Trotz allem

25.12.2017: netzwerkB

Ich war ca. 1963 im Alter von 7 Jahren im Antoniushaus, das ich durch das Bild auf der Postkarte sofort wieder erkannt habe.

Was ich dort erlebt habe mit diesen katholischen Nonnen will ich hier gar nicht weiter ausführen, aber es deckt sich mit vielen Berichten die ich hier gelesen habe.

Nach den 6 Wochen dort kam ich als seelischer Krüppel zurück in das was vorher meine „normale“ Welt war. Aber von da ab war nichts mehr normal. Ich habe das dort erlebte erst einmal verdrängt, habe mein Leben gelebt als sexuell vollständig gestörter Mensch und bin sehr früh, mit 12 Jahren in eine schwere Drogenabhängigkeit geraten. Drogen waren das einzige Mittel, dass es mir erlaubt hat überhaupt weiter zu leben. Ohne diese Mittel hätte ich mich im Laufe der Zeit irgendwann ganz sicher umgebracht.

Irgendwie habe ich es geschafft, mit dem Erlebten Frieden zu machen, aber das hat sehr lange gedauert, erst mit über 40 Jahren habe ich die Klarheit gefunden die es mir erlaubt heute ein halbwegs gesunder Mensch zu sein und ein sinnvolles Leben zu führen.

Selbst heute noch – und das ist wirklich die harmloseste Folge dieser Zeit – wird mir körperlich übel, wenn ich den Geruch von Milchreis wahrnehme, der mir zussammen mit meinem Erbrochenen vor den Augen aller anderen anwesenden mit grober Gewalt reingestopft wurde bis nichts mehr übrig war, begleitet von extrem demütigendem Geschrei dieser „gottesfürchtigen“ Nonnen.

Darüber kann ich heute sogar lachen, womit ich sagen will, dass die weitaus gravierenderen Folgen für mich unsäglich viel schlimmer waren und sind. Der Gedanke daran, dass ich mich mit meinem Albtraum in der Gesellschaft von vermutlich hunderten anderer Opfer befinde lässt mich erschauern.

Es ist wirklich unsäglich, was im Namen von Religion, im Namen eines Gottes so alles mit Menschen gamacht wird. Für mich waren die Folgen radikal: ich habe es z.B. nie geschafft meinen Eltern zu verzeihen, dass sie mich dort hin geschickt haben. Obwohl ich rein rational wusste, dass sie nichts dafür konnten, hat es doch dazu geführt, dass ich nie mehr ein normales Verhältnis zu ihnen hatte. Mit anderen Worten wurde mir dort nicht nur mein Recht auf ein selbstbestimmtes „normales“ Leben genommen, auch Mitglied einer Familie zu sein war mir dadurch nie wieder möglich.

Ich wünsche allen Betroffenen dass ich nicht der einzige bin, der es trotz allem geschafft hat irgendwann in Frieden mit der Welt leben zu können.

Liebe Grüsse

Günter

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Ein Kommentar

  1. Bernd Rohlfs schreibt am :

    Alles Gute, Günther!

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