Das Weinen verlernt

11.01.2016

Meine Eltern haben sich 1957 scheiden lassen. 1957 sind Mutter, eine meiner Schwestern und ich nach Westerland/Sylt zu meinen Großeltern gezogen und dort bin ich in Kampen eingeschult worden. 1961 ist meine Mutter mit meiner Schwester und mir nach Nürnberg gezogen weil sie hier Arbeit gefunden hatte. Ihre Wohnung war für uns 3 zu klein und so hat sie meine Schwester und mich ins Nürnberger Heim „Stapf“ getan. Und dann ging es los.

In dem Heim war es so dass unter den kleineren schon das Gesetz der Stärke herrschte. Die dortigen Nonnen haben als Erziehung Prügel ausgeteilt. Hunger war an der Tagesordnung und wenn man sich trotzdem mal was genommen hat musste man sich auf eine eingeschaltete Herdplatte setzen oder die Hand drauf legen. Als ich mal eine Außentreppe runtergefallen bin hab ich mir eine einigermaßen schwere Gehirnerschütterung geholt. Ein Arzt wurde nicht hinzugezogen, die Gehirnerschütterung musste so ausgeheilt werden. Als es mir aber immer schlechter ging durfte ich doch zum Arzt der einen Schädelbasisbruch festgestellt hatte. Ich landete endlich im Krankenhaus.

1962 hat mein Vater in Hamburg mich mit einem katholischen Priester zurück nach Hamburg entführen lassen. Was anderes war es nicht weil meine Mutter das Sorgerecht hatte und sie nicht von der Aktion wusste. Das ganze ging in einer Nacht- und Nebelaktion über die Bühne und plötzlich war ich in Hamburg. Kurz darauf hat sich das Jugendamt eingeschaltet und mich wieder in ein Heim gesteckt, Wieder Nonnen. Das Hein war in HH-Bergedorf, Grasredder 13. Dort ging es ähnlich zu wie in Nürnberg. Wer nicht parierte bekam Prügel. Eine der Nonnen hat sich nachts Jungs in ihr Zimmer geholt und an denen „rumgespielt“ Ich „durfte“ dabei sein.

1964 kam mein Vater auf die glorreiche Idee mich in ein Priesterseminar in Italien in der Nähe von Asti (der Ort ist bekannt von dem Zuckerwasser her) zu stecken. Ich galt inzwischen als „schwer Erziehbar“ weil ich Aufsässig und Renitent geworden war und mein Vater dachte wohl dass ich dort endlich ein anständiger Mensch werden würde. Nur die Priester dort waren schlimmer als die Nonnen. Wir waren in einem Schlafsaal in dem ca. 40 Jungs schliefen. In einem abgeteilten Raum hatte die „Saalaufsicht“  ihren Schlafplatz. Das war natürlich ein katholischer Priester. Die Saalaufsicht wechselte wochenweise und der holte sich jede Nacht einen von uns um sich mit den zu vergnügen. Seit dem hab ich innenliegende Hämorrhoiden. Ich glaub jedenfalls dass die davon kommen, bin mir aber nicht sicher. Da ich immer aufsässiger wurde bin ich nach 3 Monaten wieder zurück nach Hamburg geschickt worden. Angekommen landete ich wieder im gleichen Heim und es ging weiter wie vorher. Sagen konnte man nichts. Wer glaubt schon einem renitenten jugendlichen. Einmal nur hab ich meinem Vater davon erzählt und als Antwort kam das ich nicht Lügen soll. Seit dem hab ich nie wieder da drüber gesprochen und hab das Weinen verlernt. Ich hab nie wie der eine Träne vergossen.

Im April1967 (ich war 14 1/2) bin ich in die Lehre gekommen und dazu in ein Heim für arbeitende Jugendliche. Angeschlossen war ein Arbeiterwohnheim in der Nähe der Binnenalster. Dort war es an der Tagesordnung das sich einige der Männer abends jugendliche mit Gewalt nahmen. Damals wollte ich mich umbringen, bin aber rechtzeitig gefunden worden. Und so musste ich weiterleben. Mit all der Schande und niemand hat mir geglaubt. Die Polizei kam zwar ins Krankenhaus und hat mich auch befragt. Nur gemacht wurde nichts. Ist ja nur ein Jugendlicher und die Lügen alle.

Das ist mein kurze Geschichte aus verschiedenen Heimen in Nürnberg, Hamburg-Bergedorf und Italien.

Viktor

11 Kommentare

  1. Esther Simon schreibt am :

    Hallo Viktor,
    Deine „Geschichte“ ist so unendlich grausam.
    Ich, als selber Betroffene von sexueller Gewalt in der Kindheit ( mehrere Täter ), kann mir ansatzweise vorstellen, wie schlecht es Dir geht…
    Hoffentlich findest Du jemanden, der Dir hilft !
    Ich hatte auch Angst davor “ zu weinen „…
    Ich wünsche Dir Kraft.

  2. hildegard schreibt am :

    Wie lässt das Gewissen sich mit frommen Gesängen besänftigen?

    Wie ver-antwortet man ent-grenzende Gewalt?
    Wie die ständig steigenden Meere aus dem Strom geweinter Tränen
    der die Seen all der ungeweinten Tränen überfließen lässt
    und das gesamte Leben im Land versalzen wird?

    Wie?

  3. Viktor (Verfasser) schreibt am :

    Hallo Ester Simon, danke für deine Zeilen. Auch nach all den Jahren tut es noch unendlich weh was die „lieben“ Erzieher, Erzieherinnen, Nonnen und Priester mir angetan haben. Ich war Jahre lang in psychischer Behandlung.
    In dem Heim in Hamburg-Bergedorf waren wir trotzdem ca. 20 Freunde die alle das gleiche durchmachen „durften“. Von meinen damaligen Freunden leben nur noch 4 (vier) inkl. mir.

    Hallo Hildegard,
    die Priester damals hatten alle kein weltliches Gewissen, die waren ja nur ihrem Gott verantwortlich und der hat seine Augen geschlossen..
    Danke für deine Worte.

    Viktor

  4. Kirsten schreibt am :

    @Viktor
    naja, die wußten schon, dass ihr Gott sie nie zur Rechenschaft zieht.–
    wie schmerzlich, für alle die das Märthyrium überlebten.Und es ging immer nur um Verrat, es ging immer nur, um ihren eigenen Profit, immer nur um das benutzt werden zu ihren Gunsten. Und das zu verstehen, tut schon sehr weh.
    Und Niemand wollte darüber wissen, damals nicht und heute… auch nicht. Die erlittenen Verletzungen aber bleiben und wir können lernen das auferlegte Schweigen zu brechen.

  5. Rina0702 schreibt am :

    Hallo,ich bin so entsetzt ueber das ,was hier hier lese.
    Haben wir,die etwas Aelteren denn kein Recht auf Hilfe?
    Auch ich bin Betroffene….und ich stehe auch alleine ohne jegliche Hilfe da….niemand hilft….und Aerzte droehnen mich auch nur mit Neuroleptica zu.
    Kann ich hier Betroffene kennenlernen ,mit denen ich mich vllt.mal austauschen koennte?
    Wuerde mich sehr freuen!

  6. Maria Thule schreibt am :

    Gedanken zum Zustandekommen solcher Übergriffe:
    Weiterhin lernen Kinder heute nicht zur Genüge, dass sie Intimsphäre besitzen und diese zu schützen wertvoll ist. Erleichternd wirken die in zahlreichen Medien gezeigten Bilder und Personen, die in der Freizügigkeit ihres Auftritts und äußerem Erscheinungsbild leicht zum Vorbild für angemessenes Verhalten dienen. Eine große Verunsicherung zwischen den eigenen Schamgefühlen des Kindes und dem Veröffentlichten in Zeitschriften, Filmen TV-Beiträgen unterschiedlicher Art trägt zur Festigung eines Selbstbildes bei, das nicht dem eigenen natürlichen Empfinden entspricht, aber vom Kind als erstrebenswert, weil in der Öffentlichkeit vermeintlich anerkannt, gesehen wird und nachahmenswert wird. Nachahmenswert zudem, weil der Heranwachsende nach Anerkennung in seiner jeweiligen Geschlechtsspezifizierung haben will und seine Fragen nach „Wie geht das?“ beantwortet haben möchte. Der entstehende Zwiespalt ermöglicht leichten Zugang für Grenzüberschreiter, wenn nahe zuständige Erwachsene nicht Verantwortung übernehmen, das Kind in seinen Nöten ernst nehmen und sich ihm ernsthaft zuwenden und ihm helfen, ohne selbst zum Grenzüberschreiter zu werden.

  7. Beate Lindemann schreibt am :

    Sexuelle Gewalt hat ihren Ursprung beim Täter. PUNKT.

  8. Beate Lindemann schreibt am :

    Danke Viktor dafür dass Sie Ihre Geschichte erzählt haben. Es tut mir sehr weh und leid zu lesen was Ihnen angetan wurde, anstatt dass Sie unbeschwert mit all den normalen Aufs- und Abs der Entwicklungszeit umgehen durften. Ich werde auch sehr wütend auf die Menschen, die ihnen dies angetan haben. Und ich bin beeindruckt von Ihrer Kraft und Ihrem Mut, sowohl als so junger Mensch als auch jetzt. Von Herzen alles Gute für Sie, möge sich vieles erfüllen!!

  9. Esther Simon schreibt am :

    Danke, Viktor, für Deine Antwort. Sie zeigt mir, daß du mich wahr- und ernstgenommen hast. Danke.

  10. Maria Thule schreibt am :

    re Beate Lindemann: keine Frage. Jedoch mit dem PUNKT bin ich nicht einverstanden. Im Sinne vom Beitrag vom 23.01.11 „Wer sind die Täter“ verstehe ich eine Auseinandersetzung mit der Frage „Wie konnte mir das passieren?“ wesentlich zum Weiterleben. Da gibt es eben niemals einen Punkt!

  11. Beate Lindemann schreibt am :

    Dann haben wir da eine sehr unterschiedlich Sicht der Dinge Frau Thule.

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