Australien arbeitet dunkles Nachkriegskapitel auf

04.03.2017: Deutschlandfunk

Mehr als 7.000 Heimkinder wurden zwischen 1947 und 1967 von Großbritannien nach Australien gebracht und dort in staatlichen und kirchlichen Heimen schwer misshandelt. Von der Untersuchungskommission, die jetzt eingesetzt wurde, erwarten einige der Überlebenden, dass die Namen der Täter endlich ans Licht kommen.

Packen für eine Reise in die Vergangenheit. In seinem Reihenhaus in Sydney füllt David Hill zwei bauchige Koffer mit Akten voller abgegriffener Dokumente und vergilbter Fotos. „Beweismaterial“, sagt der 70-Jährige. Was Hill in jahrelanger, mühsamer Kleinarbeit zusammengetragen hat, wird er in London einer Untersuchungskommission vorlegen.

Organisiertes Kinder-Verschickungsprogramm

In den Koffern ist die Chronik seiner verlorenen Kindheit und die anderer „vergessener Australier“. David Hill ist eines von zehntausenden Kindern, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg von Großbritannien nach Australien gebracht wurden. Hellhäutiger Nachwuchs für die Kolonie am anderen Ende der Welt. Hilflose Opfer eines organisierten Kinder-Verschickungsprogramms des Empires, ihren Familien weggenommen, ihrer Jugend, ihrer Heimat und ihrer Unschuld beraubt.

John Hennessy aus Bristol war vier, als er abgeschoben wurde. Seine Mutter war bettelarm, sie dachte, im Heim hätte er es besser. Doch eines Nachts wurden John und die anderen Kinder zum Hafen und auf ein Schiff gebracht. Nächster Halt: Westaustralien. Seiner Mutter wurde gesagt eine reiche Familie hätte John adoptiert, dem Jungen wurde erzählt, seine Mutter sei tot. John war nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Er und die anderen britischen Kinder, die damals nach Australien gebracht wurden, waren mutterseelenallein.

Statt einer Schulbildung gab es Prügel und Demütigungen

„Ich höre die Schreie der Kinder noch heute. Wir dachten, Australien wäre nur um die Ecke. Wie sollten wir wissen, dass man uns ans andere Ende der Welt schickte?“

Die englischen Kinder wurden in ganz Australien auf staatliche und kirchliche Heime verteilt. Doch statt einer Schulbildung gab es Prügel und Demütigungen. John und die anderen Kinder hatten keine Namen mehr, nur noch Nummern. Schwere, körperliche Arbeit und sexueller Missbrauch waren Alltag. Weiter lesen…

2 Kommentare

  1. hildegard schreibt am :

    „Die königliche Familie sollte nicht bloßgestellt werden, denn die Queen hatte in den 50er-Jahren Fairbridge finanziell unterstützt …
    Das britische Königshaus war sehr vertraut mit Fairbridge.“

    Wie sich die Muster überall gleichen:

    “Die Kirche diktierte die Bedingungen dieses Komplotts, der Staat half willig bei der Durchführung, die eingeschüchterte Gesellschaft schwieg.” aus http://www.deutschlandfunk.de/massengrab-in-ehemaligem-waisenhaus-umgang-mit.1773.de.html?dram:article_id=380460

    Denn:

    Kinder sind die Schwächsten in der Gesellschaft. Mit ihnen ist also von vornherein das größte Machtgefälle gegeben. http://www.rp-online.de/leben/gesundheit/psychologie/bei-verdacht-sollte-man-nicht-zur-polizei-gehen-aid-1.6693187

  2. eliana schreibt am :

    Heute ist in der FAS ein sehr guter Bericht von Antje Schmelcher dazu erschienen („Nimmerland“, S. 4, Politik). Sie nennt die Kinder-Verschickungen samt organisiertem Missbrauch ein „System der Deportationen“ – zu Recht! Was sie da weiter ans Licht bringt, ist grauenhaft.
    Ich bin sehr gespannt, ob es den Opfer-Zeugen in der Aufarbeitungskommission gelingt, die Täter namentlich vorzuführen. Ihr Ziel ist „name and shame“. Dann käme auch die Justiz zum Zuge.
    Während man hierzulande in der Berliner sogenannten Aufarbeitungskommission mal wieder unverbindlich über die Familie als Tatort „verhandelt“ , obwohl es dazu inzwischen zig Berichte und Befunde gibt, außerdem die Täter außen vor bleiben, da eh fast alles „verjährt“ ist oder man zu feige ist, eventuelle Verleumdungsklagen von Tätern abzuwehren, geht die internationale Aufarbeitung entschieden weiter und stößt vor in staatlich-institutionelle Bereiche.
    Die Angst in Deutschland kreist nicht wirklich als Sorge um die Opfer, sie konzentriert sich auf den Täterschutz. Die Institutionen wie Kirchen etc. wiegeln erfolgreich ab, das ist leider die Wahrheit. Warum lässt man das zu? Was steckt wohl dahinter?

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