von der Aufarbeitung des Missbrauches in der Kath.Kirche ,er wurde nicht eingeladen ,weiterhin in den “ Kreisen „tätig zu sein.
    _________________________________
    Anmerkung vom netzwerkB Team:

    Mit der Bitte um Angabe welche Sendung das war.

  8. Angela Ebert schreibt am :

    Papst Franziskus ist der Meinung das der VERGEBUNG vorausgehen muss:
    Anerkennung der Tat
    Reue
    UND
    Buße !!!
    Ist allgemein bekannt, seit Jahrtausenden, vermutlich nicht für die Homo-Klerikalis-Mitglieder?!!
    zweierlei Maß, mal wieder, wie immer?!
    Mich nervt das nur noch, was können wir noch erwarten von solchen HERREN-Menschen???
    NICHTS , außer Lippen-Bekenntnissen mit salbungsvoller Berufs-Rethorik ähnlich der der Homo-Politikus-Gemeinde.
    Alles klar?!

  9. hildegard schreibt am :

    @Angela
    Erwarten können wir – nie von einem anderen Menschen – immer nur von uns selbst, dass wir selbst uns an Werte halten, die wir als gut und richtig empfinden (auch nicht von solchen HERREN-Menschen).
    Den Autor im Link v. 30.8. könnte man in die ‚Ablage‘ Verschwörungstheoretiker schieben, wenn nicht seitdem frappierend viel von dem real geworden wäre …

    Ein Wandel wird immer nur von einzelnen Individuen ausgehen, nur in dieser Reihenfolge, nur von diesem Fundament aus möglich werden können:
    LIEBE deinen Nächsten WIE DICH SELBST!
    Dann erst bin ich dazu in der Lage, Verantwortung gegen Verantwortungslosigkeit und Würde gegen Würdelosigkeit zu setzen – zunächst in kleineren Kreisen, die dann wieder größere ziehen werden wie der Stein im Wasser.
    Hier scheiden sich die Geister.

    Viele Menschen scheinen DAS Wort verinnerlicht zu haben, trotz schlechter Vorbilder.
    Das lässt hoffen auf mehr LICHT, trotz böser Verdunkelungen …

  10. Savina schreibt am :

    Ich erwarte sehr wohl von Menschen ein menschliches Verhalten. Solch eine Erwartung als Mensch zu haben, ist einfach nur menschlich.

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