Weggesperrt und vergessen

07.12.2017: Frankfurter Rundschau

Die Wissenschaftlerin Franziska Dübgen spricht im Interview über vernachlässigte Resozialisierung in Deutschland, die Folgen des Neoliberalismus in der Strafjustiz – und Alternativen zum Wegsperren.

Frau Dübgen, wir hören oft nur Schlechtes über unsere Gefängnisse: Sie sind überfüllt, gelten als Einbahnstraße und Brutstätten der Radikalisierung – liegt das am System?

Ja. Es liegt aber auch an einer Trendwende: Die Strafrechtspolitik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter vom Gedanken der Resozialisierung entfernt und den Schutz vor Straftaten in den Vordergrund gestellt. Strafe setzt heute also weniger auf Reintegration in die Gesellschaft und die Haftbedingungen sind restriktiver. Neun von zehn Inhaftierten kommen aus dem unteren sozialen Milieu und auch Migranten sind mit 26 Prozent stark überrepräsentiert. Studien haben ergeben, dass Menschen mit geringem Selbstwertgefühl weitaus empfänglicher sind für Radikalisierung. Indem sie sich extremen Ideologien zuwenden, versuchen sie, das Stigma der Haft zu überwinden und sich eine neue positive soziale Identität zu schaffen.

Worauf führen Sie die Entwicklung in der Strafjustiz zurück?

Das hat mit der verbreiteten neoliberalen Philosophie zu tun: Wir glauben, dass einzelne Menschen aus eigenem Willen und rationaler Überzeugung heraus Taten begehen. Der Neoliberalismus schreibt dem Individuum mehr Verantwortung zu und entlastet so auch das Gemeinwesen. Man versucht nicht länger, mit Sozialpolitik der Entstehung von Milieus entgegenzuwirken, in denen Menschen sich kriminalisieren. Stattdessen soll der Einzelne für seine Taten einstehen und auch rechenschaftspflichtig gemacht werden. Zudem steht die Unterschicht viel stärker im Fokus der Strafverfolgung.

Warum ist das so?

Weil Kriminalität insgesamt relativ gleich über die Gesellschaft verteilt ist, typische Delikte der Unterschicht sich aber leichter aufklären lassen und statistisch wesentlich häufiger verfolgt werden. Diese Richtung, einerseits den Wohlfahrtsstaat zurückzufahren und andererseits die Strafpolitik zu verschärfen, kann man ganz eindeutig in den USA und Großbritannien erkennen – und in einzelnen Tendenzen seit Ende der 90er Jahre, seit der Schröder-Regierung also, auch in Deutschland. Weiter lesen…

3 Kommentare

  1. hildegard schreibt am :

    Und ich kann immer nur wiederholen:

    Staatliche und kirchliche Gewalttraditionen haben die Botschaft vom Mann aus Nazareth verfälscht. Der hatte auf Besinnung gesetzt und den Menschen die Liebe durch-buchstabiert.

    Der Gott der Bibel war in der Vorzeit ein strafender Gott gewesen. Und genau das hätte sich zur Zeitenwende ändern müssen!
    Aber es blieb beim Strafen. Dazu wurden falsche Heilige gebraucht. Es gab keine Augenhöhe. Kinder waren bereits vorgeschädigt. Gewaltsam wurden Kinderseelen in Krankheit und Kriminalität geschickt. Stupide Systeme zerstören ganze Gesellschaften – trotz warnender Forschung in unserer Zeit.

    Keiner ist gezwungen zum Zerstörungswerk!
    Besinnen wir uns? Oder soll das ewig bleiben beim eiskalten Machtkalkül mit der schiefen Ebene?

    Guter Geist, schick’ Hirn vom Himmel!
    Heilige Geistin, erwärm’ wieder die Herzen!

  2. Achim schreibt am :

    Ich würde meinen, dass die Kernaussage des Artikels ist, „dass es die spezifischen Milieus zu bekämpfen gilt, die daran beteiligt sind, Menschen zu Kriminellen werden zu lassen.“.

  3. hildegard schreibt am :

    Wer fragt danach, von wem oder wann dieser Mensch selbst mit Gewalt be-/misshandelt wurde? “Frei” würde sich kein Kind und auch kein Erwachsener entscheiden gewalttätig zu werden, wenn nicht überstarke Zwänge ihm zuvor zugesetzt, wenn ihm nicht Zuwendung gefehlt hätten. Von Defiziten und Ängsten in die Enge getrieben sieht dieser Mensch seine Existenz bedroht. Kein Mensch hat ihn vor unkontrolliert kriminellen Handlungen bewahren können. Oberflächlich kann eine Obrigkeit das Individuum allein für Vergehen/Verbrechen verantwortlich erklären – Umstände aber spielten die entscheidende Rolle. Wiedergutmachung IST für Täter wie Opfer notwendig – irgendwie! Strafe wird für eine gewaltfreiere Zukunft – wie auch Belohnung – völlig fehl am Platz sein! Wir werden relativieren lernen müssen nach dem Prinzip “Herr und G’scherr” …

    Miteinander verbandelte Regierungen und Religionen bilden in Deutschland diese “spezifischen Milieus”, mitten im Rechtsstaat, in gegenseitiger Abhängigkeit von-einander. Anders wäre das Unrecht des Machtmissbrauchs m.E. nicht denkbar. Kirche und Staat steckten schon mit der halbherzigen Abschaffung nationalsozialistischer Terror-Gesetzgebung unter einer Decke. Mit den z.T. ähnlichen Auswirkungen blieb nicht nur den Überlebenden von Holocaust und sexualisierter Gewalt ein schlimmes Erbe erhalten. Betroffenen wurde die längste Zeit wie in einem Automatismus das Totschlagargument vermittelt “Du hast selbst dein Elend verschuldet”. Hochrangige Politiker und Kleriker vermieden die notwendige Sorge um Wiedergutmachung für Opfer. Sie schützten aktiv die Täter vor Folgen. Sie erließen zweifelhafte Rechtfertigungs-Gesetze. Sie entließen die Kriminellen in fröhliche Freiheiten. Sie stießen Generationen ins Elend. Sie behinderten mutige Mitmenschen am Aufklären und ließen teuflische Folgeverbrechen zu – wie dieser Fall zeigt http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/klaus_barbie/438534?datum=2017-12-09 – und wie es kirchliche Versetzungsstrategien beabsichtigten – wohlwissend was sie taten! Wer fragt sie danach WIE sie davon profitierten? Wie ihre Gewissen funktionierten?

    NIE will ich die Haltung unserer Außen- und Innenpolitiker verstehen, die trotz erkennbarer Folgen blindlings die Tragweite ihrer eigenen Versäumnisse ignorierten – ebenso wenig die Kurzsicht von “ExpertInnen” in all den beteiligten Justiz-, Finanz-, Gesundheits-, Bildungsressorts! Sie erheuchelten unsere Wählerstimmen. Sie erhielten unseren Auftrag. Sie verspielten unser Vertrauen. Sie drücken sich um ihre Verantwortung. Sie verteilten die Maulkörbe …

    Wollten sie uns einzig in den Wirtschafts-Wahn treiben und ihre frommen Lobbyisten für ‘s große Schweigen sorgen lassen?

    Während jene “Würdenträger“ immer noch ihre Hände in der je eigenen christlich-sozial-liberalen Unschuld waschen, spüren inzwischen die Bürger, dass etwas faul ist an unserem Rechtssystem und dass sich das ändern muss.

    Wird die neue Regierung ihre Macht ERNST nehmen und spüren, dass sie diesen Teufelskreis 2018 endlich durchbrechen muss, im Namen des Volkes?

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